Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 8 (25.2.1910)
- Date
- 1910-02-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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M ilc. 8 des fcanlifurtec IsmMMkk JtaiiiMtatfes. Zum IX. Zionisten - Kongreß. vStit Schlußwort von Julius Siinon-Mannheinr. Auf meine Kritik des Verhaltens der deutschen Landsmannschaft aus dem Kongreß haben vier Mitgliedern derselben in diesen Blättern geantwortet. In der Erwiderung auf die Ausführungen des Herrn Dr. Abrahamsohn muß ich mich auf das Notwendigste beschränken. Sein dräuendes Motto, die kühne Prophezeiung meiner Herostratenunsterblichkeit und ähnliche Erbaulichkeiten mehr habe ich mit vergnüglichem Schmunzeln genossen. Es iväre aber dem Ernst der Situation nicht angemessen, wollte ich in dem einzig möglichen Ton auf seine Versuche eingehen, durch ein Pathos, das durch keine Trockenheit gefälscht ist — oder, wie Dr. Abrahamsohn meint — „durch eine Trockenheit, die durch kein Pathos gefälscht ist, das schwankende Gleichgewicht wicderherzustellen." Eines aber fordert die Erwiderung heraus. Dr. Abrahamsohn schreibt: „Herr Simon! Sie stellen die Prämissen falsch auf, und darum hinken Ihre Schlüsse konsequent bis zum Erbarmen. Es entspricht nicht den historischen Tatsachen — und nun zitiert er mich in Anführungszeichen — „daß Wolffsohn zum Haager 8. Kongreß mit der festen Absicht gekommen ist, um Rußland zu verdrängen". „Das Gegenteil ist wahr." Wenn man zitiert, sollte man auch richtig zitieren. Ich habe natürlich nie den Unsinn geschrieben, daß Herr Wolffsohn Rußland verdrängen wollte: ick) behauptete, daß er mit der festen Absicht nach dem Haag ging, d i e Russen aus der Leitung zu verdrängen: das aber entspricht den h i st o r i s ch e n Tatsachen. Das weiß jeder, der im Haag war mit „Augen, die scheu und Ohren, die hören wollten", und Herr Wolffsohn selbst hat daraus nie einen Hehl gemacht. Lassen Sie sichs von ihm bescheinigen, Herr Dr. Abrahamsoh», wenn Sic mir nicht glauben wollen! — Die Prämisse, von der Herr Mrahamsohn meint, daß meine Schlußfolgerungen abhänge», ist also richtig. Die Fehler seiner Beweisführung aufzudecken, wäre sehr umständlich angesichts von Behauptungen, daß „die große Debatte zwischen Marmoreck und Weizmann auf dem 8. 'Kongreß mit dem moralischen Sieg des Pariser Bakteriologen" endete. Die Debatte endete mit dem moralischen und tatsächlichen Sieg jener, deren Wortführer Professor Weizmann auf dem Haager Kongreß war. Dr. Abrahamsvhn möge die Beschlüsse des Kongresses Nachlesen, die nach jener Debatte gefaßt wurden und sich darüber klar werden, daß die überwältigende Majorität der zionistischen Organisation heute für jene Palästina-Arbeit eintritt, die Weizmann damals forderte. Denn die Frage dieses Kongresses war keine prinzipielle, sondern nur diese: Kann David Wolffsohn die A r b e i t l e i - sten, die alle für notwendig erachten? Und da wäre ich schon bei meinen übrigen Kritikern. Denn Dr. Abrahamsohn wird mir im Ernst nicht zumuten wollen, daß ich mich in seine Pilpulistik verliere, die die Führer des russischen Zionismus nicht als die berechtigte Leitung der i» Rußland lebenden Zionisten anerkennt/ weil Dr. Abrahamsohn in den russischen Zionisten nicht Teile der — nach ihm — antizionistischen .Masse "des russisch-jüdischen Volkes sieht. W. — ein weiterer Opponent — meint, daß ich Kaufmann genug sei, um zu wissen, daß an der Spitze einer großen Organisation ein Praktiker stehen müsse. — Nun beim: ich bin wahrlich der Letzte, der die Bedeutung kaufmännischer Arbeit unterschätzte. Aber ich, der Kaufmann, warne vor ihrer Ueberschätzung, die gegenwärtig in unserer Bewegung beliebt wird. Bald liefe Herzl Gefahr, verworfen zu iverdcn, tvenn er heute käme, weil er kein Kaufmann ist! — Kaufmännische Tätigkeit kann doch nur eine m Gebiet unserer Arbeiten gerecht werden, und sie ist schädlich geradezu, wenn all' die Lewaltigen Aufgaben unserer Bewegung allein vom „kaufmännischen Gesichtspunkt" aus beurteilt werden. Ich warne auch vor der Ueberschätzung einer zurückhaltenden, vorsichtig-nüchternen Arbeitsmethode, die inan fälschlich identifiziert mit dem Prototyp kaufmännischer Tüchtigkeit. Diese Auffassung voni Wesen des Großkanfmanns hat sich überlebt: großzügiger Unternehmungsgeist, phantasiebegabtes Schaffen machen heute das Ideal des modernen Kaufmanns. Er soll ein Künstler sein, der Welten sieht, noch ehe er sie schuf und dessen Schöpfermut allein gebändigt ist durch eine intuitive Scheidung des Möglichen vom Undurchführbaren. Ich wünschte uns wohl solch „kaufmännisches" Wirken; aber selbst dann blieben alle meine Vorwürfe gegen meine deutschen Freunde im Zionismus und gegen ihre — ich wiederhole es — Verständnislosigkeit von der Notwendigkeit der Mitarbeit der Russen in der Leitung berechtigt. Dr. Heinrich Löwe, mein dritter Opponent, meint nun, daß die russische Landsmannschaft selbst nicht einhellig für Tschlenow und Ussischkin sei. Aber doch zu mindest neun Zehntel! Das dürfte füglich^ genügen. Dr. Löwe soll auch nicht befürchten, daß Tschlenow, um ein gedeihliches Zusammenarbeiten zu ermöglichen, „noch mehr wie bisher seine eigene Anschauung zurücktreten läßt" zu Gunsten jener Ussischkins. Beide haben in der Sache selbst durchaus einheitliche Anschauungen; sie unterscheiden sich nur — je nach ihrem Temperament — in taktischen Fragen. Ich bin nicht geneigt, das als einen Mangel anzuschen, der berechtigte, ihnen die Mitarbeit zu verweigern. Jetzt glaubt man gar, Dr. Tschlenow noch bevormunden zu sollen: er ist willens, im E. A.-K. mit Ussischkin, dieser mit Tschlenow zusammen zu wirken. Die beiden kennen sich gut genug und arbeiten schon lange genug für eine gemeinsame Sache, um allein beurteilen zu können, ob ihre Zusammenarbeit im E. A.-K. gedeihlich werden kann. Das gilt auch für meinen vierten'Kritiker „A. F.", der "gegen unsere Liste war, weil ihr angeblich die innere Homogenität gefehlt. A. F. ist nicht sans plu-ase für Herrn Wolffsohn, wie Dr. Löwe; er glaubt nicht, daß sich in Herrn Wolffsohn alle anderen Fähigkeiten noch entwickeln werde», die ihn dazu befähigen könnten, allen Aufgaben gerecht zu werden. Er sieht in dem von uns gerügten Mangel an praktischer Tätigkeit im Orient „ein Körnchen Wahrheit". Aber ihm sind die hervorragendsten Repräsentanten der russischen Landmannschaft, die von ihr gewählten Führer, die ganz in der Palästina-Arbeit und der Organisation des russischen Judentums für den Zionismus aufgehen, nicht die „geeigneten Herren". Da hört eben jede Möglichkeit der Verständigung auf. Wo sind die Männer im Zionismus — im Judentum der Gegenwart sogar — mit größeren Verdiensten? — Sollte aber A. F. gegen die Kombination Tschlenow - Ussischkin sein, weil sie bereits erprobt wurde und sich als untauglich erwies? Denn er ruft: „Jdceumangel! Ällso nur, wenn die beiden Antipoden Tschlenow und Ussischkin in der Leitung sitzen, hat sie Ideen. Nun beide waren bis vor 2 .Jahren Mitglieder des E. A. -K." Das waren sie eben nicht! Tschlenow war niemals Mitglied des E. A.-K. und man weiß ja, wodurch Ussischkin in der Beeinflussung der Tätigkeit des E. A. - M. gelähmt wurde. — „Muß man überhaupt im E. A.-K. sitze», um Gedanken zu haben?", fragt A. F. weiter. O nein, man muß aber drin sitzen, um auf die Bewegung und ihr Tätigkeitsgebiet beständigen Einfluß üben zu könne». Muß solche Binsenweisheit ausgesprochen werden! A.. F. paßt auch die Kombination mit Herrn Sokolow nicht. „Der Geist Sokolows über den Wassern" stört ihn. Lasse er das Wortspiel gelten: Der Geist Nahum Sokolow ist immerhin ein Aktivposten von nicht zu unterschätzendem Wert für die Bewegung. Ä. F. spricht von den „paar Männern in Deutschland, die blind tun möchten, was die russischen Führer fordern . . .", während die Delegierten der Juden des Londoner und Chicagoer Ghettos sich gegen die russischen Wünsche gewendet hätten. „Das sind doch auch russische Inden, Männer ans Kowno und Berdytschew!" ruft A. F. Dieser Einwand hätte einiges für sich — tvenn er richtig wäre. Nun sandte aber das „Chicagoer Ghetto" — der „Order Knights vf Zion" —, der 15 Mandate zn vergeben hatte, diesmal keine eigenen Vertreter; seine Delegierten stammen iveder ans Kowno noch aus Berdytschew, sondern ans der Gegend des Berliner Kurfürstendamms! Bon den englischen Delegierten trat ein Drittel, das im „Order of Ancient Maccabeans" vereinigt war, geschlossen für die russischen Forderungen ein; der Rest spaltete sich. Ich habe die Liste der englischen Delegierten zur Hand; ich zähle höchstens 10 Gegner, die man allenfalls als Vertreter des Londoner Ghettos betrachten kann. A. F. denkt daran, sich mit dem wahren Willen des Volkes in Rußland direkt bekannt zu machen. Daß er es täte! Daß er es schon vor seiner Erwiderung auf meinen Artikel getan hätte! Wir hätten uns leichter verständigen können. . A. F. fordert von uns ein Programm, und damit konime ich auch wieder auf Dr. Löwe zurück, der meinte, daß wir draus und dran wären, „die praktische Palästinaarbcit zur alleinigen Richtung i m Zionismus zu m ach en." Das Programm, das A. F. fordert, ist in jenen» umfangreichen Rundschreiben enthalten, das das russische Zentralkomitee nach der Petersburger Konferenz veröffentlichte und dessen Ueberschriften ich nur hierhersetzen kann, um den Raum dieses Blattes nicht ungebührlich in Anspruch zu nehmen: 1. Charakter der Bewegung, 2. Die Abänderung des Programms, 3. Der politische Moment, 4. Die reale Arbeit in Palästina, 5. Agrarkredit, 6. Parzellierungsgesellschaft, 7. Nationalfond, 8. die Banken, 9. Abänderung des Organisationsstatuts, 10. Reform des großen Aktions-Komitees, 11. Die Reorganisation des kleinen Aktions-Komitees, 12. Die Finanzen. Ich kann leider Herrn Dr. Löwe nicht empfehlen, dies mit einem Programm der Zionistischen Vereinigung für Deutschland zu vergleichen.- Möge darum Dr. Löwe dies Programm wieder durchlesen und dann sagen, oh ans ihm eine;,irrtüänliche Politik" spricht, die sich auf „falschen Bahnen bewegt, die sich auf Einzelheiten festlegt,-die in Kleinigkeiten vorgeht, die den persönlichen Kampf . .mit her Sache zeitweise verwechselt." Möge A. F. dann das Wort wiederholen von der Opposition ohne Programm, ohne positive Vorschläge, ohne Führung, ohne taktische Fähigkeiten." Taktische Fähigkeiten! Bleiben wir bei ihnen! Einen taktischen Fehler machte die Opposition, wenn A. F. so will: daß sie in ihrer Liste auf die deutschen Zionisten nicht verzichten wollte. Denn dieser — wenn A. F. so will taktische — Fehler allein verhinderte auf dem Kongreß die Durchführung ihres Programms. Jene um Wolffsohn hatten ja überhaupt keine Liste. Sie hatten nur Herrn Wolffsohn selbst. Professor Marburg — muß man es wiederholen — hatte erklärt, daß er ohne Verstärkung seiner Position keine Arbeitsmöglichkeiten mehr im E. A.-K. sehe. Die Opposition blieb also mit ihrer Liste durchaus nicht in der Minderheit. Es existierte auf dem Kongreß überhaupt nur ihre Liste. — Das gegenwärtige Ministerium ist ein Provisorium. Und wenn Dr. Löwe meint, daß es jetzt Sache der „in der Minderheit gebliebenen Partei" sei, rechtzeitig die mittlere Linie zn finden, so will mir persönlich scheinen, daß das — wenn überhaupt — Sache seiner Partei wäre. Wir können nicht wieder hcrumgehen und die Herren fragen, wie weit sie unsere Vertrauensleute als „homogen" empfinden. Was mich betrifft: ich halte eine sogenannte „nrittlere Linie" für eine Absurdität. Es gibt überhaupt keine mittlere Linie im Zionismus. Es gilt einfach — ich zitiere Dr. Löwe — „praktische Arbeit in Palästina zu leisten, der kulturellen und nationalen I n - nenarbeit Direktiven zu geben" und — füge i ch hinzu — ich, einer von jenen, die „die Palästinaarbeit zur alleinigen Richtung im Zionismus machen möchten" — es gilt, den politischen CharakterdesZion ismuszuwahren und z n mehren. Für diese Arbeiten sind die Personen zu finden. Wir glauben, sie gefunden zu haben. An unseren Opponenten ist es, andere NaMen zu nennen, wenn sie bessere Vorschläge wissen. Nur soll man nicht mit einem homogenen Ministerium im Sinne Wolffsohns kommen. Ihm ist nur die Leitung hoinogeu, deren Beschlüsse er s i ch unterwirft, wenn sie mit seinen eigenen Anschauungen übereinstimmen, die sich aber ihm zu unterwerfen hat, >venn er anderer Meinung ist. Das hat nicht einmal Herzl — das uns alle überragende Genie — gefordert! Als Wolffsohn auf einer Sitzung des großen A.-K. im vorigen Jahre behauptete, das Wiener E. A.-K. hätte Herzl nie an der Arbeit gehindert (womit er sagen wollte, daß man Herzl freies Spiel gelassen), sprang Alexander Marmoreck, doch der „Getreuesten" einer, auf und protestierte: „Es ist nicht wahr, wir haben uns immer sehr stark in die Dinge gemischt!" Wenn doch schon Herzl in die Debatte gezogen iverden muß: ich protestierte auf dem Kongreß, und ich protestiere auch hier (leider wohl nutzlos), daß man immer wieder den Schatten HerzE beschwört, um gegen die Russen zu zeugen: A. F.> ' der in Fragen des Geschmacks Lehren erteilt, sagt/ daß sich Herr Wolffsohn, wenn die Russen gegen seine Alleinherrschaft sind, in guter Gesellschaft befinde: in der Theodor Herzls. „Sie haben gegen Herzl gearbeitet und gewühlt . . Nirgends wurde Theodor Herzl mehr geliebt, als in Rußland. Man erinnere sich der grandiosen, pathetischen Szenen, als Herzl durch Rußland fuhr, um mit Plewe zu verhandeln. Diese russische Masse» die Herzl vergötterte, sollte Führer geduldet haben, die gegen Herzl gearbeitet, gewühlt hätten! Die Opposition der russischen Führer begann erst mit Uganda. Aber ein Zusammenhang zwischen jener Opposition und der heutigen zu konstruieren, würde der geschichtlichen Wahrheit nicht gerecht. Rosenbaum, der einzige aller russischen Mitglieder des A.-K., der heute für die gegenwärtige Leitung eintritt, war einer der erbittersten Bekämpfer Herzls in der Ugandafrage; Sokolow, der seine ganze Person der Sache gab, für die wir aus dem Kongreß kämpften, war es, der mit Podlischewsky die erforderliche Organisation gründete, die f ü r Herzl eintrat und die Charkower Politik verurteilte. Meine Meinung aber — von der ich fürchte, daß A. F. nicht einmal sie gelten lassen will, der aber Dr. Löwe wohl nicht widersprechen wird, ist diese: die Opposition der russischen Führer, die in Charkow organisiert wurde, hat allein den 7. Kongreß ermöglicht, der den Zionismus gerettet hat.... Moses Lob Lilienblum (Malal).*) Ein Nachruf. Es gibt nichts Unangenehmeres für einen ernsten Kritiker als, die Würdigung eines Schriftstellers, *) 1843 in Keidon (Gouv. Kowno) geboren, 10. Februar 1910 in Odessa gestorben. 4780