Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 12 (24.3.1910)
- Date
- 1910-03-24
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2692297-2692665-2692677--05300-2700201- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Sette 4. Frankfurter Israelitisches Farnilienblait. Nr. 12. Au kmmst Vir gax nicht denken, welchen Lufreg- «ngen und Aergernissen er ausgesetzt ist, so baß ich bei seinem hitzigen Temperament aus der Angst nicht mehr herauskomme. Dazu noch meine Sorgen um Alma! Die erste Zeit nach ihrer Rückkehr aus der-Klosterschule hat sie mir schweren Kummer bereitet; es hatte den Anschein, als könnte sie sich gar nicht wieder mit uns einleben, und es war ganz eigentümlich, daß gerade Odessa den tiefsten Eindruck auf sie gemacht hatte, obwohl wir doch dort nur einen Hachen Tag weilten. Ich hatte schon die Absicht, sie Dir auf einige Wochen hinzuschicken; allein mein Mann wollte nichts von einer abermaligen Trennung wissen. „Ich vermag nicht, ohne sie zu leben," .war seine stehende Redensart. Bei oll seinem schroffen und zugeknöpften Wesen ist er Alma gegenüber weich wie Butter. Er betet sie förmlich an, sie ist sein Ideal, sein Abgott. Aber auch sie hängt mit unaussprechlicher Zärtlichkeit an ihm, sodaß eine Trennung beide auf den Tod betrüben würde. Frellich einmal wird es doch geschehen müssen, und Karols Anwesenheit hat dieses sogar in greifbare Nähe gerückt; Du verstehst wohl, was ich meine. Allerdings hat mich seine bisherige Lebensweise nicht sonderlich für ihn eingenommen. Aber ich denke, Jugend muß austoben, und je wilder ein junger Mann sich gebärdet, desto eher kommt er zur Besinnüng. Im großen Ganzen ist es doch eine annehmbare Partie nach jeder Richtung hin. Wma kommt dann nach Petersburg und kann wenigstens ihr Leben genießen, obwohl sie uns sehr fehlen wird. Wir Eltern sind uns gegenseitig schon darüber einig, und wenn die jungen Leute so weit sind, dann soll der Hochzeitstag anberaumt werden." „Natürlich, Marie, zuvor müssen die Leutchen unter sich einig werden," sprach die Baronin mit tiefem Ernst; „sicherlich werdet Ihr Alma doch nicht etwa zwingen, gegen ihre Neigung zu heiraten." Die Gräfin wurde aufmerksam. „Wie kommst Du auf diese Idee, Adele? So weit ich beide beobachtet . . ." Sie wurde durch Alma unterbrochen, die mit brennendem Gesicht und schelmisch blitzenden Augen ins Zimmer stürmte. „Na, Ihr zwei Verschwörer, was habt Ihr denn so geheimnisvoll mit einander zu beratschlagen?" fragte sie neckend. ,Mic haben uns soeben verabredet, heute Nachmittag einige Einkäufe zu besorgen," erwiderte ihre Mutter. „Da stimme ich Euch vollkommen bei," entschied Alma trocken. „Und, bitte, Fräulein Naseweis, wer hat Dich denn um Deine Zustimmung gebeten? Aber, da diese zufällig mit unserer Vereinbarung zusammentrifft, wollen wir es gellen lassen." Alma machte einen spöttischen Knix und fragte: ,ZVann wollen wir denn aufbrechen?" „Gleich nach Tisch." „Dann will ich zum Fährmann schicken, damit er für seinen alten Kahn einen neuen Besen kaust. Wir müssen nämlich über den Dnieper übersetzen," erläuterte sie altklug. ),Mama ist ja zu ängstlich, über die Brücke zu fahren, weil das alte Ding die reinste Schaukel ist, wenn man nur darüber geht. Einmal frellich machte ich mir den Spaß, mit unfern Rappen im vollsten Gallop darüber zu sausen. Es war ja großartig; doch hinterher bekam ich meine Schelte und das strenge Verbot, es nie wieder zu tun. Dadurch ist mir nun jede passende Gelegenheit genommen, auf romantische Art den Hals zu brechen. Ach, die heutige langweilige, prosaische und nüchterne Zeit!" Sie sprach dieses mit solcher affektierter Traurigkeit, während der Kobold ihr aus den Augen blitzte, daß selbst die überängstliche Gräfin das Lachen nicht unterdrücken konnte. „Und da wir von solchen gräßlichen Sachen sprechen," fuhr Alma fort, „da will ich Euch noch von einer andern schrecklichen Entdeckung berichten, die ich soeben gemacht." „Alma!" schrie ihre Mutter aufgeregt. Doch diese lachte hell auf. „Mama bekommt immer einen Todesschreck, wenn ich wieder einmal auf Entdeckungen ausgehe. Es ist aber auch in der Tat ganz entsetzlich, was mir jetzt passierte! Ich gehe gerade bei Papas Arbeitszimmer vorbei, ohne zu denken, welchem Zwecke es dient. Ich mache also die Tür ganz geniütlich auf, — und, — o Schreck! — Oh, Graus! —. Onkel Sergi und Herr Dolkmann sehen mich an, wie zwei Tiger, denen man die Jungen rauben will! Na, ich hatte nicht wenig Angst und lief eilig davon, um bei Euch Schutz und Sicherheit zu finden." „Ist das «llles, Alma?" „Aber, Mama! Sind denn zwei Tiger noch nicht genug, um Dir die Haare zu Berge stehen zu lassen? Du bist ja auf einmal so tapfer, Mama!" „Auch Deine Angst, Cousinchen, wird wohl nicht übermäßig groß gewesen sein," sprach Karol, der bei Almas letzten Worten eingetreten war. „Unb warum denn nicht, Herr drachentötender St. Georg?" gegenstagte sie kampfesmutig. ,Meu Du Dich doch schon an den Tigerblick gewöhnt haben mutzt, da Du ja auch gestern dasselbe getan." Wirklich? Habe ich das wirklich getan?"! Sie sgh ihn mit der größten Unschuld an: „Und wxnn ich »8 getan, wieso weißt Du es deckn?" „Ich bemerkte es rein zufällig, als ich den Korridor betrat," war seine höhnische Erwiderung. „Wenn Du es sagst, dann muß es natürlich wahr sein. Ich schlage vor, daß wir daher gemeinschaftlich zur heiligen Mutter von Kasan beten, damit es nicht bei mir zur fixen Idee ausartet. Sollte es aber doch geschehen, - daß ich wieder jene Tür zu öffnen versuche, — dann, oh, vielgeliebter Vetter, mutzt Du mich gewaltsam daran hindern! Willst Du mir das versprechen?" Die Antwort kam von ihrer Mutter. „Das war sehr ungezogen von Dir, Alma. Du weißt, die Herren wollen bei ihrer Arbeit nicht gestört werden." „Weißt Du es denn ganz bestimmt, Mama?" „Geh, Du bist unverbesserlich." „Nicht ganz, Mama; da doch Vetter Karol sich vorgenommen hat, mich doch noch zu bessern." — „Macht, daß Ihr fortkommt, Ihr beiden Taugenichtse!" „Sogleich, Mama. 'Vergiß nicht, was wir heute unternehmen wollen. — Da fällt mir wieder ein, daß wir den Fährmann benachrichtigen müssen. Vetter Karol ist gewiß so liebenswürdig, es zu besorgen. Er ist nämlich ein solcher alter, häßlicher Brummbär — ich meine den Fährmann —, daß er alles verkehrt macht, was ich haben will, und keiner versteht es so gut, mtt einem gelinden Donnerwetter sich Gehorsam zu verschaffen, wie Vetter Karol." Dieser aber machte keinerlei Anstalten, ihren Austtag auszuführen, daher fuhr Alma schmeichelnd fort: „Nicht wahr. Du kannst es nicht übers Herz bringen, mich mit »leincm weißen Kleide dort hinsetzen zu lassen." „Wieder ein Borwaud, um mich los zu werden," murmelte Karol mit zusammengebissenen Lippen. „Sagtest Du etwas?" fragte Alma scharf, wobei sie sich garkeine Akühe gab, die vorige Ironie noch länger zu verbergen. Die beiden älteren Damen waren wieder allein, doch kamen sie nicht wieder auf das vorige Gespräch zurück. Die Baronin hatte das Geplänkel, das scheinbar im Scherz gettieben wurde, mit ernsten und befremdlichen Blicken betrachtet. Sie entnahm daraus Almas Interesse, mit Volkmann zusammen zu sein, während sie sich über Karol nur lustig machte. Sie nahm sich daher vor, die Sache mit ihrem Manne zu besprechen. Bald hatte sie die Gelegenheit dazu gefunden. „Sergi," leitete sie das Gespräch ein, „ich weiß nicht, ob wir recht getan, Volkmann mit nach hier zu bringen." „Das sehe ich nicht ein; zumal jetzt, wo ich gerade zwei Briefe erhielt, in ivelchen Onagron und Gorsky um ihre Entlassung einkommen," war feine ruhige Antwort. ' „In dieser Hinsicht magst Du ja recht haben. Allein wir hätten die kleine Alma nicht ganz außer acht lassen sollen." ' Fortsetzung folgt.) Bunte Chronik. EineschwierigeTalmudstelle. Erklärt von S. Adelmann in Frankfurt a. M. „Wo finden wir Hamau in der Thora erwähnt?" fragt der Talmud, und seine Antwort lautet: „In den Worten, »Hast du etwa von dem Baume gegessen usw.", die Gott zu Adam sprach, als er vorder verbotenen Frucht gegessen hatte." Ätun liegt aber die Frage auf der Hand: Was will der Talmud prit dieser Erklärung sagen, und was hat es zu bedeuten, wenn Haman in der Thora erwähnt wird? Zur Beantwortung dieser Frage ist folgendes zu bemerken: Haman ist bekanntlich das typische Beispiel der Judenfeinde. Nun haben sich , aber die Gelehrten schon der frühesten Zeiten mit dem Problem beschäftigt, woher der Haß und die Feindschaft gegen die Juden kommen. Biele glaubten, die Ursache dieser Erscheinung sei in den Vorurteilen, in den Jrrtümern und in der Verkennung des Charakters der Juden und des Wesens ihrer Religion zu suchen. Nach ihrer Meinung wäre es also möglich, das feindliche Verhalten unserer Gegner in ein freundliches zu verwandeln, wenn es nur gelingen würde, ihnen zu beweisen, daß ihre Ansichten auf Irrtum beruhen. Allein, die Erfahrung lehrt uns, daß diese Meinung der Wirklichkeit nicht entspricht. Denn die Judenfeinde erheben ihre Beschuldigungen auch dann, wenn sie eines Besseren belehrt werden. Die Talmudlehrer mögen daher mit Recht hinsichtlich dieser.Frage anderer Meinung gewesen sein. Sie wußten, daß ihre Widersacher nicht aus Irrtum und nicht aus Vorurteilen feindlich gegen sie gesinnt waren. Vielmehr war es. ihre feste Ueberzeugck^g, daß der Judenhaß nur aus der Bosheit der Gesinnung zu erllären sei.. Die Bosheit kümmert sich nicht um die Wahrheit, sucht nicht erst nach Beweisen, wenn sie Haß und Zwietracht säen will. Und darin gleichen die Feinde des Judentums allen anderen siebeltätern; sie tun das Böse, obschon sie dessen Berwerflichkett kennen. Diese Ansicht wird nach dem Talmud bestätigt durch die Worte» die Gott v» Adam gesprochen^ als er von dem verbotene» Baume gegessen hatte. Gott wollte gleichsam zu Adam sagen: „Du hast gegessen von dem Baume, obschon ich dir in klarer und unzweideutiger Weise befohlen habe, nicht davon zu essen. Also wirst du doch nicht etwa behaupten wollen, du habest das Verbot nicht gekannt, oder du habest dich geirrt in deinen Anschauungen." Witterung und Kalender. In einem früheren Arttkel hatte ich erivähnt. daß in diesem Jahre die Fasttage genau so fallen, wie vor 27 Jahren. Bemerkenswert ist, daß auch der damalige Winter mit dem diesjährigen große Aehnlichkeit hatte. Auch damals waren die Monate Dezember, Januar und Februar wesentlich zu warin und fanden in vielen Gegenden große Ueberschwemmungen statt. Es gibt Meteorologen, die dies mit Kometen in Beziehung bringen wollen, eine Erörterung darüber ist hier nicht am Platz. Bemerkenswert ist nur, daß es im Mittelalter nichtjüd. Gelehrte gab, welche die biblische Sintflut dem Zusammenstoß der Erde mit einem Kometen zuschreiben wollten. Bekanntlich gibt es auch im Talmud eine Ansicht, welche lautet, daß Gott eine Veränderung am Sternenhimmel vornahm und dadurch die Sintflut hervorrief. Es ist jedoch ein Irrtum, wenn man glaubt, daß beide Anschauungen identtsch seien. Sollte ein Zusammenstoß eines Kometen mit der Erde überhaupt möglich sein, so müßte dies eher wasserverdunstend wirken. Der talmudische Ausspruch deckt sich jedoch mit den neuesten Forschungen. Denn man nimmt heute als ziemlich sicher an, daß starke Niederschläge mit Veränderungen auf der Sonne in Beziehung stehen, die wiederum durch kleinere Sterne verursacht werden. Sicher befinden sich im Talmud auf allen Gebieten Mutmaßungen, die durch das Studium der Naturgesetze bestätigt werdep, man muß nur erstere richtig zu deuten wissen. L. L. Allgemeine Mitteilungen. Einen wirklichen Ersatz für die i» den letzten Jahren unerschwinglich teuer gewordenen Butter stellt das neue Produkt der bekannten Produzenten von Palmin, der Firma H. Schlinck u. Cie., A.-G. Hamburg-Mannheim, die Pfkanzen-Butter- Margarine „Palmona" dar. Palmona enthält keinerlei tierische Fette, auch keine Milch, sondern nur reine Pflanzenfette, kann also ohne Bedenken sowohl zu Fleischals auch zu Milchspeisen verwendet werden. Dabei ist Palmona von einer absoluten Reinheit des Geschmacks und erfreut sich deshalb gerade in der feinen Küche bereits großer Beliebtheit. Es wird nicht lange Zeit vergehen, bis sic in jeder jüdischen Haushaltung zu finden sein wird. Koscher - Palmona wttd unter der streng rituellen Aufsicht Sr. Ehrw. Rabbiner Dr. Kohn-Ansbach hergestellt. Jede Packung trägt sein Siegel. ftt<»cr Friedrich Quelle - Offenbach a. M. >>->-»— Gegen Gicht and Bhenmatismus bewährt. Alleiniger General-Vertreter: Frledrioh Stahl, Franfcfnrt a. M., Stallbnrgstr. 8. Tel. 259 u. 71. DeatACbes ftetectivffp Institut Frankfurt a. M. Note Zrfl SS 1 -Tel. 11381- Beobachtungen pr. St. 1 Mk. Ermittelungen, Recherchen n. Auskünfte v. 5 Mk. an. Gewissenhafte Aus fflhrang u. strengste Diskretion als mehrjähriger Polizeiu. Kriminalbeamte gesichert. Wochen-Kaleuder. (Zeuanftaven nach dem L>aacb.) SamSteg, den 26. März (— 15. Adar scheust: Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 6 Uhr 15 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a M. 7 Uhr 35 Min., in Berlin 7 Uhr 10 Min. Wochenabschnitt: Z aw. — Es wird von den beständigen Altarfeuern, von besonderen Arten von Speiseopfern, von den Vorschriften für das Sündopfer, Schuldopser, Friedensopfer und Dankopser berichtet. Zeit- und Reinheitsvorschrift für den Genuß der Opferteile. Unerlaubte Genußstücke. Einkleidung und Weihe der Priester für ihren heiligen Dienst. (Aehnliches in Tezaweh). Salbung mit Olivenöl, siebentägiger Aufenthalt im Vorhof des Stiftszeltes. Offenbacber Drudeluft - Anlage Telefon 123. OHenbach ä. H. Telefon 123. Unflbertroffenebewährteste TnpplchralnlOUtig. KamUie»uachrtiyre». Geburten. Einen Sohn, Herrn Dr. Julian Schachnow (Herz), Berlin. Verlobte. v Grete Heinemänn, Hannover — Ludwig Meyer, Köln. y'