Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 10 (11.3.1910)
- Date
- 1910-03-11
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Nr. 10. Damen und Herren hatten sich zu dem Vortrage über „Judaismus und Kapitalismus" eingefunden, den Sombart vor einigen Tagen hier hielt. Schade! denn ein Mann, von dessen Sicherheit Kraft ausgeht, ein Meister seines Faches, redete, und jeder Satz seiner Rede gab in barer Münze eyr Stück Wissen. Es wird nun hier unsere Ausgabe sein, uns mit den objektiven und subjektiven Veranlassungen, die Sombart als die treibende Kraft der Juden in ihrem Schaffen des Kapitalismus annimmt, zu beschäftigen. Die objektiven Veranlassungen sind durch die staatsrechtliche und soziale Stellung der Juden gegeben. Das Verbot aller Berufe mit Ausnahme des Geldgeschäfts und des Handels während einer Reche von Jahrhunderten, die Möglichkeit, nur durch den Besch von Gell) sich und seiner Familie ein gesichertes Heim erkaufen und eine gewisse Geltung verschaffen zu können, mußten alle geistige Kraft der Juden, soweit sie nicht im Talmudstudium chre Befriedigung fand, nach der einen Richtung hin konzentrieren, immer neue Mittel zur Schaffung von Kapital zu ersinnen. Und diese objektiven Veranlassungen sind heute noch nicht geschwunden, denn auch heute noch ist dem Juden das Geld ein gewisser Ersatz für die Zurücksetzungen, dch er fortwährend zu erleiden hat, und auch heute noch ist er in den meisten Berufen ichht zum freien Wettbewerb zugelassen. Nun hätte aber der Zwang der Verhältnisse allein die Juden noch lange nicht zu jenen phänomenalen Leitungen gebracht, wenn ihnen nicht eine hervorragende Veranlagung nach dieser Richtung eigen sein würde. Diese Anlagen möchten jene Juden, die sich ganz den Christen zu assimilieren streben — und daß in Frankfurt diese Spezies sehr zahlreich vertreten ist, bewies der spärliche Besuch gerade der Westend-Juden bei dem Sombart'schen Vortrag! —, aus falscher Scham leugnen. Die Zweckbedachtheit, die uns Juden schon von unserer Religion aus eigen ist, und die schnelle Kombinationsgabe sind aber, wo sie fehlen, bedauernswerte Mängel, und wir Juden sollen uns dieser Vorzüge freuen. Das sind gewaltige Waffen in dem Wettbewerb der Völker, und eben jener Wllle, daß diese Gaben nicht nur dem Handel zugute kommen, und die Erkenntnis, daß ei» geistig so hochstehendes Volk wie das jüdische auch auf jedem anderen Gebiete wie dem des Handels schöpferisch wirken und führend und richtunggckend werden würde, sollle jedem denkenden Juden, der iftcht das Verschwinden dieses so begabten jüdische» Volkes null, der vielmehr die schöpferische Kraft des jüdischen Volkes für alle Gebiete menschlichen Strebens ftei gemacht zu schen wünscht, der zionistischen Bewegung zuführen. Auch Sombart hat die Zweckbedachtheit und schnelle Kvmbinationsgabe der Juden als chre wesentlichsten subjektiven Eigenschaften erkannt und sehr richtig zur Grundlage seiner Untersuchungen gemacht. In mehreren minder bedeutenden Anlagen .und Eigenschaften, die er als den Juden eigentümlich findet, möge er dagegen sich stets die Frage vorigen, ob sie nicht dem Handelsstande als solchen, mit dem der Jude durch die Lage der ^Verhältnisse häufig identifiziert wird, eigen sind, und des ferneren, ob sie nicht als ein Produkt des Ghetto und der heute noch vorhandenen Zurücksetzungen angesehen werden müssen. -Sicherlich ist auch Sombart von Einseitigkeiten rächt ganz ftei. Eine solche Einseitigkeit erblicken wir m seiner Methode, all' die hervorragenden Leistungen des jüdischen Geistes nur aus der besonderen Befähigung zum Kapitalismus heraus zu begründen. Die glänzenden Gaben des Milchen Volkes haben es aber nicht nur auf dem Gebiete des Handels, sondern auch in Kunst und Wissenschaft Großes lösten lassen, und die jüdischen Kolonien in Rußland und Palästina beweisen, daß der Jude sich ebenso als Bauer bewähren wird, wie er sich als Händler bewährt . hat. In normalen Verhältnissen würde das jüdische Volk alle Berufe i» sich fassen wie jedes andere Volk auch. Frmckfurker jUraÄMWes FavnÜeMatt. Auch Sombart gibt dies teilweise zu. Allein die immerwährende Hervorhebung der Geschicklichkeit der Juden im Handel und deren eminente Befähigung zum Kapitalismus kann leicht zu der Ansicht führen, als ob sie für den Handel besondere Neigung hätten und ausschließlich dazu veranlagt sind. Diese Ansicht haben die Sombart'schen Vorträge im jüdischen Lager wirklich hcrvorgerufcn, sodaß viele, die in ewiger Angst vor „Rischus" leben, kopffcheu gemacht wurden. Brief aus Oesterreich.' Die österreichischen Juden sind in eine gradezu tragikomische Situation geraten. Sie, die stets bis zur Selbstverleugnung die Stützen des Freisinns gewesen sind, haben nach manchem gelinden Fußtritt im Laufe der Jahre jetzt auf einmal einen solch' heftigen Stoß bekommen, daß sie draußen sitzen. Die drei deutsch - „freiheitlichen" Fraktionen haben sich zu einem deutschen Na - tionalverbande zusammengeschlossen, und da zu diesem Dreibund die antisemitischen Deutschradikalen gehören, so waren die Vertreter des Wiener jüd. Freisinns, Kuranda, Ofner und Baron Hock, von selbst vor die Tür gesetzt. Wie wenig die Deutschradikalen daran denken, sich zu ändern, zeigte sofort einer ihrer Führer, von Stransky, der betonte, daß sie nach wie vor auf streng antisemitischem Standpunkte stehen. In dem gegenwärtigen Momente wäre es die Aufgabe des „Jüdischen Klub s", die Situation auszunützen. Leider besteht der „Jüdische Klub" nicht'mehr, sondern nur vier jüdisch-nationale Abgeordnete. Grund: Uneinigkeit. Man wollte sich dem Obmann des Klubs, dem bewährten Parlamentarier Dr. Straucher, nicht unterordnen, und nur bei eiserner Disziplin hätte der winzige „Jüd. Klub" sich als Führer der österr. Juden zeigen können. Die jüdisch-nationalen Abgeordneten haben wohl im Reichsrate stets offen ihre Stimme erhoben, wenn es galt, die jüd. Interessen zu vertreten, — das war aber auch anscheinend ihre ganze Tätigkeit, und dafür gebührt ihnen kein Dank, da sie ja nur unter dieser Voraussetzung gewählt worden sind. Erst anläßlich der jüngsten Budgetdebatte war es, daß der Abg. Dr. Stand in einer glänzenden Rede Anklagen gegen die antisemitische Praxis in Gesetzgebung u. -ausführung schleuderte. Das Gravierendste sei hier wiedergegeben: Nicht nur, daß das Budget keinen Heller' für die religiösen und kulturellen Bedürfnisse der I1/4 Million Juden übrig hat, während z. B. die halbe Million Protestanten 725 000 Kronen erhalten, stört man die Juden noch in deren Befolgung; so sind die galizischen Behörden sehr erfinderisch, wenn es gilt, eine hebräische Schule unmöglich zu machen, denn in jeder hebräischen Schule sehen sie eine Pflanzstätte jüdisch-nationalen Bewußtseins, und die Polen möchten nicht ihr jüdisches Stimmvieh verlieren. Jede Session bringt Gesetzesvorlagen, die immer mehr das Hausiergewerbe erschweren; jetzt liegt wieder eine Vorlage der Regierung vor, die verlangt, daß der Hausierer mindestens 33 Jahre alt sein müsse — der Wähler muß 24, der Abgeordnete 30, ein Hausierer jedoch 33 Jahre alt sein! —, aber die Herabsetzung der Altersgrenze auf 24 Jahre für bestimmte arme Gegenden und Orte gestattet, merkwürdiger Weise ist das überall dort, wo christliche Hausierer wohnen. Das neue Schankgesetz wird in Galizien in einer Weise gehandhabt, daß zahlreiche jüd. Existenzen erdrosselt werden. All diesen Gefährnissen zu entrinnen, gibt es ja einen sehr bequemen Weg, und den sind nach einer mir gerade vorliegenden Statistik nn den fünf Jahren 1903—1907 allein in Wien nicht weniger als 2948 Juden gegangen, indem sie zu den christlichen Konfessionen übertraten (68°/o) oder konfessionslos wurden (31%). Auf unsere Rabbiner und Kultusvorsteher machen weder die inneren noch die äußeren Nöten der österreichischen Judenheit Eindruck; die einen ziehen ihre Sporteln ein, die anderen wahren die Bilanzierung des Gemeindebudgets, — c’est tout. Jlus aller Welt. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Auch dieses Jahr ist Vorsorge getroffen, daß an alle armen rufst und galiz. Glaubensgenossen in Offenbach ausreichend Mazzos verteilt werden. Die Mazzos werden von 'den hiesigen der Ritualkommission der Israel. Gemeinde unterstehenden Bäckereien geliefert und durch das Rabbinats- Stist in Offenbach verteilt. Berlin. Am 6. März fand eine Sitzung des Zentralkomitees, sowie die Generalversammlung des Hilfsvereins der deutschen Juden im Hotel PrinzAlbrecht statt. IN der Tagung des Zentralkomitees wurde der Geschäftsbericht erstattet und Wahlen in das' Zentralkomitee vorgenommen. Es wurden einstimmig gewählt: Julian Meisel-Berlin, SaNitätsrat Dr. Siegmund Salzburg-Dresden, Max M. Marburg - Hamburg, Justizrat P l a c z e k - Posen, Julius Cohn -Berlin, Bankier M. A. Stranß- Karlsruhe und Justizrat Holz-Königsberg. An die Sitzung des Zentralkomitees schloß sich die ordentliche Versammlung der Mitglieder.. James Simon, der Vorsitzende, gab in großen Zügen eine Uebersicht über die politische, ökonomische und rechtliche Lage der Juden in Galizien und Rumänien und über die Tätigkeit des Hilfsvereins der deutschen Inden in diesen Ländern wie in Bulgarien und der europäischen und asiatischen Türkei speziell auf dem Gebiete des Schulwerks. Insbesondere hob er auch hervor, daß ein noch engeres Zusammenarbeiten der großen jüdi schen Organisationen als bisher dadurch gewährleistet sei, daß der Hilfsverein durch Vorstandsmitglieder .in Personalunion mit ihnen getreten 'sei. Generalkonsul Eugen Landau berichtete alsdann über das Hilfswerk des Hilssvereins der Deutschen Juden in Rußland und gab einen Ueberblick über die Finanzen des Vereins. Generalsekretär Dr. Bernhard Kahn sprach über die Organisation und die Fürsorgetätigkeit des Hilfsvereins auf dem Gebiete des Auswanderungswesens. Die Versammlung der Mitglieder genehmigte darauf einstimmig den Geschäftsbericht. Die auf der Tagesordnung stehende Aenderung des 8 10 der Statuten, die eine Vereinfachung der Geschäftsführung herbeiführen soll, wurde gleichfalls einstimmig genehmigt. Aus dem Geschäftsbericht des Hilfsvereins sei, nachdem wir erst jüngst über dessen Tätigkeit berichteten, nur folgendes wiedergegeben: Die Jahresbeiträge betrugen 153 000 Mk., die einmaligen Beiträge 124 000 Mk., sodaß die Gesamteinnahme sich auf 277 000 Mk. bezifferte gegen 200 000 Mk. im Vorjahre. Der Hilfsverein unterhielt oder unterstützte 38 Erziehungsanstalten (davon 20 in Palästina, 12 in der Türkei, Bulgarien und Rumänien, 4 in Galizien)'. Das russische Hilfswerk, einschl. der Auswanderung, kostete dem Hilfsverein im ubgelaüsenen Jahre 290,000 Mark. München. Mf Beschwerden orthodoxer Ge. meindemitgljeder und infolge eines Gutachtens des Rabbinats München hat das Kultusministerium eine Verordnung erlassen, daß beim hebräischen Unterricht sämtliche Lehrer und sämtliche Schüler der jüdischen Sitte gemäß das Haupt bedecken. Oesterreich-Ungarn. Wie«. In der »Neuen National-Ztg." lesen wir: „Als stumme Abgeordnete „ können die fünf Israeliten im galizischerr Landtag bezeichnet werden. Vierzig Tage währte die galiz. Landtags-Session, und die zwei Redner, die sich mit Juden beschäftigten, hießen: Statthalter Bobrzhnski und Abg. Tertil. Die „Mosaisten" hatten andere Sorgen. Dr. Ignatz Landau (Krakau) beschäftigte sich mit der Trauungsftage, Dr. Löwenstein (Lemberg) referierte über die zu gründende Jndustriebank, und Dr. Kolischer (Lemberg) verteidigte die Parzellierungsbank, Stapinskys, Save und Rittel schwiegen überhaupt. Sie verkrochen sich dann alle fünf feige, als das Los der vielen Tausende jüdischer Schänker auf der Tagesordnung stand; während der Budgetdebatte, als alle Parteien und Klubs ihre' Wünsche darlegten, blieben die fünf Juden stumm, wie wenn sie dafür bezahlt wären. Die Vertreter von 800000 Juden halten gar keine Wünsche. . . Wann werden endlich die galiz. Juden diese gewissenlosen Streber zum Teufel jagen?" / ,■!; i i Budapest. Durch die Abnormität des unparla mentarischen Exlexzustandes wurde, das Schwergewicht des politischen Lebens vom Parlament weg nach der Presse verschoben. Jede programmatische Aeußerung eines politischen Faktors geschieht, wenn sie der breiten Oeffentlichkeit zugedacht ist, nicht vor der Volksvertretung, die auseinander gejagt wurde, sondern in einem vielgelesenen Journal, Auch der neue Kultusminister, Graf Johann Zichy, geht diesen Weg. %tä Führer des Katholischen Bolksbundes, gewesener Präsident der Klerikalen Vollspartei und absolvierter Jesuitenzögling der Kalksburger Schule, war unsere Jüdenheit gespannt darauf, wie er die Synthese zwischen seinem System und dem Khuenschen Liberalismus ziehen werde. Er äußert sich im Pesti Hürlap wie folgt: „Ich huldige der christlichen Weltanschauung. Die Richtung meiner politischen Aktion bewegt sich nur zwischen den ungarisch-christlichen Linien. Eine andere Politik ist bei uns ausgeschlossen. . Meine christliche Weltanschauung, die meine ganze Seele erfüllt, befiehlt mir uneingeschränkte Toleranz jedem anderen Bekenntnis gegenüber. Toleranz, ' die durch verständnisvolle Liebe diktiert ist.