Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 13 (1.4.1910)
- Date
- 1910-04-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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O-Üe 2. Der Redner pries sodann Rabb. Horovitz als einen Pfadfinder in dem Dunkel einer traurigernsten Zeit, als den gewaltigen Geist, der das talmudisch-rabbinische Gebiet beherrschte, wie kaum ein zweiter der Gegenwart, wie einer der Großen der Vergangenheit. Und dabei stand er bei allen Unternehmungen der Judenheit in den letzten drei Jahrzehnten in dem Vordergrund. Rainer spricht zum Schluß namens des Hilfsvereins der Deutschen Juden, dessen erster stellvertretender Vorsitzender er war, dem Verblichenen den Dank aus. — Langsam ordnete sich nun der Zug vor der Synagoge. Vor dem Wagen schritten auf Befehl des Generalkommandos die jüd. Soldaten des hiesigen Infanterie-Regiments — Rabb. Dr. Horovitz nahm alljährlich die Vereidigung der Rekruten vor —, hinter dem Wagen die Familie, zahlreiche Rabbiner aus allen Gauen Deutschlands mit und ohne Talar, mehrere christliche Geistliche und dann eine solche gewaltige Menge Leidtragender — darunter Vorstandsmitglieder der Frankfurter Israel. Religionsgesellschaft —, daß der Zug unübersehbar war und ein Polizeiaufgebot für die Aufrechterhaltung der Ordnung sorgen mußte. In der Friedhofshalle angelangt, nahm zuerst Provinzialrabb. Dr. Munk, der vertraute Freund des Verschiedenen, das Wort. Er führte ans: Am Purim wurde er geboren, am Ausgange des "Purims hauchte er seine Seele aus, Mordechai hieß er, und ein Mordechai war er für die Judencheit, wie jener große Mordechai des Purims. Er hat es durchgesetzt, daß die Orthodoxie im Leben der jüdischen Gemeinden Deutschlands nicht nur aus Friedensliebe geduldet, sondern als vollberechtigt anerkannt wird. Die Kraft, dies zu erreichen, gab ihm seine Milde, seine Menschenliebe und sein nicht ermüdender Optimismus, die er aus dem Borne des überlieferten Judentums schöpfte. Dies Problem seiner vielseitigen, großen Persönlichkeit ist überhaupt nur dahin zu lösen, daß'er alle seine An- ,schaumigen und Charaktereigenschaften aus dem unverfälschten Judentum sog. Das Licht, das sein Geist entzündet hat, wird nimmer erlöschen, das Rauschen seines Geistes nimmer verllingen. 'Rabb.'Dr. S eligmann widmete als Amtskollege in der Frankfurter Israel. Gemeinde dem verschiedenen seinen Abschiedgrutz. Er würdigte besonders die große und geschlossene Persönlichkeit "des Dahingegangenen. Seine angeborene Würde in jedem Wort, das er sprach, und jeder Handlung, die er tat, habe einem jeden eine gebietende Ehrfurcht eingeflößt. Ein ganzer Mann im Denken, Mwechen wld Handeln; nichts von Widersprechendem sei 'an ihm gewesen. Eine ungeheuere Standhaftigkeit und Entschlossenheit, gepaart mit Milde und seltener Liebenswürdigkeit, haben ihn ausgezeichnet. Schnelle Initiative, großer Gedankenflug und Zielbewußtheit gaben seinen Plänen und Handlungen Anstoß und Richtschnur. Als Amtsgenosse sei er «ls gottbegnadeter Priester voll Seelenadel und sittlicher Reinhett und zwingender' Menschengewin- -uung -und als Lehrer des Judentums wegen seines -außerordentlich großen Wissens zu rühmen; besonders in Eherechtsfragen habe er in der gesamten Rabbinerwelt als erste Autorität gegolten. Der Einfluß dieses Mannes, der mit seinem Herzblute die Einheit -der jüdischen Gemeinschaft vertrat, habe sich nicht nur auf die Vaterstadt, sondern auch, weit darüber hinaus erstreckt. Die Spuren seiner Tätigkeit werden lange fühlbar sein, unvergessen und unvergänglich bleiben. Im Namen der Stadt Frankfurt, speziell der städtischen Schuldeputation -sprach Stadttat Dr. Ziehen. Er habe den Verstorbenen in dessen Eigenschaft als Mitglied der städt. Schuldeputatton näher kennen und dadurch sein vornehmes Denken und seine mllde Lebensauffassung, aber auch seine Zielbewußtheit und sein richtiges Verständnis in allen Fragen schätzen gelernt. Die Denkungsweise des Verstorbenen gestatte nicht, Blumen auf das Grab zu legen, und so lege er statt der Blumen seinen Dank nieder mit dem Gelöbnis, das Andenken an den liebenswerten. Mann hochzuhalten.. Rabb. Dr. Werner-München legte im Aufträge des Rabbinerverbandes den „Kranz der Unsterblichkeit" zu den Füßen des großen Dahingegangenen. In herzergreifender Weise brach er in den Ruf aus: Wer wttd diesen größten Mann in Israel ersetzen, wer wird einspringen in der Not? klagt ganz Israel! Seine versöhnende Hand erstreckte sich über alle und alles, für alle unlösbare Probleme fand er zu jeder Zeit einen Ausweg, und deshalb ist sein Verlust so unersetzlich. Horovitz -war eine ganze Welt für sich, der göttliche Geist -verließ ihn nie, er war wie ein sprudelnder Quell, seine Genialität erstteckte sich nicht nur auf seinen Geist, sondern auch auf sein Gemüt, und man steht gradezu vor einem Rätsel, wenn man sich fragt, wie ein Mensch dies alles in sich vereinigen konnte. Die Lösung gab der große Dahingegangene bei seinem Jubiläum selbst, indem er sagte: Nicht ich habe dies alles vermocht, sondern Gott! Er hatte nicht nur .als -Sproß des Stammes Levi den „Matte Levi", den Levitenstab in Händen, mit dem er Wunder verrichtete, sondern er war auch von dem künstlerischen Geist Bezallels getragen, seine Kinder sind dafür "seine-Zeugen. (Schluß in Her Beilage.) Fornkftucker AsraMWes KamiÜvMatt. Aus aller MeQ. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Die Israel. Gemeinde beabsichttgt, wie bekannt, in der Nähe des Aussichtstnrmes auf dem Röderbcrg einen Neubau des Gemeindehospitals zu errichten, dessen Verwirllichung einem großen Bedürfnis entspricht und im allgemeinen Interesse mit großer Freude zu begrüßen ist. Der Ausführung des schon lange geplanten Projektes konnte bisher deshalb nicht nähergetreten werden, weil die Bodenfrage nicht geregelt werden konnte und man bei dem hierzu erforderlichen Geländeerwerb bei einer Gruppe von Privatcigentümern hinsichtlich der Preis-, rage für das Terrain auf heftigen Widerstand tieß. Von der Stadt wurde seitens der israelitichen Gemeinde ein in der Nähe des Aussichtsturmes gelegenes zirka 20000 Quadratmeter großes Gelände zum Preise von 22 JL pro Quadratmeter erworben, aus privater Hand mußte noch ein zirka 80 Ar großes Terrain für das projektierte Krankenhaus erworben werden. Da aber diese privaten Eigentümer zu hohe Anforderungen (30 JL pro Quadratmeter) stellten, mußte' gegen diese das Enteignungsverfahren eingcleitet werden. Dieses Verfahren, das seit zwei Jahren schwebte und der israelittschen Gemeinde deswegen -zuerkannt worden -war, weil sie die Stellung von 100 Freibetten ini Falle eines Krieges zugesichert hat, ist nunmehr nach dem Beschluß des Bezirksausschusses in Wiesbaden rechtskräftig geworden. Nach dem von Sachverständigen aufgestellte Gutachten wird den privaten Eigentümern 23 JL pro Quadratmeter enteignetes Gelände gezahlt. | Berlin. Aus der jüngsten Borstandssitzung des Jüd. Frauenbunds, der heute in 130 Vereinen etwa 30000 Mitglieder umfaßt, sei folgendes erwähnt. Frl. Werner- Hamburg berichtet, daß zum erstenmal bei der Tagung des „Verbandes der deutschen Juden" in Breslau, durch die Anregung des jüdischen Frauenbundes, Frauen st i m m - berechtigt teilgenommen haben und der jüdische Frauenbund durch sie auch bei der Ausschußsitzung des Verbandes in Berlin vertreten war. — An der Sitzung des „Internat. Komitees zur Bekämpfung des Mädchenhandels" in Wien und bei der Tagung des „Deutschen Nationalkomitees" in Leipzig sei der Bund durch seine Vorsitzende, Frl. Pappenhcim, vertteten gewesen. Es wird die Mittellung gemacht, daß Frau Louise Goldschmidt-Franksurt a.- M. das Doppelhaus, in dem sich in Neu-Isenburg das von dem Jüd. Frauenbund begründete eim für gefährdete Mädchen" befindet, diesem nunmehr rechtskräftig zum Eigentum übergeben und daß Baronin v. Rothschild ein Stück > angrenzendes Gartenland geschenkt hat. Aus Anregung des Frl. Werner haben sich in Breslau und Berlin Lehrerinnen ortsgrupp en gebildet. Die Bildung solcher Gruppen soll angesttebt werden 1. zur Erreichung der festen, gleichberechtigten Anstellung jüd. Lehrerinnen, 2. zur Abwehr für alles, was jüd. Lehrerinnen und jüd. Schulkinder kränkt, 3. zur Heranziehung der jüd. Lehrerinnen zur jüd.-sozialen Arbeit und 4. zur Stärkung des jüd. Bewußtseins. Auf der Londoner Konferenz im April wird der Bund durch die Damen Pappen heim und Werner vertreten sein. Fräulein Pappenheim wird ein Referat halten: „Was können jüd. Frauen zur Bekämpfung des Mädchenhandels tun?" Fräulein Werner wird Bericht geben, über das, was der I. F.-B. bisher zum Schutze von jüdischen Frauen und Mädchen getan hat. — Für die im Mai in Madrid stattfindende Tagung des Nationalkomitcxs wird Frl. Pap Pen he im delegiert. Die Delegiertenversammlung des Bundes wird für München in den lPeihnachtsferien fortgesetzt. Es werden bereits folgende Anträge für diese Tagung besttmmt: 1. Anschluß der Ortsgruppen des I. F.-B. an den Bund deutscher Frauenvereine ist zulässig, doch haben Ortsgruppen bei jüdischen Fragen im Sinne des Vorstandes des I. F.-B/ abzustimmen. 2. Es sollen die Wege gefunden werden, damit jüdische Frauen und Mädchen in dem Post-, Telegraph- und Telephondienst angestellt werden. (Begründung: Frl. Pappenheim.) 3. Eine Zenttal-Auskunftsstellc für alle weiblichen Berufsarten, die für jüdische Mädchen und Frauen in Bettacht kommen und eine Zentrale der jüdischen Stellennachweise sind zu schaffen. (Begründung: Frau Meyer, Stargard.) 4. Die bisher nur im Eisenbahnbezirk Frankfurt a. M. ausgehängten, zum Schutze alleinreisender jüdischer Mädchen und Frauen dienenden Plakate sind über ganz Deutschland zu verbreiten. (Begründung: Ortsgruppe Frankfurt a. M.) 5. I. F.-B. möge eine Liste weiblicher Vertrauenspersonen anfertigen lassen und-bewirken,-daß ein-Warnungsvermerk in den Dienstbüchern ausgenommen -werde. (Begründung: - Ortsgruppe > Frankfurt a. M.) SK- 13 6. ES soll Stellung genommen werde»! zu de» überhandnehmenden verdächtigen Annoncen in den Zeitungen. 7. Fräulein Werner-Hamburg »vird am 1. Abend in München über „Erziehungsfragen" sprechen. 8. Ueber „Schwesternsrage" Frau Dr. Frankl- Berlin. 9. Referat: Frau Dr. Vogelstcin-Stettiii, Thema Vorbehalten. 10. Der zweite öffentliche Sitzungsabend soll ein „Jugendabend" sein. Rednerin Frl. Pappenheim- Frankfurt a. M. Der Antrag Mannheim auf Schaffung eines Zentralblattes »vird abgelehnt mit der Begründung, daß die jüdischen Zeittingen die Berichte bereitwilligst aufnehmen.' Berlin. Dem Protokoll über die dritte Borstandssitznng des „Verbandes der jüd. I ug end v erc ine Deutschlands" eiitnehmei» »vir folgendes: 1. Ein von der Statutenkoinmissiou ausgearbeitetes N o r in a l st a t u t wird eingehend dnrchberate» und angenommen. - 2. Eine Spende von 2000 JL, die der rühmlichst bekannte Gönner der Wissenschaft des Judentums und der jüdischen Jugendliterat»»r Siegfried Brünn- Berlin dem Verbände zur Verfügung gestellt ha», »vird mit'lebhaftein Dank angenominen. 3. Eine zivcite Schenkung: 400 Exemplare des Buches „E >v i g e Weisheit" von Max Weinberg, die Herr Brünn geineinsam mit seinen» Freunde Hugo Frank -Berlin dem Verbände macht, wird ebenfalls angenommen. Von diesem Buche, das bei seiner ersten Auflage eine sehr günstige Aufnahme bei Christen und.Juden fand, und das in hervorragender Weise geeignet ist, Kenntnis über die im Talmud und der rabbinischen Literatur ciiihaltenen Sittenlehren zu verbreiten, gedenkt Herr B r ü n n (einer Anregung der - Großloge U. O. B. B. folgend) 500 Exemplare au Volksbibliotheken zu schenken. 4. lieber die am 26. D e z e in b e r st a t t - gehabte Bezirkstagung in Frankfurt a. M., die von den Vereinen Franksurt, Freibürg i. Breisg., Hannover, Cöln, Lörrach i. Bad., Mainz, Metz, Saarbrücken, Straßburg i. Elf., Trier und Wiesbaden beschickt wurde, erstattet Herr Felix Meyer-Frankfurt a. M. ein ausführliches Referat, an das sich eine eingehende Aussprache anschließt. 5. Die erste Nummer des Berbandso r g a n s, das monatlich, erscheinen soll, wird anfangs September zum Versande an die Vereine gelangen. 6. Aus dem G e s ch ä f t s b e r i ch t sei kurz folgendes angeführt: Neu begründet »vurden die Vereine in Krefeld, Nürnberg, Bonn, Ratibor und Insterburg. Ausgenommen sind die Vereine Zabrze, Ratibor, Halle, Liegnitz, Erfurt und Elberfeld. Die Z ah l der Verbandsvereine ist somit auf 47 gestiegen. Im Entstehen begriffen sind die Vereine in Leipzig, Gelsenkirchen, Stargard in Pommern, Breslau, Landsberg a. Warjhe. — Mit Oesterreich stand der Verein auch in den letzten Monaten in Verbindung und zlvar sowohl mit Wien als auch mit Prag. — Der BerkehrmitdenVereinen und den Gründungskomitees vollzog sich in gewohnter Weise. Außer der Beantwortung und Erledigung der Eingänge hat die Zenttale den Vereinen ein ausführliches Protokoll über die ztveite Vorstcmdssitzung, dem ein Beiblatt mit einer Rednerliste beigeschlossen war und am 26. Januar ein Rundschreiben zusammen mit der Rede des Herrn Dr. Guttmann - Breslau über „die Idee der Versöhnung im Judentum" übersandt. Mit den Buchhändler nundVerlegern stand der Verband in regem Verkehr, sodaß einige Vereine durch desseu Verniittlung verschiedene Bücher zu ermäßigten Preisen erhalten konnten. — Das freundschaftliche Verhältnis zu den Organisationen ist unverändert geblieben. 7. Im Anschluß an einen Bericht, den Dr. F i n - kel über seine Reise nach Stettin und über die mit Rechtsanwalt Marcuse-Stettin gemeinsamen Pr o - pagandabemühungen in den östlichen Pro v i n z e n erstattet, bringt er nachstehenden n - trag ein, der von der Versammlung zum Beschluß erhoben wird: Um der jüdischen Jugend an kleineren,für Vereinsgründun gennichtgeeigneten Plätzen den Segen der Jugendbewegung zuteil werden-zu lassen und auch bei ihr Interesse für das Judentum undseine Aufgaben zu wecken, beschließt der Verband,-sich mit den D.-J. G.-B. und beim Verbände der jüdischen Lehrer im Deutschen Reich in Verbindung zu setzen. Die Lehrer der kleineren Plätze sollen-dittch^ Vermittlung der beiden genannten Organisationen angegangen werden, die in ihren Genieinden befindliche reifere Jugend zu sammeln, mit ihr womöglich einmal in der Woche ober sonst nach " Bedürfnis zusammen zukoimnen. — Bei' diesen -Zusammenkünften sollen die Lehrer mit " den" erwachsenen jungen Damen und jungen Leuten nicht in schul-