Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 14 (8.4.1910)
- Date
- 1910-04-08
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Nr 14. „Die Iudcn haben sich selbst dnrch ihre Beteiligung an der Revolution geschadet. Der „Bund" und die andern haben der Regierung viel Böses zugefügt. ErziehctenrcKinder in Treue zum Thron, so wird sich der schlechte Eindruck mit der Zcit vcrwischen. Möglicherweise werden sich sodann ans diesem Gebiete andere Ansichten zeigen." Günzburg erwiderte: „Außer den Juden haben sich doch auch andere Völker an der Revolution beteiligt. Juden gibt es ja nur sechs Millionen. Um zu den Juden zu sagen: „Seid gut," ist cs nötig, daß man ihnen verspricht, daß ihre Lage dann verbessert werden wird." Darauf Stolypin: „I ch nb erneh me überhaupt keine Verpflichtungen. Wechsel habe ich nie ausgestellt." Stolypin reichte dann Polakow und Günzburg die Hand, den andern aber nicht, und entfernte sich. — Welcher Hohn spricht aus dieser Haltung, den sechs Millionen Juden Rußlands, die stets — auch vor der Revolution — geknebelt waren, nur unbegründete Vorwürfe zu machen, ja sogar von ihnen, die inan als vogelfrei erklärt und pogromiert, Loyalität zu verlangen. Daß übrigens die Worte Stolypiits nicht der Wahrheit entsprechen, braucht nicht besonders gesagt zu werden, denn seine Versprechungen den Juden gegenüber in der ersten und in der zweiten Duma sind noch in aller Erinnerung. Von einem russischen Ministerpräsidenten war nichts anderes zu erwarten. Was ivir aber an der ganzen Assaire auszusetzen haben, ist der Umstand, daß die Vertreter der russischen Judcnheit überhaupt den Schritt zur Audienz taten; sie hätten wissen müssen, daß sic damit die Ehre der russischen Judenheit aufs Spiel setzten. Der Besuch bei Stol'ypin hätte unter keinen Umständen gemacht werden dürfen! Brief aus Ungar». Die eiserne Hand des Ministerpräsidenten hat mit einem Schlage alle morschen Partcirahinen gesprengt. Durch. sein Auftreten sind die veralteten Prinzipien mitsamt den verknöcherten Trägern von der Bildflächc des öffentlichen Lebens verschwunden. Die Flutwelle des nahenden Wahlsturmes trägt schon jetzt Trümmer zerschellter Parteibarken, die ziel- und steuerlos hin und her geschleudert werden. Was eine Fahne hat, wird zur Hilfe gerufen. Wo man festgefügte Organisation vermutet, werden Verhandlungen angeknüpft. Und so geschah es zum ersten Male, daß der ungarische Premierministcr mit denLcitern der zionistischen Landeszentrale politisch verhandelte. . Die vierzehngliedrige Deputation unter Führung des Landespräsidenten Dr. BelaOesterreicher machte beim Grafen K h u e n ihre Aufwartung. Sie forderte „Gerechtigkeit für ihr selbstloses Wirken und die Gewährung der Möglichkeit, die zionistische Bewegung ins gesetzliche Geleise zu leiten". — Der Minister gab seiner Verwunderung darüber Ausdruck, daß eine solch humane Bewegung bis heute keine Genehmigung von den vorigen Regierungen erhalten hat und machte die Zusage, „er hoffe, in den nächsten Tagen seinen bestätigenden Bescheid für die Statuten der Landesorganisation geben zu können". Bleibt diese Bestätigung nicht aus, dann beginnt eine neue Periode in der ungarisch-jüdischen wie zionistischen Geschichte. Denn die Hunderttausend«: unserer ungarischen Brüder warten nur auf das Stichwort, uni sich unter die Fahne des Zionismus zu schaaren und mit das Werk der Befreiung, das ein geborener Bndapester, Herzl, begonnen hat, zu vollenden. ' Bis jetzt schwebte der ganze ungarländische Zionismus in der Luft. Es gab hier — Dank der offiziellen Judenheit — nur Zionisten, aber keinen Zionismus. Mü dem ganzen Aufwand advokatischen Raffinements mußte gearbeitet werden, Franffuicker MraÄtrstheS Fanuüenblatt. um durch die Maschen der hindernden. Paragraphen zu schlüpfen. Es war die letzte Schlauheit nicht, dem ungarischen Parteiblatt den Namen „Ungarische zionistische Landesorganisation" zu geben, um so die einzige Möglichkeit zu haben, durch eine Adresse mit den Gruppen »nd Vertrauensmännern zu korrespondieren. Unser Kraftreservoir umfaßt, was vielleicht nicht genug bekannt ist, eine ganze Million jüdischer Seelen, an deren Bewußtseinsschwelle das jüdisch-nationale Empfinden mitspricht. Die ungarischen Assimilationsprediger haben es nicht vermocht, aus der Seele des Volkes die Liebe zum „Altneuland" zu reißen. Unsere Leute lassen es sich nicht genug sein, ihre Kaulelbüchsen pünttlich zu füllen. Neben der Höchstleistung sür das Kaulel, dem Ungarn Millionen Kronen jährlich zuführt, liefern wir auch einen Teil unseres überflüssigen Mcnschennraterials nach Ercz Israel ab. Selbst Szabolcsi, der Offiziosus der Amalgamantcn, muß, der Not gehorchend, mit dem Strom mit und für Palästinas Werke Propaganda machen; in seinem Organ „Egyenlöseg^ hat er für ein Mausoleum aus dem Grabe Rachels viele tausend Kronen gesammelt. Die Orthodoxie unter Leitung Rabbi Koppel R c i ch' s rüstet zu einer grandiosen Manifestation ihrer Liebe für das heilige Zion. Die geplante P alästinä r cise wird mehr als eine spontane Gcfiihlskundgebung sein. Man hat die feste Absicht, die Lebensniöglichkeitcn in Palästina zu. studieren und wird mit vereinten Kräften die Propaganda für Jischuw Hoorez einsetzen. Ueberhaupt geht jetzt ein großer Zug durch das geteilte Lager unserer Konsessionsgenossen. Trügen nicht die Zeichen und findet die Stunde das umfassende Genie, das sich mit kühnem Geistesschwung auf die Höhe der Situation cmporhebt, dann kann unser ungarisches Judentum trotz seiner Zerklüftung cinenl wundergleichcn Zauberfrühling entgegcngesührt werden. Z i o n i. Jargon oder Hebräisch? Bon Dr. N. Jargon oder Hebräisch? — eine merkwürdige, unnatürliche Frage. Denn ist: cs nicht unnatürlich, daß ein Volk, das seine Geschichte bis auf den Ursprung aller menschlichen Zivilisation zurückführt, das eine bis auf den heutigen Tag unerreichte Kultur geschaffen hat, daß ein solches Volk nun nach jahrtausendlangcr Existenz plötzlich nicht mehr weiß, welches seihe 'Nationalsprache ist? Wahrlich! In dieser Fräße: 'Jargon oder Hebräisch? ist dieselbe Tragikomik enthalten, die allen Problemen unseres nationalen Seins, ja unserem nationalen Sein selbst, den charakteristischen Stempel aufdrückt. Und doch! Die Frage ist - nun einmal da, sie wird im Osten eifrig besprochen und diskutiert, und trotz ihrer Unnatürlichkcit ist sie doch von solch eminenter Bedeutung für die Entwicklung unseres ganzen Volkes, daß sie auch in einem westeuropäischen jüdischen Organ behandelt zu werden verdient. r .* * * Gehen Ivir zuerst dem U r s p r u n g der Frage nach, denn man wird oft die Lösung eines Problems ans der Betrachtung der Umstände finden können, die zu der Entstehung dieses Problems geführt haben. Und in der Tat! Es bedarf nur einer flüchtigen Betrachtung der Entstehung dieser Frage, um zu sehen, wie künstlich und d ar N m unnatürlich die ganze F r a g c st c l l u n g i st. Jahrhunderte lang haben die östlichen Juden den Jargon gesprochen, und es ist niemand eingefallen, zu behaupten, daß Jargon die Nationalsprachc des jüd. Volkes sei; vielmehr war es eine Selbstverständlichkeit, daß die einzig mögliche Nationalsprache das Hebräische sei. Selbst als Jargonzeitungcn entstanden und sich eine Jargonlitcratur zu entwickeln begann, da wagte auch niemand, .den Jargon als Nationalsprache zn proklamieren. Denn man wußte wohl, daß eine Jargon- ' literatur entstand, weil es das 'Zeit- und Tagesbedürfnis erforderte; und die Schriststeller, die ihre Werke vor dem zeitlichen Untergang retten und sie der fortbestehenden Literatur ihres Volkes einverleiben wollten, übersetzten ihre Werke ins Hebräische. (Mendele Mocher Sforim: Scholanm Aleichem). Doch mit der Zeit traten Dichter und Schriftsteller auf, die des Hebräischen nicht mächtig waren. Mer auch sie wollten ihren Schriften einen Ewigkeitswert geben. Was taten sie? Sie proklamierten e i n f a ch, de n Jargon als jüd. Nationalsprache. Zn ihnen gesellten sich Leute, die, von einer instinktiven Freude am Widerspruch getrieben, in dieser jungen Bewegung Gelegenheit zu neuen Streitigkeiten und Zänkereien witterten und diese Gelegenheit mit Freuden ergriffen. Man begann also Reden zn halten, Artikel zn schreiben, eine internationale Jargonkonfcrenz wurde einberufen, ein Kampforgan wurde gegründet, und — die feierliche Erhebung des Jargons zu dem Range einer jüd. Nationalsprache war vollendet; zn dem Range einer jüd. Nationalsprache, denn das Hebräische ganz aus der Welt zu schaffen, wagte man noch nicht. Doch der Mut dieser Jargonkämpfer wuchs, ihre Kampfeslust trieb sie immer weiter und weiter, und so haben wir denn heute auch Leute, die den Jargon als einzige jüd. Nationalsprache betrachten. Blau ersieht aus dieser in kurzen Zügen dargestclltcn Geschichte der Jargonbewegung, w i c lächerlich und allen historischen Gesetzen h o h n s p r c ch e n d die Forderungen dieser Stürmer sind. Man glaubt, wieder jene verrückten Schwärmer der französischen Revolution vor sich zu haben, die durch ein Dekret den alten Gott absehten und an seine Stelle eine neue Göttin der Vernunft setzen zu können glaubten, wenn man sieht, wie diese modernen Phantasten durch die Resolution einer Konferenz eine neue Nationalsprache schaffen wollen. Diese Jargonschwärmer scheinen sich gar nicht über die Eigenart, über die notwendigen Eigenschaften einer Nationalsprache klar zn sein. Was ist denn eine Natio n al sp rache? Die Nationalsprache eines Volkes muß die Sprache sein, die ein Erzcngnisdicses Volkes ist und in seiNer ganzen Zu - s a m m e n s e tz u n g die Eigenart dieses Volkes auswcist. Sie ntnß ferner eine Ver g an gen h eit h aben, d. h. die geisti gen E r z e u g n i s s e d e s V o l k c s m ü s s e n g r ö ß t e nteils in dieser Sprache abgefaßt sein. Und endlich m u ß s i e eine Zukunft haben, b. h. e s m u ß die sichere Aussicht bestehen., daß diese Nationalsprache irgend einmal auch Umgangsspräche des Volkes werden wird. Daß die hebräische Sprache all. diese Eigenschaften besitzt, braucht nicht bewiesen zu werden. Daß das Jargon aber keine dieser Forderungen erfüllt, soll kurz gezeigt werden. Was die ersten zwei Eigenschaften anbetrifst. so wird sie wohl niemand jnr den.Jargon in Anspruch nehmen. Es kann sich also nur um die dritte handeln, um die Frage, ob der Jargon eine Zukunft hat. Die Jargonkämpfer bejahen dies, jeder kühl überlegende Mensch wird es verneinen müssen. Abgesehen davon, daß der Jargon niemals Gemeingut des'ganzen jüd. Volkes werden wird, ist auch keinerlei Hosfung vorhanden, daß er sich auch bei den östlichen Juden für die Dauer erhalten wird. Schon heute kann man wahrnehmen, wie die jüd. Jugend Rußlands immer mehr zum Russischen oder Polnischen übergeht. Die noch den Jargon sprechen, gehören größtenteils der alten Generation an. Die Alten aber leben nicht ewig, und so ist schon heute die Zeit vorauszusehen, wo der größte Teil der russischen Judenheit den Jargon vergessen haben wird. Dieses Geschick des Jargons sehen wohl auch die meisten der Jarg o u s ch w ä r m e r voraus. ■ S i e kämpfen aber dennoch für i hu,. iiriit bcnt Hebräischen zu schade n.K * In der sicheren Einsicht, daß der Jargon früher oder später vom Russischen ersetzt werden wird, verkünden sip doch die Weitcrexistenz des Jargon, proklamieren sie ihn doch als die jüd. Nationalsprache, einzig und allein, damit die Massen das Hebräische nicht lerne», es vielmehr vergessen sol - l c n. Diese Leute wissen wohl, daß solange die Masse hebräisch versteht, sie auch national ist, und so ist ihr einziger Zweck, durch die Verherrlichung des Jargon das Vergessen des Hebräischen, damit aber die Entnationalisierung und Assimilierun g der Massen zn erreichen. Ist nun die Gefahrlosigkeit der ganzen Jargonbewegung erwiesen, so ist auch die F u r ch t nicht zu begreifen, die diese Bewegung verschiedenen hebräischen Schriftstellern eingeflvßt hat. Diese übertriebene Angst ist ebenso unbegreiflich und lächerlich wie die unreifen Forderungen der Jargonjchwärmer. Man darf den Jargon nicht fürchten und ebensowenig bekämpfen. Denn trotz seines unjüdischen Ursprunges ist der Jargon doch in vielen Beziehungen spezifisch jüdisch geworden und hat wesentlich zur Erhaltung des Judentums innerhalb der jüd. Massen des Ostens beigetragen. Aber diese bedeutsame und nutzbringende Stellung, die. der Jargon eingenommen hat, schwindet immer mehr, und es ist,