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Neue jüdische Presse · 1910-04-01 · Heft 13 (1.4.1910) · p. Seite 10

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 13 (1.4.1910)
Date
1910-04-01
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. Nr. 13. 3. Die Anwesenden verpflichten sich, gemeinschaftlich für die Pro Pag and a der n ati onalen Idee und die Stärkung der deutschen Landesorganisation mit allen Kräften einz u t r e t e n. Die Konferenz hat die Erwartungen, die >vir an sie knüpften, voll gerechtfertigt. Die Aussprache über die gegenivärtig in Palästina zu leistende Arbeit hat zu allgemeiner Genugtuung ergeben, daß nach dieser Richtung hin im wesentlichen Einmütigkeit unter den deutschen Zionisten herrscht, wenn auch selbverstündlich in manchen Einzelpunkten Differenzen hervortreten. Andererseits hat die Konferenz mit Recht den Versuch unterlassen, die bei uns wie in anderen Parteien bestehenden gegensätzlichen Anschauungen und Bestrebungen uniformieren zu wollen. Die Konferenz war sich auch darüber klar, daß die Frage einer Bestätigung oder Abänderung der Parteileitung auf dem nächsten Kongreß außerhalb ihrer Befugnisse liegt und hat daher jedwede Meinungsäußerung über diesen Punkt abgelehnt. Die Debatten haben nach einhelliger Ansicht manche Aufklärung gebracht und die Lust zu gemeinsamer Arbeit ueubelebt. Die deutschen Zionisten aller Richtungen werden sich daher der gemeinsamen Propagierung unserer Idee in Deutschland und der Stärkung unserer Organisation nunmehr mit frischen Kräften widmen. Es wurde auch allgemein empfunden, daß die Aussprache, die hier im Kreise der deutschen Laudesorganisativn Früchte getragen hat, mit den Parteigenossen anderer Länder weiter geführt werden sollte. Aus diesem Grunde soll der Versuch gemacht werden, mit den übrigen Landcsorganisativnen und Föderationen in Verbindung zu treten und eine gemeinsame Aussprache mit den berufenen Vertretern derselben zu ermöglichen. Aus aller Wett. PalSMa. Jaffa. Verschiedenes. — Dr. Paul Nathan, Vorsitzender des „Hilfsvcreius der Deutschen Juden", ist hier eingetroffen. Er begibt sich nächstens nach Jerusalem und Haifa, wo der -Bau des Technikunis nun bald in Angriff genomnien werden soll. — In Haifa hat Herr Epstein ein nach europäischem Geschmack eingerichtetes Hotel erössnet. — Schriftsteller I ork-Stein er aus Wien weilt Mit seiner Gattin seit einiger Zeit in Palästina. In Rischon - le - Zion gab er eine Vorlesung seiner Novellen. — Anläßlich der Anwesenheit des Herrn Moser aus Bradford wurde vom Hebräischen Gymnasium eine kleine Feier veranstaltet. Herr Moser legte dabei den Schlußstein-des Gymnasiums. — Herr Moser hat ursprünglich 80 000 Francs für das Gymnasium gespendet, hat aber bald die Spende auf 100000 Francs erhöht. Bei seinem jetzigen Aufenthalt in Jaffa hat er wieder 25 000 Francs demGymnasium zugewiesen. — Für das hiesige Krankenhaus „Scharei Zedek" hat Herr Moser 1000 Francs gespendet. Personalien. Berlin. Willy Schlesinger, Seniorchef der Firma Hermann Schlesinger u. Co., erhielt den Rote n A d l e r o r d e n 4. K l a s s e. — Die Justizräte Dr. G e r s o n und E. B e r n - stein feiern am 1. April das 25jährige Jubiläum ihrer Anwaltschaft, ihrer gemeinsamen Niederlassung in Berlin und ihres Lokales. Sie bilden die älteste Auwaltssozietüt in Berlin und wohl auch im ganzen Reiche. — Prof. Robert Kntn er, Direktor des Kaiserin Friedrich-Hauses für das ärztliche Fortbildungswesen,- erhielt vom König von England das Komni andeur kreuz des Viktoria-Ordens. München. Die biestne Kultusgemeinde bat durch de» am 25. März im Alter von 81 Vs Jahren verstorbenen Herrn Moritz Feuchtwauger eines ihrer besten und edelsten Mtglieder verloren. Der Verstorbene war mehr als 30 Jahre in der Verwaltung der israel. Kultusgemeinde tätig und hat ftr diesem Amte stets auch die Interessen der Orthodoxie aufs beste vertreten. Allein das Hauptfeld seiner Tätigkeit war der „Verein für Krankenpflege und Bestattungswesen" (Chewrah Kadischah), wo er Jahrzehnte als Vorstand waltete. Besonders im Cholerajahr 1873 erwarb er sich große Verdienste um die Beerdigung der an der Cholera Verstorbenen. Das Leichenbegängnis, das am 27. stattfand, erfolgte unter außerordentlich zahlreicher Beteiligung. Die Herren Rabb. Dr. Werner und Dr. Ehrent r e u gaben in ihren Ansprachen den Gefühlen der allgemeinen Teilnobme beredten Ausdruck. t. Metz. In Kleinblittersdorf verstarb im blühenden Alter von 30 Jahren Dr. Ingenieur Müller, der Sohn des Metzer Jüstizrats Dr. Frmckftrrker UrarMscheL FänÄiLnAatt. Ernst Müller, eines Mitgliedes des Israel. Konsistoriums. (L.) Posen. Dem Stabsarzt der Reserve Dr. Ludwig 5k a n t o r o w i c z ist die Landw e h r d i e n st a u s z e i ch u u n g 1. Klasse verliehen worden. Wien. Dr. Gustav tiohn, Hofu. Gerichtsadvokat, Mitglied des Niederösterr. Landesschulrates, erster Vizepräsident der israel. Kultusgemeinde und Präsident des Bethausvorstandes, feierte ani 30. März seinen 70. Geburtstag. I» Erinnerung an diesen Tag begründeten auf Anregung des Bethausvorslandcs Freunde und Verehrer des Jubilars eine „Dr. Gustav Kohu-Wohltätigkeitsstiftnng." Amsterdam. JeanetteHoofienpromovierte als erste Jüdin Hollands zum Dr. juris. London. Der berühmte Schwimmer Professor Marquis Bibbero, der während seines Lebens etwa 50 Menschenleben gerettet hat, ist im 85. Lebensjahre gestorben, ohne seinen Wunsch, seine letzte Tage in Palästina zu verleben, ausführen zu können. Noch an seinem 81. Geburtstage gab er eine Schwimnivörsteltung im See zu Dover. Paris. Germain Goudchaux, Vetter des ehemaligen Finanzminifiers Goudchaux, verschied im 86. Lebensjahre. Johannesburg lSüdaftika). Die südafrikanische Regierung erließ eine Preiskonkurrenz für die beste Melodie für eine s ü d a f r i k a n i s ch e N a t i o n a l - h y m n e. Von 146 cingelanfenen Arbeiten erhielt nur diejenige des Ingenieurs Ber t hold Kapol o w i tz den ersten und eine zweite Arbeit desselben Komponisten den zweiten Preis. Philadelphia lAmerikai. Die Judenheit unserer Stadt hat einen schweren Verlust erlitten: David Sulz b er ger ist nicht mehr! Seit 50 Jahren war er uns ein Muster der Menschenliebe, wie sie in dieser Größe in der Regel nur im jüd. Volke zu finden ist. David Sulzberger wurde 1838 in Deutschland als Sohn des Ehepaares Leopold Sulzberger und Sarah geb. Einstein geboren. Er war Präsident des Lokalkomitees der Alliance Jsraälite Universelle, Sekretär der Hebrew Education Society usw. — Prof. Dr. Solis-Cohen, bekannt als der Vater der Kehlkopfkunde in Amerika, feierte sein goldenes Doktorjubiläum. Aus de« Vereinen. Frankfurt a. M. In der Generalversammlung der Jüd.-Literarischen Gesellschaft erstatte Direktor Dr. Lange, der Vorsitzende, Rechenschafts- und Kassenbericht. Es wurden 6029 JL an Mitglicdsbeiträgen und 479 JL an Schriftenerlös vereinnahmt und 2800 JL in Subventionen, 2571 M für die Druckkosten und 1062 JL für die Honorare des Jahrbuches verausgabt. Die Frage der Umänderung des Jahrbuches in eine Monats- oder Quartalsschrift hat die Leitung beschäftigt, wurde jedoch als nicht spruchreif zurückgestellt. In der sich dem Berichte anschließenden Debatte sprachen Rabb. Dr. ' W i n t e r - Myslowitz und Provinzialrabb. Dr. Bamberger-Hanau über die Propaganda für die Gesellschast und A. M. Schwarzschild wegen der Beibehaltung des bewährten Jahrbuches. Damit war die Generalversammlung beendet, und es sprach nunmehr Dr. I. Heinymann über Philos Verhältnis zur rabbinis ch c n U e b e r l i e f e r u n g. Philo ist — so führte Redner aus — der einzige nichtpalästiuensische und nichtbabylonische Jude von dessen Ansichten wir etwas Genaues wissen. Er hat in seinen Schriften eine Brücke zwischen der jüdischen und der ihn umgebenden griechischen Kultur zu schlagen versucht, und cs ist da zu untersuchen, ob er von der mündlichen Ueberlieferung etwas gewußt hat. Oberrabbiner Ritter-Rotterdam hat in seiner Schrift „Philo und die Halacha" den Nachweis zu bringen versucht, daß Philo die Halacha kannte. Redner ist gegenteiliger Meinung. Nicht Vorgefundene gleiche Anschauungen seien ausschlaggebend; sondern es sei zu untersuchen, ob sich bei Philo Anschauungen sänken, die nur aus dem Verständnis der Halacha herzuleiten sind. Redner zeigt an einer Reihe von Beispielen, wie Philo nur dort die mündliche Ueberlieferung kennt, wo seine Lebenserfahrung sich mit ihr deckt, so bei den Tempel- und Gelübdevorschriften. Sonst überall, z. B. im Straf- und Ritualrecht, ist ihm die jüd. Ueberlieferung fremd und wird er von der griechischen Gedankenwelt beherrscht. Auch war für ihn nach griechischer Anschauung das ungeschriebene Gesetz das allgemeine und das geschriebene das besondere, während es beim jüdische» Gesetz gerade umgekehrt ist. Philo betrachtet mit griechischem Geist das Judentum zu einer Zeit, wo ein Hillel das ganze jüdische Gesetz beherrschte und mit der Ideenwelt des jüd. Gesetzes an d.ie Zeitströmungen herantrat. Philos haben wir auch zahlreich in unseren Tagen, aber auch ein Hillel war uns beschert in dem Männe, der-dieser Tage - dahingegangen Ist. Frankfurt a. M. Der V e r e i n, T i f e r e s B a ch u r i m" veranstaltet an den beiden nächsten Sonntagen des Abends 83/i 'Uhr 'int Vereinslokal. Hermesweg 25/27 H a g g a d'a h - A b e n d e, , an denen alle Teile der Haggadah schel Pesach besprochen werden. Nach einem einleitenden Vortrage des Herrn Dr. I. H einem aun werden Mitglieder des Vereins über Erklärungen zu einzelnen Teilen der Haggadah referieren. Eine freie Diskussion soll die zahlreichen noch wenig bekannten Erklärungen »iid Gleichnisse, die es in diesem Gebiete gibt, zur Sprache bringen. Gäste sind willkommen. Frankfurta.M. Die General» ersammlung des „M o n t e f i o r c" -!V c r e i n s war von etwa 100 Mitgliedern besucht. Herr Felix M c y e r, der seit sieben Jahre Präsident ist Und dessen Umsicht und Tatkraft das Aufblühen des Montefiorc- Vereins zu verdanken ist, lehnte wegen Arbeitsüberlastung eine Wiederwahl als Präsident ab, bleibt jedoch dem Vorstand als Mitglied erhalten. Zum Präsidenten wurde Herr Dr. Gustav Löffler gewühlt und als Mitglied des ' Vorstandes für den ans beruflichen Gründen eine Wiederwahl ablehnenden Zahnarzt 3! a t h e n s e n Herr H e i n r i ch M ü l l e r. Frankfurt a. M. Eine imposante Versammlung veranstaltete Mittwoch, den 30. März der Z e n t r a l - verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens im großen Saale des Kaufmännischen Vereins. Ans der Tagesordnung stand daS Thema: „Iud e n t a ufe n und S t a atsinter - esse; Redner waren die Herren Rabb. Dr. Werner- München und LandtagSabgeordnetrr Dr. C o h i, -Dessau. An 2000 Personen füllten den Saal, als Dr. M. M a i » z e r die Versammlung eröffnete und in wenigen "Worten zum Eintritt in den Zentralverein ausforderte. Darauf ergriff, vom Beifall empfangen, Dr. Werner das Wort. In einer rhetorisch glänzenden, sormvollendeten, gedankenreichen Rede snhrte er etwa folgendes aus: Gerade an einem Tage, an dein inan einen heldenmütigen Verfechter des Judentums das letzte Geleite gegeben habe, sei cs besonders angebracht, sich mit jener in o d e r n c » Tragödie im jüd. Leben zu befassen, die, ein Gegenteil von der alten erhebenden Tragödie der ganzen jüd. Geschichte, uns alle betrüben und demütigen muß: mit der Taufe. Es sei überaus notwendig, endlich einmal offen gegen sie aufzutretcn, um aller Welt zu zeigen, was die Juden von jenen Feiglingen, die ihr Judentuin verlassen, halten. Nachdem der Redner an der Hand von statistischen Beweisen gezeigt hatte, welchen Umfang die Taufe im 19. Jahrhundert angeilommen hat,' ging er dazu über, oie Motive zur Taufe zu behandeln. In überaus wirkungsvoller Weise zeigte er, daß alle Behauptungen der Täuflinge, wie die von ihrer inneren Neberzcngnng, von der christlichen Kultur und Gesittung und vom christlichen Staat, unwahr und nichtig seien. Auch wenn die Täuflinge sagen, daß sie ja nicht das dogmatische, sondern das nioderne freisinnige Christentum annähmen, oder daß sie überhaupt nichts glaubten, so behaupten sie im ersten Falle, eine Unmöglichkeit, und begehen im zweiten Falle auch eine Schändung des Christentums. Aber all diese Behauptungen entsprechen ja nicht der Wirklichkeit, vielmehr sind die wirklichen Motive teils Hunger und Liebe — wobei wir diese Täuflinge noch bemitleiden können —, größtenteils aber Eitelkeit, imd Ehrsucht, und die Männer, die ans diesem Grunde zur Taufe schreiten, verdienen nicht einmal iinser Mitleid. Nachdeni der Redner die Motive zur Taufe behandelt hatte, betrachtete er ihre Wirkungen. Die Täuflinge veranlassen vor allem bei vielen Christen die Verachtung der Inden, die vvn diesen Täuflingen auf alle Inden schließen, sodann gibt der Täusling dem Staat die Möglichkeit, den Juden nicht die volle Gleichberechtigung zu geben. Würden alle Juden fest zum Judentum halten, so müßte der Staat ihnen alle Rechte geben, weil er die jüd. Kraft nicht entbehren kann. So aber bedient er sich der Täuflinge und kann darum den anderen Jude» ihre Rechte vorenthalten. Was soll also geschehen, um die Taufe zu verhindern. Bor allem müssen alle Juden jeden Getauften verachten und allen Verkehr mit ihm abbrechen. Sodann sei eine bewußte, jüdische Erziehung zu stolzen Juden notwendig. Auch muß inan bestrebt sein, überall die Kenntnis des Judentums zu verbreiten und selbst das Judentum zu erfassen. Ferner schlägt der Redner die Maßregel vor, daß alle Täuflinge vor ihrer Taufe zu ihrem Rabbiner kommen müßten, um ihm ihre Absicht, sich zu tausen, anzuzeigen. In Bayern geschieht dies schon, und er, der Redner, habe schon so rnanchen vor der Taufe zurückgehalten. Endlich müßte die Taufe öffentlich, vor der ganzen Gemeinde geschehen. Mit einer nochmaligen wirkungsvollen Aufforderung zum Kampf gegen die Taufe schloß der Redner seine glänzenden Ausführungen, und die Begeisterung, in die er seine Zuhörer versetzt hatte, löste sich in einen langanhaltenden, tosenden Beifall aus. (Schluß folgt.) ' "

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