Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1910-04-01 · Heft 13 (1.4.1910) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 13 (1.4.1910)
Date
1910-04-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2692297-2692665-2692678--05314-2700218
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr. 13. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. mäßiger» sondern in mehr kommilitonenhaster Weise einzelne Partien aus der Geschichte der Juden durchnehmen, mit ihnen anregende Artikel aus den Zeitungen lesen» besprechen nsw.» um sie auf diese Weise für die spätere Mitgliedschaft in Jugendvereinen der größeren Plätze vorzubereiten. 8. Die größeren Vereine sollen durch das Protokoll ersucht werden, sich der kleineren Nachbar v e r e in e anzunehmen. Der vom Verbände herausgegebene Katalog für Ingendvereinsbibliotheken, der sich z. B. im Drucke besiudct, soll spätestens anfangs April an die Verbandsvereine versendet iverden. Die Geschäftsstelle des Verbandes befindet sich in Berlin SW., Wilhelmstr. 118, von Mitte April d. Js. IV. 62, Kleist st r. 12. Nürnberg. Wie verlautet» wird auf dem demnächst zu eröffnenden jüd. Friedhof ein Urnen he im errichtet. lU) Schwersenz. In die hiesige Synagoge wurde eingebrochen. Bon den Tätern, die die Kassenbehälter leerten, fehlt jede Spur. Oesterreich-Ungar«. Wien. In der ordentl. Generalversammlung der Ad atz Jisroel (Schiffschu^ konstatierte der Vorstand eine lebhafte Tätigkeit auf allen Gebieten des orthodoxen jüdischen Lebens. Das Budget, das 56 000 Kronen beträgt, balanziert. Mehr als 200 Kinder erhalten unentgeltlichen gründlichen Unterricht in der Bibel und mehr als 50 nn. Talmud. Kultusvorsteher Schräme! überreichte die Grüße der Kultusgemeinde, die die hervorragende Tätigkeit der Adaß Jisroel anerkenne; er selbst erkläre seinen Beitritt, um dadurch seiner Anerkennung Ausdrckck zu geben. Rußland. Petersburg. Noch der Eröffnungssitzung trat die Rabbiner konserenz noch am selben Tage ■ zu einer zweiten allgemeinen Sitzung zusammen, die sich mit den äußern Geschäftsordnungs- und Organisationsfragen der Konferenz befaßte und — wie bereits mitgeteilt — eine Teilung der Konferenz in drei Sektionen vornahm. Erwähnt sei noch, daß auf dieser Sitzung an Stolypin ein Telegramm abgesandt wurde mit dem Ausdrucke „tiefer Dankbarkeit für die Fürsorge um die Bedürfnisse des jüdischen Volkes". — Aus diesem Anlaß weist der „Hedhasman" darauf hin, daß auch die Regierung Plehwes ähnliche „Gnadenakte" den Juden erwiesen habe, und doch sei es niemand eingefallen, der judenfeindlicheu Regierung Dankbarkeit zn bezeugen. So habe .Plehwe die Erlaubnis zur grandiosen zionistischen Konferenz in Minsk gegeben; den Zionisten sei es aber nicht eingefallen, Plehwe ■ zu danken. Am 16. und 17. März tagte die Rabbinats-Sektion. Das Präsidium führte Rabb. Grodsensky-Wilna. Gegenstand der Beratung war der gegenwärtige Dualismus von geistlichem und Kronrabbinat. Rabb. M a s ö - Moskau . warnt in einerlängen: Rede die geistlichen Rabbiner vor dem Bestreben, offizielle Beamten zu werden. Die Rabbiner genössen ihre Autorität als religiöse Führer des Volkes, und diese Autorität würden sie cinbüßen in dem Moment, wo sie „Tschinowniks" würden. Rechtsanw. Sliosberg behandelt die Frage vom juristischen Standpunkte aus und schließt sich der Allsicht Mases an. In der Sitzung vom 17. März hielt Kronrabb- Temkin-Jelisawetgrad eine Rede über das geistliche Rabbinat; er kam zu dem Schlüsse, daß die modernen geistlichen Rabbiner sich in den kritischen Momenten unfähig erwiesen hätten, die Aufgaben der Zeit zu begreifen. Diese Entfremdung vom Leben hätte zum Dualismus im Rabbinat geführt. Temkin sprach sich entschieden gegen das Doppelrabbinat aus. Das geistliche Rabbinat müsse unbedingt legalisiert werden, jedoch bloß religiöse Funktionen inne haben. Provisorisch sei das Kronrabbinat aufrecht zu erhalten. Sobald aber die jüdische 'Gemeinde die Legalisierung erlangt haben würde, würden alle zivilen und standesamtlichen Funktionen des Kronrabbinats auf die gewählten Vertreter der Genieiude zu übertragen sein. In den folgenden Sitzungen ivurde im Zusammenhang mit ~ dieser Frage über die gegenseitigen Beziehungen zwischen Orthodoxie und Intelligenz gesprochen. Sliosbcrg legte den Rabbinern ans Herz, die gebieterischen Forderungen der Zeit zu berücksichtigen und die Wünsche der intelligenten Kreise verstehen zu wollen. Sliosberg ist gegen das Dvppelrabbinat. Es sollte nur einen Rabbiner geben, den geistlichen, der aber neben gediegenem jüdischen Wissen auch profane Bildung haben müßte. Rabb. Rabb inowih-Poncwjesh und Rabbi Morgenstern greifen die Kronrabbincr sehr scharf an. Eine versöhnlichere Stellung nimmt Rabb. P o l i n k o w s k y - Odessa ein. Rabb. Soloweitschik -Brest meint, aus der Debatte habe sich ergeben, daß die Fragen noch nicht genügend geklärt sei. Die Sektion für Verwa.ltungslveseu, die es hauptsächlich mit der „Gemeinde"-Frage zu tun hat, tagte am 16. März. Rechtsanwalt M a s o r schilderte die Unzuträglichkeiten, die sich aus dem Fehlen einer offiziellen Vertretung der jüdischen Gemeinschaft ergeben. Nach Ansicht des Redners könnte nur eine mit dem Rechte einer juristischen Person ausgestattete Gemeinde diesem Üebel abhclscn. Dieser Ansicht schließen sich auch Sliosberg und Tcnlkin an. Sliosberg führte die Gleichgültigkeit der intelligeuten Kreise gegen jüdische Angelegenheiten und jüdische Tradition auf das Fehlen einer bindenden Organisation zirrück. Auf der allgemeinen Konferenzsitzu n g vom 21. März teilte der Vorsitzende Baron G ü n z b il r g mit, daß von S t o l y p i n ein Telegramm eingegangen ist, in dem berichtet wird, daß der Kaiser auf dem schriftlichen Bericht über das Huldigungstelegramm der Konferenz die Worte aufschrieb: Ich danke! — Darauf teilte der Vorsitzende mit, daß Stolypin sich bereit erklärt habe, eine Abordnung der Konferenz zu empfangen. Diese Deputation soll aus den sieben Mitgliedern der Rabbinerkommission, derem Vorsitzenden rmd. zwei zu wählenden Mitgliedern der Konferenz bestehen. Das Ergebnis der vorgenommenen Wahl war, daß Mas« 23, Polakow 17 und Temkin 16 Stinimen erhielten. Gewählt wurden .also Mase und Polakow. Wie verlautet, will aber Polakow zugunsten Temkins verzichten. Die Rabbiuerkommissiou hat mit Stimmenmehrheit die Abschaffung des Kronr a b b i u a t s b e s ch l o s s e n. In Zukimst soll pusschließlich der geistliche Rabbiner der Regierung gegenüber Verantivortlich sein und als Vertreter der Gemeinde fungieren. Die Kommission hat sich weiter für die Einrichtung staatlich anerkannter jüdischer Gemeinden ausgesprochen, denen die Verwaltung der religiösen, Wohltätigkeits- und Bildungsanstalten ' unterstehen soll. Petersburg Die Kommissionsberatungen über die Gesetzvorlagen betreffend die Abtrennung des „C h l o m - G e b i e t e s" (Gouverilement Lublin, Rufs.-Polen) zu einem selbständigen russischen Gouveruein e n t, wie auch über die Einführung des Instituts der sogenannten Laudschaftsverwaltung („Zemstwo") in den sechs westlichen Gouvernements geht rasch vorwärts, und zwar in einer ausgesprochen judenfeindlicheu Richtung den „fremden Völkern" gegenüber. Die Grundsätze dieser Vorlagen, daß den Juden und Polen der Bodenerwerb in dem neue» Gouvernement Chlom verboten sein solle (bekanntlich haben die Juden in Polen dieses Recht), daß ferner die Juden von jeder Beteiligung an den „Zemstwoinstitntionen" der westlichen Gouvernements absolut ausgeschlossen sein sollen, findet die Zustimmung der Majorität der zuständigen Dumakommissionen, und es ist zweifellos, daß die Kommissionen die Vorlagen dem Plenum in der ursprüngliche» Redaktion der Regierung, jedenfalls aber ohne Amendements zugunsten der freinden Völker, vielleicht aber mit solchen zu ungunsten der Juden überweisen werden. Für diese Vorlagen werden unbedingt alle Parteien vom oktobristischen Zentrum nach rechts stimmen, dagegen — die Opposition. Die Entscheidung wird also in den Händen der Oktobristen liegen. Es ist aber kaum zu erwarten, daß diese sehr zweifelhaften Liberalen sich um der Poleil oder gar um der Juden willen mit der Regierung werden Überwerfen wollen. Wilna. Veranlaßt durch die Bffaire zweier jüd. Schwestern aus Wittebsk, die durch betrügerische Versprechungen nach einem Harem in Egypten geschleppt, aber infolge der Bemühungen ihrer gutsituierten Eltern wieder, befreit wurden» und durch die Nachricht, daß in Riga eine jüd. Mädchen- Händlerin ergrifsen wurde, schreibt der „Haolam": Es ist eine sehr beschämende und erschreckende Tatsache, daß der Mädchenhandel in Rußland und in Galizien ständig zuniinmt und dabei auch Juden zahlreich beteiligt sind. Was ist dagegen zu tun? Der Kongreß, der in Breslau tagte, hat festgestellt) daß die Hauptursache dieses schmählichen Gewerbes in der schlechten ökonomischen Lage zu suchen ist, — und die Juden Rußlands und Galiziens leben in sehr großem Elend. Dieses Grundübel zu beseitigen, liegt leider nicht in unserer Macht, — und doch können mir, wenn >vir planmäßig Vorgehen, und beständig über diese Sache wachen, manches erreichen. Wie wir hören, planen die Bnei-Bris-Logen Schritte; allein ohne die Mitwirkung derjenigen, die im Lande des Uebels wohnen, wird wenig zu erreichen sein. Leider ist man bei uns von einer unangebrachten Scham befangen und glaubt, das Uebel mit Stillschweigen umgehen zu können. Wir verwahren uns gegen diese falsche Scham und machen die Oeffentlichkeit, besonders die Presse auf ihre Pflicht aufmerksam, sich unablässig mit der Sache zu befassen, damit die Gefahr kleiner werde» Seite 3. Moskau. Unter der Leitung des Historikers» P. Marek ist hier ein Komitee in Bildung begriffen, das eine Statistik der rufst Judeuheit sich zur Aufgabe gemacht hat. — Zur Charakteristik des neuen Dumapräsidenten G u t s ch k o w möge folgendes dienen: 1. Bor kurzem zitierte, dieser Führer der größten Dumapartei von der Parkamentstribüue aus mit großer Emphase und mit feierlichem Ernst das Schreiben eines Fräuleins, die die Juden für die russische Revolution verantwort-, lich macht. — 2. In der Dumakommission für Staatsschutz, deren Vorsitzender er war, stimmte Gutschkow für den Antrag des famosen Markow H., daß den Juden der Zutritt zu den militärisch-medizinischen Aemtern versagt werden soll. Und dies, obgleich er an der Spitze einer Partei steht, die. formell die Gleichberechtigung der Juden in ihr Programm aufgenonimen hat. Italic«. Rom. Italien hat zum ersten Male einen Juden als Ministerpräsidenten. Es dürste überhaupt der erste Fall sein, daßein ungetauster Jude in einem christlichen Staat Ministerpräsident wurde. Wie soeben gemeldet wird, hat Luigi Luzzatti (geboren 1841 in Venedig) das neue Ministerium gebildet und - selber das Ministerium des Innern übernommen. 0 feuÜTefon. 0 Auge um Auge. Roman von Sam. Gvrdon. Frei übersetzt von M. Pulver mann. (Fortsetzung). Der Präfekt brach in ein schallendes Gelächter aus. „Adele, manchesmal bist Du wirklich köstlich." Er brach aber plötzlich ab, da er ihre bekümmerte. Miene wahrnahm. „Sei nicht böse, mein Herz, aber die Idee Alma und Bolkmann in einem Flirt. Der Mann ist doch nur die reinste Arbeitsmaschine und hat für nichts Sinn und Augen, was nicht mit Arbeit zusammenhängt! Ich bin überzeugt, er denkt gar nicht an das Mädchen." — „Das braucht aber Alma nicht zu hindern, destomehr an Bolkmann zu denken," sagte sie mit großem- Nachdruck. „Es ist ja auch gar kein Wunder, daß sie ihn anziehend und fesselnd findet; mehr, viel mehr, als alle andern Herren, die sie bisher kennen gelernt, und — viel interessanter als — ihren Vetter Karol." „Die Kleine scheint also einen guten Geschmack zu haben. In der Tat, sie hätte noch eine viel schlechtere Wahl treffen können. Bolkmann ist ein eminent tüchtiger und fleißiger Mensch; er wird noch hochsteigen." „Aber, Sergi! Wo denkst Du denn hin?" rief sie mit einer Heftigkeit, wie inan sie ihr kaum zugetraut hätte. „Wie kannst Du nur eine solche. Abgeschmacktheit auch nur über die Lippen bringen! Ich weiß cs ganz bestimmt, daß Koratow, dem ältesten' russischen Adel angehörend, mit seinem sechshundertjährigen Stammbaum, Volkinann keines Blickes würdigen würde, wüßte er etwas von seiner Herkunft. Außerdem hat mir Marie gestern erst anvertraut, daß es bei den beiderseitigen Ellern eine abgemachte Sache sei, aus Alma und Karol ein Paar zu machen." „Na, also," suchte der Baron weiter zu scherzen; „dann feiern wir Hochzeit, und damit ist die Sache erledigt." „Ich fürchte, daß es doch nicht so ganz glatt ablaufen wird. Ich habe so verschiedene Wahrnehmungen gemacht, die mich dieses ahnen lasse». Alma hat Temperament und ist zähe in ihren Unternehmungen. Mir tut es leid, Sergi, daß wir Volkmann hergebracht. Seine Anwesenheit schiebt sich wie ein Keil hinein, der den festen Stamm sprengen könnte. Mir ist die Sache sehr, sehr peinlich." „Was seid Ihr Frauen doch für komische Menschen! Ihr wittert Konflikte, auch wo keine vorhanden sind, um nur den Friedensengel zu spielen. Wkrkkich. Adele, ich sehe nicht ein, was hier zu befürchten ist. — Zwei Männer und ein Mädchen, — das ist doch nur ein längst abgedroschener Stoff für einen mittelmäßigen Roman! — Und wenn wirklich einige Komplikationen anfänglich entstehen, so wird schließlich doch alles wieder ins Gleichgewicht kommen. — Wenn Du aber meinst, können wir ja Volkmann nach Odessa zurückschicken; nur . . ." „Nur, Sergi?" „Wäre ich gezwungen, mit dem nächsten Zuge ihm zu folgen." „Dann bleibt er natürlich hier," entschied sie kurz. „Deine Ruhe und Erholung geht mir über alles, und ich weiß es ja, Dn kannst Dich nur erholen, wenn Bolkmann, mit seiner Umsicht und Gewissenhaftigkeit, Dir die Arbeit abnimmt. —

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.