Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 11 (18.3.1910)
- Date
- 1910-03-18
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Leite 2. Ei« Arbeitsamt für jüdische Akademiker. Der bestehende gesellschaftliche Antisemitismus bringt den Juden direkt und indirekt die schwersten wirtschaftlichen Schädigungen; direkt durch Boykottierung jüd. Geschäfte und Ablehnung jüd. Angestellter, indirekt durch den Mangel an Protektion und gesellschaftlichen Beziehungen, die bei der Bewerbung um zahlreiche angesehene und gut dotierte Stellen bedeutungsvoller als alle Zeugnisse und Diplome sind. Hierzu kommt, daß eine wichtige wirtschaftliche Stütze der deutschen Juden, 'das jüdische Großkapital nur so lange „jüdisch" ist, als seine Besitzer sich nicht taufen lassen oder auf dem Wege zur Taufe sind, und daß besonders das in Form von Aktienbanken arbeitende Kapital, trotz Leitung durch Juden, vielfach die Tendenz hat, jüd. Angestellte nicht zu beschäftigen. Die durch die gegenwärtige Zwangslage und historische Faktoren ' bedingte abnorme wirtschaftliche Lage der deutschen Juden zeigt sich am krassesten in ihrerBeteiligung an den akademischen Berufen. Legt man dje Zahl der Volkszählungen von 1905 zu Grund, so beträgt der Anteil der Juden an der Bevölkerung 1 Prozent, dagegen ihr Anteil am Universitätsstudium im selben Jahr ca. 9 Prozent, auf die einzelnen Fakultäten verteilt: Jura 9,35 Prozent, Medizin 16,4 Prozent, Phllosophie 4,88 Prozent. Dasselbe Bild zeigt die Berufs-Statistik. Der Anteil der Juden an den technischen Studien dürste zwar erheblich geringer sein, als derjenige am Unwersitätsstudium, doch ist hier die Lage insofern weit ungünstiger, als die Angehörigen der technischen Berufe selten Gelegenheit zur Selbständigkeit haben und auf eine Anstellung in öffentlichen und privaten Betrieben^ angewiesen sind. Die wirtschaftliche Konkurrenz der Juden kann als solche erst empfunden werden, wenn ursprünglich ein starkes, rassenhaftes Unterschiedscmpfinden vorhanden ist; das ist aber am stärksten in akademischen Kreisen ausgeprägt; haben diese doch dem Antisemitismus sogar das Mäntelchen der Wissenschaft umgehängt. Bisweilen wird er vom Katheder herab gepredigt, hauptsächlich aber züchten ihn die studentischen Korporationen Semester für Semester für ihren Nachwuchs groß, der nach verlassen der Hochschule seine antisemitischen Prinzipien im Leben betätigt. , So ist es kein Wunder, wenn viele Behörden und Firmen bereits in ihren Ausschreibungen die Zugehörigkeit zum Christentum als Bedingung stellen. Eine große Anzahl anderer begnügt sich damit, in ihren Annoncen oder Fragebogen, die den Bewerbern zugeschickt werden, nur die Angabe der Religion oder in noch verschämterer Weise die Uebersendnng einer Photographie zu verlangen. Einige Firmen beschäftigen zwar mit Rücksicht auf irgend einen einflußreichen jüd. Geldmann 1 oder 2 Renommierjuden, lehnen aber im übrigen jüd. Bewerber ab. Die Klagelieder des jüd. Privatdozenten, des jüd. Richters und Lehramtskandidaten sind zu bekannt, als daß ihrer an dieser Stelle mehr als Erwähnung getan zu werden brauchte. Ein Blick in die Annoncen vieler Fachblätter, von denen biswellen über 50 Prozent für Juden gesperrt sind; das im Archiv des Zentralvereins Deutscher Staatsbürger jüd. Glaubens seit Jahren gesammelte Material; sowie eine Enquete, die das Präsidium des Bundes jüd. Korporationen in kleinem Umfange unter jüd. Akademikern veranstaltete, betätigen die obigen Behauptungen in erschreckender Weise. Angesichts des geschilderten Notstandes ist die Selbsthilfe der einzig würdige und gangbare Weg. Auf die Initiative des Bundes jüd. Korporationen ist durch eine Anzahl im jüd. Leben Deutschlands prominenter Persönlichkeiten ein Arbeitsamt für jüd. Akademiker als ein gemeinnütziger Verein gegründet worden. Die Tätigkeit des Arbeitsamtes, die sämtlichen akademischen Berufszweigen zugute kommen soll, erstreckt sich durch die Mitwirkung von Vertrauensleuten an allen wichtigen Plätzen über ganz Deutschland. Da die Beschaffung eines einwandfreien statistischen Materials, das gls Grundlage für Beschwerden und Interpellationen dienen kann, die erste Aufgabe des Amtes sein wird, so ist es dringend geboten, alle diesbezüglichen persönlichen Erfahrungen sofort dem Bureau mitzuteilen. Der zweite Punkt der Tätigkeit umfaßt die Vermittelungvon vorübergehenden Beschäftigungen und dauernden Stellungen. Das Arbeitsamt wirdinfolge feiner Tendenz in erheblichem Maße die Arbeitsgelegenheit vergrößern; denn der Appell an das Mischsoziale Pflichtgefühl, beim Angebot gleich tüchtiger Kräfte den Stammesgenossen zu bevorzugen, kann nicht vergeblich sein. Schließlich harrt der neuen Organisation als letzte Frcmffuckr FsraeWMes FamiÄenAatt. Aufgabe eine umfassende Auskunftserteilung. Durch Zentralisierung der bezüglichen Erfahrungen und kartographisch geführte Statistiken wird das Amt dem jüd. Akademiker vom Beginn seines Studiums bis zum Ergreifen einer Lebensstellung ein wertvoller Ratgeber in vielen Dingen sein; angeführt seien nur: Wahl des Studiums, Stndiumsverhältnisse an den einzelnen Universitäten; Krankenhäuser für den Medizinalpraktikanten und Fabriken für den Maschinenbauvolontär, die Juden nicht abweiscn; sür Referendare zur Fortbildung geeignete Orte, Niederlassungsmöglichkeiten für Juristen, Mediziner, Apotheker; Niederlassungs¬ und Anstellungsbedingungen im Auslande rc. Soweit sich die Tätigkeitsgebiete berühren, steht übrigens die neue Organisation in freundtichem Einvernehmen mit dem von den Berliner Logen U. O. B. B. gegründeten ans Berlin selbst beschränkten Verein für Arbeitsnachweis. Soll das Arbeitsamt seine Aufgabe erfüllen, so ist es auf die moralische und finanzielle Hilfe weitester jüd. Kreise angewiesen. Ehrenpflicht zum mindesten jedes jüd. Akademikers in gesicherter Lebensstellung ist es, durch seinen Beitritt eine Organisation zu unterstützen, die dem jüngeren und weniger glücklichen Kollegen den Daseinskampf erleichtern will.*) Die Demission des „Doyen" Lyon-Cahn! Der „Doyen" der Gerichtsuniversität in Paris ist, wie man sich leicht vorstellen kann, einer der wichtigsten und bedeutendsten Männer, denn nicht so leicht gelangt man zu dieser Würbe, und dazu noch, wenn inan Jude ist! Und Lyon-Cahn, der sich durch seinen eisernen Fleiß und seine Kenntnis diesen Platz, nach welchem so viele streben, errungen hat, ist ein Jude. Daß er ein „wahrer Jude" im Sinne des Wortes ist, können wir nicht behaupten. Es scheint, daß die Erziehung, die er im elterlichen Hanse genoß, nicht dazu beitrug, sein jüdisches Empfinden besonders stark zu entwickeln. Aber dennoch ist Lyon-Cahn ein „wahrer Jude", und zwar hat er alle Mängel des „wahren Juden" behalten und das Symbolische des Ghetto's getreulich gewahrt, die Tugend: die Resignation bis zum letzten Point auszuüben. Als in den 80er Jahren das Journal „Librc Parole" begann, die Juden anzugreisen, ja cs sogar wagte, in ihren Privatangelegenheiten herumzuschnüffeln, da war L. -C. von denjenigen, die davon abrieten, sich dagegen zu stellen und verlangten, daß man die Hunde ruhig bellen lasse. Das war nicht die Meinung des damaligen, jetzt verstorbenen Oberrabbiners Zadoc-Kahn, welcher der antisemitischen Bewegung mit aller Kraft entgcgentreten wollte, um dieser wachsenden Schlange sofort und sür immer auf den Kopf zu treten. Er behauptete, daß man Prozesse über Prozesse machen müsse, damit, durch die öfteren Geldstrafen gewitzigt, der Antisemitismus, der damals noch arm war, vernichtet werde, eine Politik, für die folgende Tatsache spricht: einem der, mächtigsten Morgcnblätter, das jedermann fürchtete, wagte man endlich einen Prozeß zu machen, und als dasselbe dann zweimal 50 000 Frs. zahlen mußte, wurde es höflicher und nachsichtiger. Aber die französischen Juden, welche das „Ghetto" nicht abzustreifen vermochten, verstanden die Ratschläge von Zadoc-Kahn nicht; L.-C.'s Politik paßte besser zu ihren Gefühlen, und sie folgten ihm daher lieber. Hatte nicht ein großer, jüdischer Professor, welcher einen der bedeutendsten Plätze im Prosessorenstand einnahm, die Courage von Mme. Dreyfuß bewundert, als sie sich an den Papst wandte, damit sich dieser in ihre Angelegenheiten hineinmische? Wie erstaunt wäre derselbe wohl gewesen, er, welcher von jüdischer Geschichte so wenig weiß, wenn man ihn überzeugt hätte, daß bereits im Mittelalter die Juden, die in der erdrückenden, verstickten ■ Luft des Ghetto lebten, schon immer dieselbe Courage zeigten! Und so hat sich die „Libre Parole" verstärkt, ihre antisemitischen Ideen verbreitet, und sie, welche heute mehrere Millionen besitzt, fürchtet keinen Prozeß, — abgesehen davon, daß es überhaupt sehr zweifelhaft wäre, ob sie heute verurteilt würde. Dieses ist die Wirkung von Lyon-C.'s Rat unv *) Dem Vorstande gehören zurzeit an: Geh. Sanitätsrat Dr. Maretzki als 1. Vorsitzender, Diplomingenieur Max Berlowitz als 2. Vors., Rechtsanwalt Dr. Blau als 3. Vors., Rechtsanwalt Dr. Pincus und Rechtsanwalt Dr. Holländer als Schriftführer, Rechtsanwalt Goldstein und Dr. Walter Munk als Schatzmeister und Dr. Max Ginsberg. Anfragen und Beitrfttserllärungen sind zu richten an das Bureau des „Arbeitsamtes für jüdische Akademiker, An der Spandauerbrücke 15, 1. Tr. Spenden und Beiträge nimmt der Schatzmeister. Herr Rechtsanwalt Goldstein, in Firma Jarislowsky u. Co., Universitätsstr. 3d, entgegen. Durch Zahlung von mindestens 150 Mk. ipird die lebenslängliche. Von mindestens 300 Mk. die immerwährende Mitgliedschaft erworben; der Jahresbeitrag beträgt mindestens 5 Mk. Nr. 11. Polftik, aber nicht nur dieses allein, nein, L.-C. selbst, am eigenen Leib hat er erfahren wfässen, 'was es heißt, sich immer und immer zu unterwerfen, in falscher Resignation. — LYon - C. hat seine Demission einreichen müssen. — Die Gerichts Universität ist jetzt in Frankreich das Asyl der jungen aristokratischen Antisemiten; diese Antisemiten, welche behaupten, das Monopol des Patriotismus zu besitzen und die Juden als „Fremde" bekämpfen, dieselben Patrioten wenden alle Mittel an, um nicht allzulange unter der Fahne bleiben zu müssen! Sie suchen daher den Universitätsgrad zu erringen und wählen das Rechtsstudium. In dieser Pflanzschnle des Antisemitismus hatte man dennoch L.-C.'s Wert nicht verleugnen können, und so wurde er von den Professoren selbst vor 3 Jahren als „Doyen" vorgeschlagen und von dem Atinister als solcher nominiert. Zu dieser Zeit, unter dem Willensstärken Minister C1 e m c n'c e a u, wagten es die Antisemiten nicht, zu revolutionieren. Jetzt aber hat sich die Zeit geändert. Die „Camelots du Roy" veranstalten öffentliche Manifestationen aus der Straße, halten freie Sitzungen ab, und ihr Losungswort ist: „Vive le Roi, 5 bas les Juifs". Sie finden es jetzt für empörend, daß ein „Jude" Doyen ihres Zufluchtsortes ist, und als die Ernennung seiner 3 jährigen Doyenzeit kam, da teilten sich die Professoren in. zwei Lager. Eine große Anzahl, welche nicht gegen ihn votieren wollte, da er doch der Stolz der Gerichtsuniversität ist, aber auch nicht für ihn stimmen wollte, hielt sich passiv. Bon den 22 Stimmen, welche aktiven Anteil an der Wahl nahmen, waren 19 für und 3 gegen ihn. Der Minister konnte nach diesem Ergebnis nichts anderes tun, als L.-C. wiederum zum „Doyen" zu nominieren. Nun aber traten die „Camelots du Roy" auf die Szene und Veranstalteterl Manifestationen auf Manifestationen. Freilich, so erbittert und kampflustig sie auch waren, so wußten sie doch, Nutzen selbst von einem „Juden" zu ziehen, und machten daher niemals eine Manifestation bei Z. - C.'s Vorträgen. War aber sein Vortrag geendigt, dann fingen die Manifestationen an. Dieselben Hörer, die eben noch atemlos an seinem Munde hingen, veranstalteten Autodafes im Gerichtsgebäude, von denen einige so gefährlich waren, daß man fürchtete, die ganze Fakultät könne sich anzündcn. Der Minister, scheinbar um zu beweisen, daß er keine Drohungen fürchte, schloß die Fakultät aus einige Monate, aber kaum geöffnet, begannen auch die Manifestationen wieder. Schließlich sah sich L.-C. gezwungen, seine Demission einzureichen, welche angenommen wurde. Wenn in dieser Welt leiden, das Zeichen eines Zadok ist, dann ist Lyon-Cahn ein Zadok, denn großes Vergnügen hat er von diesen Vorgängen sicher nicht gehabt. 8. 8. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Berlin. Die Repräsentanten der jüd. Gemeinde bewilligten folgende Subventionen: 6000 -kL dem B e r b a n d d e r D e u t s ch e n I u d e n für die Etatsperiode 1910/13, 1000 JL dem Verband für Statt st ik der Juden, 11500 JL wie bisher der Religionsgemeinde Charlottenburg und 12 000 JL jährlich der Lehranstalt sür die Wissenschaft des Judentums, da deren Etat von 29 000 JL im Jahre 1907 auf 45 000 JL im Jahre 1909 gestiegen ist. , Berlin, 16. März. In der gestrigen Sitzung des Reichstags brachte Abg. Kämpf (Fortschr. Vp.) wieder einmal die Behandlung der deutschen Juden in Rußland zur Sprache. Er führte aus: Wiederholt hat sich das Haus mit unserem Verhältnis zu Rußland beschäftigt, soweit es die Behandlung deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens in Rußland betrifft.. Es ist Tatsache, daß diese in Rußland in einer Weise behandelt werden, wie sie sich mit den Forderungen, die an einen modernen Staat gestellt werden können, durchaus nicht verträgt. (Zustimmung links.) Unsere Reichsregierung sollte die deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens in Rußland Ebenso in Schutz nehmen loie alle anderen Deutschen. (Sehr wahr! linfäO Das Auswärtige Amt sollte nicht bloß mit halben Maßregelungen arbeiten. Durch den russischen Handelsvertrag von 1904 ist allerdings eine gewisse Besserung in der. Sache herbeigeführt, oder vielmehr es ist eine solche beabsichtigt. Die Pässe für deutsche jüd. Kaufleute werden auf sechs Monate nach Rußland ausgestellt. Jeder würde nun meinen, daß jemand, der einen Paß hat, sich auch 6 Monate lang in Rußland aufhalten kann. Aber hier werden durch allerlei Maßnahmen Kürzungen bewirkt. Frankreich hat sich in dieser Richtung den Interessen seiner jüd. Mitbürger energisch angenommen. Das sollte auch endlich in Deutschland gegenüber Rußland geschehen. (Beifall links.) Köln. Die Repräsentanten der jüd. Gemeinde wählten B. Goldschmidt (lib.) zum ersten und Moritz