Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 11 (18.3.1910)
- Date
- 1910-03-18
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Frankfurter Israelitisches FamiliriÄaÜ. ~ Nr. 11. Siegergestalt das Schauen gern gestattet hätte, — jetzt aber wird er all seine Macht, all seine Anziehungskraft in seine Blicke legen, bis jenes Spielzeug wie Wachs in seiner Hand zerschmelzen, bis sie, wie ein zerttetener Wurm, zu seinen Füßen sich krümmen und winden wird! — Und dann, Koratow! — Ha! Ein Freudenruf eittfuhr seinen Lippen. Ich sehe schon dein Herz von tausend Messern zerfleischt, deine Seele von tausend Dolchen durchbohrt! Das Wesen, das dein Glück gebildet, das mit allen Fasern an Dir gehangen, dieses Wesen soll dir tausendfache Höllenqualen schon aus Erden bereiten! Deine Mordgier, Koratow, macht Schule, und an mir hast du den besten.und gelehrigsten Schüler gefunden. Ein Teufel konnte keine bessere Rache, keine grausameren Qualen ersinnen. Koratow,' ich werde dir eine Schlinge um den Hals legen, die dich jede Sekunde aufs neue erwürgen soll! Er warf noch einen langen Blick auf die Gräber und ging dann mit festen Schritten von dannen. Er verschloß die morsche Pforte hinter sich, nnt einer Ehrfurcht und Andacht, als komme er aus dem Palast eines Fürsten. Er war kaum hundert Schritte vom Friedhofe entfernt, als er eine Gestalt vor sich sah, die aus dem Boden aufgetaucht zu sein schien, so plötzlich stand sie vor ihm. Es war eine Frau, die ihn mit demselben starren und forschenden Blick .ansah, den er schon am Nachmittag bei seiner Ankunft hinter der zerfetzten Gardine bemerkt hatte. ,Mas wollen Sie?" fragte er barsch. „Baruch — mein Baruch, kennst Du mich nicht mehr?" „Malka! Du bist es?" Es war kein freudiger Ton, mit dem er es rief. Heute früh noch hatte er sich nach einem freundlichen Blick, nach, einem herzlichen Willkommengruß, seiner alten Bekannten gesehnt, und mm trat ihm, außer Niman, drc linste Freundin, die Jugendgespielin, entgegen; allein, ohne selbst zu wissen, warum, konnte er ein .Gefühl des Unbehagens nicht unterdrücken. Er war also doch nicht allein gewesen; seine Phantasie hatte ihn doch nicht bettogen; cs war dieses Mädchen, das ihm nachgeschlichen, und dadurch wurde die ganze Situation ins Lächerliche gerückt. Ihr Anblick wirtte auf ihn, wie ein kalter Wasserstrahl. Was er in seiner fieberglühcnden Einbildung zu einem himmlischen Helfer, zu einer Rachegöttin gestempelt, entpuppte sich jetzt als die kleine, schwarze Malka, die ihm jiuä altgewohnter Abenteuerlust nachgeschlichen war. Und doch, wenn er sie bei dem schwachen Sternenlicht näher betrachtete: das blutlose, weiße 'Gesicht von dem schwarze» Haargewirr gespenstisch sich abhebend, die feurigen Augen hin und her funkelnd, jeder Zug, jede Miene, leidenschaftlich erregt und bewegt, da war sie wohl geeignet, jene düstere Nemesis zu verkörpern, deren Dienste er sich so, gern versichert hätte. Er sah sie eigenartig an, und ihr kurzes, schweres Atmen ließ ihn erraten, daß sie sich auf etwas Großes vorbereitete. „Mein Baruch!" brach es bald wie ein Bergsturz über ihre Lippen. „Nein, nein! Du hast mich nicht vergessen, trotz dieser langen, langen Jahre. Ich wußte es, ich fühlte es. Nur als Dein Blick heute so gleichgülttg zu mir herüberschweifte, während meine Augen Dich verschlingen wollten, da — Baruch — da — stand mein Herz so lange sttll, daß ich glaubte, es werde nie mehr zu schlagen beginnen. Du saßest in der Kutsche mit all den vornehmen Herrschaften, — aber das konnte es nicht hindern, daß ich Dich doch wieder erkannte. Ich würde Dich ja unter Millionen erkannt haben, und wärest Du selbst mit dem Kaiser zusammen gekommen. Und weißt Du warum? Willst Du es wissen, Baruch? Weil ich Deine Augen in meinen eignen Blicken sah. Tag und Nacht, seit Du von hier fort warst! — Aber, Gott sei Dank, jetzt bist Du wieder da!" „Aber nur für gmiz kurze Zeit," war seine nüchterne Antwort, während er seine Hand aus der ihrigen löste, die sie leidenschaftlich ergriffen hatte. „Du mußt daher auch vernünftig sein und mir nicht den Aufenthalt hier durch Dein Lamentieren verleiden." »Habe keine Angst, Baruch." sprach sie unterwürfig, „ich werde ganz vernünfttg sein; nur mußt Du mir Zeit lassen, mich zu vergewissern, daß ich wirklich mit Dir spreche — mit Dir, mein Baruch." Er fürchtete wieder einen leidenschaftlichen Ausbruch, darum ftagte er kalt und streng: „Wie kommt es, daß Du überhaupt jetzt hier bist?" „Ich sah Dich mit Niman sprechen und folgte Dir." .Hast Du auch gehört, was wir gesprochen?" ftagte er beunruhigt. „Ich sagte Dir doch, daß ich Euch nur gesehen habe. Freilich bemerkte ich, wie aufgeregt Ihr beide gewesen seid, und daraus folgerte ich, daß es etwas sehr Wichtiges piar. — Aber, Baruch," sie blickte flehend zu ihm auf, „ich beschwöre Dich, — um Dich — um Dich — von mir. . . Baruch, höre nicht auf das, was Niman sagt! Gewiß will er Dich zu einer gefährlichen Sache überreden, um tue es nicht, begib Dich in keine Gefahr und lasse alles, wie es ist. Von Niman kann ja nie etwas Gutes kommen." Ihre Warnung berührte ihn peinlich. In seiner jetzigen Stinunung, wo alle seine Gedanken auf einen Punkt sich konzentrierten, da verlangte sein Herz nach Ermunterung und nicht nach dem heiser« Gekrächz des Widerspruches. Arme Malka! Wenn durch irgend etwas, so war ihre Warnung am besten geeignet, sein Mißfallen zu erregen. Und er gab sich auch gar keine Mühe, dieses zu verbergen und fuhr sie barsch an: „So darfst Du nicht von Niman sprechen. — Oder habt Ihr aufgehört, Freunde zu sein?" „Freunde?" Sie konnte einen schneidenden Hohn nicht unterdrücken. „Freunde?" wiederholte sie. „Er verlangt mehr als Freundschaft von mir — und das — das kann ich ihn: nicht geben. Und weil er weiß, daß Du. . ." „Ich verstehe," unterbrach er sie kurz. Ja, er verstand auf einmal die grenzenlose Traurigkeit, die abgrundtiefe Bitterkeit in Nimans Leben. Es war ja viel, viel trauriger, als er es je geahnt. Neben der Enttäuschung in seinem Beruf, in seiner Karriere, auch noch die Enttäuschung in seiner Liebe, in seinem Herzen. Bei seinem Mitgefühl für den Freund wendete sich Baruchs ganzer Zorn gegen die Ursache der letzten Enttäuschung. „Und anstatt ihm aus dem Wege zu gehen und seine Leidenschaft nicht noch mehr zu erregen, vergrößerst Du noch das Unheil, indem Du noch in finsterer Nacht seine Nähe aussnchst!" „Nicht seinetwegen ging ich zur Fähre," erwiderte sie demütig; „den ganzen Tag habe ich mir den Kopf zerniartcrt, ob mich meine Augen bettogen, oder ob ich wirklich den gesehen, nach welchem meine Seele Tag und Nacht lechzte. Darum entschloß ich mich, mit schlvercm Herzen . . . Aber," unterbrach sie sich mit zügelloser Aufregung, „warum zwingst Du mich, fortwährend von ihm zu sprechen? — Ich bin nicht seinetwegen gekommen." „Weswegen sonst?" ftagte er, weniger auH Interesse, als wegen des Anblicks ihrer Traurigkeit. „Weil ich endlich eine Antwort auf die tausend Fragen haben möchte, die in meinem Gehirn herumschwirren." „Dafür dürfte jetzt kaum die geeignete Zeit sein. Ich muß zurück, damit mein langes Ausbleiben kein Aufsehen erregt." „Ja, ja," sprach sie sinnend, wie zu sich selbst; „Du wohnst in dem großen, feinen Hause. — Ich wußte xs ja immer, daß mein Baruch ein großer, vornehmer Mann werden wird! — Und jetzt schämst Du Dich natürlich der armen Schneiderin, die einst Deine Spielgefährtin gewesen." „Dein Wohlergehen wird inir immer am Herzen liegen," erwiderte er ausweichend, indein er sich zum Gehen anschickte. „Noch ein Wort, Baruch!" rief sie flehend, mit keuchender Brust und glühenden Augen. „Du erinnerst Dich doch noch, als wir ehemals am Wasser saßen, da pflegte ich Deinen Kopf aus meinen Schoß zu betten, um Dich in den Schlaf zu singen. Einmal aber da schickte ich Niman unter irgend einem Vorwand fort und bann — dann — habe ich — Dich ganz sanft — geküßt! Hast Du es — gespürt — Baruch?" „Damals hast Du wie ein Kind gehandelt, und heute sprichst Du wie ein Kind," sagte er nicht unfreundlich. „Aber vergiß nicht, Malka, wir sind jetzt erwachsene Menschen." „Ja, wir sind erwachsene Menschen," sprach sie ttaurig; „Du bist ein vornehmer Mann geworden, und ich bin ein armes Weib geblieben. Gute Nacht, Baruch!" Sein ganzes Mitgefühl war jetzt wachgerufen, und er wollte sie nicht so in ihrem Jammer von sich gehen lassen. „Malka, kann ich etwas für Dich tun?" Sie sah ihn e rstaunt an. „Nein, Baruch. Ich danke Dir. Für meine Person verdiene ich schon, was ich brauche, und die Großmutter ist ja schon seit sechs Jahren tot." „Fürchtest Du Dich aber nicht, so allein zu leben? Wenn Niman . . ." „Die Mäuse werden mich nicht verschleppen." unterbrach sie ihn mit dem schwachen Versuch, ein Lächeln auf ihre Lippen zu quälen. „Hattest Du bei dem Aufstand im vorigen Jahre auch die Stadt verlassen, Malka?" „Leider nein; hätte ich cs getan, dann wären vielleicht Deine. . ." Sie brach ab, da sie durch sein Zähneknirschen bemerkte, daß er sie verstand. „Nein," fuhr sie fort; „ich verbarg mich im Keller und nahm meine lange Schere mit mir." „Das war ja aber Wahnsinn! Eine Schneiderschere als Schutz gegen den wütenden Pöbel!" „Die Schere war nicht für den Pöbel," lächelte sie ttaurig; „sie war flir mich, Baruch." Volkmann schäumte vor innerer Wut. Auch das noch! Würde inan dieses Mädchen entdeckt haben, dann wäre ein weiterer Mord geschehen! Koratow, Koratow, dein Maß ist gerüttelt voll! (Fortsetzung folgt.) Kaiser Frledrlefe Quelle —— Offenbach a. M. —— Gegen Gicht nnd Rheumatismus bewährt. Alleiniger General-Vertreter: Friedrich Stahl, Frankfurt a. ffl., Stallburgstr. 9. Tel. 259 u. 71. Seutscbes Beobachtungen pr. St. 1 Mk. Ermitpfpptitrtelungen, Recherchen u. Auskünfte vluvUi y. 5 Mk. an. Gewissenhafte Ausführung n. strengste Diskretion als mehrjähriger Polizeiu. Kriminal- T) V Institut Frankfurt a. M. Neve Zell 53.1. -Tel. 11391*- knotnlA rrnoi r»V» ai4 Wocherr-Kalender. (Zeitangaben nach dem Luaeb.) SamStag, den 19. März (== 8. Adar scheust: Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 6 Uhr 05 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 7 Uhr 25 Min., in Berlin 7 Uhr — Min. Wochenabschnitt: Wajikro. — Die verschiedenen Arten von Opfern und die Vorschriften für dieselben. Es gab freiwillige und Pflichtopfer, Gemeinde- und private Opfer, je nach dem Opfergegenstande Tier- und Mehlopfer (Speiseopfer), auch Wein- und Gußopfer. Als Opfertiere sind Rinder, Stiere, Kalb, Ziege und Tauben genannt. Die Mehlopfer konnten gebacken und in verschiedener Zubereitung gebracht werden oder auch als reines Mehl. Das Sprengen des Opferblutes gegen den Altar war Hauptsache, nicht das Schlachten. Manche Opfer wurden ganz auf dem Altarfeuer verbrannt, von andern wurden verschiedene Teile von den Priestern gegessen, das übrige verbrannt. Es sind aufgezählt: Ganz- oder Emporopser, Sündopser, Schuldopfer, Dankopfer, Friedensopfer und verschiedene Mehlopfer. Auch sind die Sünden genannt, wegen derer Sühn- oder Schuldopser zu bringen war. (Eidesaussage, Veruntreuung heiligen Guts, Entweihung des Heiligtums im Zustande körperlicher Unreinheit usw.) — Parschas Sochaur. — Wir gedenken in diesem Abschnitt der ruchlosen Tat Amaleks. Es geschieht deshalb gerade vor Purim, da der Judenfeind Haman Amaleks Sprößling war. Amalek wollte nach dem Meeresdurchzug Israels der ganzen Welt durch seine» plötzlichen Ueberfall zeigen, daß er allein den Judengott nicht fürchtet, vor dem damals alle Völker zitterten. (Siehe Ende des Meereslieds!) Menschenmacht über Gottesmacht! — Wir hassen jede trotzig-stolze Auflehnung gegen Gott als ein „Seicher - Amolek", ein Erinnerungs¬ und Wahrzeichen amalekitischen Sinnes. Das ist der Sinn von Parschas Sochaur. Nicht Menschenhaß befiehlt unser Gesetz; ist doch sogar die Feindesliebe des öfteren zur Pflicht gemacht. Es ist ausdrücklich erklärte Pflicht, „Parschas Sochaur" zu lesen bezw. zu hören. Das „Jauzer" dieses Sabbat spricht von den mancherlei Kämpfen, die Israel mit Amalek hatte. * Donnerstag (24. März): „Taanis -Esther". — Es erinnert an Esthers Fasten, ehe sie zum Könige ging, um Israels Rettung zu erbitten. — Waj'chal - Vorlesung. Selichaus im Schemauno Esrei des Morgens. Aneinu-Einschaltung. Freitag (25. März): Purim. — Es erinnert an die wunderreiche Rettung Israels zur Zeit der Perserherrschaft, ungefähr 500 Jahre vor hem Jahre 1. Ahasveros, König von Persien, glaubt der lügenhaften Anklage seiner Ministers Haman, Israel sei staatsgefährlich. Dabei hatte Mordochai dem Ahasveros das Leben gerettet. Haman bekam die Erlaubnis, alle Juden vertilgen zu dürfen. Durch das Los wird hierzu der 14. Adar bestimmt. Esther, Mordochais Nichte,, die inzwischen Königin geworden, leistet Fürsprache für ihr Volk. Haman wird entlarvt und an den für Mordochai bestimmten Galgen gehängt. Mordochai wird Minister, bei den Juden kehrt Freiheit und Freude ein, sie feiern das fröhliche „Losefest" (Purim). (Vorschriften: Jeder höre zweimal Megilovorlesung. Die Megilo muß vorschriftsmäßig geschrieben sein. Drei Bor-Brochaus, morgens zwei. Eine Nach-Brocho. Im Tischgebet und Schmono-Esrei „Al - hanissim". Purim - Freudenmahl am Tage abhalten. — Mischloach Monaus - mindestens einem Freunde zweierlei Geschenke an Speisen. An zwei Arme zwei Gaben („Matonaus Lo - evjaunim") Awelim senden auch, erhalten aber nichts. Kein Tachanun. Thoravorlesung von Amaleks Kampf. (2. Bch. M. Kap. 17.) Machazis Haschekel geben. Offenbacber Druckluft -JInlage Telefon 128. Ottenbach 3. H. Telefon 123. Unübertroffene bewährtest« TaPplchrBlnloUIlQ. Sigmnnd Singer, Bfirneplatz 23 empfiehlt Stoffe für Herren-Anzfige und Paletots zu billigsten Preisen. Famttiermachrichte». Geburten. Einen Sohn, Herrn Alfred Herzfeld (Rothenberg), Bleicherode.