Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 16 (22.4.1910)
- Date
- 1910-04-22
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16. JftffftTfutfet Jsra'eMfcheK FcknMenblatk. Seite 3. Unter anhaltendem Beifall ergriff Herr Wolffsohn das Wort zu einer anderthalbstündigen Rede. In der ersten Hälfte seiner Rede setzte er sich mit Israel Zangwill auseinander. Dieser hatte vor kurzem einen Aufsatz über Zionismus und Territorialismus veröffentlicht, der allgemeines Aufsehen erregte, und allgemein verurteilt wurde. In diesem Aufsatz sprach er von seinenl einstigen großen Freund Herzl in einem Tone, der selbst Nicht- Zionisten verletzte. Er bespöttelte den Zionismus und schloß damit, daß die Juden nach Amerika answandern und gute Amerikaner werden sollen, statt nach Palästina und der Türkei zu wandern, um dort gute Ottomanen zu werden. Herr Wolffsohn beleuchtete nun den Unterschied zwischen Zangwill und Herzl. Herzl lehrte die Bereinigung, Zangwill vcranlaßte eine Trennung; Herzl lehrte die Zukunft, Zangwill die Verzweiflung; Herzl kani von einem Judenstaat 51t Palästina, Zangwill verleumdet heute Palästina, trotzdem er noch vor 5 Jahren Palästina als das Land der Zukunft feierte usw. Er schloß seine vernichtende Polemik gegen Zangwill, indem er daraus hinwies, daß dieser Meister des jüdischen Witzes den Indenschmerz mit I u d e n w i tz verwechsle. Dieser Teil der Rede muß als ein Meisterstück bezeichnet werden. Schwächer war es mit der andern Hälfte der Rede, in der er sich mit der Opposition auscinandersctzte, bestellt. Herr Wolfssohn führte aus, daß auch er ein praktischer Zionist sei, aber — man müsse warten, denn man dürfe nichts riskieren. Es sei nicht Ausgabe des Zionismus, jüdische Kolonien zu gründen, sondern die Bedingungen für die Verwirklichung des Baseler Programms in Palästina zu schaffen. (Worin die Bedingungen bestehen, hat Herr Wolffsohn nicht gesagt!) Was die Männer der Opposition aiibctreffe, so müsse er sagen, daß sie nur das Beste des Zionismus wünschen, aber, obwohl sie zu praktischer Arbeit mahnen, nichts von der Praxis verstehen. Würde es nach ihnen gehen, so wäre das zionistische Vermögen schon längst verbraucht. Er könne der Opposition nur einen Rat geben: arbeiten; sie werde dann schneller zur Leitung kommen» als sie selbst glaubt. Herr Wolffsohn gab zu, daß Köln kein geeigneter Platz für den Sitz der Leitung ist; er selbst würde London Berlin vorziehen. Ebenso erklärte er, daß er auf der nächsten Sitzung des Großen A.-K. Vorschlägen werde, daß das E. A.-K. durch Kooption erweitert werde. Nach diesen ruhigen Ausführungen änderte jedoch Herr Wolffsohn de» versöhnende» Ton und ging zur Attacke über. Er warf z. B. den Männern der Opposition vor, ihre persönliche Unzufriedenheit, die aus Mißgeschick in ihrem Berns resultiere, in die Bewegung hineingetragen zu haben. Sie seien guasi Rebellen ans Instinkt, und nur dank der heutigen Leiter der zion. Finanzinstitute sei der Zionismus von einer finanziellen Katastrophe verschont worden. Was Herr Wolffsohn darunter verstand, war vielen unklar. Das eine ist aber sicher: die Männer der Opposition füllen alle ihren Berns aus. Herr Dr. Weizmann, Professor der Chemie an der Manchester Universität, füllt ebensogut seinen Beruf ans, wie Herr Bentwich, einer der bedeutenden Londoner Anwälte, wie der Haham Dr. Gastcr, der größte jüdische Polyhistor der Gegenwart. Es ist unendlich zu bedauern, daß sich Herr Wolffsohn an der persönlichen Ehre der Oppositionsführer vergriffen hat. .Noch mehr aber ist es zu bedauern, daß er gegen die zion. Intelligenz in einem Tone sprach, den sich kein wirklicher Staatsmann civlaubcn darf. Er sprach verächtlich don „den Schriftstellern, Aerzten und Ingenieuren", die nur reden und rebellieren und nichts tun, und diesen rebellierenden, nichtstuenden, unzufriedenen Intelligenten stellte er seine praktische Person entgegen. Hat denn der Herr Wolffsohn vergessen, daß der Schöpfer unserer großen Finanzinstitnte und Organisator kein „praktischer Kaufmann", sondern ein Schriftsteller und Jurist >var, daß der Begründer des Nationalfonds eilt weltvergessener Mathematiker, Professor Schapira, auch kein Kaufmann war? Achad-Hahain und Professor Weizman, die der Versammlung beiwohnten, hatten für diese Ausfälle nur ein staunendes Achselzucken iibrig. Ein Oppositionsmann sagte mir an Ort und Stelle: »Herr Wolffsohn scheint vergessen zu haben, l. daß die ersten zweitausend Mark für den Nationalfonds arme Stndcnteir in der Schweiz und Frankreich anftricben und 2. daß alles, was heute in Palästina an praktischer Arbeit getan wird, nicht von „praktischen Kansleuten", sondern von Intelligenten getan wird. Männer wie der Agronom Aronsohn, der Entdecker des Urweizens, Prof. Schatz, der Leiter der Gewerbeschule Bezalcl, die anderen Schulmänner, die Männer des Palästinaamtes, der geologischen Untersuchungen, die Begründer von Krankenhäusern, Schulen und anderen sozialen und ökonomischen Instituten sind keine Kaufleute, sondern Akademiker. Fm Gegenteil, Herr Wolffsohn hätte es rügen niüfscn, daß gerade von zionistischen Kaufleuten und von praktischen Männern, die allerdings, weil sie in guten Verhältnissen leben, warten können, vielzuwenig in Palästina getan wird." Die Entgleisungen.haben Herrn Wolfssohn u m die Frucht feiner .unter so glücklichen Auspizien begonnenen Mission gebracht. Der ganze Eindruck der Rede war bald zn erkennen. Zn dem festlichen Empfang, den die Zion Association zn Ehren Wolffsohns veranstaltet hat, ist keiner der Londoner Führer erschienen. Nicht nur waren dort nicht die Herren Bentwitch, Sacher, D a i ch e s , Simon u. a. zu sehen, sondern auch die Anhänger des Herrn Wolffsohn, wie die Herren Greenberg, C0 wen, Sir Francis M 0 n t c f i 0 r c u. s. w., waren nicht erschienen. Hoffentlich wird Herr Wolffsohn in Manchester,Glasgow und Leeds versöhnlicher sprechen. London, 18. April. M. Aus aller Well. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Dem 11. Rechenschaftsbericht des Israel. Stelle nvermittlungsu n d B e r s i ch e r u u g s - B e r e i n s „S ch 0 m r e S ch a b b 0 s" entnehmen wir folgendes: Die Verhandlungen mit dem Kaiser l. Aufsichtsamte für Privatversicher nng, zwecks Genehmigung zum Betriebe der Versichcrungsabteilung, wurden zu einem glücklichen Ende geführt, wodurch der Verein auch in den Besitz der Rechte einer juristische» Pecs' 0 n gelangt ist. Ein weiterer Erfolg war auf dem Gebiete der Stellenvermittlung zu verzeichnen. Seit Bestehen des Vereins war es sein Bestreben, die durch die gleichzeitige Existenz der verschiedenen Stellenvermittlungsvereine — Berlin, Breslau, Hamburg, Frankfurt a. M. — bewirkte Zersplitterung von Mitteln und Kräften zn beseitigen und durch eine Zentralisierung von Angebot und Nachfrage den Stellung suchenden jungen Leuten wie den Prinzipalen von vornherein den Erfolg möglichst zn sichern. Dieses Ziel ist heute erreicht, indem sich nunmehr auch der Hamburger Verein der Stellenvermittlnngszentrale angegliedert hat. Die StellenVermittlungs-Zentrale konnte 1909 1(58 Stellen (143 Gehilfen- und 25 Lehrlingsstellcn) besetzen. In den zwölf Jahren seiner Existenz hat der Verein im Ganzen 1066 Stellen besetzt. Wenn 1909 36 Prozent der Bewerber Stellen erhielten, so ist das ein Resultat, das jenes der großen konfessionslosen kaufmännischen Vereine übertrifft, da diese nur 30 Prozent ihrer Bewerber plazieren konnten. Die Versichern ngskasse zahlte 1909 Jk 1836 an stellenlose Mitglieder aus. Seit dem Bestehen des Vereins betragen die an Stellenlose gazahltcn Entschädigungen nebst den aus dem Dispositionsfonds bewilligten Beträgen zusammen Mark 17 470. Diese relativ hohe Sunime beweist neben den Resultaten der Stellenvermittlnngszentrale am besten, welch reicher Segen aus der Tätigkeit des rührigen Vereins erwächst. Seit der Gründung und Ausbreitung des „Verbandes d e r S a b b a t f r e u n d e" ist vielfach die Meinung verbreitet, die Schomre-Schabboth- Vereine seien damit überflüssig geworden. Das ist ein großer Irrtum. Das Gebiet der kaufmännischen Stellenvermittlung wie der Versicherung gegen Stellenlosigkeit wird von der Tätigkeit des Verbandes, der anderwärts reichlich Arbeit findet, nicht berührt. Es sollten daher vor allem Kaufleute, die noch auf gesetzestreuem Boden stehen, — Prinzipale und Gehilfen — nicht versäumen, die Mitgliedschaft des Frankfurter Vereins zu erwerben. Der Jahresbeitrag beträgt für die außerordentlichen Mitglieder — Prinzipale — im Minimum 5 Jk, für die ordentlichen Mitglieder — Gehilfen — in der niedrigsten Klasse 6 Jk pro Jahr, Beträge, die gewiß für jeden erschwinglich sind. Frankfurt a. M. Vorigen Donnerstag fand eine Sitzung des Ausschusses der Israel. Gemeinde statt. Auf der Tagesordnung stand der Etat. Leider sprachen verschiedene Herren so auffallend leise, daß man an dem nähen Berichterstattertische nur Bruchstücke der Verhandlung vernehmen konnte und — falls jemand auf der Gallcrie anwesend gewesen sein sollte — dort sicher überhaupt nicht folgen konnte. Der Etat wurde nach längerer Debatte genehmigt. Ein bemerkenswerter Posten desselben ist die neue Synagoge an der Königst einer st r a ß e, die 34 000 Jk Ausgaben bei 10 000 bis 14 000 Jk Einnahmen verursacht; freilich sind nunmehr auch die Kosten für den bisherigen Gottesdienst an den hohen Feiertagen in der Loge zur Einigkeit in Wegfall gekommen. Der Vorsitzende brachte ein Gesuch der I n d. Bibliothek und Lesehalle um Erhöhung der Subvention von 300 auf 1000 zur Verlesung; der Vorstand hatte beschlossen, blos 500 Mark zn bewilligen. Die Herren Dr. Hanauer und Dr. Soudheimer traten warm für die Bewilligung der gesamten geforderten Summe ein. ES wird beschlossen, die Bewilligung nach Einsicht des Etats der Jüd. Bibliothek und Lesehalle dem Vorstände zn empfehlen. Eine längere Debatte, an der sich die Herren Dr. Hanauer, Dr. Soudheimer und E. Michael rege beteiligten, entstand bei der Position: Beerdigungswescn. Da der jetzige Friedhof in wenigen Jahren belegt sein wird, so muß in Bälde ein geeignetes neues Terrain gesucht werden. Der Wunsch der Ansschußmitglieder ging dahin, den neuen Platz möglichst in der Nähe des jetzigen zu suchen; doch dürfte die Verwirklichung dieses Wunsches nicht leicht sein. 0. Berlin. Was man in dieser Woche dom Treiben der jüd. Mädchenhändler gehört und gelesen hat, ist gradezu erschütternd. Zunächst die große Entdeckung in Berlin, über die 'die Berliner Tageszeitungen spaltenlange Berichte brachten. Mit der größten Raffiniertheit arbeiteten diese Mädchenhändler. So versprach der eine, Kiewe, der sich als Pferdehändler aus Buenos - Aires vorstellte, einem jungen Mädchen die Ehe. Nur durch die Aufwartefrau des Hotels „Warschauer Hof", einer Jüdin, die ihre Wahrnehmungen sofort der Polizei anzeigte, wurde die Sache aufgeklärt und Berliner Familien vor entsetzlichem Unglück bewahrt. Aus der Korrespondenz aber, die man in Berlin beschlagnahmte, ersah man, daß man es mit einer weitverzweigten Mädchenhändlerbande zu tun hat. Daraufhin wurde in Worms der 29jährige Kaufmann Wolf Ludky mit seiner angeblichen Frau verhaftet und man gtht wohl nicht fehl, wenn man sich auf weitere Verhaftungen von jüd.-galiz. oder -russ. Mädchenhändlcrn gefaßt macht. Hat man doch noch 5 derselben in Süddeutschland sestgenommen. Es war gut, eine Konferenz nach' London einzuberufen, um über Mittel und Wege zur Heilung dieser furchtbaren Plage zu beraten. Doch auch ich mutz mit Herrn M. und mit Israel Zangwill über» einstimmen: die Frage ist keine speziell jüdische, sondern sie ist eine allgemeine, interkonfessionelle. Berlin. Der die Vereine Jüd. Studenten umfassende Bund Indischer Korporationen blickt auf ein erfolgreiches Semester zurück. Zu den nenn Kartellvereinen (zwei Vereine an der Universität Berlin, je ein Verein an de» Universitäten München, Breslau, Stratzburg, Freiburg, Königsberg, Marburg und der Charlottenburger Technischen Hochschule) ist ein zehnter hinzugetreten: der V. I. St. Bonn, Der Kartelltag in Breslau war zeitlich verbunden mit dem zehnjährigen Stiftungsfest des V. I. St. Breslau. Der von über 400 Personen besuchte Festkommcrs mit Ball nahm einen glänzenden Verlauf; unter den Gästen befanden sich Vertreter aller Breslauer jüd. Behörden und Organisationen. Die längeren Vorarbeiten des Präsidiums des B. I. C. zur Schaffung eines Arbeitsamtes für jüd. Akademiker sind nunmehr im verflossenen Semester zum Mschluß gelangt. Zum Eintritt in den Vorstand des gegründeten Vereins wurden verschiedene jüdische Notabeln gewonnen. Nach außen traten die Berliner Vereine jüd. Studenten wie alljährlich auf gelegentlich der Wahlen zum Direktorium der akadem. Lesehalle. Da die antiseinitischen Tendenzen der „nationalen Partei" in den letzten Jahren sehr in den Hintergrund traten, wurde auf eine ausgedehnte Agitation verzichtet. Es wurde nur ein Kandidat aufgestellt zur Wahrung der jüd. Interessen in der Lesehalle. Nach erfolgter Wahl des Kandidaten wurden Ne Listen geschlossen. Im übrigen lief die Tätigkeit in den einzelnen Korporationen in den gewohnten Bahnen. Der Fuxenunterricht hatte neben der jüd. Geschichte (insbesondere der des 19. Jahrhunderts) die großen Fragen der Gegenwart zum Gegenstand. Der wissenschaftlichen Ausbildung diente» regelniäßige Kurse, Vortrags- und Diskussionsabcnde, Gelegenheit zum Gedankenaustausch bot die vom Präsidium herausgegebene interne Monatsschrift „Der Jüdische Stubent". Auch die körperliche Ausbildung der Mitglieder wurde nicht vernachlässigt. In allen Vereinen wurde regelmätzig geturnt und gefachten. Die R u d e r a b t c i l u n g der Berliner Vereine Jüdischer Studenten hat im verflossenen Winter wöchentliche Trainingsabende veranstaltet, so daß die Ausbildung der in diesem Sommer besonders zahlreichen Junioren rasch von statten gehen wird. Anfragen: Dr. Fritz Koref, Charlottenburg, Gutenbergstr. 9 und Dr. Arnold Hildesheimer, Berlin, Friedrichstr. 130. Berlin. Auf dem Teltower Kreistag interpellierte Herbst- Köpenick wegen der angeblichen antisemitischen Anwandlungen der Leitung des Britzer Kreiskrankenhanses. — Landrat v. Achenbach erwiderte, es handle sich nur um einen geringfügigen Vorfall. Die Assistenten des fraglichen Krankenhauses hätten ein Kasino/ j von dem sie Juden ausschkössen. Als sich ein jüd. Bewerber als Medizinalpraktikant