Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 13 (1.4.1910)
- Date
- 1910-04-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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frarlitifdire familirntilatt. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. AVonnemrntSpreiS pro VierteljahrIn Frankfurt a. M. M. 1.— ftei inS HauS. Bei der Post abonniert im In» und KuSIanb Mt. 1,02 (rin. schließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2 .— ' >. , I —... KedaKtio« «nd ch-fchäftssterke: -rankfurt 2. M.. vildelerstraße 4/6, Lcke Llttchstraße v«r-f-« 10507. Hera«-gever: Kaljz 7»"'»' 1 - - .~~""7 JnsertionSpreife: Die viergespaltene Petitzeile. 25Psg. Die Reklamezeile. 100 .. Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Ueberetnkunst. - 8. Jahrgang. Freitag, den 21. Mar scheni 5670 (1. April 1910). Nr. 13. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Rabbiner Dr. Marcus Horoditz s.A. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Auge um Auge. — Wochen-Kalender. —Familiennachrichten. Rabbiner Di*. Marcus Horoditz f. A. Der seit Wochen gefürchtete Augenblick gehört nun der Vergangenheit an, der Augenblick, in dem das Herz Rabbiners Dr. Horoditz zu schlagen aufgehört hat. Noch zu Beginn des vorigen Soninicrs war es, als wir ihn in jener sicheren, aufrechten Haltung vor uns sahen, die ihn, wo er ging und stand, aus seiner Unigebung hervorhob. Und dann vor einigen Monaten. — Was .war inzwischen vorgegangcn? Gebeugt und tiefster Ernst in den in die Weite blickenden Augen. — Heldenhaft hatte er Monate hindurch sein Leiden selbst vor seiner nächsten Umgebung zu verbergen gewußt, — jetzt aber hatte es die Runen chm ins Angesicht gezeichnet, endlich hatte das tückische Uebel selbst diesen Unbesiegbaren niederzudrücken gewußt. Und nun ist er seinem irdischen Schaffen entrückt, er, der mehr war als ein Gelehrter, mehr als ein kluger und tatkräftiger Mensch und mehr als ein Mann von weitausschauendem Blick. Denn er war dies alles vereint und noch mehr. Er war das, was man eine Persönlichkeit nennt. Jeden Augenblick für große Pläne empfänglich, wußte er in jeder der zahlreichen Körperschaften, in deren Verwaltung er saß und von denen viele ihm ihren Ursprung verdanken, Richtung gebend einzugreifen. Ihm verdankt die glänzendste Organisation der Juden Deutschlands, der Hilfsverein der Deutschen Inden, dessen Mitbegründer er war, sein traditionelles jüdisches Gepräge, das zum sichtbaren Segen geworden ist in allen Schöpfungen dieser Organisation. Ebenso der Verein Lemaan Zion, ein Segenspender für alle Kranken der heiligen Stadt Jerusalem, zeigt seinen Geist. Mit der Gründung des Frankfurter „Montefiore"-Vereins ward er zunr Vater der gerade gegenwärtig in mächtigem Aufblühen befindlichen Jugendvereinsbewegung, und auch sein „Tifercs - Bachurim"-Verein zur Pflege jüdischen Wissens im Geiste der Tradition gab die Anregung zu mancher ähnlichen Gründung. Doch welche Feder wollte den vielseitigen und nachhaltigen Einfluß auf die verschiedensten Gebiete des jüdischen Lebens der Gegenwart schildern, den diese Persönlichkeit ausgeübt hat. Man kann sagen, soweit Juden wohnen, ist der Einfluß des Wirkens dieses Mannes bemerkbar. Ueberallhin schweifte in dem unablässigen Schaffensdrang sein Blick. Noch vor wenigen Jahren gründete er ein Lehrerseminar, um durch modern gebildete, in streng traditionellem Geiste, erzogene Lehrer dem Verfall der russischen Judcnheit entgegcnzuarbeiten. Welch' Persönlichkeit die Judenheit in Rabbiner Horovitz verloren hat, möge aber am drastischsten die Tatsache erweisen, daß, wenn man sich all sein Schaffen wegdenkt, ihn nur in seiner Studierstube würdigt, er damit allein schon einer der hervorragendsten Rabbiner der Gegenwart in seinen! schier unerschöpflichen jüdischen Wissen gewesen wäre. Fortgesetzt gingen dem Vielbeschäftigten von Kollegen Anfragen über schwierige jüdische gesetzliche Angelegenheiten zu, und er beantwortete sie mit der Sachkenntnis eines Gaon. Aber nicht nur das Wissen, sondern auch das Wesen Rabbiners Horovitz wurzelte im Judentum. So. braucht es denn nicht Wunder zu nehmen. Rabbiner Or. Marcus Horovitz s. A. daß auch chn, den Ergrauten, zuletzt die von jugendlichem Geiste getragene jüdischnationale Bewegung der Regeneration ergriff, — und als er am letzten Jomkippur zum letzten Male die Kanzel betrat, da forderte er die versammelte Gemeinde auf, nicht nur gute religiöse, sondern auch gute nationale Juden zu sein. Die Frankfurter Kehilla hat sich zu allen Zeiten durch Rabbiner ausgezeichnet, die Führer in Israel waren. Rabbiner Dr. Marcus Horovitz schließt sich der Kette jener Großen ebenbürtig an. * * * Der letzte Weg des Entschlafenen, bevor er der Erde übergeben wurde, war ein Kiddnsch haschem durch die unübersehbare Schar der Trauernden, die ihm still den letzten Tribut zollten, und durch die Worte, mit denen die Vertreter der verschiedensten Korporationen den unersetzlichen Verlust beredten Ausdruck gaben. Um 9 Uhr wurde die sterbliche Hülle des großen Mannes zum letzten Male zu der Stätte getragen, von der aus er drei Jahrzehnte hindurch das Wort Gottes gekündet. Bis zum letzten Plätzchen war das schwarz drapierte G.otteshaus von einer andächtig verharrenden Masse gefüllt, und viele Hunderte mußten wieder nmkehren, da sie keinen Einlaß mehr fanden. Mit einem Psalm des Synagogenchors und des - Oberkantors O g n t s ch begann der Akt. Als erster bestieg Justizrat Dr. Blau, der Präsident der israel. Gemeinde, die Empore, um namens der Gemeindeverwaltung das Gelübde dauernden Dankes und dauernden Andenkens abzulegen. Er pries das dahiugegangene religiöse Oberhaupt der Gemeinde als einen Geist, dessen Schärfe die Wissensschätze der glorreichen jüd. Vergangenheit an das Tageslicht förderte, als einen Mann der Liebe, der Versöhnlichkeit und des Friedensals eine in sich geschlossene und abgeklärte Persönlichkeit. Rabb. Dr. Jakob Horovitz schllderte in tiefem Schmerze als ältester Sohn, was ihm und der ganzen Familie der Vater gewesen. Während ihnen, den Kindern, mit den Jahren des Heranwachsens die Welt immer Keiner wurde, ward ihnen der Vater immer größer und größer. Die Schönheit der Gottesnatur, die er in seinem innigen Gemüte so tief empfand, Bewunderung für des großen Gottes Schöpfungen, Bewunderung für die Größe des Judentums lehrte er sie. Sein Karer, scharfer Blick, dem sich das Dunkle nicht verbergen konntehielt überall nach Lichtseiten Umschau. Hillels Wort: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, das ist die ganze Lehre, alles andere ist die Ausführung" ward ihm Richtschnur; „Es hat dir Mensch Gott verkündet, was gut ist: Liebe üben, Gerechtigkeit tun und im Verborgenen wandeln vor deinem Gott", war sein Lieblingswort seinen Kindern gegenüber. Sein Beispiel hat seine Kinder mehr erzogen, als alles andere. Er ließ sich nicht irre machen durch all' die Parteiungen, die die Menschheit zerllüften, die die Judenheit trennen. In Gegenwart der Mutter haben sie die Kinder gestern an des Vaters Bahre das Gelübde abgelegt, treue Menschen, treue Juden zu sein in des Vaters Sinn. In der Frankfurter jüdischen Gemeinde aber möge sein Andenken wirken, daß jeglicher das Gute erkenne und keiner die Glaubenstreue schmähe. Rabb. Dr. Unna-Mannheim ergreift als ältester Schüler das Wort. Wenn er es wage, hier zu sprechen, so geschehe es, weil er als Schüler den Meister kennen lernte, ihn, der die deutschen Rabbiner um Haupteslänge überragte. Wenn eine Thorarolle verbrenne, so müsse man nach unserer gesetzlichen Vorschrift zweimal das Gewand zerreißen, einmal wegen der heiligen Hülle und einmal wegen des heiligen Textes. Auch bei Rabb. Horovitz's Scheiden müsse man zweimal trauern: er war ein Talmud-Chochom, und er war eine Persönlichkeit. Und wie die Buchstaben der brennenden Thora in die Höhe fliegen, so sei auch nur des Verstorbenen Hütte sterblich, sein Geist aber werde auch weiter überallhin seine leuchtenden Strahlen aussenden. Er hat allen, die in seinen Bannkreis traten^ Achtung vor dem orthodoxen Judentum abgezwungen. Me gab er etwas von dem Prinzipe des orthodoxen Judentums ab, mochte im Wege stehen, was da wolle. Grade Frankfurt hatte das Glück, stets Leuchten der Thora, Führer in Israel an seiner Spitze zu sehen; wenn der Verstorbene am offenen Fenster seines Studierzimmers saß, dann trug der Wind zum nahen Friedhof die Nachricht hinüber, daß der Geist der Großen, die da liegen, fortlebe. Als letzter des Traucraktes in der Synagoge sprach Dr. Hirsch Hildesheimer -Berlin. Bon den tausenden Schülern, die zu Füßen Rabbiners Esriel Hildesheimer s. A., des berühmten Vaters des Redners saßen, habe keiner dessen Herzen näher gestanden, als der Verblichene. Er habe in ihm den würdigen Vollstrecker aller seiner Lehren erblickt. Und als er die Absicht faßstq, das Rabbinerseminar in Berlin zu gründen, da habe er ihn zu Rate gezogen und jede Einzelheit mit ihm überlegt^