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Neue jüdische Presse · 1910-04-15 · Heft 15 (15.4.1910) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 15 (15.4.1910)
Date
1910-04-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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^tanhfutfet Jfrurlitifdirs lamüimblatt. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnement-preir pro Bierteljahr: In Frankfurt a. M. M. 1.— frei in- Haus. Bet der Post abonniert tm In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich»Ungarn Mk. 1.50, sonstige Länder Mk. 2.— ■ , ... ... > KehaLtio» u«d ch-schLft-fteUe: Srankfurt a. m.. vtltelnßraße 4/6, &f< Lleichstraße P-Lef«« 10507. HeraAAgeVer: Kalchesis. , n Jnsertionipreise: Die viergespaltene Petitzeile. Die Reklamezeile. 100 „ Platz- und Daten-Borfchrift ohne «erbindlichkrtt. BeUagen: Preis nach Uebereinkunft. -- 8. Jahrgang. Freitag, den 6. N88un 567V (15. April 1S1V). Rr. 15. Inhalt des HausttblatteS. Artikel: Nicht überrumpeln lasten! — Die jüd. Jugend des Ostens. — Ein jüd. Soldatenheim in Metz. — Aus aller Welt. —Feuilleton: Auge um Auge. — Der Becher des Elias. — Wochen-Kalender. — Familiennachrichten. Barmizwohs. Nicht überrumpeln laffen! Bei' uns Juden galt stets das Recht als als Recht, und deshalb ist es ganz gleichgültig, ob der Deutsch-Israelitische Gemeindebund für seinen Entwurf eines staatlichen Organisationsgesetzes der jüdischen Gemeinden Preußens eine sechsfache oder eine noch größere Mehrheit herausrechnet. Trotzdem ist es höchst interessant, die Rechnung des D. I. G. B. einmal unter der richtigen Beleuchtung zu betrachten. Eine Umfrage bei den Vorständen der Genieinden und der Provinzialverbände habe ergeben, daß fünf Sechstel der preußischen Judcnheit für den Entwurf sind, denn so groß sei die Zahl der Juden, die durch diese Vorstände vertreten werden. — Sind nun aber die Leiter der Gemeinden und der Provinzialverbände auch wirklich die Vertreter der preußischen Judenheit? Um das sagen zu können, wäre es doch vor allen Dingen notwendig, daß die Vertreter der jüdischen Gemeinden — diese und nicht die Gemeindemitglieder haben sich, nebenbei "bemerkt, zu Provinzialverbänden zusammengeschlossen — auch wirklich von ihren Gemeinden gewählt worden sind. Doch dies sind sie nicht! Sehr große Gemeinden entbehren biD jetzt das allgemeine, gleiche Wahlrecht, und zwar dank jener Elemente, die als Vertreter der Gemeinden gelten. So hat Köln das Dreiklassenwahlsystem, durch das die Menge der Gemeinde den Vermögenden gegenüber einflußlos gemacht ist. Und Frankfurt gar hat ein Wahlsystem, das selbst einen mecklenburgischen Ritter schamrot machen würde, denn in Frankfurt a. M., der Stadt der Demokratie, wählt sich der Vorstand der jüdischen Gemeinde selber. Aber selbst wenn sämtliche Mischen Gemeinden Preußens das allgemeine und gleiche Wahlrecht besitzen würden, wäre noch ztoeierlei in Erwägung zu ziehen: 1. daß, da sich fast stets nur zwei Parteien gegenüber stehen, durch dieses Wahlrecht häufig eine Minorität, die fast so groß wje die Majorität ist (siehe die jüngsten Wahlen in Posen!) in der Gemeindeleitung nicht vertreten ist, und 2. daß bei keiner einzigen Wahl in irgend einer Gemeinde die Frage des Organisationsgesetzes aufgeworfen wurde und so keine einzige Gemeindevertretung auf diese Frage hin gewählt worden ist, Das Verhindern jeder demokratischen Gestaltung des Gemeindewesens seitens der Plutokratie hat bisher hemmend auf die Entwicklung unseres jüdischen Lebens gedrückt, ist zum güten Teil schuld an dem Niedergang der deutschen Judenheit. Wie im Staate der Agrarier, aber mit weniger Recht, herrscht in den jüdischen Gemeinden die Plutokratie. Daß diese Plutokratie nicht auch noch bei uns in Preußen ein staatliches Gewand bekomme, das ist der wesentlichste Grund, weshalb wahrhaft freisinnig gesinnte Männer aller religiösen Schattierungen gegen den Entivurf eines staatlichen Organisationsgesetzes der jüdischen Gemeinden Preußens in der Form, welche diese Plutokratie mit aller Macht durchzwingen will, ihre Stimmen erheben. Ein Gewaltstreich, wie wir ihn sonst nur von Feudalen gewöhnt sind, ist schon dieser Versuch, durch ein Rechenkunststück die Majorität des Gemeindetages in eine Minorität zu verwandeln und so die Zugrundelegung des Antrages Friedmann für die erste Lesung des Entwurfs einfach zu ignorieren. Aber noch mehr, die Feudalen haben wenigstens ein Programm, für das sie kämpfen, eine gemeinsame Weltanschauung eint sie, und aus dieser Weltanschauung heraus treffen sie ihre Maßnahmen, — aber welches ist das Programm, das unsere Gemeindesiihrer einigt? Besitzen auch sie eine einheitliche Weltanschauung, für die sie eintreten?- Sind nicht vielmehr innerhalb der Gemeindevorsteher die verschiedensten jüdischen Schattierungen — radikale, liberale, gemäßigte usw. —, sodaß nur eines diese Elemente vereint, nämlich der Wille zur Macht. Eine Erscheinung, die wirklich sonst nirgends zu finden ist und die nur der geivaltige Jndifferentismus, eine Folge dieser Mißwirtschaft, erklärlich macht! Die bisherige Vertretung der preußischen Judenheit in Land und Gemeinde hat es dazu kommen lassen, daß Taufen und Mischehen ungeheuere Dimensionen erreicht haben. Haben die Herren noch immer nichts gelernt? Soll diese Zerstörung immer noch weiter um sich fressen? Sic wird es, wenn nicht durch ein Proportionalwahlsystem alle Klassen zur Betätigung und alle religiösen Richtungen zur freien Entfaltung gelangen. Doch dazu müßten sich unsere Gemeindegewaltigen gewöhnen, nicht nur als Staatsbürger, sondern auch als Juden liberal zu sein, — aber, Bauer, das ist etwas anderes! Die jüd. Jugend, des Ostens. Von Ben Koheleth. Drei Mädchen waren sie; zwei waren Schwestern. Sie entstammten reichen Familien in Minsk und lebten in Petersburg des Studiums halber. Und an einem Abend kamen sie zusammen, nahmen Gift zu sich und starben. Auf dem Tische aber fand man einen Zettel mit den Worten: „Wir sterben, weil das Leben keinen Sinn hat." Das ist die nackte, einfache Tatsache, die aber Bände spricht. Doch vorerst die Frage: Warum töteten sich wohl diese' drei Mädchen? Waren sie nicht reich, schön, gesund, klug und gebildet? Und trotzdem töteten sie sich; denn diese Güter, die einen Spießbürger und Philister wohl glück- I ich machen können, konnten sie, die idealen Töchter des jüdischen Volkes, nicht befriedigen. Denn chnen fehlte das, was erst das Leben schön und erhaben machen kann, chnen fehlten die I d e a l e. Und weil sie keine Ideale hatten, starben sie. Warum konnten sie aber keine Ideale finden? Kannten sie doch alle die moderne Literatur in all ihren Abarten, rühmt man doch der einen von chnen nach, daß sie Tolstoi auswendig wußte: Konnten sie sich nicht für die Ideale dieses Dichters begeistern, wenn sie überhaupt begeisterungsfähig waren? Wie man sieht: nicht! An den unnatürlichen Forderungen eines Tolstoi, an den wahnwitzigen Ideen eines Nietzsche, an den hypermodernen Ansichten eines Ibsen oder gar an den anwidernden Idealen eines Artzibaschew konnten re, die Töchter des jüdischen Volkes, keinen Gefallen finden. Nur für jüdische Ideale hätten sie sich zu begeistern vermocht; — diese aber fchlten ihnen. Und so starben sie, nicht weil ihnen Ideale überhaupt, sondern weil ihnen jüdische Ideale fehlten. * * * Verdient es dieser Fall überhaupt, vor der Oeffentlichkeit behandelt zu werden? Geschehen Selbstmorde nicht alle Tage? Nun, als Einzelfall wäre der Selbstmord der drei Mischen Mädchen in Petersburg sicherlich nicht der Betrachtung wert gewesen. Aber diese Tragödie der drei Mädchen ist ein bedeutsames Symptom. Sie ist zugleich d.ie Tragödie eines großenTeiles der jüdischen Jugend in Rußland. Es gab Zeiten, in denen die Lage unseres Volkes ejne so furchtbare war, daß man an seine Zukunft verzweifeln mußte, — aber dennoch erhielt es sich. Und wieso? Weil es Ideale hatte! Solange das Mische Volk seine jüdischen Ideale hatte, war es vor dem Untergange gesichert. Sogar zu Zeiten, wo, wie in der Haskalah-Periode, dem jüdischen Volke innere Gefahren drohten, wo versucht wurde, alles Alte und Ueberlieferte, all das, was das Judentum überhaupt erhalten hatte, niederzureißen, auch in solchen gefährlichen Perioden haben nur die Ideale einen allzugroßen Schaden verhütet. Einzig und allein weil die Juden des Ostens sin Gegensätze zu ihren westlichen Brüdern ihre jüdischen Ideale bisher bewahrt haben, war auch der Osten der Ort gewesen, aus dem das Judentum immer neue Kraft schöpfte, der Ort, dem das Judentum die zu seiner Erhaltung notwendige Energie entnahm. Und innerhalb der östlichen Judenheit war es wieder die Mische Jugend, in der die jüdischen Ideale am kräftigsten weüerlebten. Das war noch bis vor fünf Jahren. Dann kam die unselige Revolution. Und alle Hoffnungen und Wünsche, alle Träume und Ideale übertrug man auf diese Revolution. Niemand hat in dieser russischen Revolittion soviel auf's Spiel

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