Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 12 (24.3.1910)
- Date
- 1910-03-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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p ilt. 12 des fmnfifnrfet Ifmetififdien fttmttMaftes. AbannemeMslieüellMtSkN auf das „frankfurter Israelit, familienblatt" nehmen sämtliche Postanstalten des JnundA uslandes zu MK. 1,02 linkt. Lieferung frei ins Haus) für das zweite Vierteljahr 1910 entgegen. — Streifbandzusendung für Deutschland und Oesterreich- Ungarn Mark 1.50, für die übrigen Länder Mk. 2.— vierteljährlich. Die heutige Nummer ist die letzte des lausenden Quartals. PhUippson's Geschichte des jüd. Volkes.*) Es gibt zwei Arten, Geschichte zu schreiben. Die eine, das ist die gewöhnliche, leichte, handwerksmäßige: man zeichnet eben alle Geschehnisse im Leben dieses Volkes aus, man erzählt von seinen Kriegen, Siegen, von seinen inneren Kämpfen oder, auf unseren Fall angewandt, man gibt ein Bild von den Kämpfen um die Gleichberechtigung, nian schildert die Unterdrückungen, Pogrome, man erwähnt auch die großen Männer usw. usw.; die zweite, schwierigere, aber nutzbringendere erfordert jedoch zum Verfasser einen Künstler seines Faches,- sie legt das Hauptgewicht auf die sozialen Lebensbedingungen des Volkes, um dann ein - Bild seiner geistigen Wandlungen und Entwicklungen zu geben, sie ist mit einem Worte, eine Geistesgeschichte des Volkes. Als Martin Philippson daran ging, seine „Neueste Geschichte des jüdischen Volkes" zu schreiben, da hatte er — glaube ich — sicherlich beides vor: eine Geschichte.der äußeren Ereignisse und eine solche des jüdischen Geistes. Daß er dies wollte, beweisen außer seiner ganzen Behandlungsweise besonders deutlich das Kapitel über „Die Lebensbedingnngen des jüdischen Stammes" und die kurzen Abschnitte über die ncuhebräische und Jargon-Literatur. Und was ist - das Resultat seiner Bemühungen? Die Darstellung der äußeren Geschichte ist ihm glänzend gelungen, die Kapitel über die inneren Vorgänge, über die geistigen Wandlungen der Juden in dem letzten Jahrhundert sind sämtlich m e h r oder minder verfehlt. Dieses Urteil, das wir fällen müssen, ist hart, denn es will sagen, daß das Wesentliche der Arbeit, der Kern der ganzen Frucht mißlungen ist. Daß Phslippson eine klare, geläufige, erschöpfende Darstellung der äußeren Erlebnisse unseres Volkes geben würde, daß er ein ansprechendes Bsid der antisemitischen Bewegung zeichnen würde, daß er auch all die Ereignisse in der Geschichte der Reformbewegung genau aufzählen wurde, das war uns bekannt, noch bevor er diese Geschichte schrieb. Dies wußten wir von seinen früheren Geschichtswerken, von seinem „Westeuropa im Zeitalter Ludwigs XTV.", von seinem „Westeuropa im Zeitalter von Philipp II., Elisabeth und Heinrich IV." Als Philippson daran ging, eine jüdische Geschichte zu schreiben, da hätte er sich sagen müssen, daß es hier das Wesentlichewar, die Umwandlung Anzeigen, diederjüd. Gei st infolgeder Emanzipation erfahren hatte, jene ungünstige Umwandlung, die sich gerade in der Reformbewegung auf der einen Seite und in der Entnationalisierung der Orthodoxie auf der anderen Seite offenbart. Mag sein, daß er es sich gesagt hatte; mag sein, daß er es auch ausführen wollte. Gelungeest istes. ihm jedenfalls nicht. Und warum? Weil Philippson eben gar nicht den *) Neueste Geschichte des jüdischen Volkes. . Von Prof. Dr. Martin Philippson. Leipzig. -. Gustav Fock. Band.I und II ü 6 Mk. wahren, den echten jüdischen Geist kennt, weil er eben inmitten dieser unheilvollen Reformbewegung seU frühester Jugend gelebt hat und von ihr auf das stärkste beeinflußt worden ist. Und dieser Einfluß war so stark, daß er Philippson seine Objektivität raubte, also die erste und wichtigste Eigenschaft, die von dem Historiker gefordert werden muß. Auch hier war sicherlich der gute Wille vorhanden; Philippson wollte unparteiisch, selbständig sein. Daß er cs wollte, das ersieht man aus dem Kapitel über „den jüdischen Nationalismus", in dem er wirklich eine anerkennenswerte Stufe der Objektivität 'erreicht hat. Aber sonst! Nichts von wirklich historischer Objektivität, nirgends eine Betrachtungsweise, von der man sagen könnte, daß sic über den Parteien stünde. Auf der einen Seite eine verständnislose Gegnerschaft gegen die Orthodoxie, und auf der anderen Seite eine blinde Verherrlichung der eigenen Richtung, der historischen, gemäßigten Reform. Und dies alleseben infolge seiner Unkenntnis des Echtjüdischen, des Urjüdischen, des von der Emanzipation unbeeinflußten traditionellen Judentums. Diese mangelnde Kenntnis macht sich noch viel drastischer bemerkbar in den kurzen Abschnitten über die neuhebräische und Jargonliteratur. Wie nichtssagend ist doch beispiclsweije die Charakteristik von der gewaltigen dichterischen Individualität B i a l i k s als eines Dichters, der „sich durch farbenreichen, poetischen Stil und durch feines lyrisches Gefühl auszeichnet"! Und wie falsch ist die ans jeden Kenner der hebräischen Literatur geradezu komisch wirkende Bemerkung, daß „die Gestaltung des jüdischen Stammes zur mustergültigen Glaubensgemeinschaft das Ideal Ach ad-ha-Ams sei". Und solche merkwürdigen Ansichten äußer er noch viele; sic aber hier vorzuführen, würde nur immer wieder das gleiche Resultat ergeben, daß die Kenntnis alles Wahrhaft-Jüdischen Philippson abgeht. Und darum mag wohl diese jüdische Geschichte für einen Philippson gut sein; er konnte keine bessere schreiben. Aber ein Philippson ist für die jüdische Geschichte nicht gut; er ist sicherlich nicht der geeignete Mann, eine objektive, allen Anforderungen entsprechende jüdische Geschichte zu schreiben. Dr. N. Die jüdische Hygiene m Dresden 1911. Die Gruppe „Hygiene bei den Juden" auf der Internationalen Hygiene-Ausstellung in Dresden 1911 soll znm erstemnale an öffentlicher Stelle einen Ueberblick über Wertung, Gestaltung und Ent- ,Wicklung der hygienischen Ideen im privaten und öffentlichen Leben des Judentums seit den ältesten Zeiten bis auf die Neuzeit bieten. Die Ausstellung soll zum Auge sprechen und darum a u s s ch l i e ß l i ch anschauliches Material bieten. Die einschlägigen Stellen des jüdischen Schrifttums werden nebst Quellenangabe und deutscher Uebersetzung gedruckt und auf einzelnen Blättern systematisch geordnet ausgestellt. Auch besonders bemerkenswerte, den Gegenstand behandelnde Codices fallen in diese Rubrik, deren Einrichtung die Aufgabe eines Kreises von Fachgelehrten bildet. Gegenstände jeder Art, die das jüdische Leben früherer Zeiten unter dem Gesichtswinkel der Wohlfahrtspflege im weitesten Sinne zu beleuchten geeignet sind, werden im Original, in Nachbildung oder in Rekonstruktion von Museen oder privaten Sammlern erbeten. Das städtische Museum in Frankfurt a. M. und die jüdischen Museen in Hamburg und Wien haben bereits mitzuarbeiten sich bereit erklärt. Die humanitären Bestrebungen der Juden in der Neuzeit sollen dadurch zur Darstellung gelangen, daß die jüdischen Gemeinden und Vereine von den ihrem Einfluß unterstehenden Synagogen,Schulen,Armen-,Kranken-,Alten-, Waisenhäusern, Schlachthöfen, rituelle»Badeanstalten undFriedho fsanlagen Modelle, nur im Notfälle Photographien, sowie anschauliche Statistiken ihrer sozial-ethischen Budgets und des Bereinswefens einsenden. Zn diesem Zwecke empfehlen sich die Bildung von Lokalkomitees, wie sie für London und Wien zugesagt sind, oder Maßnahmen der großen jüdischen Verbände, von denen zunächst die Jewish Colonisation Association und die Großloge für Deutschland (U. O. B. B.) tatkräftig Mitwirken. Die Beschneidung, die rituellen Speisen, das S ch ä ch t en usw. sollen durch Muster von Firmen, die für diese Zwecke Utensilien und Präparate erzeugen, vertreten sein. Hierfür ist eine Reihe von Lieferanten, z. B. in Bremen und Lübeck, schon gewonnen. Auch literarische Unterstützung und Ratschläge in jeder Hinsicht werden mit Dank entgegengenommen. Ein ausführliches Prograinm und die Ausstellungsbedingungen stellt der Unterzeichnete bereitwilligst zur Verfügung. Nur durch das einmütige und opferwillige Zusammenwirken aller Kreise, denen die Ehre des Judentums und die Aufklärung über seine Lehre und KulturamHerzenliegen,kanneinWerkge« lingen, das zur Festigung nach innen wie zum Schutz nach außen der Judenheit einen nicht unwichtigen Dienst zu leisten die Gelegenheit bietet. Dr. Max Grunwald, Wien, XV., Mariahilferstr. 167. Personalien. Berlin. Im Alter von 52 Jahren verschied Gustav S. Hermanns, Seniorchef der Firma Hermanns u. 'Froitzheim. — In Potsdam verschied im 54. Lebensjahre Justizrat Dr. Sally Friedländer, Präsident der jüd. Gemeinde und Mitglied des Stadtverordnetenkollegiums. Strastburg. In Biesheim verschied im Alter von 96 Jahren der frühere Gemeinderat Baruch Zivi, Vater des Rabbiners Dr. Zivi- Winzenheim. Lftrowo. Die Repräsentanten wählten Justizrat V o ß zum Vorsteher und Mühlendirektor I. Kr ansk o p f zum 1. Vorsitzenden der jüd. Gemeinde. Zürich. In Ardon wurde Josef Guggenheim, der einzige dort wohnende Jude, mit großer Mehrheit in die Gemeindebehörde gewählt. Rom. Der König ernannte den Deputierten Barzilai zum Botschafter in China. — Der jüngst verstorbene berühmte Rechtsgelehrte Bittorio de Rosst war Präsident der jüd. Gemeinde in Livorno. — In Padua sind der Bürgermeister, M. L e v i 7 und der Rektor der Universität, Senator Bittorio P 0 l a c c 0, Juden. Bei dieser Gelegenheit sei daran erinnert, daß der Erbauer des weltberühmten Cafo Pedrocchi. der Jude Carlo Pedrocchi war. Paris. Dr. Fernand Widal wurde zum P r 0 f e s s 0 r der inneren Pathologie an der hiesigen medizinischen Fakultät gewählt. London. Percy Coleman SimmonS wurde zum Ratsherrn gewählt. Es sitzen durch diese Wahl jetzt zwei Juden im Londoner Stadtrat: außer Simmons noch Lord Michelham. Saloniki iTüriei» Der amerikanische Botschafter Oscar Straus, der wegen Revision sämtlicher amerikanischer Konsulate im türkischen Reiche eine Rundreise avgetreten hat, weilte auch einige Tage hier. Er besuchte die Allianzschnle und das Baron Hirsch-Hospital und erwiderte den Besuch des Großrabbiners. Der Botschafter hat sich nach Cairo eingeschifft, wo er mit Roosevelt zusammentrifst, und auf der Rückreise wird er Palästina besuchen. New - Nork. Der hebräische Schriftsteller I. L. Saßnitz ist gestorben. Er stammte aus Rußland und hat sich vorzugsweise mü wissenschaftlichen Fragen, besonders solchen der Mathematik befaßt und mehrere Werke in hebräischer Sprache darüber veröffentlicht. Aus der Lehrerwett. Frankfurt a. M. Die Israel. Religionsschule (Dirigent: Rabb. Dr. I. Horovitz) unterrichtete im abgelaufenen Jahre 514 Schüler und Schülerinnen, und zwar 157 Schüler, 181 Schülerinnen und 4 Seminaristinnen in der Schule am Hermesweg, 59 Schüler und 28 Schülerinnen in der Schule an der Nnterlindau, 29 Schüler in dem Kursus für galiz. und russ. Knaben und 56 Schüler in der Klingeroberrealschule und der Adlerflychtschule. Frankfurt a. M. Die Realschule der Jßrael. Reli g io ns g es ells ch ast hatte am 1. Febr. eine Frequenzzahl von 600' (249 in der Realschule, 106 in der Vorschule und 245 in der. höheren Mädchenschule), und,die Realschule der israel. Gemeinde „Philanthropin" am gleichen Datum eine Frequenzzahl von 570 (221 in der Realschule, 126 in der Vorschule und 223 in der Höheren Mädchenschule). 48