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Neue jüdische Presse · 1910-04-22 · Heft 16 (22.4.1910) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 16 (22.4.1910)
Date
1910-04-22
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Veite 2. Rr. 16. KMsüÄer JsrMitiWes KünWMaL Strömen nieder, der Wind heulte und hob fast die Dächer ab — in den Bojaren, wo durch die Ueberschivemmung schon Schaden genug angerichtet war, wurden viele Orangenbäume ansgerissen — und dazwischen Donner, Blitz und Hagel! Ein nettes Purimivcltcr! Wie man in Palästina Pnrlm feiert. Man hätte meinen sollen, dass bei einem solchen Aufruhr in der Natur von Purimfreude kaum eure Spur hätte aufkommcir können. Aber west gefehlt! Schon anr Donnerstag Abend, auf dem Gang zur Synagoge, lvar cs imir ausgefallen, daß trotz des Regens die Straße und der Platz vor dem Gotteshausc von Kindern und halblvüchsigen Burschen wimmelten, die in größeren Gruppen beisammen standen und eifrig mit cinartder ettvas auszumachen schienen. „Sie bereiten sich zum Kampfe vor," sagte mein Mann. Es war schon zu spät, um mir die Sache näher erklären zu lassen, aber bald sollte ich merken, was jener Auflauf vor der Synagoge zu bedeuten hatte: denn kaum hatte der Chasan mit der Vorlesung der Megillah begonnen, als draußen ein fürchterlicher Lärm anhub. Das klatschte, knallte, schnarrte mtt allen möglichen speziell zu diesem Ztveck erdachten Lärminstrumenten, man schoß und sififf, man ließ Feuerwerk losknallcn und vollsührte einen solchen Höllenspektakel, als wäre draußen die wilde Jagd losgelasscn. Sogar bis in die Synagoge drangen die jungen Störenfriede vor, und man mußte ihretwegen einige Male die Megillah unterbrechen. Im ersten Moment glaubte ich, cs gehe draußen etwas ganz Außerordentliches vor, und ich war ein wenig erschrocken. Ich muß gestehen, daß diese wilde Art, Purim zu begehen, mich äußerst peinlich berührte. Erinnerte sie doch zu sehr an die Radauszenen in der Neujahrsnacht auf der Zeit in Frankfurt. Aber meine Petach-Tikwaher schienen anderer Meinung zu sein. Zwar stellten die Männer die Ruhe bald wieder her und wiesen die Ruhestörer aus dem Gotteshause. Aber cs geschah in 7o wohlwollender Weise, daß man nur zu gut mertte, auch die Alten hatten ihre Freude daran, daß die Jungen „Haman ha-rosche" so wacker verprügelten. Und meine Nachbarin, der Typus einer allen echt frommen „Irdene", klagte zwar, daß sie die Megillah nicht ganz verstanden hätte, fügte aber gleich hinzu: „Nu, Gott soll geben, mir sollen alle in Gesund, Verleben über e Jahr nnd die Kinder sollen weiter huljen (sich austoben) können." In strömendem Regen gingen wir Heini, und der Regen trommelte gegen die Scheiben, bis er endlich gegen 10 Uhr Slbends etwas nachließ. Da, was ist das? Draußen ein Stampfen und Poltern, die Tür geht auf, und herein tritt eine Schar „Purimspieler". Sie müssen sich darunter das Allerprimitivste vorstellen. Die ganze Verlleidung besteht darin, daß man sich eine „Zurah" (Maske) für einen Metallik (5 Pfg.) vor das Gesicht gebunden hat, daß die Kleinen die Kleider der Erwachsenen, die Mädchen die der Knaben angczogcn haben. Dazu ein paar Tücher, einen Hut von abentcueklicher Form, einen alten Sonnenschirm u. dgl. mehr, das ist alles. Nur selten sieht man ettvas wirklich Hübsches, das meiste ist ohne alle Kunst, selbst ohne jeden Geschmack. Nun auf ästhetische Wirkung ist's bei dem Spiel auch nicht abgesehen. Der Zweck des Unternehmens ist ein anderer. Diese „Purimspieler", Kinder tvohlhabender Eltern, syrd die Abgesandten der alten Behle — über diese Frau, die ganz der Wohltättgkeit nnd Frömnrigkeit lebt, vielleicht ein andermal ausführlich —, und in ihrem Aufträge gehen sie alle jährlich von Haus zu Haus, um Gaben für die Armen zu sammeln. „Nudatvah la-aniim" ist das einzige, was sie mit verstellter Stimme sprechen. Im übrigen sind sie stumm wie die Fische, um sich ja nicht zu verraten. Ein paar Sprünge nnd Hopser, wenn's hochkommt ein kleiner Rundtanz, das ist die künstlerische Darbietung dieser „Purimspieler'". Und doch, wieviel Vergnügen Macht den Kindern dieses Treiben! Wie freuen sie sich, wenn man sic nicht erkennt, wie stolz ist jede Gesellschaft, wenn fte rechj viel in die allgemeine Büchse abliefcrn kann! Diese Kinder sind beneidenswert in ihrer köstlichen Anspruchslosigkeit. Jede Gesellschaft von „Purünspielern" — cs kamen noch eine Menge am Abend, und am nächsten Nachmittag wurde von den eifrigen Sammlern jede Pause im Regenwetter ausgenutzt — hatte einen ganzen Schwarm von Kindern hinter sich, deren Jubel und Bctvnndertmg so groß ivaren, als wäre ihnen das schönste Schauspiel geboten worden. Kurz vor Sabbat hörte der Regen auf, nnd nun tvurden die Mischloach Manoth hinnnd hcrgctragcn. Für die Kleinen hat inan hier eine besondere Gabe: Klei,res Zuckcrgebäck, Personen aus der Megillah darstellend: Mordcchai auf dem Pferde, Haman auf dein Galgen, die Königin Esther und dgl. mehr. Daß die dreieckigen - „Hamantaschen", nrit Mohn oder gestoßenen Rosinen gefüllt, nicht fehlen durften, nnd ebenso, daß jede wackere Hausfrau „Krcppchcn" bereitet hatte, ist selbstverständlich. Schon die gairze Woche vor Purim Ivard eifrig von den Frauen gebacken, denn jedes Haus richtete sich auf den Besuch und auch aus Gäste von auswärts. Durch den Regen waren diese Erwartungen zu Wasser geworden, ebenso wie das Theater, das den „Clou" des hiesigen Purimfestcs bilden sollte und nun um eine Woche verschoben werden mußte. Das hebräische Theater. Ich glaube, cs wird Sie interessieren, etwas von dem hebräischen Theater hier zu hören. Sic wissen vielleicht, daß in Palästina unter dem Namen „Chowewe habamah haiwrith" eine Gesellschaft zur Pflege der Schauspielkunst besteht, die fast in allen Kolonien Ortsgruppen hat. Seitdem die hiesige Ortsgruppe vor einiger Zeit „Uriel Acosta" aufgeführt hatte, ist Petach-Tikwah im Besitz einer ständigen Bühne. Auch hier müssen Sie sich die allerprimitivsten Vorstellungen nmchen: Efn sehr großer Hof ist von einem Bretterzaun umgeben; in weitem Halbkreis sind einfache, schmale Holzbänke ausgestellt, und davor ist die Bühne, die Sie sich so einfach wie nur möglich denken müssen, aufgcschlagen. So mag die deutsche oder die englische Bühne des Mirtclalters ausgesehen haben. Aber einen Vorzug hat unser Theater vor allen Prachtbauten in der ganzen Welt. Das ist seine wunderbare Kuppel und seine einzig schöne Beleuchtung. Welch ein Gefühl, müten in der Nacht einem Theaterstück zuzusehen und den Blick von der Bühne und dem dichtgedrängten Zuschauerraum hinauszuwenden nach dem tiefblauen Himmel mit seinen ewigen Sternen und dem Mond, der hier in Palästina ganz anders ist als in Deutschland! Immer und immer wieder ergreift mich der Anblick des wundervollen Himmels. Die Erde Palästinas hat traurige Wandlungen durchgemacht in den letzten 2000 Jahren; aber der Himmel strahlt in derselben Hoheit und Herrlichkeit wie zur Zeit unserer Väter. Doch ich schweife ab. Ich wollte Ihnen ja von dem Theaterabend erzählen, den der Jugcndverefn „Hatchiah" veranstaltet hatte. Diesmal hatte man statt einer Uebersetzung zwei hebräische Originalwcrke gewählt: „Jazah wechasad" (Abschied und Heimkehr) von Schalom Asch und Haroseh" (Der Dollar) von Schalom Aleichem. Der Inhalt des letzteren Stückchens dürfte auch in Deutschland bekannt sein, weniger wohl die beiden Alle Aschs. Sie behandeln ein Probleni, das speziell in Polen von großer Allualität ist: den Kampf zwischen der alten jüdischen 'Anschauung und Lebensführung mit dem modernen Zeitgeist. Ein junger Familienvater, der bis dahin sein ganzes Leben in eifrigem Talmudstudinm und in der stritten Befolgung aller religiösen Gebote hingcbracht hat, erfährt aus Büchern von dem geistigen und sozialen Leben in der Welt draußen. Es läßt ihn nun daheim nicht mehr ruhen; wie mü geheimnisvoller Gewalt zieht es ihn fort, und nach einem schweren inneren Kampfe verläßt er Vater und Mutter, Frau und Kind, voll siegreichen Hoffnungsglaubens, dort draußen einen neuen Gott, ein neues Leben, eine neue Welt zu finden und für sein Kind zu erobern. Nach sieben Jahren kehrt er heim, müde, gebrochen nnd enttäuscht. „Sie haben dort draußen nicht die köstlichen Güter selbst, nur Worte und leere Phrasen dafür." Nun sucht er Zuflucht im alten Lebenskreise. Aber der Anschluß gelingt nicht mehr.' Sein eigenes Kind wird ihm zum Richter, und mit den Worten „Ich mag keinen solchen Papa," wendet sich das Chcderjüngelchen mit den Peics von dem „modernen" Vater ab. Gespielt wurde nicht schlecht, wenn man in der Beurteilung jeden Maßstab, den man in Deutschland an berufsmäßige Schauspieler anlegt, bei Seite läßt. Man muß sich vergegenwärtigen, daß man es hier mit Amateurschauspiclern zu tun hat, mit jungen Leuten, die im gewöhnlichen Leben Landarbeller sind und denen sogar jedes gute Vorbild, an dem sie sich üben könnten, abgeht. Dennoch finden sich einzelne zweifellos sehr begabte Kräste unter chnen, die cs mit der Zeit wohl zu vortrefflichen Leistungen bringen werden. Auf jeden Fall ist die Entstehung eines hebräischen Theaters in Palästina mit Freuden zu begrüßen, schon wegen der großen Förderung, die der hebräischen Sprache dadurch erwächst. . . Trauriger Pesach. Allc Bitten der Kiewer Kaufmannschaft und der christlichen Hausbesitzer, den Befehl, der 12 0 0 jüdische Familien aus Kiew ausweist, zurückzunchmen, fanden keine Beachtung. Vergebens suchten jene der städtischen Verwaltung, ja selbst dem Ministerpräsidenten Stolypin llar zu machen, wie schwer die Stadt unter der Ausführung dieses Befehls leiden müsse. Alle Gesuche prallten an der. judenftindlichen Gesinnung derer, die den strengen Befehl erließen, ab, und als Antwort erfolgte nunmehr die Erklärung der städtischen Verwaltung, daß sie den Befehl bis zum 15. April a. St. (3. Tag Chaulh a m a u c d Pesach) pünktlich und genau ausführen wird. Sie teilt mit, daß die Stadt zu diesem Zwecke in vier Teile eingeteilt und daß sich in jedem dieser Teile eine Abteilung Gendarmen befinden wird, mit deren Hilfe die Ausweisung in aller Strenge vollzogen werden wird. Eine Zeitlang danach werden sich an den Bahnhöfen Beamte befinden, die eigens dazu bestimmt sind, zu achten, daß die ausgewiesenen Juden nicht zurückkommen. Die.Kiewer Polizei, die sich beleidigt fühlt, da man nicht ihr die Vollziehung des Befehls anvertraut hat, ist jetzt bestrebt, das Vertrauen der städtischen Verwaltung dadurch zu gewinnen, daß sie die Juden, so gut sic nur kann, bedrängt. Täglich werden auswärtige Juden, darunter auch viele Kranke, die in die Stadt gekommen sind, uni in den Krankenhäusern Heilung zu suchen, verhaftet. So übt sie auf die Juden einen schweren Druck aus, nur um das nach ihrer Meinung verlorene „Ansehen" wieder zu gewinnen. Schon jahrelang war die Lage der russischen Juden nicht so traurig wie jetzt. Wenn man bedenkt, daß im zwanzigsten Jahrhundert Einwohner einer Stadt aus ihr ausgewiesen werden, nur weil sie andere Abstammung und anderen Glauben haben, dann kommt das ganz unbegreiflich vor. — Diese Ausweisungen der Juden zeigen deutlich, wie sich die Lage der Juden in Rußland „gebessert" hat, seitdem Rußland eine Konstitution besitzt, von der doch die russischen Juden so vieles erhofften. Kiew. —.— Herr David Wolffsohu in London. Herr David Wolfssohn, der sich hier aufhält, nahm gestern, Sonntag, die Gelegenheit, zu den jüdischen Massen von Whitechapel zu sprechen. Etwa zweitausend Personen hatten sich unter drin Vorsitze Sir Francis Montefiores im Pavillon-Theater versammelt nnd brachten Herrn Wolffsohn und den nrit ihm auf dem Podium erschienenen englischen Zionistensührern eine b e g e i - sterte Ovation dar. Es siel jedoch auf, das; die Führer der Opposition (darunter der Haham Dr. Gaster, Dr. Daiches, der Redakteur der Daily News Herr Sacher u. a.), die einige Tage vorher in einem Manifest ihre Forderungen ausgestellt hatte, nicht erschienen waren. _

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