Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 16 (22.4.1910)
- Date
- 1910-04-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Israitkfrrrter |fmflitif(t|f5 lomiliruklotf. , .. i ■■■ >- ■ ■ ■— ■—^ Diese Zeitung erscheint wöchentlich. AbonnrmentspreiS pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei inS Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 («inschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen:; Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— i —- HedaLtio« und HefchLftsstellir Frankfurt a. M., vikdelepstraßr 4/6, Ecke Lleichstra-e %tUUn 10507. |»afg chet§. 1 1 Jnsertconsprecse: Di« viergespaltene Petitzeilr. 25 *fg. Die Reklamezrile. 100 „ Platz» und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. .,.. 8. Jahrgang. Freitag, den 13. Nissan 5670 (22. April 1910). Nr. 16. iV Die nächste Nummer erscheint infolge der Feiertage erst am 6. Mai. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Pesach. — Purim in Petach-Tikwah. — Trauriger Pesach. — Herr David Wolffsohn in London. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Auge um Auge. — Der Becher des Elias. — Wochen-Kalender. — Familienn ach richten. Pesach. Von Dr. I. Nacht. Frühling drinnen, Frühling draußen. Der Frühling draußen ist nur der Ausdruck dessen, lvas wir an Lebenslust in unserem Innern empfinden. Der junge Banin mit all seiner Blütenpracht, die schwarze Erde mit ihrem atmenden Grasteppich, sie sagen uns nichts von dem großen Geheimnis des Erwachens, wenn wir nicht in sie unfern Werdenstrieb und Lebensglanven, nnsern inncrn Frühling hineintragen. Der Baum blüht, wenn es in uns blüht, das Gras wächst, wenn ivir in uns den „guten Engel" tragen, der jeden ins Dasein sich ringenden Lebenskeim überwacht und ihm jubelnd zürnst: Wachse! Der gefiederte Sänger, der sein Frühlingslicd in den jungen Tag Hineinrust, er trifft nur dann unser Ohr, wenn wir ihni den Mund öffnen und in ihn unsere Lebensmelodie hineinsingen. * Frühling drinnen, Frühling draußen. Pesach ist der jüdische Volksfrühling. Welche Lebcnsfülie verbreitet er um sich. Alles an ihm atmet jüdisches Leben. Jede Zeremonie, die dieses Fest auszeichnet, ist ein Weckruf, der Ruf des Lebens. Angefangen mit den „vier Fragen", die der jüd. Sohn an den Vater richtet, bis ans das „Uebers nächste Jahr in Jernsalein", lvomit der Seder- Abend schließt; alles, alles, >vas den Inhalt dieser herrlichen jüdischen Abende ansmacht, ist nichts anderes denn, ein Lcbcns-Hallelnja, das das Pesach feiernde jüdische Volk allüberall anstimint. Ist die fragende jüdische Jugend nicht das Leben? das jüdische Leben, wie wir es haben ivollen, das; es erforscht, ergründet, auf seinen großen historischen und ethischen Inhalt geprüft und von unserer Jugend, den Trägern der jüdischen Zukunft, gekannt und geliebt ivird? Ist das „Uebers nächste Jahr in Jerusalem" nicht die heiße Sehnsucht des jüdischeic Volkes nach freiem, jüdischem Leben auf dem Boden der Väter? Und die sich weit und breit öffnenden Türen, um Elijahu, den Propheten der jüdischen Erlösung, zic empfangen, ist dies nicht deutlicher Belveis dafür, daß ivir von der Freiheit, die ivir erivarten, aller Welt erzählen, erzählen sollen, Iveil sie uns das Leben bedeutet, das Leben in seiner edelsten Form, das nur unter der Sonne der Oeffentlichkeit reifen und gedeihen kann? Dieses und noch mehr sagt uns Pesach. Es sagt uns vom jüdischen Leiden in Mizraim und voin jüdischen Leiden heute. Es erzählt uns vom Befreier von einst und vom Befreier von heute. Derjenige, der unerschütterlich an das Leben seines Volkes glaubt und im Namen Gottes — „So hat Gott gesagt: Laß mein Volk ziehen" — für die jüdische Freiheit kämpft, der war der Befreier des jüdischen Volkes ans dem ersten Mizraim, er ivird auch der Befreier des jüdischen Volkes ans dem letzten Mizraim sein. Derjenige, der trotz des sinkenden Mutes der einen — „Und sie hörten nicht auf Mosche wegen Kürze des Atems und schwerer Arbeit" — in seiner Volksarbeit nicht erlahmt, der war der Befreier des jüdischeic Volkes aus dem ersten Mizraim, er. wird auch der Befreier des jüdischen Volkes aus dem letzten Mizraini sein. Derjenige, der trotz der Undankbarkeit, mit der ihm begegnet wird — „Und sie sagten zu Mosche und Ahron: „Der Ewige möge Euch richten, daß ihr unfern Geruch zum Ekel gemacht in den Augen Pharaus" — sein Befreiungsiverk nicht aufgibt, der ivar der Befreier des jüdischen Volkes ans dem ersten Mizraini, er ivird auch der Bcfteier des jüdischen Volkes ans deni letzten Mizraim sein. Derjenige, der trotz der Hinweise der einen auf die Bedürfnisse des jüdischen Volksmagens — „Die Kinder Israels sprachen: . . . wären wir doch . . . im Lande Mizraim gestorben, als wir am Fleischtopfe saßen" — an die jüdische Volksseele glaubt, der ivar der Befreier des jüdischen Volkes aus dem ersten Mizraim, er wird auch der Befreier des jüdischen Volkes aus dem letzten Mizraim sein. * Das alles sagt uns Pesach. Das und noch mehr. Es ist der jüdische Lebensgedanke, der uns auf unserer Wanderung durch die Wüste des Exils lote eine Feuersäule voranleuchtet. Es ist der jüdische Volksfrühling mit all seinein Lebenszaubcr. Wie cs da mit uns an diesem Feste lebt! Hört ihr nicht dieses Frühlings-Erwachen? Vernehmt ihr nicht den rauschenden Lebensstrom? Seht ihr nicht, wie es im jüdischen Lager sich regt? Seht ihr nicht das große Auferstehen? Ihr habt Ohren und höret nicht; ihr habt Augen und sehet nicht! Wir sehen draußen einen Frühling. Der rauschende Flügclschlag jüdischen Lebens trifft unser Ohr. Pesach weckt uns, Pesach ruft uns, Pesach gibt uns neue Jugendkraft. Ucberall seheit ivir .Leben. Ganz Jung-Jsrael lebt. Und ivir sehen dieses Leben. Pesach öffnet uns die Angen. Wir sprechen: „Uebers nächste Jahr in Jernsalein", und die Worte leben. * Wir blicken auf unsere Brüder, die bereits im Lande der Väter leben und — sterben. Die jüdischen Kolonisten und die Pioniere des Pesachgcdankens, ivie schön wissen sie zu leben, und wie schön zu sterben. Beides auf jüdischem Boden, beides für ihr Volk. Denn die für ihr jüdisches Volk leben, ncüssen auch für es sterben können. Jeder Volksaltar verlangt seine Opfer. Der Pesach-Gedanke, der Volksaltar der jüdischen Zukunft, ivill ebenfalls seine Opfer haben. Ein jüdischer König ivollte einmal die Zahl der Juden fcststellen, die in Jerusalem versammelt ivaren, um Pesach zu feiern. Er ließ die Pesach-Opfer (Korban-Pesach) zählen, und er kannte die Zahl. Wer Pesach feiern ivill, inuß auch Opfer bringen. An den Opfern erkennt ihr sie. Ihr kennt nicht das jüdische Leben, das Pesach verbreitet, iveil ihr keine Opfer bringen könnt. Ihr seht nicht das Frühlingsleben, das Pesach umbraust und umwogt, iveil in eurem Innern der Frühling nicht vorhanden. Aus euerem Herzen ist der Glaube geschwunden, der Glaube an das Leben des jüdischen Volkes, — wie sollt ihr vonr Leben draußen, das vom jüdischen Erwachen kündet, berührt werden? Wir tragen den Pesach drinnen, wir sehen ihn draußen. Brüder aus der Ferne! kommt zu uns. Setzt euch an unseren Sedertisch. Nehmt in euch den Pesachgedanken auf, ihr werdet bald vom Leben des jüdischen Volkes erfahren. Ihr müßt erst in euch jüdisches Leben entdecken, in eurem Innern muß jüdisches Leben blühen, ihr iverdet es bald auch draußen sehen. Pesach ist der jüdische Volksfrühling. Der jüdische Volksfrühling mit all den glitzernden Tautropfen, die einst der Gott der Väter auf die Blume jüdisch-nationaler Hoffnung ausgestreut hat. Auch von diesem Frühling gilt es: Frühling drinnen, Frühling draußen. Purim in Petach-Tikwah. (Aus deni Briefe einer ehemaligen Frankfnrteriir.) Deutsches Wetter. . . . . Daß Purim gleich dein Chännkafest hier ein besonderes „palästinensisches" Gepräge tragen und sich somit von deir Purimfesten iir Deutschland unterscheiden würde, hätte ich mir gedacht, niir aber nicht vorgestellt, daß es ncir so viele Ueberraschungen bringen würde. Zunächst das Wetter! Es war geradezu abscheulich! Werden Sie es glauben, daß ivir hier am Purim froren? Die ganze Zeit vorher hatte es geregnet, und auf dem Gebirge ivar die Temperatur so sehr gesunken, daß es in Jcrusalent sogar Einige Tage Schnee gab.. War das ein „Ereignis" in der heiligen Stadt, die plötzlich iil ihrem Aussehen völlig verändert, ward, und mit welchem Jubel begrüßte die Schuljugend dort das seltene Schauspiel! Schon seit laugen Jahren soll der „Malkosch" nicht in solcher Menge ivie Heuer gefallen sein. Und ansgerechnet am Purim-Vormittag mußte der Höhepunkt des Unwetters sein! Den halben Tag war es dunkel wie am Abend, der Regen goß in furchtbaren