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Neue jüdische Presse · 1910-04-15 · Heft 15 (15.4.1910) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 15 (15.4.1910)
Date
1910-04-15
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. KrankstüLer UraekitiWeS FamiKenbliatt. Nr. 15. Auge um Auge. Roman von Sam. (Kordon. Frei übersetzt von fSL Pulvermann. (Fortsetzung). Mruan tauchte die Ruderstauge ins Wasser, und der schwerfällige Kahn setzte sich in Bewegung. Baruch war das Herz schwer geworden, da er Nimans versteinerten, rätselhaften Blick beobachtete, der zu sagen schien, daß das geringste Interesse, welches man diesen Menschen entgegenbringe, einem Verbrechen gleich zu achten sei. — Vielleicht belustigte er sich innerlich über den großen Betrug, den er diesen Herrschaften mit seinem Freunde Baruch spiele, — mit Baruch, der ja auch nicht anders sei, als'er selbstder ebenso oft gehungert, ebenso oft die zerrissenen Schuhe sich selbst geflickt, — den sie aber doch jetzt in ihrer Mitte dulden, dem sie dennoch gestatten, dieselbe Luft einzuatmen, die ihre aristokratischen Lungen füllt! Er wendete sich ab und sah, wie Kärol eifrig im Gebüsch herumsuchte. ,Laben Sie sie auch gesehen, SSoIfmäim?" fragte dieser ganz aufgeregt. „Wen meinen Sie denn?" „Das prachtvolle Judenweib. Wo mag sie nur hingekommen sein? Haben Sie ihre Augen gesehen?" „Nein," war Baruchs kurze Antwort. „Das wundert mich; dabei hat sie doch die ganze Zeü nur Sie angeblitzt, daß man hätte schwören können. Sie seien ihr nicht fremd. —" Baruchs Unbehagen.Nahm immer mehr zu. Malkas Erscheinen war "sicherlich nicht zufällig, darauf deutet ja schon Nimans Ausspähen nach ihr. — Doch welchen Zweck verfolgt sie dabei? Warum will sie sich durch List Zutritt in dieses Haus verschaffen, wo er jetzt wellt? Er wünschte aufrichttg, daß ihr Beweggrund tatsächlich kein anderer sein möchte, als sich Arbeü zu verschaffen. Seine Aufgabe war ja schon schwer genug, auch ohne die Komplikationen, die durch Malkas Spionieren entstehen könnten. Oder soll etwa sein innerer Druck eine Vorahnung sein, die ihm vor seinem eigenen Racheplan warnen wollte, da Verwicklungen sich einstellten, die er anfänglich gar nicht mit in Anschlag brachte? „Sie sehen heute gar nicht so brillant aus, Bolbnann," weckte ihn Karols geheucheltes Mitgefühl aus seinem Nachdenken; „aber es ist ja auch gar Lin Wunder, bei diesem herrlichen Wetter sich in den Aktenstaub vergraben zu müssen. Mich freilich könnte diese Art Beschäftigung ganz und gar nicht locken." Volkmann gab ihm innerlich recht, und darum ließ er sich gern dazu überreden, ihm nach dem nahen Wäldchen zu begleiten, wo Karol ihm die erste Lektion im Scheibenschießen geben wollte. „Sehr schön," sprach Karol, als Volkmann seine Zustimmung gegeben. „Warten Sie fünf Minuten, bis ich die Pistolen geholt habe." Nach kurzer Zeit befanden sie sich auf dem schmalen Fußpfad, der über eine grüne Wiese führte. Da sie nicht nebeneinander gehen konnten, bestand Bolkmann mll höflicher, aber fester Sttmme darauf, hinter dem Offizier zu gehen. Warum er dieses tat, wußte er eigentlich selbst nicht; nur wollte ihm Karols Katzenfreundlichkeit ganz und gar nicht gefallen. Dieser sah Volkmann wortlos, aber durchdringend an und schritt voraus. Sie hatten jetzt das Gehölz erreicht, ohne bisher auch nur eine einzige Bemerkung ausgetauscht zu haben. Plötzlich blieb Karol stehen, und etwas nach rückwärts deutend, rief er: ,Id>lkmann, sehen Sie nur dort oben!" Kaum aber hockte dieser sich umgedreht, als. er einen scharfen /knall vernahm und zugleich einen suchenden Schmerz im Hinterkopf verspürte. Er fuhr mtt der Hand nach der schmerzenden Stelle, und als er sie zurückzog, war sie mit Blut befeuchtet. Er sah Karol eigenarttg an, der kreidebleich dastand, die rauchende Pistole in der Hand. „Um des Himmels willen! Ich habe Sic doch nicht etwa getroffen?" rief er mit scheinbarer Besorgnis. „Das haben Sie wohl, Herr Leutnant Lamorin. Wer ich hoffe, es wird nur ein leichter Streifschuß sein," erwiderte Bolkmann, mit besonderer Betonung des Titels, während er das Taschentuch auf die Wunde preßte. „Bitte, Herr Leutnant, wollen Sie mir nicht wenigstens sagen, nach was Sie eigentlich haben schießen wollen?" „Gott sei Dank, daß Sie noch sprechen können!" lachte dieser wieder beruhigt. „Nach Ihrem heftigen Seitensprung zu schließen, glaubte ich nicht anders, als daß Sie sofort tot hinstürzen werde,:. — Nach was ich habe schießen iiwllen? Nach nach — sahen Sie nicht das — — das — — Eichhörnchen, das dort auf 'dem Bamne saß, ganz behaglich eine Haselnuß knabberte und mich dabei so höhnisch anglotzte? --Wirklich, das hatte mich so nervös gemacht, daß ich ohne lange Ueberlegung sofort abdrückte. Sicherlich hat aber meine Hand durch einen Mückenstich ein wenig gezittert, daß ich mein Ziel verfehlte. Und' nun ist der infame Racker verschwunden." „Ja, der Racker ist verschwunden," wiederholte Bolkmann fast mechanisch, während er am Fusse des Baumes nach irgend etwas suchte. „Der Racker scheint auch jede Schale mit sich genommen zu haben, denn hier ist kein Atom einer solchen zu finden. — Was jch noch sagen wollte, Herr Leutnant, hatten Sie denn die Absicht auf Bären zu schießen?" „Wie kommen Sie darauf?" fragte dieser zusammenfahrend. „Ich meine nur, weil Sie ein Gewehr vom schweiften Kaliber ausgesucht haben und es mit einer Kugel ladeten." „Nanu, Sie scheinen doch vom Schieße» mehr zu verstehen, als Sie eingestehen wollten," lachte Karol gezwungen. „Wer, wirllich. Sie haben recht. Ich hatte das in der Eile gar nicht bemerkt. Um so mehr freue ich mich, daß meine Unvorsichttgkctt kein größeres Unheil angestiftet haben. Herr Bolkmann, ich denke, wir tun am besten, die ganze Sache von der scherzhaften Seite aufzufassen." „Gewiß. Hier kann inan wieder sehen, wie Scherz und Ernst so nahe beieinander wohnen. Karol schien die Schlußbemerkung überhört zu haben. „Und wen» Sie inir noch einen Gefallen erweisen wollen, dann bitte ich Sie, den Vorfall nicht an die große Glocke zu hängen. Es ist ja etwas, was dem besten Jäger passieren kann: aber es würde doch meine Reputation im Regiment schmälern, und schließlich könnte .sich auch mein Onkel noch veranlaßt sehen, die bereits geplant? Jagd unter meiner Führung wieder abzubestellen." Bolkmann nickte und trat den Rückweg an, ohne abzuwarten, ob Karol ihm folgen werde. Auch er war entschlossen, den Vorfall mit keiner Silbe zu erwähnen; da er "aber das Pflaster, das er sich in .der Apotheke anlegen 'fließ, nicht gut verbergen konnte, so suchte er es durch eine Schramme an einem dürren Baumast zu erklären. Er hatte große Mühe, das Anerbieten der Frau Koratow abzulehnen, die nach dem. Stabsarzt telephonieren wollte, oder wenigstens darauf bestand, daß Bolkmann sich ins Bett legen sollte, um sich durch Kraftsüppchen wieder gesund pflegen zu lassen. . Alma verhielt sich schweigend; nur, als Karol. der etwas später nach Volkmann das Zimmer betrat, die Kopfwunde durch einen Sturz über eine Baumwurzel erllärte, da blickte sie forschend von einem zum andern, — und eine jähe Blässe bedeckte ihre Züge. Die heitere Stimmung, die sie vom Ausfluge mitgebracht hatte, war bald verschwunden; sie schützte Müdigkeit vor und begab sich gleich zu Bett. Karol befand, sich noch weiter in sehr guter Lamie, und sie wäre noch viel besser geworden, wenn er geahnt hätte, wie sehr er seit vorhin in Volkmanns Achttmg gestiegen war. In der Tat; Volkmann bewunderte Karol als einen Mann, der trotz seiner Oberflächlichkeit genau wußte. Was er wollte, und ohne zu schwanken, auf das Ziel losging. Karol setzt sich nicht hin. uni über alle möglichen Verwicklungen nachzugrübeln, die etwa entstehen könnten, sondern er handelt schnell, mit raschem Griff, mit fester Hand. Karol würde gut zu Niman passen, der auch bald mtt Keulen dreinschlagen will. Und wer weiß, ob das nicht in der Tat besser ist; denn er, Baruch, war bisher noch nicht über das Planen hinaus gekommen, und schon hat er zwei Hindernisse herausgegiübelt: Malka urit ihrer fanatischen Jugendschwärmerei für ihn und Kqxol mit.seiner rücksichtslosen Liebe für Alma.-Es war gut. daß Baruch noch nicht das dritte und weit größere Hindernis kannte, das bereits im Anzüge war. — XI. Einige Tage später, an einem herrlichen Sonimerabend, faß Niman wie gewöhnlich auf dem Baumstumpf vor seiner Hütte und wartete, ob nicht ein verspäteter Hausierer noch seine Dienste in Anspruch nehmen werde. Wer auch ohne diese Amtspflicht pflegte er halbe Nächte im Freien zu verbringen, anstatt in der dumpfen, schwülen Blechbaracke, die ihm als ofsizielle Wohnung angewiesen war. Mechanisch hatte er sich aus dem dichten Schilfrohr eine Flöte zurechtgeschnitten, auf der er leise, monotone Töne blies, die von seinen heißen Lippen .und von den fieberhaften Schlägen seines Herzens deutlich Kunde gaben. Er spielte ein Solo; aber nicht etwa zu dem Freikonzert, das die Natur, durch das Murmeln der Wellen, durch-das Flüstern des Schilfrohrs und das Quaken der Frösche veranstaltet, sondern er flötete eine selbst komponierte Melodie, die nie in seinem Herzen schwieg, weder wachend »och schlafend, weder bei Tag noch auch bei Nacht. So pflegte er dix halben Nächte mit seiner Flöte zu verbringen, während seine Phantasie sich in allerlei Gedanken erging, die immer wieder zu demselben Ausgangspunkt zurückkehrten. Es war dieses ein Zeitvertreib, den er sich seit Baruchs Rückkehr angewöhnt hätte. Der seichte Optimismus, noch mehr aber der erkünstelte Pessimismus des römischen Sonderlings, der bisher sein Lieblingsschriftsteller gewesen, der Horaz, er hatte schon längst ausgehört, einen Widerhall in seinem Innern zu wecken; ja, er' fing bereits an, ihm zunr Ekel zu werden. .Durch einen Zufall war Niman auf dieses spielerische Heilmittel gekommen, uni seinen mächtig flutenden Gefühlen irgend einen Abfluß zu verschaffen. Der Anblick der' unendlichen Menge Schilfrohr in seiner nächsten Nähe, mit dem er unzählige, endlose Melodien .in die Welt hinaussenden konnte, war für ihn eine wohltuende Beruhigung. Jeden Abend konnte er sich ja eine neue Pfeife schneiden und die alte mit dem wollüstigen Behagen zerbrechen, wenigstens in einer Hinsicht die selbstanferlegte Fessel der .Enthaltung sprengen zu können. Vielleicht auch, daß die neue Flöte 'wirksamer und zauberischer als ihre Vorgängerin sich erweist und mehr Anziehungskraft besaß, um die Erfüllung seines ' einzigen, großen Verlangens näher zu bringen; ein Verlangen, das seine .Seele mit ihrer ganzen Kraft herbeisehnte..- (Fortsetzung folgt.) Der Becher des Clias. Bon I. Zangwill. Autorisierte Uebersetzung. Aaron Ben Amram entnahm der großen Porzellanplatte den gebratenen Lammschenkel und die gebackenen Eier, die Symbole des alten Passahmahles und des Festopfers im Tempel, uno während sein Weib, und die Kinder die Platte hochhielten, ans der jetzt nur noch die bitteren Kräuter und das ungesäuerte Brot lagen, stimmte er den einleitenden Gesang zum Seder an, dem feierlichen häuslichen Gottesdienst am Vorabend des Passahs. „Das ist das Brot der Trübsal, das imsere Väter aßen im Lande Egypten. Kommet alle und esset, 'die ihr hungrig seid. Alle, die ihr danach verlanget, kommt herein und feiert das Passah. In diesem Jahre hier, im nächsten im Lande Israel. In diesem Jahre Sklaven, im nächsten Söhne der Freiheit." Der weißbärtige, in ein langes weißes Gewand gelleidete und mit einem weißen Käppchen bedeckte polnische Arzt sah freilich nicht ans wie ein Sklave. In königlicher Haltung thronte er auf seinem weißen Kissen. Und ein König war er in seinen Augen in dieser Nacht der Nächte. Seine „Königin" aber, sein Weib Golde, teilte ttotz ihres Seidenkleides und der blumengeschmückten Haube nichts das Majestätsbewußtsein ihres Gatten und ebensowenig die glückliche Sttmmung der um den Tisch sitzenden Kinderschar., Ihr war das Herz von banger Furcht erfüllt, die weder die heldenmütigen Gesänge des Vaters noch die alten im Chor gesungenen Volkshymnen zu bannen vermochten. Gut, daß die Kleinen nichts von den drohenden Schatten ahnten. Wer hatte ihr Gatte nur ganz und gar die Schrecken der blutigen Verfolgung in dem Jahre, wo er sie zum Traualtar geführt, vergessen? Er wußte sicherlich so gut wie sie, daß wieder böse Gerüchte im Umlauf waren. Der Judenhaß hatte wieder einen Punkt erreicht, wo er zum Ausbruch drängte. Welige und Bauern seufzten unter einer unerttäglichen Schuldenlast. War nicht die alte Geschichte von einem vermißten Christenkinde wieder aufgetaucht? Gott sei Dank, man hatte keinen Leichnam gefunden, ein Mord war nicht geschehen. Wer wenn man einen Knaben fand, an dem man Zeichen der Gewalt zu entdecken glaubte, in dieser Zeit, wo sie das Passah feierten und die griechische Kirche feierlich, das Fest der Kreuzigung beging? O Gott Wrahams, schütze uns vor der entfesselten Wut unserer Feinde! Der erste Teil des Rituals war erledigt. Zur großen Befriedigung der Kinder ging es nun an die Wendmahlzeit, die angenehmerweise in die Mitte der Feier gelegt ist. Die Tafel war reich besetzt. Das schöne, nur für das Passahmahl benutzte Geschirr, die blankgeputzten Messer und Gabel erhöhten den festlichen Anstrich. Man aß mit Behagen die Sooleier, die Fisch- und Fleischgerichte. Scherzhafte Bemerkungen flogen von Mund zu Mund. Daß sie sich alljährlich wiederholten, machte sie allen noch lieber. Der Meerrettich sollte an die ttänenreiche Bitterkeit der egyptischen Knechtschaft erinnern, die Mischung der Mandeln, Rosinen Aepfel und Zimtstangen ein Hinweis sein auf den für die ZwangsLauten Pharaos benutzten Mörtel. Alles war Friede und Freude, und selbst Frau Golde vergaß auf Augenblicke die nagende Sorge, die quälende Angst ihres Herzens. Unberührt aber stand in der Mitte des Tisches der Becher des Elias.. Jedesmal wenn die Trinkschalen nach den Vorschriften des Ritus geleert worden waren, blickten die Kinder erwartungsvoll nach dem großen silbernen Becher, der für den Propheten der Erlösung hingestellt worden war. Ach, der süße Traubenwein, der ihn bis an den Rand füllte, blieb in immer gleicher Höhe darin. Sie ttösteteu sich damit, daß der große Augenblick kommxn würde. Wenn man zum drittenmal

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