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Neue jüdische Presse · 1910-03-24 · Heft 12 (24.3.1910) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 12 (24.3.1910)
Date
1910-03-24
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 12. nicht nur die vielen Tausende von Oesterreichern, wie das ja nach Lage der Gesetzgebung jederzeit möglich ist, andauernd von dem Damoklesschwert der Ausweisung bedroht, sondern auch die vielen Tausende ton Gcschäftsniederlagen und Filialen österreichischer Firmen, ganz gleich ob sie von Reichsdeutschen als Geschäftsvertreter geführt werden oder von Nichtreichsangehörigen, sind in ihrer Existenz jederzeit bedroht." Oesterreich-Uugarn. Wien. ES dürste für die Leser dieser Zeitung von Interesse sein, wenn wir noch einige Schlaglichter auf den Schöpfer der modernen antisemitischen Bewegung in Oesterreich Dr. Lueger, der nun wie ein Fürst beigesetzt worden ist und bei dessen Begräbnis auch Hunderte weibliche und männliche rückgratlvse Assimilationsjudcn sich nicht entblödeten, Spalier zu bilden, werfen. Als Demokrat war Lueger der intiinste Freund des Gemeinberats Dr. Ignatz Mandl, eines Ungar. Juden. Aber schon als Demokrat zeigte er, daß er sich der Partei zuwenden werde, die seinem Ehrgeize am meisten Aussichten böte. So erzählt der Demokrat Kronawetter, sein einstiger Mitkämpfer, daß Lueger 1886 beim Bier offenherzig sagte: „Na, wir werden halt sehen, welche Bewegung stärker sein wird: die demokratische oder die antisemitische; .danach muß man sich einrichten." Auch der ehemalige Reichstagsabg. Dr. Bögler hält den Antisemitismus dieses Mannes, der kalten Herzens die niedrigsten Bolksinstinkte gegen die Juden aufgerüttelt hat, nicht für echt. Als Student habe er viel mit Juden verkehrt, bei seiner einzigen Auslandsreise, die die Schweiz zum Ziele hatte, habe seine Reisegesellschaft aus drei jüd. Konzipienten bestanden, und als Advokat habe er Juden in seinem Büro angestellt gehabt? — Brochs Oesterr. Wochenschrift erinnert daran, daß Lueger nicht frei von jüd. Blute war. Als bei der von Herzog Albrecht angeordneten Judenverfolgung 240 Juden, in Wien verbrannt wurden, da nahm nur eine Person die Taufe und entging damit dem Feuertode, und diese Person war Luegers Ahnmutter. Arad. Das finstre Gespenst der künftigen varlamentarischen Parteigestaltung wirst seine Schatten schon jetzt in der Fieberglut der heißen Wahlagitation voraus. Die achtnndvierziger Kossuthpartei, die unter ihrer Fahne 18 jüdische Abgeordnete zählte, fühlt den nahenden Orkan, der sie von der Bildfläche wegsegen soll und hat zur Deckung des Rückzugs die Parole „Los von den Juden" ansgegeben. Graf StephanTisza, dem alles eher nur nicht philoscmitische Beleitäten nachgesagt werden können, mutzte hier, ivo er das „liberale" System der janusköpsigeu Khuen-Zichy'schen Politik verteidigte, eine ganze Flut der schmutzigsten antisemitischen Anrempelungen über sich ergehen lassen. Faule Eier und faustgroße Steine waren das zarteste, das den jüdischen Reisebegleitern des Grafen an den Kopf flog. Der Mob warf.sich mit bestialischer Roheit auf alle jüd. Regierungsmänner. Nur dem Einschreiten der requirierten Amtsgewalt >var das Verhindern eines Blutbades zu verdanken. Z i o n i. Rußland. Petersburg. Nach einer siebzehnjährigen Unterbrechung tritt wiederum eine R a b b i n e r k o in in i s s i o u zusammen, die über Fragen des religiösen Lebens und über jüdische Gemeindeangclegenheiten beraten und für das Kultusdepartement Vorschläge ausarbeiten soll. Im Zusammenhang damit imtrbe eine Konferenz von Rabbinern und Notabeln, aus indirekter Wahl je zweier Vertreter aus eineni Wonvernement des Ansiedelungsrayons hcrvorgegangen, einberufen, die die Arbeiten der Kommission vorzubereiten, resp. zu unterstützen hat. Aus der Mitte der Konferenzteilnehmer ernannte die Regierung die Mtglieder der. Kommission. Zum Vorsitzenden der Konferenz wurde Baron D. Günzburg, zum Vorsitzenden der Kommission Rabbiner Zirelsohn -Krschinew ernannt. Am 15. März begannen nun die Beratungen der beiden Körperschaften. Departements-Direktor Cha - r u s i n begrüßte die Konferenz. Baron Günzburg dankte im Namen der Versammlung. Hierauf fand in der Hauptsynagogc ein Gottesdienst für das Wohl des Zaren, Rußlands und des jüdischen Bolkes statt. Nach dem Gottesdienst kehrten die Teilnehmer in den Sitzungssaal zurück. Auf einstimmigen Beschluß der Versammlung wurde an S to lhp in. ein Telegramm abgesandt mit der Bitte, die devoten Nntertänigkeitsgefühle der Konferenzteilnehmer zu den Füßen des Zaren zu legen. Rabbiner Zirelsohn hielt die Eröffnungsrede, in der er seine Genugtuung darüber ausdrückte, daß die Regierung den religiösen und" moralischen Bedürfnissen ^der Juden entgegepgekommen ist. Man müsse nun darauf bedacht sein, den Palteiegoisnius, der leider schon so häufig den Frankfurter Israelitisches FamiÜenii-att. Tempel des Dolkswohls zerstört habe, in die Beratungen nicht einreißen zu lassen. Die Konferenz teilte sich sodann in drei Sektionen, entsprechend den drei Haupttraktanden: Frage des doppelten Rabbinats, Ritualstagen und Organisation der Gemeinden. Bei der Wahl in die Kommissionen wurde eine lebhafte Agitation entaltet. Es kämpften einerseits die „Intelligenz" mit der Orthodoxie, anderseits die „Chassidim" mit den „Misnagdim". Schließlich einigte man sich auf das Proportionalitätsprinzip. — In die Rabbinatskommission wurden 20, in die Gemeindekommission 16, in die Ritualkommission 12 Personen gewählt. Die Verhandlungen werden in den Kommissionen im Jargon geführt. In der Rabbinatskommission wurde am 16. März über das Institut des doppelt.en Rabbinats beraten. Rabbiner Mase - Moskau trat für den stutus cxuo ein. Die geistlichen Rabbiner dürften nicht Kronbeamte werden, da sie dann ihre Autorität einbüßen würden. Die geistlichen Rabbiner sprachen sich gegen die Kronrabbiner aus, die die jüdische Religion weder kennen noch respektieren. Helsingfors (Finnland). Schon 1908 drohte vielen jüd. Familien die A u s w e i s u n g, nur die Intervention ausländischer Finanziers hinderte sie damals. Nun aber ist ein neuer Senat ans Ruder gekommen und hat als eine seiner ersten Amtshandlungen 40 jüd. Familien ausgewiesen. — Auch das von dem neuen Senat verfügte Sch ächtverbot beunruhigt die Juden Finnlands sehr. Sie haben sich an den Generalgouverneur gewandt, damit dieser, der Vertreter Rußlands, sie vor der gesetzgebenden Körperschaft des „freien" Finnlands schütze. Türkei. Konftantinopel. Die hiesigen Blätter melden: Die Regierung hatte dem Staatsrate ein Gesetzesprojekt zum Studium überreicht, demzufolge die in Syrien Eingewanderten während der zehn ersten Jahre vom Militärdienst dispensiert bleiben sollen. Der Staatsrat hat das Projekt nach gewissen Beränderrmgen der Regierung wieder zurückgereicht. Die Gründe und die Tragweite dieses Gesetzesprojektes sind nach den bisherigen Mitteilungen noch nicht recht zu beurteilen. Konstantinopel. Die Regierung hatte den Beschluß gefaßt, die nichtmohammedanischen Volksschulen zu subventionieren. Die religiösen Behörden der Nichtmohammedaner haben darauf die Auszahlung der dafür ausgeworfenen Summen durch sie beantragt, der Staatsrat hat jedoch dieses Ersuchen abgelehnt. Amerika. Rew-Nork. Eine Abordnung von 350 fremdsprachigen Blättern, die , gegen die Einschränkung der Einwanderung sind, wurde vom Präsident Taft empfangen. Taft erklärte u. a. folgendes: „Die Tatsache, daß die jüd. Einwohner vom Newyorker Osten alle Kulturerrun gen schäften unseres Landes in sich aufgenonimen haben, machte auf mich einen starke» Eindruck. - Ich habe im ganzen Lande keinen Ort gefunden, wo der wahre amerikanische Patriotismus so tief eingewurzelt wäre wie dort. Diese Tatsache hat meine Anschauung betreffs der Einwanderung sehr stark beeinflußt, und Sie können überzeugt sein, daß eine Aenderüng der Einwanderungsgesetze ohne Einvernehmen mit Ihnen nicht erfolgen wird." Rew-Uork. Louis Hammerling, der Begründer der „Foreign Language Newspapers Association", fordert zur Gründung einer allgemeinen Organisation der Einwanderer zwecks gegenseitiger Hilseleistung und Verteidigung der Interessen aller Einwanderer auf. Die jüdischen Zeitungen stehen dem Projekte günstig gegenüber. Marokko. Tanger. Hebelgriffe von Beamten hatten die jüd. Bevölkerung wieder einmal in große Aufregung versetzt. In Tanger und in Gharb war einem jüdischen Eingeborenen die Bastomrade erteilt worden, ohne daß ein anderer Grund zu der grausamen Strafe vorlag, als der Uebermut der betreffenden Behörden. Immerhin Wurden trotz der allgemeinen Furcht gleich energische Schritte in Tanger unternommen, die zur Folge hatten, daß die Borgesetzten der betreffenden Regierungsorgane, die sich mit Unkenntnis des Vorfalls entschuldigten, eine scharfe Rüge seitens des Pascha erhielten. Seite 3 Auge um Auge. Roman von Sam. Gordon. Frei übersetzt von M. Pulvermann. iFortsetzung). Dieser Gedanke brachte Baruch wieder zu sich. Er durste nicht länger hier verweilen, er muß sein Werk sofort beginnen. „Baruch, bei dem Andenken Deiner Eltern bitte ich Dich, setze Dich keinen Gefahren aus!" hörte er noch Malka hinter sich rufen, und er mußte darüber lachen. Gerade dieser Zuruf mußte ihm ja noch mehr zu dem entflammen, wovon sie ihn abzuhalten versuchte. Als Baruch das Koratow'sche Haus wieder betrat, war es zwar schon etwas spät geworden. Dennoch fand er noch alle beisammen» und die beiden ältern Damen, die abseits saßen, forderten ihn sehr liebenswürdig auf, sich noch ein Weilchen zu ihnen zu setzen und ihnen Gesellschaft zu leisten. Alma hatte ihm nur einen flüchtigen Blick zugeworsen und wendete sich bald wieder zu ihrem Vetter Karol, mit welchem sie auf der Veranda sich sehr angelegentlich unterhielt. Erst beim allgemeinen Aufbruch konnte sich Bolttnann dem Pärchen nähern, und Karols spöttische Siegermiene gänzlich unbeachtend, sprach er zu Alma: „Gnädiges Fräulein, vorhin haben wir einen schlechten Anfang gemacht; darf ich Sie bttten, mir zu gestatten, nochmals von vorn anzufangen?" Sie zögerte mit der Antwort. Die Worte be-. retteten ihr ja eine gewisse Genugtuung, allein in seinen Augen glaubte sie einen Schimmer von Bosheit wahrzunehmen. Langsam erwiderte sie: „Gewiß, Herr Bolkmann, wenn Sie es für nöttg halten." Er reichte ihr die Hand und empfand ein grimmiges Behagen, als er ihren leisen Gegendruck verspiele. — Doch weniger zufrieden war Vetter Karol. Stundenlang saß er noch in seinem Zimmer, Zigaretten rauchend und nachgrübelnd, um den Sinn der eben mitangehörten Unterredung zu verstehen. Bon welchem „Frischen Anfang" sprachen sie denn? Wenn jemand das Recht hatte, von einem guten Anfang zu sprechen, so war es doch nur er und kein anderer. Er war fest überzeugt, endlich die wilde Hummel bezwungen und einen vorzüglichen Eindruck gemacht zu haben. — Nur schade, daß sie fortwährend von — von — diesem Volkmann sprach. — Ganz richttg scheint die Sache doch nicht zu fein: denn als er sich über Volkmanns sportliche Unwissenheit ein wenig lustig machte, da wurde sie ja wieder so ungemütlich und machte gar die schnippische Bemerkung, daß auch er weit besser täte, seinen kostspieligen Sport ein wenig zu beschränken, und im übrigen solle er sich nur um seine eigenen Angelegenheiten kümmern. — Nun, ja; diesen Rat wird er buchstäblich befolgen, und die Hauptangelegenheit, um welche er sich kümmern wird, ist — Alma Koratow. vm. Die Freundschaft der beiden Familien Glogowsky und Koratow datierte schon seit der Schulzeit her, wo die beiden Gymnasiasten die Bekanntschaft der beiden höheren Töchter gemacht hatten. Später freilich — sowohl durch die Verschiedenheit ihrer Berufe, als auch durch die große Entfernung ihrer amtlichen Tätigkeit — hatten sich die Freundschaftsbande ein wenig gelockert: allein schon wenige Stunden des Beisammenseins genügten, um die frühere Intimität zwischen diesen vier Menschen iwieder herzustellen. Die beiden ältern Damen hatten wieder Reminiszenzen gefeiert, wobei Gräfin Koratow an Dankesäußerungen sich nicht genug tun konnte, daß ihre lieben Freunde ihnen das Opfer gebracht, aus solcher weiter Ferne nach dieser »Mildnis" zu kommen, um ihnen diese Freude zu machen. ,Mie mir scheint, Marie, angelst Du nach Komplimenten," wehrte die Baronin lächelnd ab; „Du weißt doch, welche Wohltat es für uns, besonders für meinen Mann ist, wenigstens für einige Wochen dem Staub und dem Lärm der Großstadt zu entgehen, um hier, in dieser »^Wildnis", wie Du es nennst, die Lungen wieder einmal mit gesunder Luft zu füllen und die Augen am saftigen Grün zu sättigen." „Dann tut es mir doppelt leid, daß Dein Mann und Herr Bolkntann, der übrigens ein sehr netter Mensch zu sein scheint, so viel arbetten und so wenig die Schönheiten genießen." „Latz es gut sein, Marie. Gedulde Dich noch einige Tage, bis sie die notwendigste Arbeit getan. Ich hielt es nämlich für ratsamer, datz dieses hier geschieht, als die Reise wiederum auf Wochen hinauszuschieben." „Das war ein sehr kluger Gedanke von Dir! — Doch, Adele, Du magst Dich sträuben, soviel Du . willst, ich bin Dir dennoch aufrichtig dankbar, - daß Ihr gekommen seid. Mein Moarn fühlt sich viel behaglicher und freier, seitdem Ihr hier seid.

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