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Neue jüdische Presse · 1910-04-08 · Heft 14 (8.4.1910) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 14 (8.4.1910)
Date
1910-04-08
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 14. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 3. wie gesagt, schon, die Zeit vorauszusehen, wo er nur noch etwas Historisches, etwas Dagewesenes sein wird. Man kann diesen Borgang beklagen, aber nicht aufhalten. So erhebt sich schon jetzt die bange Frage: Was tun? eine Frage, die unendlich viel wichtiger und bedeutsamer ist als der ganze Windinühlenstreit für oder gegen Jargon. Was muß jetzt geschehen, jetzt, wo der Jargon dahinschwindet und mit ihm die nichtigste äußere Trennungsmauer zwischen der jüd. Bevölkerung und den anderen? Welche Stütze muß. den östli ch en Juden an Stelle des Jargons gegeben werden, wenn man will', daß sie nicht völlig e n t n a t i o n a l i s i e r t werden? Da müssen ivir wieder zu dem alten Rezepte greifen, das immer noch das einzige und beste war, zu der bewußt -nationalenErziehu n g. Die Erziehung ist bas wirksamste Gegenmittel, das der Mensch dem Lauf der Geschichte, dem Schicksal entgegenstellen kann. Ebenso stark wie bas Milieu, wirkt die Eric h u n g auf den Men scheu ein. Ist doch ie Wirkung, die das Milieu ausübt, im Grunde genommen, auch eine Art von Erziehung, d. h. das Milieu Prägt der Persönlichkeit des einzelnen Individuums fremde, neue Züge auf, sei cs in geistiger oder sittlicher Hinsicht. Nun ist aber der Einfluß, den die Jugenderziehung ausübt, ein nachhaltigerer als der des Milieus, weil eben der Mensch in seiner Jugend aufnahmefähiger ist. Daraus ergibt sich, daß.eine gute Erziehung das einzige nachhaltige Mittel ist, das dem Menschen die Eigenschaft und die Kraft verleiht, gegen die ungünstigen Wirkungen des Milieus anzukämpfen. Mithin konzentriert sich das ganze weite Problem der Erhaltung des jüd. Nationalismus unter den jüd. Massen auf das engere der nationalen Erziehung. Man kann aber d i e j ü d. Jugend nur dadurch erziehen, daß man sie d a s H e b r ä i s ch e l e h r t. Denn die Kenntnis des Hebräischen hat auch eine Kenntnis der jüd. Literatur zur Folge, und ist ein Jude erst einmal im Judentum bewandert, dann ist die Gefahr einer Assimilierung fast vollständig beseitigt. Aus all dem Gesagten ergibt sich: Der Versuch, der Jargon zur jüd. Nationalsprache zu erheben, ist allen historischen Gesetzen zuwiderlaufend, und darum unnütz und gefahrlos. Eine Bekämpfung des Jargon als Umgangssprache ist unnötig, weil der Jargon durch "die Macht der Verhältnisse einemschnellen Ende entgegengeht. Der neue Zustand, da die Juden das Russische oder Polnische als Umgangssprache annehmen tverden, kann überaus gefährlich werden- und die Assimilierung herbeiführen, toenn keine Gegcnmaßregeln ergriffen werden. Die wichtigste Maßregel besteht in einer bewußt-nationalen Erziehung. Das geeigneteste Mittel hierzu ist wiederum der Unterricht im Hebräischen. . So entsteht aus diesem in Rußland gegenwärtig tobenden Sprachenstreit für die Führer der rnssischcn Juden die wichtige Aufgabe, die Massen von der Bedeutung des Hebräischen zu überzeugen und so eine nationale Erziehung hcrbeiznführen. Wird die jüd. Bevölkerung einmal das Hebräische keiinen, dann werden in der Zukunft keine solche Verirrungen entstehen; es wird niemand dann einsalleii, den Jargon als jüd. Nationalsprache zu proklamieren: vielmehr wird cs >vi e d e r wi e ei n stc ns eine Selb stv e r st ä u d l i ch k e i t werden: Die einzige N a t i v n a l s p r a ch c des j ü d. Volke s i st das H c b r ä i s ch e. Aus den Geschehnissen des Tages. D^r D e ikts ch - I s r a c l. G e in e i n d e b u n d versendet 'folgende Mitteilung an die 'jüdische Presse: „Im Zusammenhang mit der Frage der Schaffung eines Orgauisationsgesetzes für die jüdischen Gemeinden P r e u ß e n s wird die nachstehende Feststellung interessiere», weil durch sie dargetan wird, daß der Deutsch-Israelitische Gemeindebund der l c g i t i in i e r t e Vertreter des jüdischen Gcmeiudewcsens in Preußen ist Unter den 1016 Bundesgemeindcn, hie zurzeit dem Deutsch- Israelit. Gcineindebund angehören, befinden sich 641 preußische mit einer gesamten -Leelenzahl von 631452. In allen noch nicht zum Bunde gehörigen preußischen Gemeinden unter Hinzurech- .nung der Ortschaften, in denen einzelne Inden zerstreut und keiner Gemeinde zugehörig wohnen, befinden sich insgesamt nur 78 049 jüdische Seelen, also nur Vs aller. Nun gehören aber, noch verschiedene Gemeinden, die nicht direkt Buudcsgemeinden des Deutsch-Israel. Gemeindebundes sind, den Provinzialverbänden an. Sämtliche Provinzialbezw. Bezirksgcmeindeverbände sind aber Mitglieder des Gemeindebundes, svdaß noch ein beachtenswerter Bruchteil des nicht direkt dem Deutsch- Israel. Geineindebunde Angehörigen Fünftels doch indirekt von ihm vertreten wird." Man ersieht daraus, daß der Deutsch-Israelit. Gemeindebund unentwegt darauf hinarbeitet,- -die preußische Judenheit mit einem Konsistorium zu beglücken. Kein Wort davon, daß er seinem Gesetzesentwurf für die dritte Lesung endlich die Gestalt zu geben gedenkt, die die Grundsätze der Demokratie und Gewissensfreiheit fordern. Seine ganze Tätigkeit in dieser Richtung hatte im Gegenteil nur das Kunststück im Auge, den bei der zweiten Lesung angenommenen 'Antrag des Justizrats Friedmann in der Versenkung verschwinden zu lassen. — Soviel für heute; mir werden auf diese Angelegenheit noch des ausführlichen zurückkommen. * Mit dem Liberalismus der liberalen Presse ist es so ein eigen Ding, — er hört mitunter grade bei uns Juden auf. So haben jüngst die „liberalen" M ü n ch e n e r N e u e st e n Nachrichten einen Bericht aus Rumänien gebracht, der der Staatsbürgcrzeitung Ehre gemacht hätte. „Eine Besserung in der rechtlosen Lage der rumänischen Judenheit sei mit dem nationale» Charakter des rumänischen Staates und mit seiner Mission außerhalb der Grenzen entschieden unvereinbar". Nun, mit dieser Anschauung hätte mau in allen Ländern uns Juden die Gleichberechtigung verweigern können. Der Haß des Blattes scheint, wie es auch verrät, daher zu stammen, daß sich die Sympathien der rumänischen Juden der reorganisierten sozialistischen Partei, die die Einbürgerung der Juden Rumäniens verlangt, zugewandt haben. Es hat da aber vergessen, daß Liberalismus heißt, andere Meinungen respektieren. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Berlin. Der 4. Delegiertentag des Verbandes der Sabbatfreunde war aus allen Teilen Deutschlands gut besucht und bewies damit das lebhafte Interesse, das dieser ivichtigen Organisation von der orthodoxen Judenheit Deutschlands eutgegeugebracht wird. Man faßte in de» zweitägigen Versammlungen ii. a. folgende Beschlüsse: 1. In geeigneter Weise an Geschäftsinhaber, die selber nicht den Sabbat halten, aber bereit sein dürften, Angestellte am Sabbat von der Arbeit zu befreien, heranzutreten. 2. Den Ortsgruppen zu empfehlen, Jugend- Sabbatvcreinc zu gründen, die für Belehrung und Unterhaltung sorgen. 3. Der Ortsgruppe Berlin die Mittel zur Gründung eines Jünglingsheims .für sabbathaltendc junge Leute zur Verfügung zustellen. Als Geschüftsführender Ausschuß wurden Dr. B i b e r f e l d, P l a ch t a, Lazarus, Gradenw i tz wieder- und für den ausgeschiedcnen Rechtsanwalt Gronemann,M a x Jaffa uengewählt. Marburg. Die hiesige jüd. Gemeinde feiert in diesem Jahre das 100 jährige Bestehen ihrer S y n a-g o g e. Bekanntlich wurde bei dem großen Brande vom 31. Januar 1809 auch die Synagoge ein Raub der Flammen. ,. (L.) Posen- Rentner Hermann Scherek hat aus 'Anlaß - seiner ltcbersiedelnng nach Berlin folgende Spenden gemacht: für verschämte 'Arme ohne llnterschied des Glaubensbekenntnisses 5000 für den Spendenfonds des Oberbürgermeisters 500 ./#., für das Latz'sche Krankenhaus 500 ,lh, für den israel. Kindergarten 300 .1(., für das Ritsche - Flatausche Mädchen- und Knabenwaisenhaus je 300 ,l&, für den Armen - Hilfsverein 200 für den Verein „Frauenhilfe"' 200 ,lh und für das Mädchenhcim 200 JL Oesterreich-Ungar«. Budapest Hier wurde gestern in Gegenwart des Ministerpräsidenten und vieler Honoratioren der staatlichen und jüdischen Gesellschaft das sogenannte „W c i ß e H o s p i t a l" e i n g ew e i h t. Es ist dies ein Wöchnerinnenheim, für 30 Bewohner eingerichtet, das auf Kosten des Patronenfabrikanten Manfred Weiß von E s c p e l errichtet wurde — er gab dafür mehr als 500 000 Kronen — und unter Verwaltung des Israelit. Frauenvereins steht. 'Aufgcnominen werden nur verheiratete Frauen, doch ohne Unterschied der Konfession.;'! am Rußland. Petersburg. Im Laufe der letzten Woche kam die Rabbiner ko n seren z zu b e st i m m t e n B e s ch l ü s s e n hinsichtlich der wichtigsten Traktanden: der Rabbinatsfrage und der Frage der Organisation der Gemeinde. Daß. die angenommenen Resolutionen schließlich doch viel mäßiger ausgefallen sind, als mau nach der Zusammensetzung der Konferenz hätte erwarten mögen, erklärt sich dadurch, daß ein Teil der Rabbiner unter Führung des hervorragenden litauischen Gaou Soloweitschik-Brest den „Intelligenten" gegenüber eine versöhnlichere Stellung eingenommen hat, als der Lubawitscher Zaddik und seine imbedingten Anhänger wünschen mochten. Im allgemeinen vertreten die Orthodoxen folgende Forderungen: An der Spitze "der Gemeinde steht der .geistliche Rabbiner, den die Regierung offiziell anzuerkennen habe. Das Institut des Kronrabbinats ist abzuschaffen. Profane Bildung ist für den Rabbiner nicht obligatorisch; jedenfalls aber soll der Bildungszensus auf ein Minimum reduziert werden. Sämtliche öffentlichen Institutionen, als da sind Gemeindeschulen, Jeschiboth, Talmiid-Thoras, Waisenhäuser, Greisen- und Siechenhäuser usw., stehen unter der Oberleitung der Rabbiner. In den gewählten Vorstand einer jeden Institution gehört eo ipso der Rabbiner hinein, dem das Recht zustcht, gegen die Beschlüsse des Vorstandes sein Veto geltend zu machen. Unter dieser Bedingung erklärte sich ein Teil der Rabbiner bereit, eine wirtschaftliche Organisation der Gemeinde auf autonomer Basis mit gewährleistetem Selbstbesteuerungsrecht anzuerkennen. Im Laufe der Debatte fielen scharfe Worte gegen die „Intelligenten", speziell von seiteu des Lubawitscher Zaddik; diese blieben jedoch versöhnlich. Beruhigend griff auch Rabb. Soloweitschik ein. Am 23. Mä^ kam es schließlich in der Rabbinatssektion zu folgenden Resolutionen: 1. Das gegenwärtige, vom Gesetz anerkannte gesellschaftliche (Krön-) Rabbi nat entspricht in vielen Fällen seinen Aufgaben nicht. (Bemerkenswert ist, daß dieser Punkt einstimmig angenommen wurde, daß also auch die Kronrabbiner ‘ dafür stimmten, wie sie denn überhaupt auf der Konferenz keine „Standesinteressen" geltend machen.) 2. Die Lage der Personen, die von den jüdischen Gemeinden zur Lösung religiöser Fragen und zur Leitimg der religiösen Angelegenheiten berufen werden (der geistlichen Rabbiner), erscheint ganz und gar anormal. 3. Das zurzeit bestehende Gesetz bestimmt ausreichend die Bedeutung und die Funktionen des Rabbiners. (Der Sinn dieses Beschlusses ist der, daß der Rabbiner, dem Standpunkte des Staatsgesetzes entsprechend, lediglich mid ausschließlich als religiöses Oberhaupt der Gemeinde anzusehen ist.) 4. Ein allgemeiner Bildungszensus in Form eines formellen Zeugnisses über die Absolvierung des Kursus irgendeiner Lehranstalt erscheint ü b e r f l ü s s i g und erschwert Personen, die sich wirklich für geistliche Hirten eignen, den Zutritt zum rabbinischen Beruf. 5. Jeder Rabbinatskandidat hat sich über die Kenntnis der jüdischen Glaubenslehre und darüber, daß er russisch sprechen und schreiben kann, in gehöriger Form auszuweisen. 6. Unabhängig vom Rabbiner darf die jüdische Gemeinde noch Rabbinatsassessoren (Moröhoraah) und „Chachamim" wählen, von denen gar kein Zensus verlangt wird (will sagen hinsichtlich der russischen Sprache). 7. Die derzeitigen geistlichen Rabbiner können auch ’ ohne Kenntnis der russischen Sprache zu Rabbinern gewählt werden. 'Als Referenten für die Plenarsitzung wurden Rechtsanwalt S l i o s b e r g und Rabbiner C h e i n - Njeshin (dieser als Vertreter der Minorität, die die Forderung der Kenntnis der russischen Sprache überhaupt ablehnt) bestimmt. — In der Plenarsitzung vom 26. März wurde über die Rabbinatsfrage im Anschluß an die Referate von Sliosberg und Chein debattiert. T c in kin , Rabb. Z ire lso h n, Dr. Perlmann und, Rabb. M a r k u s - Eupataria verteidigten die Ansicht der Majorität. Im Simie der Minorität sprachen Rabb. Chein, Rabb. P e r l m ann ui' a. I n der Plenarsitzung v o m .28) März wurden die von der R a b b i'n at's s e kt io n eingeb rächte Resolution mit 25 gegen 12 S t i m m e n a n g e n o m m e n. — * Am 18., 22. und 23. März tagte die S e kt io n für Organisation der Gemeinden. Sie faßte den prinzipiellen Beschluß, es sei an jedem Orte eine wirtschaftliche, (im Gegensatz zur geistlichen Gemeindeverwaltung, die Sache des Rabbinats ist) Gemeindeverwaltung zu schaffen, die alle religiösen, Wohltätigkeits¬ und Bildungsanstalten leiten soll. Ddessa. Verschiedenes. Der frühere Odessaer Rabbiner A w i n o w i tz k i wurde zum Zensor der jüd. Literatur in Petersburg ernannt. — Die Norm für die Aufnahme jüd. Schüler in die Odessaer Handelsschule wurde auf Fürsprache der Odessaer Kaufieute von 15 auf 47 vergrößert..— Aus Sit» an fuhr nach Amerika ein Dampfer mit 1200 Emigranten ab, die hauptsächlich nordwestrusfische Juden sind. — Der Vorstand der Kiewer jüd. Gemeinde hat beschlossen, zum Ministerpräsidenten Stolypin eine Deputation zu schicken; um ihn zu ersuchen, die Ausweisung der Juden aus Kiew einzustellen. L. Kadinskh.

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