Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 8 (25.2.1910)
- Date
- 1910-02-25
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 8. Seite 1V dessen geistiges Schaffen in keinen Einklang mit seiner Persönlichkeit zu bringen ist. Wir sind froh, konstatieren zu können, daß uns bei der Beurteilung Malals dieses unangenehme Gefühl erspart gebliäen ist. Gar selten sind die Schriftsteller, deren Wirken und deren Charakter etwas Harmonisches, etwas Ganzes ausmachen, gar selten, — allein sie sind Loch schließlich — wenn auch als ganz dünne Saat — zu treffen; doch wir wüßten keinen anderen Schriftsteller, der eine solche Einheitlichkeit und harmonische Ganzheit, wie es Lilienblmn war, darstellt! Ehrlich, rein, bescheiden, grade und einfach, so sein Wesen, so die Art seines Denkens und Fuhlens, und so auch sein Stil. Nichts Entwendetes, nichts Aufgeblassenes, Pomphaftes, nichts Verdrehtes, Gekünsteltes, Affektiertes, so war Lilienblum in feinem Wesen, ,so auch in feinem Schaffen ein ganzer Mann, ein ganzer Stil! Ausgestattet mit klarem, geraden Verstand, scharfer Logik und tiefen; Gefühl, trat Lilienblum an das Studium des Talmud heran, und noch in den jugendlichen Jahre» bildete er sich zum hervorragenden Talmudisten aus, so daß er mit 21 Jahren zum Rosch-Jcschibo in Wiljkomir eingesetzt wurde. Damals wurzelte der junge Gelehrte ganz im Boden der Väter, hing mit allen Fasern seiner großen Seele an der Tradition. Da kam der Sturm der zweiten Haskala - Periode der sechziger und siebziger Jahre gegen alles Traditionelle, gegen alles Jüdische und riß den frommen Jüngling mit. Der Rosch-Jeschibo Lilienblum wurde in einen Reformator verwandelt. Mit seine» ersten Reformartikeln „Orchaushatalmud", „Al dewar tikunim bados", „Zoraas nauschenes" im „Hamclitz" (1867) setzte die zweite Epoche im Leben Malals ein. Umgeben von einer Reformatmosphäre — es war in den ersten Regierungsjahren Alexander II. — und angehaucht von einer utilitaristischen Luft, die von der russischen Literatur unter Führung Pisarew's ausströmte, verfiel auch der jugendliche und feurige Idealist Lilienblum der Reformsucht. Doch noch ein zweites Moment: Damals war die russisch-jüdische Haskalasphärc von den Voltaireschen Gedankengängen, die durch den galizisch-schurischen ,Hecholutz" den russischen Maskilim übermittelt wurde, infiziert; Bestrebungen der weitgehendsten Assimilation machten sich in russischjüdischen Ghettis breit, und Lilienblum, getragen von einer glühenden, grenzenlosen Liebe zur Judenheit uyd seiner Lehre, glaubte durch Reformen den Bestand des Judentums zu sichern. In einem Brief an Gordon vom 13. Juli 1869 sagte er ausdrücklich, es dürfe unter keinen Umständen an eine Abbringung von Talmudstudium gedacht werden, denn sonst würde eine Beeinträchtigung des Geistes des Judentums, des eigentlichen Lebensnervs unserer Nation, entstehen. Gewiß hat dabei auch bas Individuelle,- Persönliche, die Lust zum Leben und der Wille zur Freiheit — Dinge, die ihm in den unzulänglichen Lebcnsbedingungen des Ghetto abgingen, mitgespielt — tobte doch auf der ganzen Linie der Kamps um die Befreiung des Individuums von allen Fesseln —; allein der bloße Wille zur persönlichen Freiheit konnte eine genügsame, bescheidene Seele, wie es Lilienblum war, unmöglich zum glühenden Kampf ' entfachen. Auch war es nicht; die Erbitterung ob der von ihm auszustehenden Verfolgungen seitens der Orthodoxie, die ihn zur Verneinung veranlassen konnte; war er doch von vornherein auf Anfein- -dungcn gefaßt, und niemand wie Malal konnte seine Person hinter eine vermeintliche gute Sache ganz' zurückstellen; lag doch in seinem Wesen viel von Märtyrcrart! Was Lilienblum zu seinem großen Kampf gegen eine vermeintliche Verknöcherung und Erstarrung des Rabbinismus bewog, ist seine fast krankhafte Wahrheitsliebe einerseits und seine brennende Liebe zu seinem Volke und beständige liefe Sorge uni dessen Wohl. Er war im besten Glauben, seinen Brüdern einen Dienst erwiesen zu haben, wenn er deren heiligste Güter niederriß. Sobald er aber die bösen Folgen des Niederreißens wahrgenommen hatte, begann er für eine Weile zu verzagen — siehe seine Autobiographie „Chataus Neurim" —; allein seine große Liebe zu seinem Volke ließ ihn nicht an sein Volk verzweifeln, rief vielmehr iw ihm den alten Glauben an die Unvergänglichkeit seines Volkes und dessen Regenerativn wach, und diese seine Gesundung liegt nicht auf dem verderblichen «md zum Untergang führenden Wege der Reform, sondern auf dem Wege nach Zion. Und so schlug der große Mann offen und ehrlich den Weg der Rückkehr ein und schrieb sein „Derech Teschuwo", gehalten in Stil und Form einer Autobiographie gleich seinen „Chataus Neurin«". Und doch müssen auch die ' damalige» Umstände, die zur Rückkehr angetan waren, in Betracht gezogen werden. Seit den Kriegen Preußens, Oesterreichs, Deutschlands und Frankreichs begann Europa mit der Zunahme des MilitarEinus immer mehr in die Reaktion zu versinkend Sinolenski, der in Wien lebte, konnte die zuneMende Ausbreitung des Antisemitismus — ein Msgeburt der Reaktion — beobachten, anderseits Hatte er die Gelegenheit, sich von der Hohlheit und Verderbtheit der bis dahin den russischen Maskilim vor- FraMuÄer JstcleMWes FckmAiWbkatt. bildlichen westeuropäischen Reform zu überzeugen, — und so begann er noch am Anfang der siebziger Jahre, zum Rückzug zu blasen. Lilienblum war Mitarbeiter des smolenkischen „Haschachar" — cs sei hier seines bedeutenden Artikels „Aulam Hatauhu" iin „Haschachar" gedacht — und stand mit Sinolenski jn Briefwechsel, — und siehe! Lilienblum war der erste, der sich init ganzer Seele diesem Rückzüge anschloß; den« treuen Sohn seines Volkes und wahrhaftigen Menschen Lilienblum blutete das Herz . beiin Anblick seiner Idole, und seine Seele harrte sehnsüchtig, wie einst der Ahn Abraham, auf den glücklichen Moment, da er feine Götzen zerschmettern könne, — und dieser Moment kam — am Ende der achtziger Jahre noch vor dem ersten Pogrome —: er zerschmetterte vor aller Augen all seine Idole, er machte so ganze Arbeit, daß er sogar sein Hauptwerk aus der Reform-Epoche „Chataus Neurim" buchstäblich aus der Welt zu schaffen suchte. Und während er vor aller Welt in seinem „Derech Teschuwo" al Cheth sagte, ging er in zederbäumischen „Mcliz ächod «neni Olef" zuin Angriff gegen seinen früheren Freund uild Reforingenossen Gordon, gegen die verderbliche Tendenz der gordon'schcn satyrischen Gedichte über. Der Reforinator Lilicnblum stellte sich nunmehr an die Spitze der Zionsfreunde, der Nationalisten. Nun beginnt die dritte Epoche in feinen« Wirken. Er schrieb unzählige Artikel, Broschüren, Werke in Hebräisch, Jargon, Russisch — berühmt ist seine Broschüre in Russisch „O wosroßdenjc ewrcijskalvo naroda usiv." — fast in sämtlichen Zeitschriften und Joi«rnalcn Rußlands, und «vas er schrieb, war klar und überzeugend; alle Welt wußte, daß aus Lilienblum die unverfälschte Wahrheit und rei««ste Ueberzeugung spricht. Lilienblum glaubte felsenfest an das, was er schrieb, und diesen seinen Glauben suggeriert, er seine in die Tausende zählende Leser. Mi; Der Einfluß Lilicnblums auf die breiten Massen sowohl in der Reform-, wie auch in der nationalen Epoche war eminent, er machte selbst Geschichte. Welches ist nun der Grundzug in« Schaffen Lilienbl««ms? Seine große Abneigung gegen das Unnatürliche, gegen das Unwahre. Sein Geist war bejahend, und aus dieser Bejahung heraus kam er zur Verneinung, ans der Bejahung heraus verneinte er das Golus und dessen A u s >v ü ch s e. So 'Moses Lob Lilienblun«, so seine Bedeutung! S. H. G—n. Personalien. Homburg v. d. H. Hotelier JuliusBraunschweig wurde 'auf 6 Jahreals Mitglied des Magistrats gewählt. London. Der neue Generalpostmeister Herbert Samuel, der erst im Novcinber dieses Jahr 40 Jahre alt wird, ist ebenso «vic sein Staatssekretär Sir Matthew Nathan Jude. — Aus Cambridge wird berichtet, daß Selig B r o d e t s k y, der Senior Wrengler der Universität von 1908, den Newton-Preis erhielt (200 Lstr. jährlich auf drei Jahre). Ans der zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M. Jn einem einstündigen Borträge in der Z i o n. V e r e i n i g n ii g behandelte Dr. jur. Göttlich die Begriffe Volk und Nation in ihrer Anwendung auf die I u - denheit. Er zeigte, daß Volk einen rein technischen Begriff, Nation dagegen den höheren geistigen Begriff darstellt und daß das Kriterium der Nation die geistige Kulturgcmeinschaft, hervorgegangen aus einer gemcinsamen geschichtlichen Vergangenheit und ausgeprägt in ihr eigentümlichen Kulturclementcn ist, eine Voraussetzung, die bei uns Juden im vollen Maße zutrifft. — Dem Vorträge schloß sich eine airregcnde Debatte an, in der die Herren P e r l m u t t e r, Heß, L e v i g a r d, Dr. Steinmarder, Geis und R a b i n o tv i tz sprachen. Fulda. Nach vielen Veranstaltungen während des Winters In unserer Ortsgruppe hatten «vir Dienstag Abend Iviedcr Gelegenheit, zahlreiche Mitglieder und Freunde unserer Ortsgruppe' versammelt zu sehen. Herr Dr. H ch. L o e w e, Königl. Bibliothekar aus Berlin, «volltc uns an Hand von Lichtbildern in das Leben „Palästinas" hineinführen, und er tat cs in solcher lebendiger und anschaulicher Weise, daß es jcdein schien, all dieses Herrliche und Erhabene «nie er selbst miterlebt zu haben. Posen. Nächsten Sonntag findet in« Restaurant Neuwcck die 3. Tagung des Grnppcnverb a n d e s Posen statt, der 15 Ortsgruppen unlfaßt. Odessa. Es wandelten via Odessa nach Palästina ans: 1907 1746, 1908 2097 und 1909 2459 Inden. Aus -er Lehrerwett. Aachen. Rabb. Dr. Jaulus erhielt den Roten Adlerorden 4. KlasHc. Essen. Lehrer I. Kaufmann, eine in allen Kreisen der Stadt angesehene Persönlichkeit, ist iin besten Mannesalter Verschieden.' Schwerin. Landesrabbiner Dr. Feilchenfeld ist — 83 Jahre alt — .Verschiede n. Bei seiner Beisetzung war das Ministerium durch Geh. Ministerialrat Dr. Mühlenbruch, Oberamtsrichter Behnckc und Schulrat Scheven vertreten. A«S den Vereinen. Frankfurt a. M. Verein .Mekor Chajim." Jn seinem Vortrage „Imponderabilien des Judentums" hatte sich Rabb. Dr. Raphael Breuer-Asch affe nburgzur Aufgabe gestellt, zu zeigen, welcher großer Unterschied zwischen eineroberflächlichen und einer ihre Gedankenwelt verstehenden Betrachtung der jüd. Gesetzeslehre besteht. Nur ein weniges von den Gründen des Gesetzes könne «nan erfassen; aber das, «vas uns die Tradition als den Geist der jüd. Gesetzeslehre, als ihre Imponderabilien gegeben habe, genüge, uns das Gesetz im Sinne des Judentuins leben zu lassen und die spezifische jüdische Gedankenwelt zu «vahren. Der Redner rügte, daß man sich von diesem Geiste des Judentums entfernt, daß «nan sich von Thora und Talmud immer mehr entfremdet habe. Allgemeine Mitteilungen. Eine neue Heizung für Villen und Einfamilienhäuser beginnt sich allenthalben einzuführen. Es ist dies eine Frischluftheizung, die nicht allein' von einem im Keller aufgestellten Zentralofen aus alle Räume des Hauses rasch, zuverlässig -und gleichinäßig unter «venig Aufwand von Brennmaterial heizt, sondern auch perinancnt ventiliert. Die zugeführte Luft ist staubfrei und rein, sic «vird durch eine sinnreiche Einrichtung mit dem nötigen Feuchtigkeitsgehalt versehen und bewirkt ohne Zugerscheinungei« das Verdrängen der verbrauchten Zimmerluft. In Amerika ist diese Heizart schon jahrelang für Villen und Landhäuser die bevorzugte; neuerdings werden drüben selbst die größten Gebäude mit Luft geheizt. Sicherlich «vird auch in Deutschland bereits die nächste Zukunft die allgemeine Anerkennung der von allen bedeutenden Hhgienikern aufgestellten Behauptungen zeitige», daß Heizen ohne Bentilicrcn ein Unding und im 'höchsten Grade gesundheitsschädlich ist. Auch im Soinmer «virkt die Frischlufthcizung selbsttätig lusterneuernd und kann ««ntcr Einschaltung einer geeigneten Kühlvorrichtung dazu benützt werden, die Temperatur in den bewohnten Räuinen zu reduzieren. Die Luftheizungswerke Schlvarzhaupt, Spiecker u. Co. Nachfg., Frankfurt a. M., welche als einzige sin Deutschland diese Heizungen baut, hat solcher bereits 1400 geliefert. — Nachhilfe — und Unterricht in Deutsch — Englisch — Französisch — Rechnen etc. täglich v. 3-7 Uhr. Honorar monatl. 15.— Hk. Lehrer W. Knorz, Kaiserstr. 3. Vereins-Kalender. Samstag. „M o n t c f i o r e" - B e r e i n, 11 Uhr, Seilerstr. 22: Vorlesung über Kedauschim (Dr. B. May). — Verein „Mekor Chajim", 12 Uhr, Hörfaal Friedberger Anlage: Vorlesung über Sefer Schauftim (Prof. A. Wehl); 33/t Uhr, Schützenstr. 2: Mikro - Vortrag (Maximilian Michel). Sonntag. Verein „T i f e r e s B a ch u r i in", 83/i Uhr, Herniesweg 25/7:,Drei jüd. Politiker im 16. Jahrhundert (Wilhelin Rosen). Montag. H a t ch i j o h, S3/i Uhr, Hermesweg 25/7: Der Chassidismus (Goldmann). Mittwoch. Verein „Nachlaß Zw i", 9 Uhr, Lmlgestr. 26: Quellenstudienabend (2. B. M. 32 Kap.). — „Montefiore"-Verein, 9 Uhr, Langestraße 26: Palästina in geographischer und wirtschaftlicher Beziehung (B. Stern). .