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Neue jüdische Presse · 1910-03-18 · Heft 11 (18.3.1910) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 11 (18.3.1910)
Date
1910-03-18
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 11. Frankfurter JsrarMsches Faurilienblati. Seile 3 Levh jr. (kons.) zum zweiten Vorsitzenden und nahmen den Antrag auf Einführung der geheimen Wahl einstimmig an. — Bei dein Dreiklassenwahlsystem bleibt es aber! (L.) Posen. Auf Veranlassung des .Deutlch- Israelit. Gemeindebnndes" hatte der Präsident des „Verbandes der Synagogengemeinden des Regierungsbezirk Posen", Bankier Ignatz Goldschmidt, an die Vertreter der Synagogengemeinden, Arnienvereine und Wohltätigkeitsinstitute, sowie an einflußreiche Privatpersonen Einladungen zu einer Sitzung behufs Beratung über die Reform des j ü d. W a n d e r a r m e n w e s e n s ergehen lassen, der ca. 50 Herren aus allen Teilen des Regierungsbezirks gefolgt waren. Referent über die in Berlin stattgehabte Konferenz war Stadtrat Schleyer, der vorschlug, dem Plan einer deutschen Gesamtorganisation der Wanderarmenunterstützung beizustimmen, eine Provinzialorganisation für die Provinz Posen zu schaffen und ihr den größten Teil der von den Gemeinden, Vereinen und Privaten, bisher aufgewendeten Mittel zuzuwendcn. Man einigte sich ans eine Resolution, wonach zwar die Gründung einer Provinzialkasse zur Unterstützung durchreisender Armer für wünschenswert erachtet wird, über den Beitritt, die Höhe der Beitragsleistungen der Gemeinden aber erst Beschluß gefaßt werden soll, wenn Klarheit über die Art der Geschäftsordnung geschaffen sein wird. Oesterreich-Ungaru. Wien. Am 24. Avril begeht die Oesterr. Israelit. Union, die die Wahrung der Gleichberechtigung der Inden Oesterreichs als Aufgabe hat, ihr 25 j ä h r i g e s I n b i l ä u m. Trotzdem die Union in mehr als fünftausend Fällen für das Recht von als Juden zurückgesetzteu oder verfolgten Glaubensbrüdern eingetreten ist, ist ihre Mitgliederzahl, die nur wenig über 7000 beträgt, eine für die dauernde energische Durchführung ihrer Aufgaben zu geringe. Wien. Die „Jüd Ztg." veröffentlicht folgende Erklärung des Iüd. Klubs: Gegenüber den in derOeffentlichkeit verbreiteten Gerüchten von einer angeblich bevorstehenden Auflösung des „Jüdischen Klub" erklärt der reichsrätliche „Jüdische Klub", daß er nach wie vor ungestört weiterbesteht und daß gerade die derzeitige triste politische Lage der österreichischen Juden diese legitime parlamentarische Vertretung des jüdischen Volkes imnier fester zusammenschließt. Dr. Benno Strauch er, m. p. als Obmann. Dr. Heinrich Gabel, m. p. Prof. .D,r. Arthur Mahler, m. p. Adolf Stand, m. p. Budapest. Der Klerikalismus bat seine Taktik geändert. Es wird jetzt nach Moltke'scher Kriegskunst verfahren: Man marschiert getrennt und schlägt uns vereint. Aus der Volkspartei hat sich der radikalere Flügel losgelöst. Unser neu zu wählendes Parlament wird für ' die Christlichsozialen unter der Führung des Domherrn G i e ß w e i n und des Grafen S z a p ä r y, die das erstemal selbständig an die Massen appellieren, Platz machen müssen. Daß unsere Kreise dem gegenüber nicht tatlos verharren, ist nicht unnatürlich. Die liberale Presse führt ' eine akute Rubrik, in der über Judentum und Juden ständig kolportiert wird. Und nicht nur pompöse Leichenfeiern mit großer — auch nichtjüdischer — Assistenz oder blaue Bälle und weiße Maskeraden, von jüdischen Frauenverbin. düngen inszeniert, füllen die Spalten. Der „O. M I. K. E.", Vignette für den U n g. j ü d. L a n d e s - K u l t u r - V e r e i n, macht viel von sich rede». Seine jüdische (?1 Kulturarbeit fordert die streichelnde Anerkennung sämtlicher Kulturfaktoren unseres Landes heraus. Diesmal gibt er Rechenschaft von dem großen Fortschritt, den seine Sprachenkurse gemacht haben. In fünf Monaten haben seine Pädagogen einundsiebzig Leuten die Sprache in Wort und Schrift beigebracht. Diese Arbeit soll aber noch vervielfältigt werden, meinen die „jüdischen Kulturvereinsmagvaren", denn die Verbreitung der ungarischen Sprache ist der heilig hohe Zweck ihrer Assoziation. Der Tätigkeit der Kultur- und Kinderschutzvereine schreiben phantasiebeaabte Mysteriker der Statistik den Rückgang in den Mischehen des Monats Januar zu. Nicht mehr als 31 Pärchen semitischantisemitischer Konvenienz baben sich beim Tranringwechsel ewige Treue gelobt. Und wird weiter in Kinderschuh und Kultur gefahren — ist ihre optimistische Folgerung —. bleibt die Rubrik der Mischehe ein weißer Fleck des statistischen Fragebogens. Und sie hätten fast recht, wenn eine weitere Kolonne nicht mit drohendem Menetekel eine andere Ursache bloßlegte: 15 016 Personen haben sich, mit dem Wanderpaß versehen, den Amerikalinien zugewendet. Das sozial eElendorqanisiert die Land es flucht. Wo das Elend steigt, wächst die Not unter uns. Auch unsere Massen schwimmen unterwegs. Da gibt man — nach alter Sitte — „Get" . . . man heiratet nicht. Z i o n i. Preßburg. Im Gegensatz zu den kleinen Jeschiwos, die bei uns in Ungarn an jedem Orte erhalten werden, in dem das geistige Oberhaupt das Bedürfnis nach cinenr idealen Wirkunskreis empfindet, rollt das hiesige Jcschiwah-Leben in höheren Sphären dahin. Und das ist nur natürlich. — Auf dem Lande wird nur für die „Neschama jessera" der Bachurim, für ihr besseres Jenseits Sorge getragen; das hieniedige sttndbelastete Leben muß schmutzig durch den Globus geschleppt werden. Alle Berufe blühen in der Geistesrepublik der ungarischen Landjeschiwah. Will der ichbewutzte Bachur das entehrende Bettelbrot der Landstraße, zu der beim heutigen System 75 o/o gezwungen sind, nicht genießen, verkauft er sich und seine Zeit, die seine Eltern der Thora weihen wollten, dem Koscherweinpressen vor Sukos oder dem Mazzosmaschinentreiben vor Pesach. In der toten Saison ist er Balbatimfriseur, Tvtenwäscher, Krankenpfleger, Leibschames, Lulovbinder, Taselschreiber, Trendelgießer, Quittelmacher, Botenträger, Buchbinder, Kindergärtner, Landminjanergänger oder Chorsänger. Hat er das Glück an seine kantorale Fähigkeit — zu glauben, und das Massel, diesen Glauben einem Minjan zu suggerieren, dann hat er für seine Studienzeit, auch ohne Schofarblasen, ausgesorgt. In Preßburg sind diese heiligen Berufszweige nicht unbedingt notwendig. Dort sorgt die „Chewra Mesones" für Zettel, die Volksküche für Brot und der Verein M a l b i s ch Arnmim für ganze Sohlen. Der Geist findet seinen letzten Schliff in drei kulturell stark wirkenden Selbstbildungsvereinen, die trotz der Animosität mancher Leiter gegen den Begriff Kultur, im Flor sind. — Bor allem ragt der ungarische „Maggidus egylel" hervor, der im klassischen Ungarisch den Geist der hohe» Schule verbreitet: nach ihm der gemischte Sprachverein, wo neben hochjüdisch auch tiefdeutsch kultiviert wird, und auch die hebräische Sprache und Literatur hat im „Aggudos Sfos Ewer" ein Heim, wenn auch ein ganz primitives. Alles in allem ist ein geistiges Regen zu verzeichnen, das nicht mehr gedämpft werden kann. Daß da doch die heilige Thora nur gefördert 'werden muß, bewies das Sonntag stattgehabte große „V e r h ö r", bei dem fast alle Bachurim, auch die ältesten, auf die ihnen gestellten „Schalos" präzis antworteten. Z i o n i. Rußland. Petersburg. Unter den Studenten des Technolog. In sti tu ts tvurde jüngst eine Enquete über die Frage: „Wic stellen Sie sich zur Gleichberechtigung der Juden?" veranstaltet, deren Ergebnis nunmehr vorliegt. Vö der Studenten ist gegen die Gewährung der Gleichberechtigung der Juden, darunter 16»/o Sozialdemokraten und 35»/o Kadetten. Ein großer Prozentsatz Studenten hat sich überhaupt entweder der Mstimmung enthalten oder seiner Gleichgültigkeit gegenüber dieser Frage in anderer Form Ausdruck gegeben. So haben viele geantwortet, daß es ihnen vollkommen gleich sei, ob man den Juden die Gleichberechtigung gewähre oder nicht. Auch unter dieser „neutralen" Gruppe befindet sich ein großer Prozentsatz von Radikalen, nämlich 6°/o Sozialdemokraten und 7 o/o Sozialrevolutionäre. Eine Antwort lautete kurz dahin, man solle die Juden umbringen. Dieses Verhalten der akademischen Jugend ist für die Beurteilung der Lage der russischen Juden überaus bezeichnend. Noch charakteristischer und beschämender ist aber .die schmachvolle Stellungnahme, die hier Sozialdemokraten und Kadetten der Judenfrage gegenüber einnehmcn. Sie bildet eine treffliche Kennzeichnung der Aussichten, die sich den russischen Inden von dieser Seite her eröffnen. „N. I. K." Türkei. Konstantknopel. In einem Gespräch mit dem Schriftsteller Moise Cohen äußerte sich der Unterrichtsininister über die hebräischeSvrachcalsSprachedertürk i s ch e n Juden. Er sagte: ..Die Inden lernen zu viele fremde Sprachen, besonders die französische. Das ist ja vielleicht sehr nützlich, aber diese Svrachen dürren rricht die nationale Svrache der türkischen Juden werden. Wir zweifeln keineswegs an dem Patriotismus der türkischen Juden, der sich schon so vielfach bewährt bat, und wir sehen mit Freuden, daß sie sich bemühen, die türkische Sprache sich eigen zu machen. Was ihre nationale Sprache anbetrifft, so sehe ich nicht ein, warum nicht die hebräische Svrache die Nationalsvrache der türkischen Juden sein soll, die sie ja alle mehr oder weniger kennen, und die, wie man rnir sagt, sich zu einer modernen Svrache entwickelt hat. Sie ist uns um so symvathischer, als sie einerseits politisch die neutralste, anderseits eine uns' sympathische semitische Sprache ist." Palästina. Jerusalem. Bei den diesmaligen Wahlen zum Gemein derat sind 2 Mohammedaner und 3 Juden gewählt worden. Der ganze Gemeinderat besteht aus 10 Mitgliedern. Die jüd. Gemeinderäte sind: David I e l l i n, hebräischer Schriftsteller und Lehrer am Seminar des Hilfsvereins, gewählt mit 392, Rachmim Misrachi, gewählt mit 385, und Jos es Eliascher, gewählt mit 367 Stimmen. Da die Zahl der jüd. Wähler insgesamt ca. 300 betragen hat, so haben, wie aus dem Wahlresultat hervorgeht auch nichtjüd. Wühler für die jüd. Kandidaten ihre Stimmen abgegeben. Die gewählten zwei nichtjüd. Vertreter des Gemeinderats, Hnsein elHnsseni und Ibrahim Negib, sind bekannte liberal denkende Männer. Zum erstenmal erreicht durch diese Wahl die jüd. ottomanische Bevölkerung Jerusalems eine ihrer Zahl annähernd entsprechende Vertretung im Gemeinderat. Die neuen Mitglieder der Kommune haben eine vierjährige Amtszeit vor sich. Zum Ras il Beladie (Bürgermeister) ist Hussein el Husseni, der sich allgemeiner Sympathien erfreut, gewählt worden. — Hier und in Bayruth ist in den letzten Tagen je ein Iude als Richter am Tribunal erster In st a n z . ernannt worden. Beide haben vor kurzem die juridische Fakultät in Konstantinopel absolviert und verstehen gut die hebräische Sprache. — Der bekannte Agronom Aaronsohn, der seit einiger Zeit in Amerika weilt, hat dort einflußreiche jüd. Kreise für die Gründung einer landwirtschaftlichen Versuchsstation in Palästina gewonnen Es hat sich bereits eine Organisation gebildet mit Julius R o s e n w a l d - Chicago an der Spitze und Männern wie Paul M. Marburg, Dr. Cyrns Adler, Samuel S. Fels? Louis Marshall und Dr. I. L. Magnes im Vorstand. Das nötige Geld ist bereits gezeichnet worden. Hochbedcutsam ist, daß auch die amerikanische Regierung dem Plane großes Interesse entgegenbringt. Das Ackerbauministerium hat der neuen Organisation die Stiftung einer agrikulturellen Bibliothek versprochen, die nach der Aussage einer Autorität „einzig in der Men Welt" sein soll. Julius Rosenwald wird der Versuchsstation eine Sammlung von 24 OOO Pilzen u n b Schwü m men zuwenden, die ihresgleichen' in der ganzen Welt nicht hat. Es liegt auf der Hand, daß ein derartiges Institut, ausgerüstet mit solchen Mitteln und unterstützt von einer so hervorragenden Organisation, für die landwirtschaftliche Entwicklung Palästinas von allerhöchster Bedeutung werden muß. 1 „N. I. K." Auge um Auge. Roman von «am. Gordon. Frei überseht von M. Pulvermann. lFortsetzung). Er war am Ziele angelangt; hier war der Stein, den Niman hat setzen lassen; ein Stein für zwei Gräber. Sicherlich hat das Geld nicht weiter gereicht. Baruch beugte sich nieder und preßte seine trocknen Lippen auf die kalte' Erbe. Vielleicht, daß der warme Hauch den eisigen Tod überwindet und den stillen Schläfern da unten das tiefe Weh über ihnen übermitteln kann; vielleicht, daß ihr Ohr doch seine schmerzlickien Her'-schläae vernehmen kann. — .Und wenn nicht, dann sollen sie wenigstens eins wissen, daß die vielen Jahre, die ihm noch bevorstanden, eine ununterbrochene Buße für die einzige Nacht sein wird, in welcher die beiden Alten jede Minute den tausendfachen Tod erduldet! Sie sollen es wissen, daß er ihnen ein Denkmal errichten wird, das seine Schatten weit, weit über diesen ärmlichen Friedbof werfen soll: er wird ihnen einen Nachruf widmen, der Schreck und Grauen in alle Lande hinaustragen wird! — Er saß lange da und dachte nach. — Plötzlich svrang er freudig auf. Ja, das war eine Offenbarung vom Himmel, eine Erleuchtung aus der Finüeruis des Grabes! Ja, sein Racheplan, der bisher nicht einmal in seinen Umrissen, kaum nebelhart ihm vorgeschwebt, er stand plötzlich fix und fertig mit all seinen Einzelheiten vor seinem Geiste, wie Perlen an »irrer Schnur gereiht, greiff’«r, mtr noch der Verwirklichung harrend. — Er dachte an Koratow und an seine einzige Tochter, jenes wetterwendische, launenhafte Kind- Mädchen. > mit den Amethiiten-Auaen — Sind es auch echte Amethisten? — Nun, er wird es schnell genug herausfinden, obwohl er sich bisher noch nicht als Kenner von Fräüenaugen probiert hat. — Freilich hatte er bisher noch keinem weiblichen Wesen in die Augen geschaut, obwohl man seiner

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