Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 10 (11.3.1910)
- Date
- 1910-03-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Hedakttoir «ud ch-fchäftsstells: Sranklurl s. ITC., vildelerstraßc 4/ö, Lcke Lleichstraße v-ref-« 1YSV7. Hera«-ge-er: Kalg chei^. 8. Jahrgang. Freitag, den 30. Adar 5670 (11. März 1910). Rr. 10. ..— "■ - ' Diese Zeitung «scheint wöchentlich. WbonnementrpreiL pro Vierteljahr: In Front» furt a. M. Mt. 1.— frei inS HauS. Bei d« Post abonniert im In» und Ausland Mt. 1,02 (ein. schließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: | Deutschland und Oesterreich » Ungarn Mt. 1,50. sonstige Lünd« Mt. 2.— - > I-~ - .... >-. r—■ -—- InsertionSpreise: Die viergespaltene Petitzeile.25 Psg. Die Reklamezeile.. 100 „ Platz» und Daten»Borschrift ohne Berbindlichkett. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. -- Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Der Niedergang der spaniolischen Sprache. — Judaismus und Kapitalismus. — 'Brief aus Oesterreich. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Auge um Auge. — Bunte Chronik. — Sprechsaal. — Wochen-Kalender. — Familien Nachrichten. Der Niedergang der spaniolischen Sprache. Bon Dr. Israel Auerbach -Konstantinopel. (Schluß). Wenn von einem kommenden oder bereits bemerklichen Niedergange der spaniolischen Sprache die Rede ist, so ist dabei nur an die inmitten türkischer Sprachgebiete wohnhaften Spaniolen gedacht. Die in der arabischen Osthälfte des Reiches Ansässigen haben diese Wandlung schon lange vorgenommen, zum großen Teile sogar schon vollendet. Während es nach den neueren Forschungen, unter denen die Abrahani Danons die maßgebendsten sind, in der gesamten asiatischen Türkei (ohne den Jemen) heute etwa 90 000 Juden spaniolischer Abstammung gibt, sprechen von ihnen spaniolisch, nach den Angaben von Pulido Fernandez, heute nur noch 8900! Ein kleiner Teil von ihnen, in Kleinasien und auf den Inseln, spricht griechisch, der weitaus größte, ebenso ' wie sämtliche Juden Jeniens, die auch das Hebrä(sche besitzen, redet arabisch. Die Gründe dafür, daß das Arabische soviel größere Assimilationskraft aufwies als das Türkische, werden nicht allzu leicht anzugeben sein. Jedenfalls dürften die alten, schon vor der. Spanioleneinwanderung in diesen Gegenden befindlichen arabischen Judengemeinden hier ihren Einfluß ausgeübt haben; dann aber auch mochte das Arabische mit seiner, herrlichen alten Kultur, dem armen Türkisch unähnlich, schon immer auf die für Bildung empfänglichen Juden größere Anziehungskraft ausgeübt haben. Und dfese Kraft wirkt immer weiter fort. Alle Berichte stimmen darin überein, daß auch heute noch in Syrien, wie in Mesopotamien das Spaniolische zugunsten des Arabischen immer weiter zurückweicht. In Beirut z. B.. gibt es heute unter 3000 Spaniolen nur noch .etwa 40 Familien, die an ihrem Idiom halten, Än einer einzigen Stelle des Orients sehen wir die umgekehrte Erscheinung, nämlich in Aegypten. Dort wurden zwar bald nach ihrer Aufnahme die aus Spanien vertriebenen Juden ärabisiert, trotzdem aber sprechen heute von allen 25 000 etwa 20 000 spaniolisch. Diese Ausnahme ist aber nur Schein; denn diese Tausende sind sänrtk^ch Einwanderer neuesten Datums, die der Druck der Aera Abdul Hamids nach dem glücklicheren Bruderlande herüber verschlug. Und auch hier ist der allmähliche Verlust des Spaniolischen wahrscheinlich. Was sich infolge der politischen Umwälz- , ungen in der' Türkei nunmehr vollziehen wird, hatan den kleineren: Balkanstaaten bereits sein Beispiel. Dort haben die Freiheitsrevolutionen und die Konstituierung als unabhängige Einzelstaatcn den Wandel vollbracht, der die spaniolischen Juden entspaniolisiert. In Griechenland sprechen die 12 500 Spaniolen, obwohl genaue Daten darüber nicht bekannt sind, wohl zumeist schon griechisch; für die Stadt Arta wenigstens ist das bezeugt, und die anderen griechischen Städte mögen sich ähnlich verhalten wie das schon zur Türkei gehörige Janina, wo die 5000 jüdischen Einwohner trotz ihrer echt spanischen Namen nur noch griechisch sprechen und sogar bestreiten, von den aus Spanien Vertriebenen abzustammen. In Rumänien steht das Spaniolische bereits auf dem Aussterbeetat. Es ist außerordentlich stark mit Elementen aus der Landessprache durchsetzt, was gewöhnlich ein Zeichen der Selbstauflösung darstellt, und schon gibt es verbürgten Mitteilungen zufolge in Bukarest eine große Zahl' Sephardim, die ihre Sprache absolut nicht mehr verstehen. Ganz ähnlich liegen die Verhältnisse in Serbien. Dort gibt es unter den ca. 6000 spaniolischen Juden einer amtlichen Statistik zufolge nur noch 29,95 Prozent, die ihr Idiom als Muttersprache angeben. Wie rapide hier der Prozeß vor sich geht, beweist ein Vergleich mit der Ziffer von 1895, wo noch volle 80 Prozent als spaniolisch Sprechende angegeben werden! Seitdem hat besonders das Serbische große Fortschritte unter den Juden gemacht. Von Bosnien und der Herzegowina behauptet Fernandes gleichfalls, daß in diesen Ländern das Judenspanische gegenüber dem Deutschen und Slawischen ständig an Boden verliert und überaus stark mit fremden Sprachelementen vermischt ist. Allein in Bulgarien ist trotz der' allgemeinen Kenntnis der offiziellen Sprache bei den Juden doch noch das. Spaniolische in ungeschmälerter Herrschaft, denn noch 1900 wurden 96,76 Prozent spaniolisch Redende nachgewiesen. Bulgarien hat sich aber auch freilich erst am allerletzten von der Türkei losgelöst. Und auch hier ist nicht zweifelhaft, welcher der beiden noch rivalisierenden Sprachen schließlich der Sieg zufallen muß. Es sind eben überall die allgemeinen äußeren Verhältnisse, welche die Kultnrform der Juden zwingendermaßen umgestalten. Es wird also nur der letzte, freilich der fundamentalste Baustein sein, der von dem einst stolzen judenspanischen Kulturbau mit den Veränderungen in der Türkei ins Wanken geraten wird. Zwar hat' die Alliance Jsraelite mit ihren französisch organisierten Schulen schon das Zerstörungswerk vorbereitet; aber 'die neuen Forderungen der ottomanischen Staatsregierung an die Schulprogramme werden erst gründlich verheerende Arbeit leisten. Man kann nicht gerade sagen, daß die sephardische Bevölkerung in der Türkei den Vorgang besonderes bedauere; im Gegenteil ist sie selbst mit. geradezu erstaunlicher Pietätslosigkeit bereit, aus eigener Kraft soviel als möglich an dem Vernichtungsfeldzuge teilzunehmen. Ueberall werden, für die Aeltercn spontan türkische Mendkurse errichtet,' und man drängt sich förmlich zu ihnen. Aber wenn hier die praktischen Bedürfnisse des Tages darauf hinwirken, so tun es ideelle Gesichtspunkte kaum weniger. Das nationale Bewußtsein in den jüdischen Masien erwacht, man beginnt Jahrhunderte später plötzlich die historische Schmach der spanischen Judenaustreibung zu fühlen, und eine Art Rache an der Sprache des Jnquisitorenvolkes sucht dieses Gefühl zu lindern. Auch positive Werte sprechen mit: neu entstandenes Interesse, ja Begeisterung für die Sprache der Urväter, der merkwürdiger Weise gerade von Seiten hervorragender Türken Verständnis entgegenkommt. Hat doch Dschawid Bey, der tüchtige Finanzminister der neuen Türkei, selber in einer Rede zu Angora die Juden mit Emphase aufgefordertchren spanischen Jargon zu lassen und die herrliche Sprache der Propheten wieder zu Ehren zu bringen! Und so sind denn auch wirklich Bestrebungen zur lebendigen Erlernung des Hebräischen als Ersatz für das sinkende Spaniolisch hier und da im Gange und werden die Schulen von der Bevölkerung selbst in dieser Richtung zu Reformen gedrängt. Nur sehr spärlich sind die Stimmen, die sich für die Reste des stolzen Kastilianisch erheben, und sie wirken absonderlich. Vor nicht lange wurden sogar Projekte laut, den Jargon durch Einführung echtspanischer Sprachbestandteile wieder zu veredeln und zu reinigen. Der spanische Bizekonsul erbot sich sogar, Subventionen der spanischen Regierung für echtspanische Judenschulen zu schaffen. Aber die Galvanisierung kann nicht gelingen. Die äußeren Umstände sind mächtiger als alle Sentimentalität für eine verlorene Sache. Und die Zeit ist bereits vorauszusehen, wo der Begriff des sephardischen Juden nur noch ein historischer und ritueller im Leben sein wird, die spaniolische Linguistik eine tote Wissenschaft. Judaismus «ud Kapitalismus. Die Juden sind die genialen Feldherrn jener gewaltigen wirtschaftlichen RevolMion gewesen, die aus dem mittelalterlichen Feudalstaate den modernen Staat schuf; der Wellhandel, der Wechsel an Stelle des persönlichen Schuldscheins, die Banknote, das Jnhaüerpapier (Obligation), die Börse, die Aktiengesellschaft, all' jene selbstverständljchen, als Kapitalismus zusammengefaßten Voraussetzungen für das moderne Wirtschaftsleben, sind den Juden zu verdanken; — so lautet die wissenschaftliche Feststellung des berühmten Nationalökonomen Prof. Dr. Werner Sombart, und da war chm denn von selbst die Untersuchung der Frage gegeben, welche besonderen objektiven Einwirkungen und subjelliven Veranlagungen die Juden dieses grandiose Werk ausführen ließen. In fünf, das größte Aufsehen erregenden Vorträgen hatte Sombart vor einigen Monaten in Berlin den Gegenstand von allen Seiten beleuchtet. Man hätte nun gerade in Frankfurt das allergrößte Interesse für den Redner und sein Thema erwarten sollen, aber nur etwa vierhundert