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Neue jüdische Presse · 1910-04-15 · Heft 15 (15.4.1910) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 15 (15.4.1910)
Date
1910-04-15
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 15. Frankfurter Israelitischer FaUnlienVlatk. Seite 3. Repräsentant Goldrcich sprach sein Bedauern darüber aus, daß der Antrag auf Wiedereinführung des Kol Mdre-Gcbcts und das Ducheucn in der vorigen Sitzung abgelehnt worden sei und daß die Konfirmation der Mädchen wieder eingeführt werden solle. München. Am 14. Ap>il tritt hier die konstituierende Versammlung des Vereins „Schwester- Heim" zusammen, um desinitiv die Gründung einer jüdischen chirurgischen Klinik zu beschließen. Die Vorbereitungen sind bereits alle getroffen. Das Haus Hermann-Schmidt-Straße 5 wird zum genannten Zweck nmgebaut .und das jüdische Schwesterheim hinein verlegt. Die Verwaltung des Hauses bleibt in den Händen der jüd. Schwestern und eines ärztlichen Beirates. Die Kosten werden außer aus den Mitteln des Vereins „Jüdisches Schwesterheiin" mittels Subvention der ll. O. B. B.-Loge und durch Ausgabe einer 4«/v Anleihe gedeckt. Oesterreich-Ungar«. Czernowltz. Die „Volkswehr" beleuchtet in einem Artikel die Lage der Inden in der Bukowina. Wir entnehmen den Ausführungen folgende Stellen: „Wer Heiligenbilder .als Makulaturpapier benützt, verletzt Einrichtungen einer christlichen Kirche und wandert hinter das eiserne Gitter. Wenn man aber das Purimfest als eine Erinnerung an jüdische Mordtaten bezeichnet oder das „Kolnidre"-Gebet verunglimpft, — welches Gesetz wird .da angewendet? Und das Volk merkt die doppelte Buchführung und richtet sich darnach ein. Doch das ist nicht die einzige Ursache. In unserem Ländchen sind neue Kulturträger erstanden: die Lehrer. Gewöhnliche Bauernsöhne, deren Väter einen Schreibkundigcn dem Priester im Dorfe glcichstellten, erscheint ihnen das geringe Maß von Wissen, das sie in den Lehrerbildungsanstalten erhalten sollen und auch nicht einmal immer erhalten, als ein unerschöpflicher Born von Kenntnissen. So mischt sich wahllos der wilde, durch die geringe Bildung ungezügelte Instinkt mit dem bischen Wissen zu einem System. Diese Halbgebildeten lösen das Unterbewußtscin ihrer Volksgenossen und schaffen aus den ungezügelten Instinkten einen Willen, den der Instinkt leitet. In diesem freundlichen Milieu welkt ein Teil der Judenhcit des Landes dahin. Gepeinigt vom gehässigen Nachbar, der sich vor der Dorfsgemeindc öffentlich billig als ein rechter Mann hinstellen will, verfolgt vom neuen Genreindevorsteher, der vor seinen Wählern als ihr wahrer Willensvollstrecker erscheinen will, vom Steuerexekutor ausgepreßt, vor Gericht verschüchtert, vor den politischen Behörden schutzlos, durchleben die Juden der Provinz einen schleichenden Pogrom." Budapest. Verschiedenes. Der seit Januar bestehende ungarische Israel. Patronageverein gewinnt von Tag zu Tag an Popularität. Seine Mitgliederzahl hat die ansehnliche Höhe von 1000 bereits überschritten. Auf dem Lande arbeitet er auch segensreich in neun Filialen. Bei der letzten Sitzung wurde die Errichtung eines großen Kinderschutzhauses beschlossen, um so für den Anfang sämtliche jüdische Waisenkinder, die bei der Brandkatastrophe in Oekorito ihr alles verloren haben, zu beherbergen und zu versorgen. Weiter wurde beschlossen, im Kampf g e g e n d e n Mädchenhandel mit den internationalen Instituten zu cooperieren, um so den Schandfleck vom nngar. Judentum wegzuwaschen. Der „Verein zur Förderung des Handwerks und Ackerbaus bei den ungarischen Juden" hat den Beschluß gefaßt, die Produkte der. absolvierten Schüler in eine Ausstellung zu vereinigen, um so für die Zwecke der Gesellschaft zu agitieren. Zwei Mechaniker und Weber wurden zu ihrer Studienreise nach England bezw. Deutschland stipendiert. Und dem Absolventen, Samuel Süs, der seit Jahren den Ackerbaukursus theoretisch studierte, die Einrichtung eines Bauerngehöftes zugesagt. Es ist das erste Mal, daß dieses Experiment bis zur letzten Konsequenz durchgeführt wird. Das konservative Judentum steht dem Verein ganz fern, weil sich das ideale Streben dieses Vereins auf einem Hauptgrund der wildesten Intoleranz dem überlieferten Judentum gegenüber erhebt. So wird von jedem Zögling ein Revers abgefordert, daß er auf die Einhaltung der Speisege setze und Schabbos verzichte... Der am 12. März im Musiksaal abgehaltcne K n l t u r a b e n d des O. M. I. K. E. (ung.-isr. Land.-Kultur-Bcrbondl brachte bei seinem Eingang von 7000 Kronen 4500 dem Bercinszwccke. Die Summe wird zur Gründung einer u n g a r i s ch - jüdischen Bibliothek verwendet. Etanisla«. Wie berechtigt die Furcht der jüd. Bevölkerung vor dem Herannahen der christlichen Ostern ist, beweist folgender empörender Vorfall: Einige Tage vor Ostern kamen nach Usznia, einem Dorfe mit cä. 100 jüdischen Seelen, drei Kapnzinerbrüder in Begleitung mehrerer Geistlichen, um den dortigen Bauern, die seit jeher mit ihren jüdischen Nachbarn im besten Einvernehmen lebten, — christliche Nächstenliebe zu predigen. Während der 3 Tage ihres Aufenthaltes waren ausschließlich die Juden das Objekt ihrer Hetzreden. Gegen die jüdischen Läden wurde das Boykott proklamiert und den Bauern deren Betreten unter Eid untersagt. Kurz darauf wurde als praktische Folge der Predigten ein Laden von einem Nichtjuden eröffnet. Das Ereignis wurde mit dem Einschlagen der Fensterscheiben in "den jüdischen Häusern gefeiert. Der Getreidehändler Abraham Zeisil und dessen Frau tvurden auf das gröblichste mißhandelt, das Häuschen eines armen Juden namens Uscher Lindner wurde vollständig demoliert. Begreiflicherweise herrscht seitdem unter den Juden des Dorfes eine, unbeschreibliche Panik. Die Erregung ist um so' größer, als ihnen durch den ncit' größter Strenge durchgeführten Boykott der völlige wirtschaftliche Ruin droht. Rußland. In einem soeben erschienenen Aufruf wird die Notwendigkeit des Wiedererscheinens der „Hazefirah" unter der Leitung N. Sokolows dargetan und das hebräischlesende Publikum zur Förderung des Planes aufgerufen. Die hebräische Tageszeitung „Hazefirah", die vor einigen Jahren infolge der politischen Verhältnisse in Rußland ' ihr Erscheinen einstellen mußte, hat bekanntlich unter der ausgezeichneten Redaktion Sokolows jahrzehntelang an der Spitze der hebräischen Presse gestanden und einen außerordentlichen Einfluß auf die ganze jüdische Welt in- und außerhalb Rußlands ausgeübt. Unter den Unterzeichnern des Aufrufs finden sich die 'Namen der ersten Vertreter der hebräischen Literatur und Wissenschaft, u. a. Bialik, Lcvinski, Dr. Poznanski, Dr. Klausner usw. Der Aufruf besagt u. a., daß bereits ein Fonds von über 20000 Mark zusammengckommen ist, und ~ daß die Unterzeichner sich verpflichten, ihn bedeutend zu erhöhen, wenn sic der Anteilnahnre des Publikums gewiß sind. Vorausgesetzt, daß bis dahin 5000 Abonnemcntsbestcllungen eingelaufen sind, soll die erste Munmer des ncuerstandenen Blattes am 1. Juli dieses Jahres erscheinen. Petersburg. Wie weit ein russischer Regierungs. Vertreter gegenwärtig in der Verhetzung gehen darf, hat wieder einmal der sattsam bekannte General D u in b a d s e, Stadthcmptmann von Jalta, bewiesen. In der jüngsten Versammlung des dortigen Verbandes des russ. Volkes sagte er nämlich: „Meine teuren Verbändler, ihr wißt ja, wie gerne ich Jalta von den Inden säubern möchte. Ich bin aber daran gehindert worden. . . . Ich rate euch darum, euch selbst von den Inden zu befreien. Vermietet ihnen weder Wohnung noch Geschäftsläden: und sollte euch ein Jude tausend Rubel bieten, so vermietet sie lieber an einen Christen für fünfhundert. So werdet ihr die Juden schon los werden." — Die Sommcrsaison hat wieder ein ministerielles Zirkular angekündigt tvelches die Ortsbehörden daran erinnert, daß die Inden des Ansiedlungsrayons nicht außerhalb der Städte wohnen d ü r f e n. Hiergegen haben sich nun zahlreiche christliche Besitzer von Landhäusern in der Umgebung jüdischer Städte beim Senat beschwert, und dieser stellte fest, daß das Gesetz den Juden nur die ständige Niederlassung, nicht aber einen vorübergehenden Aufenthalt außerhalb der Städte untersagt. Zu einer Beschlußfassung kam es im Senat jedoch nicht, da der Vertreter des Ministeriums die Vertagung der Beschlußfassung beantragte, um durch diesen Trick zu bewirken, daß die Polizei nach wie vor Herrin bleibt und neue Bestechungssummen aus den Juden herausschlagen kann. — Die Duma hat wiederum einen allbekannten Beweis ihres rückschrittlichen Geistes gegeben! Sie hat nämlich mit 144 gegen 116 Stimmen der Regierung den Wunsch ausgesprochen, keine Juden mehr in die Kr i e gs medizinische Akademie a u f z u n e h m c n. Diese Resolution dürfte von allen echtruss. Kreisen reichlich ausgenutzt werden, denn sie ist, da die Kriegsmedizin. Akademie schon bisher fast nie Juden aufnahm, nnr als eine antisemitische Kundgebung aufzufassen. — Vergebens hatten sich die beiden jüdischen Mgcordneten R i s s e l o w i tz und F r i e d m a n n, sowie die Kadetten S t s ch e p k i n und Schingariotv bemüht, das Parlament von einem solch unheilvollen Schritt abzubringen, vergebens hatten die oppositionellen Parteien in scharfen Deklarationen den finsteren Geist des vorgeschlagenen Amendements bloßgelegt, vergebens hatte selbst der bekannte radikale Oktobrist Prof. Kapnstin den Antrag als ungerecht und schädlich bezeichnet, die Mehrheit schlug sich auf die antisemitische Seite, die einen ganz offen, die andern in etwas verschämter Art; gab es'doch solche reaktionäre oktobristische Abgeordnete, welche die Resolution als eine Konsequenz aus der Praxis bczeichneten, daß die Juden sowieso zu Militärärzten nicht befördert werden! Eine elende Ausrede, die nicht einmal den ganzen Sachverhalt wiedergibt! Denn, wie die Opposition mit Daten in der Hand berichten konnte, stellt zwar die russische Regierung in Friedenszeiten jüdische Aerzte beim Militär nicht an, sie macht von ihnen hingegen zu Kriegszeiten einen um so größeren Gebrauch und .schickt sie stets auf die besonders gefährlichen Punkte. Laut den Angaben Schingariows befanden sich unter den ca. 5500 Aerzten, die während des letzten Krieges auf dem Kampfplatz tätig waren, ungefähr 20 Prozent Juden, und in Port Arthur waren es gar 27 Prozent. „Russ. Korresp." Großbritannien. London. Eine ansehnliche Anzahl von Delegierten war zu der Jüd. Jnternation. Konferenz zur Unterdrückung des Mädchenhandels erschienen, die hier diese Woche stattfand. Prof. Sylvain Lovy als Vertreter der Alliance Jsraelite Universelle präsidierte. Der Chief Rabbi eröffnete die Sitzung mit einem eigens zur Konferenz verfaßten Gebete, und Mr. Cl. G. Montefiore und Lady Battersea und die Gräfin D e s a r t begrüßten die Versammelten. Die Diskussion war lebhaft. Besonders beteiligten sich an derselben Baron Alexander Günzbnrg (St. Petersburg), Dr. Maretzki (Berlin), Miß Sadie American (Amerika), Dr. Blau und Frl. B. Pappenheim (Frankfurt a. M.), Mr. I. Zangwill, A. R. M o r v und Ar. M. G a st e r (London), Dr. A. Kamin k a (Wien). Die verschiedenen Ursachen dieses Uebels, unter welchem jüdische Frauen besonders leiden und an dein leider auch Juden schuld haben, wurden gründlich behandelt und verschiedene Mittel vorgeschlagen, um diesem schändlichen Handel ein Ende zu machen. Lord Rothschild gab in seinem Hause einen Empfang zu Ehren der Gäste. — Am Mittwoch wurde ein Essen veranstaltet, bei.welchem Mr. Claude Montefiore als Präsident und der Chief Rabbi und Mr. HerbertSamuel, der neue Minister für das Post- und Telcgraphenwesen, die Harrptredner waren. — Bei der Schilderung der Schreckensszenen, die sich auf dem hrennenden Auswandererdampfer „Cairnrona" ereigneten, haben die Zeitungen die Tatsache verschwiegen, daß sich unter den Passagieren eine große Anzahl jüdischer Auswanderer befand und daß gerade dieser Umstand den Hauptanlaß zu der Erregung der Passagiere wurde. Wie nämlich" jetzt bekannt wird, waren die Schreckenszenen auf nichts anderes, als auf schwere antisemitische Ausschreitungen des Gros der Passagiere zurückzuführen, . die sich mit Gewalt der Rettung der Juden widersetzen wollten. Als nämlich die Matrosen ganz natürlicherweise zuerst an die Rettung der Frauen schritten, die zum größten Teil aus Jüdiuuen bestanden, wurden die polnischen und armenischen Auswanderer wütend und wollten dies verhindern. Es entstand eine Schlägerei, und die Matrosen wurden gezwungen, Waffengeivalt anzuwenden. Palästina. Jerusalem. Ratsherr Moser aus Bradford, der bekannte Zionist, hat sich gelegentlich seines hiesigen Besuches bei Ben Jehuda bereit erklärt, die Kosten des dritten Bandes — 12 000 Frcs. — von Ben Iehudas hebräischem Wörterbuch zu tragen. Zu den Kosten der ersten zwei Bände haben u. a. Baron Edmund Rothschild und das Zion. Aktionskomitee beigesteuert. Um die Herausgabe der weiteren 7 Bände zu ermöglichen, hat sich ein Komitee gebildet, das aus den Herren Moser- Bradford. Prof. G o t t - h e i l - Newyork, D. Jellin, Ephraim Cohn und D r. L evy in Jerusalem, D. Levontin, Dr. A. Rnppin, Markus Kahan und E. Saphir in Jaffa besteht. Das in einigen Monaten stattfindende Jubiläum _ Ben Jehuda's wird dem Komitee hoffentlich größere Summen zuführen. In einigen Monaten sind nämlich 30 Jahre verflossen, seitdem Ben Jehuda seine Arbeit zur Wiederbelebung der hebräischen Sprache durch Einführung derselben als Verkehrssprache in seinem Familienkreis begann. Rischon le Ziou. Seit zwei Jahren erstreben die hier wohnenden Arbeiter das aktive und passive Wahlrecht, das bis jetzt nur den Grund und Boden besitzenden Einwohnern gewährt wurde. In letzter Zeit hat der neue Waad, zum Teil unter dem Einfluß des Oberrabbiners Kuk in Jaffa, beschlossen, den Wunsch der Arbeiter zu erfüllen. Nunmehr hat jedermann, der 2 Jahre in der Kolonie wohnt, das volle Wahlrecht.

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