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Neue jüdische Presse · 1910-04-08 · Heft 14 (8.4.1910) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 14 (8.4.1910)
Date
1910-04-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
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^tanfifutfev Istiklitisihks fpuiilirililnlt. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. 1 Kedaktt-ir imd H-schäfts.Sette: < r " — — .. Jnsertionspreise: AbonnementSpreit pro Bierteljahr: In Frankfrankfurt a. ITC., Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. furt a. M. Mk. 1.— frei inS Haue. Bei der Post ' abonniert im In» und Ausland M. 1,02 (ein» vildelerßraße 4/6, Lcke Lleichßraßr Die Steklamrzeile. 100 .. schließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: V-r-f-» 10807. Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit.! Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, Beilagen: sonstige Länder M. 2.— Preis nach Uebereinkunst. 8. Jahrgang. Freitag, den 28. Mar sclieni 5670 (8. April 1910). Nr. 14. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: DaS Sabbatproblem. — EineAudienz. — Brief aus Ungarn. — Jargon oder Hebräisch — Aus den Geschehnissen des Tages. — Aufs aller Welt. — Personalien. — Feuilleton: Auge um Auge. — Wachen-Kalender. — Familjennackrichten. Das Sabbatproblem. Während der langen Golusjahrhuiidcrtc Ivar der Sabbat stets die granitene Basis, die uns Halt und Festigkeit gab, — und seit wenigen Jahrzehnten ist seine Erhaltung plötzlich ein P roblcni geworden. In demselben Momente, als die christlichen Staaten sich der Sabbatidce näherten, indem sie" die Sonntagsruhe einführtcn, in demselben Momente wurde der Sabbat, der Träger der Sabbatidee aufs schwerste in seinem Bestehen getroffen. Nach Hunderttausendcn zählen die, die ihm untren geworden sind, weil seine Beobachtung nunmehr fühlbare materielle Schwierigkeiten macht. Wir sagen: fühlbare materielle Schwierigkeiten, denn einen materiellen Verlust hat ja die Treue zum Sabbat stets gebracht. So kam es, daß z. B. die Händler mit Rohprodukten (Metallen, Fellen, Getreide usw.), deren Geschäft nicht von der Arbeit des Tages, sondern von der Konjunktur abhängig ist, den Sabbat im allgemeinen wahrten, während z. B. die Besitzer von Fabriken oder Ladengeschäften den Sabbat und damit meist auch ihr gesamtes jüdisches Pflichtenleben opferten. Auch das Höchste — das war uns stets der Sabbat und wird cs uns stets bleiben — ist bei der Masse von der Magenfrage abhängig, — „En kemach, en thauro", Ivie bereits unsere alten Weisen gesagt haben. Das erkannte auch die Orthodoxie. In Deutschland, dem Lande, das — vor 20 Jahren — zuerst ein Sonntagsruhegesetz gab, wurde einBerbandderSabbatfreunde als erste Organisation zum Schutze des Sabbats geschaffen. Es dürfte nun heute an der Zeit sein, sich darüber klar zu werden, inwieweit der Verband seine große Aufgabe erfüllt hat. Ist er mit seinen 6000 Mitgliedern doch bereits die größte orthodoxe Organisation Deutschlands! Freilich, diese imponierened Zahl erscheint sofort in einem anderen Lichte, wenn man ihr entgegenhält, daß Deutschland 600000 Juden zählt. Letztere Tatsache hat man merkwürdigerweise auf keiner der bisherigen Tagungen des Verbandes der SabbatfreUnde ins Auge gefaßt. Man hätte sich sonst nicht in den Glauben cingelullt, mit einer Stellenvermittlung, Schriften über das Wesen und die Bedeutung des Sabbats, den Peah- Gründungen, die besten Falls einigen Dutzenden Arbeitern und Handwerkern in Deutschland eine sabbatsreie Existenz geben, etwas für die Lösung des Sabbatproblems getan zu haben. All' diese Schöpfungen sind sicherlich herzlich gut gemeint, es gehen ihnen .aber tiefere Erfassung der wirklichen Situation und Großzügigkeit ab. Wir stehen der Erhaltung des Sabbats nach der bisherigen Methode hülslos gegenüber! Tie Einrichtungen des Verbandes vermögen wohl einige Schwankende zu halten — und das ist schon verdienstvoll! —, aber der größte Teil derer, der vor der Entscheidung steht, ob er dem Sabbat Treue bewahren und damit seine Existenz crschtveren, ja — wie er häufig meint — in Frage stellen soll oder nicht, wird durch sie nicht vor dem Abfall geschützt. Hier in Deutschland ist leider der Sabbat bereits zerstört, nur noch ein Bruchteil der Juden hängt ihm an, — und dieser Bruchteil verliert trotz des Verbandes der Sabbatfreunde immer wieder und wieder an seinem Bestände, weil eben _ Luigi Luzzatti, der neue italienische Ministerpräsident. Jr die sozialen Verhältnisse stärker sind als die religiösen Einflüsse. Aber im Osten, der noch heute drei Viertel der Gesamtjudenheit umfaßt, hat der Prozeß des rapiden Verfalles erst begonnen, denn in Rußland und in Oesterreich-Ungarn ist erst vor wenigen Jahren die Sonntagsruhe zur Einführung gelangt. Soll es auch im Osten so werden, wie cs bei uns im Westen leider bereits geworden ist? Und das nur, weil Kurzsichtigkeit und Vorurteile den Blick in die Weite trüben! Es gibt eineLösnng, —Palästina lautet sie! Dort in Palästina ist alle Gewähr dafür geboten, daß der Sabbat erhalten bleibt. 700000 Juden sind während der letzten fünf Jahre aus dem Osten nach dem fernen Westen ausgewandert, — wenn nur diese answandernden Massen, die der Osten fortwährend hinauswirft, durch die materielle Hülfe ihrer westlichen Brüder nach Palästina dirigiert werden können, schon dann wäre unendlich viel geholfen, schon dann wäre um das Vielfache mehr erreicht, als sämtliche Verbände der Sabbatfreunde bei ihrer bisherigen Praxis erreicht haben und erreichen können. Möchten alle, die cs ehrlich mit der Zukunft des Judentums meinen, sich prüfen, ob sie bisher ihre Pflicht getan haben. Manchem wird es daun zum Bewußtsein kommen, daß die bisherige Selbstgenügsamkeit eines großen Teiles der Orthodoxie ein unverzeihlicher Fehler war und die Anzeichen einer Besserung vorläufig noch zu geringe sind. Eine Audienz. Wenn man zu loyal ist. — Doch vielleicht war es auch das Bestreben, den Beschlüssen der Rabbinerkonferenz den Weg zu ihrer Bestätigung seitens der Regierung zu bahnen, die die Teilnehmer der Petersburger Rabbinerkonferenz veranlaßte, uni eine Audienz bei Stolypin nachzusuchen. Die Audienz wurde gewährt. Doch die als Vertreter der russischen Judenheit das Minister- Palais betraten, verließen es wieder wie bestrafte Schulbuben. Volle zwei Stunden ließ Stolypin die zehn Herren der jüdischen Wordnung im Vorraume warten. Und nachdem er sie mit diesem Warten gedemütigt hatte und sie dann gnädigst zu empfangen geruhte, auch da verbarg er nicht seine wahre Gesinnung, die die eines Judenfressers ist. Er ließ die Abordnung, die die Elite der russischen Juden sowohl an Familienadel und Reichtum, als auch an Thoragelehrsamkeit und Profanem Wissen darstellt, stehen und nahm eine zynisch-spöttische Haltung ein. Und das derselbe Mann, der sich beständig als der Verteidiger der Religion aufspielt, den frömmsten und gelehrtesten Männern der Gesamtjudenheit gegenüber! Stolypin wandte sich zuerst an den Vorsitzenden der Konferenz, Baron 2. Günzburg, mit der Frage, wie die Konferenz arbeite. G ü n zburg antwortete: Sehr gut. Daraus Stolypin: „Wie ich erfahre, stellte sich heraus, daß es bei euch zwei Arten Rabbiner gibt; die geistlichen Rabbiner existieren aber nur dank der Nachlässigkeit der Behörden." P o l a k o w ersuchte den Minister, die Beschlüsse der Konferenz zu sanktionieren, worauf Stolypin antwortete, er werde der Sache seine Aufmerksamkeit schenken. Stolypin wandte sich sodann an G ü n zb u r g mit der Frage, ob die Konferenz sich nicht in Politik einlasse. Günzburg versicherte, die Konferenz gehe aus dem Rahmen der Tagesordnung nicht hinaus. Darauf Stolypin: „Ich rechne auf Sie. Ich bin sicher, daß Sie nicht ablenlen werden." Rabbiner Zirelsohn dankte sodann dem Premier für die Einberufung der Konferenz und bat chn, auf die traurige Lage der Juden seine Aufmerksamkeit zu lenken. Daraus Stolypin:

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