Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 15 (15.4.1910)
- Date
- 1910-04-15
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 15 Seite 5. trank, dann wftrde die Mutter die Tür öffnen, der Vater den Becher ergreifen und mit lauter Stimme einen unsichtbaren Gast begrüßen. Freilich war in den vergangenen Jahren der große Becher gefüllt geblieben, obwohl die meisten ein Rascheln wie Flügelschlagen gehört haben wollten, und als man ihn wieder auf das weiße Tischtuch zurückgestellt hatte, war in jeder jugendlichen Brust ein leises Gefühl des Gekränktseins über die verschmähte Gastfreundschaft aufgestiegen. Wer man fand so viele Entschuldigungsgründe für Elias und vergaß auch die eigene Sünde nicht. Und als Ben Amram seinem Weibe das Zeichen zum Oeffnen der Tür gab, da standen sick alle, gläubig wie immer auf den Fußspitzen, und die Herzen klopften vor glühender Erregung und Erwartung. ' Der Mutter Herz aber schlug aus anderer Ursache. All ihre Besorgnis war wieder erwacht. Sie hatte eben, als sie den Samovar in die Küche zurückgetragen hatte, vom Polnischen Viertel her, an das die Rückseite des Hanfes stieß, Lärm vernommen. Sie öffnete daher nur die nach dem Flur führende Stubcntür. Ben Amram aber wies mit der Hand auf die verschlossene Haustür. Nun tat sie, als sei sie müde. „Laß doch!" bat sie. „Simeon, öffne die Haustür!" Froh erregt sprang der älteste Knabe auf. Er fand es unrecht von der Mutter, daß sie Elias auf der Schwelle stehen lassen wollte. „Nein, nein!" Golde hielt ihn zurück. „Er kann das nicht. Er kann die Eisenstangen nicht sortheben und den schweren Riegel nicht zurückschieben." „Warum hast Du alles so verrammelt?" fragte Ben Amram. ,Marum sollte ich nicht? Weißt Du nicht, daß die Heiden in dieser Zeit wie toll gewordene Hunde herumlaufen?" „Sie werden uns nicht beißen." „Aaron, Du hörtest doch von dem verschwundenen Christenkinde." „Ich habe manches Christenkind gerettet, Golde." „Daran werden sie nicht denken." „Ich muß den Gottesdienst vollenden." er erhob sich. „Nein, nein, Aaron, höre doch!" In der Tat hörte man von draußen näher kommenden Lärm und Geschrei. Er zuckte mit den Achseln. „Ich höre nur das Gemecker der Ziegen." Sie hing sich an ihn, als er ans die Tür zuschritt. „Um unserer Kinder willen!" „Sei doch nicht kindisch, Golde!" „Ich bin nicht kindisch. Höre doch!" Er lächelte ruhig. „Die Tür muß geöffnet werden." Die Furcht machte sie zur Zweiflerin. „Nicht ich. Du bist kindisch. Du weißt, daß kein Prophet der Erlösung durch die Tür kommen wird." Er strich sich den ehrwürdigen Bart: „Wer weiß!" „Ich weiß es. Nicht der Erlöser, der Vernichter Israels wird kommen. Höre doch! Gott Wrahams! Hörst Du nicht?" Ein Zweifel war nicht mehr möglich. Näher und näher kam das Geheul eines aufrührerischen Pöbels, vermischt mit den Klängen einer verstimniten Ziehharmonika. „Nieder mit den Hebräern! Tod den schmutzigen Juden!" „Gott im Himmel!" Sie ließ ihren Gatten los 'und lief auf die Kinder zu mit einer Bewegung, als wolle sie versuchen, sie alle in ihre Arme zu schließen. „Bist Du wahnsinnig?" rief sie dem Gatten zu, der eben den schweren Riegel der Tür znrückstteß. Er aber bannte sie mit seinem Blick, öffnete mit der linken Hand den Türflügel und hielt mit der rechten den Becher des Propheten hoch. Seine machtvolle Stimme übertönte das Geheul des für ihn unsichtbaren Pöbels und die Mißtöne der Musik mit dem hebräischen Gruße: „Baruch habaa!" Kaum waren die Worte über seine Lippen gekommen, als ein in einen kostbaren Pelz gekleideter Mann sich in wilder Hast durch die Tür drängte, sich ihm fast in die Arme warf und den halben Wein verschüttete. „Im Namen Gottes, Reb Aaron!" keuchte der Flüchtling und sank halbtot auf der Schwelle nieder. Aaron zog ihn rasch herein und verrammelte die Tür, gerade als zwei Mujiks*), die betrunkenen Führer der Bande, vorübertaumelten. Die ÜJhitter, die bei dem Geräusch des Falles herzugesprnngen war, schob in wahnsinniger Angst den Riegel vor, und bald verlor sich das Gebrüll und Toben des weiterziehenden Haufens in der Ferne. Ben Aaron hob das totenblasse, mit Blut bedeckte Gesicht des am Boden Liegenden in die Höhe und setzte ihm den Becher des Elias an die Lippen. Der seltsame Besucher leerte ihn bis aus den Grund. Die dicht zusainmcngedrängten Kinder starrten ihn verwundert an. Als er znrücksank, fiel das Licht der Kerzen von der Festtafel des Passahtisches auf ihn. Das Gesicht war bartlos, und die Seitenlocken fehlten. *) Russische Bauern. Frmckfarker NrarWfGe- FamÜirnLlaä. „Maimon, der Meschumcd!" schrie die Mutter auf und fuhr entsetzt zurück. „Du hast den Abtrünnigen gerettet." „Sagte ich nicht, die Haustür sollte geöffnet werben?" erwiderte Be» Amram sanft. Ein gütiges, launiges Lächeln trat ans seine Lippen, und wieder 'trich er glättend über den weißen Bart. „Maimon ist der einzige Jude, der in dieser Nacht nicht in seinem Hause ist. Woher sollten die armen betrunkenen Bauern wissen, daß er getauft ist?" Trotz des Gefühls lebhaften Wscheus vor dem Verräter waren die Kinder im Geheimen froh, daß der Becher des Elias endlich geleert worden war. III. Jubelnd erklang am nächsten Morgen die Liturgie des Passahgottesdienstes durch die dichtgefüllte Synagoge. Trotz jenes durch die Straßen ziehenden und tobenden Haufens hatte man von keiner Gewalttat gehört. So würde das Ghetto nicht mit Feuer und Schwert zerstört werden. Die in dem moosbewachsenen altertümlichen Gotteshanse versammelten Andächtigen atmeten auf, und während sie sich in ihren mit Franzen besetzten Gebetstüchern hin- und herwiegten, die zitternden Hände bittend gefaltet, stieg der Gesang im dankerfüllten Jauchzen zum Himmel empor. Um die besondere Feierlichkeit des Tages hervorzuheben, stand die am Ende des Gebäudes aufgestellte, von dem ewigen Licht überkrahlte heilige Bundeslade heute offen. Ben Amram war die Ehre zuteil geworden, den Vorhang von der Nische fortzuziehen, und der kostbare Inhalt, die Thorarollen aller Größe in ihrer reichen seidenen Umhüllung, mit ihren Silberglöckchen und Goldfranzen, war aller Augen sichtbar. Durch das Gitterwerk ihrer Empore blickten die geputzten Frauen auf die sich hin- und herwiegenden Beter herab und lauschten andächtig den Dankeshymnen des auf der Estrade in der Mitte stehenden Vorsängers und den harmonisch einklingenden Chorstiinmen seiner jugendlichen Ministranten, die wie Engelsgesang zu ihnen herauftönten. Wer in die Begeisterung der Sänger, die Andacht der Gemeinde ertönte plötzlich von außen ein nichts Gutes verkiindender Lärm, das Getrampel anriickender Reiterei, die bekannten Laute militärischer Befehle. Als hätte sie ein anderer Wind gefaßt, drehten sich die schaukelnden Gestalten blitzschnell um. Mit vor Entsetzen starren Augen blickten die Frauen auf das sich unten entwickelnde Schauspiel herab. Die großen Türen wurden anfgerissen, und — o des fruchtbaren unglaublichen Anblicks — eine Schwadron Kosaken ritt langsam paarweise herein. Die mächtigen Säbel rasselten, die Hufe der Pferde schlugen dumpf auf den heiligen Esttich. Ihre schwarzen, kegelförmigen Mützen und langen Bärte, ihre weiten, an der Seite zugeknöpften Röcke, die mit Patronen vollgestopften Taschen, ihre stolzen Pferde, die mit Blei beschlagenen Knuten, niachten das Blut in den Adern der in ihrem Gottesdienst gestörten, weiß gelleideten Versammlung vor Schreck erstarren. Die Gebete und Gesänge verstummten. Die Stimme des Vorsängers schmetterte noch einmal auf. Dann wandte auch er den Kopf, und der kunstvolle Laut blieb ihm in der Kehle stecken. ,Halt!" schrie der Offizier. Die sich vorwärts bewegende Kolonne stand wie angewurzelt. Wie eine steinerne Mauer erstreckte sie sich über die Estrade hinweg und sperrte die Flügel ab. Vom Höfe her, den die Synagoge, die Schicke und das Armenhaus einschloß, hörte man .die Kappenden Hufe der Nachhut. Der Schamasch*) stellte sich den blitzenden Eindringlingen entgegen. „Warum stören Ew. Exzellenz unsere zu Gott gesandten Gebete?" (Schluß folgt.) Kaiser Friedrich Quelle - Ottenbach a. M. ■ Gegen Gicht und Rheumatismus bewahrt. Alleiniger General-Vertreter: Friedrich Stahl, Frankfurt a. M., Stallburgstr. 9. Tel. 259 n. 71. Deutsches Beobachtungen pr. St. 1 Mk. Ermit- AtArfitr. telongen, Recherchen n. Auskünfte vlvvllf v. 5 Mk. an. Gewissenhafte Aus führung u. strengste Diskretion als mehrjähriger Polizeiu. Kriminalbeamte gesichert. D gr Institut Frankfurt a. M. Keu Zell SS, L -Tel. 11391.- Wochen-KalenÄer. (Zeitangaben nach dem Luaeh.1 Samstag, den 16 April (— 7. Nissan : Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 6 Uhr 50 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 8 Uhr 10 Min., in Berlin 7 Uhr 50 Min. Wochenabschnitt: Mezauro. — Bei der „Reinigung" mußten verschiedene Opfer gebracht werden, wobei Zedernhvlz,?)sop und Karmesinfaden Verwendung fanden, ähnlich wie beim Bereiten des Opfers der „roten Kuh." Tauben wurden über lebendigem Qnellwasser geschlachtet. *) Tenipeldieuer. Blut und Tel an Daumen, große Zehe und Ohrläppchen gestrichen. Wir wissen Grund und Bedeutung dieser Verordnungen nicht zu erklären! Fest steht,' daß wir sie nicht als sanitäre Gesetze gegen Lepra und die Priester als „Sanitätsbehörden" anzusehen haben. — Am Ende des Wocheuabschnittes Mezauro sind, jene Reinheilsgesetze mitgeteilt, die es mit leidenden Zuständen des mensch- . lichen Körpers — bei männlichen und weiblichen Personen — zu tun haben. Alle diese Verordnungen sollen zur Heiligkeit führen. Sie sind charakteristisch für Israels Welt- und Lebens-Anschauung. * Da diesmal E r e w P e s a ch auf einen Samstag (23. April) fällt, so ist folgendes zu beachten: Die B e ch o r i in (Erstgeborenen) fasten Donnerstag. Bedikas C h o m e z findet in der üblichen Weise Donnerstag Mend und das Verbrennen des Chomez Freitag früh 10 .Uhr statt; doch wird „Kol Chamiro" erst Samstag früh 10 Uhr gesagt. _ . Der Verkauf des Chomez findet Freitag statt; es darf nur so viel zurückbehalten tverden, tvie zum Genüsse bis Samstag früh 9 Uhr erforderlich. Samstag früh vor 9 Uhr ist noch eine vollständige Mahlzeit (Suda) erforderlich. Am Freitag sind ferner Charoses, Ei und Seroa für den Sedertisch vorzubereiten. Der Gottesdienst findet am Samstag früh bereits um 6 Uhr statt, und zwar ohne jede Verzögerung. ' Nach 9 Uhr ist das Geschirr in einer am Sabbat erlaubten Weise zu reinigen und zum übrigen Chomez - Geschirr wegzustellen. Die Vorbereitungen für den Sedertisch dürfen erst nach Ausgang des Sabbats getroffen werden. Bemerkung: Am praktischsten ist es, am Freitag bereits in Pesach-Gefäßen zu kochen, aber bis Samstag früh das Chomez - Geschirr zu benutzen. Man schütte die Speisen in einen extra dazu bestimmten neuen Topf und dann erst in das Chomez - Geschirr. Schalet, Brei, wie überhaupt direkt anhaftende Chomezspeisen sind zn vermeiden. ORenbaeber Druckluft» Anlage Telefon 123. OffsnbaGh a. ■. Telefon 123. 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