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Neue jüdische Presse · 1910-04-15 · Heft 15 (15.4.1910) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 15 (15.4.1910)
Date
1910-04-15
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Weite 2. Sk. 18. gesetzt als die jüdische Jugend. Denn sic setzte sich mit all ihren Idealen ein. Darum kämpften sie am begeistertsten, darum waren sie die fanatischsten; doch sie kämpften und kämpften und — unterlagen. Wie nach einer tollen Jugenduacht erfahrungsgemäß der klägliche Katzenjammer zu folgen pflegt, so folgte nach dcnl Aderlässe der Revolution eine tötende Ernrattung. Man hatte alle Ideale eingesetzt und verspielt. Jede Hoffnung auf Freiheit war vernichtet, denn die Revolution war mächtiger denn je, und die alten, ewigen jüdischen Ideale, die doch durch den Sieg der Reaktion nicht iur mindesten berührt wurden, ja, sie waren im Strudel der Revolution verloren gegangen und nicht wieder gefunden worden. So bliÄ denn dieser Teil der jüdischen Jugend in Rußland, der die Revolution mitgcfochten hatte, ohne Ideale. Und doch war die Jugend ideal geblieben, ideal insofern, als sie ohne Ideale nicht leben konnte. Was tat sic also? Dasselbe, was die drei Mädchen in Petersburg taten. Sie vergiftete sich, ja, vergiftete sich. Denn ist es nicht dasselbe, ob man sich durch Cyankali oder durch die Ideale einen Sanin vergiftet? Die Anzeichen dieser Vergiftung kann man überall wahrnehmen. Ehre radikale, furchtbare Wandlung ging vor sich. Was bisher heilig war, wurde verlacht, was bisher verabscheuungswürdig war, wurde zum Ideal erhoben. Von den Tönen eines Nekrassow wandte man sich den Romanen eines Artzibaschew zu. Die Vereine, die bisher dem Kampf für die Freiheit gedient hatten, verwandelten sich in Klubs der „freien Liebe". An die Stelle der bisher vergötterten Revolutionshelden trat als verkörpertes Ideal Sanin. Das ist der Anblick, der sich heute zum großen Teile bietet. Und diese Vergiftung innerhalb der jüdischen Jugend Rußlands ist eines der wichtigsten Probleme des heutigen Judentums. Der ganzen Zukunft unseres Volks droht dadurch eine Gefahr. Denn wer anders ist der Träger der Zukunft eines Volkes als seine Jugend! Weil aber die Sorge für seine Zukunft die heiligste Aufgabe jedes Volkcs bedeutet, ist die Sorge für seine Jugend auch seine vornehmste Pflicht. BP heute aber ist die Pflicht, für die Jugend zu sorgen, von den rufs. Juden gar sehr vernachlässigt worden. Ueber Fragen ganz nebensächlicher Natur hat man dieses wichtigste aller Probleme fast außer Acht gelassen, und es ist wahrhaft höchste Zeit, daß die russische Judenheit sich dieser ihrer Pflicht entsinne. Für die Jugend zu sorgen, ist aber nicht nur Pflicht der Führer des Volkes, sondern auch die Aufgabe jedes einzelnen. Auf keinem Gebiete kann der Einzelne mehr seinem Volke nützen oder schaden als in der Arbeit für die Jugend, als in der Erziehung der Jugend. Und ist diese Erziehung der Jugend immer die heilige Pflicht jedes Einzelnen gewesen, so ist sie im gegenwärtigen Momente noch von viel größerer Bedeutung; denn niemals war die Lage des jüdischen Volkes kritischer, gefährlicher gewesen als jetzt. Darum: der Jude,derseinen Kindern heute keine echt jüd. Erziehung gibt, der nicht dafür sorgt, daß seine Kinder ihre jüd. Ideale bewahren, versündigt sich furchtbar an seinem Volke, und diese Versündigung ist doppelt schwer bei der r u s s. Judenheit, denn sie ist der eigentliche Quell des Judentums gcivcsen und muß es in der Diaspora stets bleiben. * * * Wird die russische Judenheit aus dieser furchtbaren Tragödie der drei jüdischen Mädchen in Petersburg, die alle Gemüter so erregt hat, endlich die notwendige Lehre ziehen und sich ihrer heiligsten Pflicht entsinnen? Wir müssen es hoffen, denn wir können und dürfen nicht an die Zukunft unseres Volkes verzweifeln. Und in der Tat zeigen sich schon glücklicherweise Anzeichen einer Besserung. Mögen nur diese Anzeichen einer neuen Zeit, diese Anzeichen einer Wieder- {9QMMLSRyiut gwiwrnwm. bclebung der jüd. Ideale in der Jugend des Ostens nicht trügen! (litt jüdisches Soldatenheim in Metz. Vor wenigen Tagen brachte die in Metz erscheinende „Lothringer Zeitung" einen längeren Artikel „Soldatenlektüre," den wir auszugsweise hier wiedergeben. wollen: „Es wird gewiß interessieren, auf welche Weise auch in militärischen Kreisen durch Darbietung von guter Lektüre der Schundliteratur .und ihrer Wirkung entgegengearbeitet wird. Abgesehen von den Büchern aus den Soldatcnbibliotheken werden wöchentlich verteilt an Mannschaften: „Sonntagsblatt für das deutsche Heer," „Nach dein Dienst, an Unteroffiziere auch: „Die Kaisergabe." Außerdem kommen aus vielen Wachstuben, in den Kasernen und Lazaretten hunderte, zu Festzeiten tausende der „Sonntäglichen Predigten", herausgegeben von der Berliner Stadtmission, zur Verteilung. — Leider fehlt es trotz der mannigfachen Lektüre, die so den Soldaten geboten wird, noch immer an einer eigentlichen Soldatenzeitung, vor allem mit „Nachrichten aus der Heimat," was namentlich von den Rekruten sehr schmerzlich empfunden wird, zumal, wenn kein schriftlicher Verkehr mit Angehörigen daheim möglich ist." — Dieser Strömung, die jetzt durch die Presse geht, war vor vielen Jahren eine andere vorausgegangen, deren Erfolg das in der Neustadt von Metz erstandene Kaiser-Wilhelm-Haus ist. Sein Zweck gilt, einem geringen Teil der in Metz garnisonierten 20 000 Soldaten an Sonn- und Feiertagen ein gemütliches Heim .zu bieten, als Ersatz für die vor der Dienstzeit meist in engsten' Familienkreise verbrachten Sonntage, oder den Verwaisten ein Heim, das starkem Tabaksqualm und schädlichem Alkoholgenuß abhold ist. Dieses segensreiche Haus wird häufig besucht, aber nur von christlichen Soldaten. Für jüdische Soldaten ist dies Heim nicht bestimmt. Mit goldenen Lettern steht groß und deutlich angeschrieben „Christliches Soldatenheim." Jenen ca. 120 Zwei- und Dreijährigen, den 10 Einjährigen Soldaten jüdischer Konfession, die in Metz in Garnison liegen, hat man den Eintritt verwehrt. Sie können ja den Sonntag im Wirtshaus verbringen oder im Cafä verspielen. Die bedeutenderen jüdischen Feiertage, an denen morgens dienstlicher Synagogengang, mittags jedoch dienstfrei ist, müssen sie in den Kasernen zubringen, dem Spott der wie immer an Werktagen beschäftigten christlichen Soldaten dienen. In Metz hat seit einiger Zeit dessentwegen eine Bewegung eingesetzt, an deren Spitze Oberrabbiner Dr. Netter steht. Sie will ein jüdisches Soldatenheim gründen, in welchem sich ein großer Lesesaal befindet, wo alle jüdischen Zeitungen und Zeitschriften und auch sonstige Zeitungen aufliegen sollen. An Sonn- und Feiertagen sollen die jüdischen Soldaten nicht darunter zu leiden haben, daß sie fern von der Heimat in Garnison stehen. Bei dem uns Juden so stark eingeimpften Familiensinn und dem Drange, sich selbst weiter zu bilden, wird das jüdische Soldatenheim in Metz eine Lücke ausfüllen, die seit langen Jahren besteht. In wenigen Wochen soll es eröffnet werden und bei den Räumen der Lothringen-Loge (U. O. B. -B.) Platz finden. Ernst Hecht. Aus aller Welt. Deutsches Reich. Berit». Bor dem hiesigen Amtsgericht stand, angeklagt wegen Tierquälerei der Schächter Sobotki, seit 20 Jahren Beamter der Adaß Jisroel - Gemeinde. Er wurde beschuldigt, ein Tier öffentlich und böswillig dadurch gequält zu haben, daß er einen nach jüd. Ritns zu schlachtenden Ochsen nur leicht anschnitt, sodann davonging und das Tier einem langsamen, qualvollen Tode überließ. Der Angeklagte bestritt ganz energisch, eine Tierquälerei begangen zu haben. Ihm sei, was auch bei jeder anderen Schlachtmethode Vorkommen könne, der Schächtschnitt mißglückt gewesen, und er habe daher den Gesellen Häusler und Groch die Anweisung gegeben, weiter zu schneiden; tatsächlich habe auch Häusler das Tier sofort getötet. Der im Zuhörerraum anwesende Rabbiner Dr. Munk bat sodann, als Zeuge vernommen zu werden, welchem Ersuchen stattgegeben wurde. Er führte aus, daß er ein doppeltes Interesse an der Aufklärung des Falles habe, denn er hcwe njcht nur die Ehre des beamteten Schächters, sondern auch die Ehre der jüd. Religion zu verteidigen. Ein Schlachttier sei nur dann nach jüd. Ritus brauchbar, wenn der Schnitt in einem Zuge ausgesührt werde und das Tier vollständig ausgeblutet sei. Ein Mißlingen sei bei jeder Schlachtmethode möglich; er selbst habe gesehen, wie ein Tier vier- bis fünfmal mit dem Schlachthammer geschlagen werden mußte, bevor die Betäubung eintrat. Beim Mißlingen des Schächtschnittes sei es Pflicht des Schächters, wenn nicht andere zugegen sind, das Tier durch einen zwette» Schnitt zu töten, doch dürfe das Tier dann nicht mehr zuni Genüsse verwendet werden. Da die beiden Geselleil anwesend waren, so habe der Angeklagte damit rechnen müssen, daß diese die völlige Tötung vornehmen, wie dies auch auf dem städttschen Schlachthofe Brauch ist. Schlächtermeister H e y m sagte als Sachverständiger aus, daß er in dem Verhalte» des Angeklagten keine Tierquälerei erblicke. Die Gesellen hätten die Pflicht, sofort nachzuschneiden, da sie zu diesem Zwecke ja überhaupt anwesend wären. Das Gericht erkannte auf kostenloseFreisprechn n g. In der Urteilsverkündung betonte der Vorsitzende, daß die offenbar von gehässiger Seite erfolgte Anzeige gegen den seit mehr als 20 Jahren pslichtgetreuen Beamten völlig zil Unrecht erfolgte. e. Berlin Nach hierher gelangten Meldungen hat man als Täter der Grabschändungen, die seit längerer Zeit auf dem israelitischen Friedhofe in M a r i s f e l d (Meiningen) verübt wurden, 3 S ch u l k n a b e n aus einem benachbarten Dorfe ermittelt. Sie haben ' ca. 60 Denkmäler unigeworfen, demoliert und beschmiert. — Einer mühevollen Arbeit, drei Jahre hindurch, hat sich der Kantor A. Niederland in Schippenbeil (Ostpreußen) unterzogen. Er hat aus tausenden von hebräischen Worten das Bild des Kaisers zusammengestellt. Aus dem Kaiserlichen Kabinett ist ihm ein Dankschreiben zugegangen. 'Jetzt will er das wohlgelungene Porträt durch den Druck vervielfältigen lassen. Cassel. Eine schlichte, ober um so eindrucksvollere Feier vereinigte Purim, Vormittag ' 11 Uhr eine außerordentlich große Anzahl unserer Gemeindcnntglieder. Es galt, das nach allen hygienischen und modernen Ansprüchen neu erbaute Mädchenheim der Gesellschaft Schwesternbund; seiner Bestimmung zu übergeben. Das Heim, das bisher in gemieteten Räumen in der Sedanstraße seine Stätte hatte, ist bestimmt, ftuigen Mädchen von auswärts, die sich hier für einen Lebensberuf ausbilden wollen und and) solchen jungen Mädchen, welche schon einen Beruf haben, das fehlende Elternhaus zu ersetzen. Es soll ihnen den festen religiösen Stützpunkt gewähren den diele junge Mädchen außerhalb des Elternhauses vermissen müssen, wenn sie alleinstehend in der fremden Stadt ihren Berufspflichten nachgchen. In dem sich immer mehr zuspitzenden Kampfe um das .Dasein ist es doch das Bestreben jedes Vaters, jeder Mutter, ihren Kindern durch eine sorgfältige Ausbildung die besten Waffen für den Lebenskampf mitzugeben. Nicht alle Eltern in kleinen Städten und auf dem Lande sind so gestellt, teuere Pensionen in der Großstadt zu bezahlen, um ihren Kindern die Ausbildungsmöglichkeit zu verschaffen, und sie vor allem begrüßen es mit Freuden, ohne große 'Opfer ihrerseits in der Lage zu sein, ihren Töchtern einen tüchtigen Fonds an Wissen mitzugeben, rcsp. die schon Ausgebildeten in einem billigen Heiin gut untergebracht zu wissen. So wird durch das jüdische Mädchenheim einem fühlbaren Bedürfnis abgeholfen und gar mancher Familie eine Sorge abgenommen. In dem Heim befinden sich Buchhalterinnen, Verkäuferinnen, Schülerinnen der Handelsschule, des Köbelseminars und anderer Schulen, außerdem Schneiderinnen, Putzmacherinnen und Häushaltungsschülerinnen. — Die vorerwähnte Einweihungsfeier wurde durch Harmoniumspiel einer künstlerischen Freundin des Heims und Gesang des Herrn Kantors Witepski stimmungsvoll eingeleitet. Hieran schloß sich Pie Weiherede des Herrn Landrabbiners Dr. Doktor. Fräulein Philippsohn, die verdiente Vorsitzende der Gesellschaft Schwesternbund, gab nunmehr eine kurze, zusammengedrängte Uebersicht der Geschichte des Schwesternbundes, die nahezu ein Jahrhundert währt. Frau Eugenie .Wertheim überbrachte alsdann die Glückwünsche des israel. Frauenvereines. Herr Fiorinv gab der freudigen Anteilnahme der Gesellschaft Humanität und des Kuratoriums des Waisenhauses beredten Ausdruck. Eine junge Insassin des Heimes sprach einen sehr hübschen, von einer Kollegin gedichteten poetischen Gruß, und dann folgte ein Rundgang durch die Räume des Hauses. Köln a. Rh. In der jüngsten Repräseutanten-Sitzung der jüd. Gemeinde stand das Budget zur Beratung, das in Einnahmen und Ausgaben mit etwa 250000 Mark balanziert. Bon den bewilligten Ausgaben seien hervorgehoben: Israel. Unterstützungsverein 10000 JL und 1500 JL einmalig, Kleider, Schuhe, Bücher, Kohlen 4500 JL, Peah 300 JL, Ferienkolonien 600 JL, Jüd. Lesehalle 800 JL, Hirsch Plato- Stiftung 500 JL und Hirsch Julie Plato-Stiftung 500 Ji, wogegen der Betrag für das Lehrerseminar Köln in Wegsall kommt. .

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