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Neue jüdische Presse · 1910-02-25 · Heft 8 (25.2.1910) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 8 (25.2.1910)
Date
1910-02-25
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 8. Ar caSfurker FsEWWeS FsmMenLkaÜ. Seite 3. - Als vor kurzem, gelegentlich der . Eröffnung des städtischen Schlachthauses im Gemeinderate das Verbot des Schlichtens beantragt wurde, da wurde infolge energischen Vorgehens des Stadtrabbinäts der Antrag n. a. mit der Begründung abgelchnt, daß das Schächten durch gesetzliche Maßnahmen in Württemberg gelvährleistet sei. Dieser Umstand, wie auch der in Stuttgart und in einer Nachbargemeindc von nicht autorisierten Schächtern unternommene Versuch, eigenmächtig zn schächte», zwangen das Rabbincit, die ihm vom Gesetz auferlegtc Pflicht nunmehr unter allen Umständen und gegen alle erfüllen. Das Stadtrabbinat hatte gesetzlich nicht mit dem Vorstände der I. R. - G., sondern nur mit dem Schächter zn tun und war, als dieser seinen Aufforderungen konsequent nicht itzichkam, zuletzt gezwungen, von seinem äußersten Rechte Gebrauch zn machen. Auf t>ie weiteren Vorwürfe des Berichts erwidert Herr N. Meyer, daß Herr Kirchenrat Dr. Kroner manches gebessert habe; die Schechitah sei durchaus einwandssrei, ein christlicher und ein jüdischer Metzger stünden unter zuverlässiger Aufsicht, die Sidrah werde am Sabbat schon lange ganz gelesen, an dem hebräischen Unterricht nähmen von ca. 450 Schulkindern ca. 430 teil,' und nunmehr sei es Herrn Kirchcnrat Dr. Kroner auch gelungen, eine Mikwoh zu errichten. Wenn Herrn Kirchcnrat Dr. Kroner nicht alles, was er 'angestrebt habe, gelungen sei, so haben der Artikelschreiber und seine Anhänger nichts getan, ihn zu unterstützen. Herr Kirchenrat Dr. K. habe der I. R. -G. nie das geringste in den Weg gelegt. Karlsruhe. Der Verein zur Wahrung der Interessen des g c se tz es t re u en Jude n tum s in Baden hat gestern eine ^Denkschrift an den Landtag gerichtet, worin er flammenden P r o t e st gegen die die Mitglieder bedrückende einsseitige Verwaltungspraxis des badischenOberratsdcr Israeliten einlcgt. Es handelt sich hauptsächlich um den Zwang zur Teilnahme a m R eli - g i o n s u n t e r r i ch t, der der Ueberzeugnng der Eltern znwiderläuft und der sogar einen orthodoxen Rabbiner genötigt hat, seine Kinder in den Religionsunterricht eines Lehrers zu schicken, der in seinem Leben Hie dem Orthodoxen heiligen Religionsgesetze geflissentlich verletzt. Der Verein beantragt daher bei dem Landtag folgenden Gesctzesvorschlag: „Der Zwang zur Teilnahme am öffentlichen jüdischen Religionsunterricht entfällt, wenn der zur Erziehung des Kindes Berechtigte vor der Ortsschulbehörde den an der zuständigen Schule erteilten Religionsunterricht als seiner religiösen Ueberzeugung zuwiderlaufend bezeichnet und zugleich den Nachweis erbringt, daß das Kind von einem akademisch und seminaristisch gebildeten Lehrer einen seiner religiösen Ueberzengung entsprechenden privaten Religionsunterricht im gesetzlichen Uinfang genießt." (L.) Posen. Verschiedenes. Das Synagogengrundstiick der aufgelösten Gemeinde G o n - s a w a wurde für 4800 JL an einen Privatmann verkauft. — In Pudewitz spendete der Kaufmann Eduard Bärmann der jüd. Genieinde anläßlich seiner Ucbersiedlnng nach Berlin 1000 Jk — Der Humanitätsvercin inObornik stiftete bei seinem 25jährigen Jubiläum 500 Jk als Grundstock für den Ban eines Gemeindehauses. Oesterreich-Ungar«. Wien. In der Jahressitzung der O e st e r r.- Ungar. Bank rügte ein Aktionär, daß die Bank nie einen Juden anstelle. Der Baukgouverncur Dr. Popowitsch erwiderte, daß für die Anstellung lediglich die Eignung der Bewerber maßgebend sei. — Diese Ausrede, die besagt, daß Juden sich nicht für das Baufach eignen, verdient wirklich patentiert zu werden. Budapest. Der Programmentwurf, den das Vorbereitungskomitee des Ung. orth. Landesverbands mmahm, bestimmt in seinen wesentlichsten Punkten: Verminderung jeder Aktion, die den Verband in Gegensatz zu den Prinzipien und den Wirkungskreis der organisierten Landeszentrale bringt; Mitglieder des Verbandes dürfen den Sabbat nie öffentlich verletzen; Wahrung der Rechte, der sabbathaltenden Juden hinsichtlich der Sonntagsruhe; Stellenvermittlung für sabbathaltende Angestellte ac.; Sorge für die jüdische Erziehung, der Jugend. — Trotzdem der Verein in Fragen der zu gründenden orthodoxen Lehrerbildungsanstalt — die eine brennende Notwendigkeit ist, ohne welche die. künftige Generation kaum mehr für das heilige Ideal erhalten werden kann—, wie eine Katze um den'heißen Brei schleifen und aus Rücksicht auf den gefürchteten Geist des „Unterlands" diese ausschalten mußte; trotzdem das offizielle Centralorgan mit einem gespensterhaften: Gare aux voleurs! den Geist des Mißtrauens' in die Reihen der selbstlosen Kämpser sät, schreitet er doch siegesgewitz einer stolzen Zukunft entgegen! Zioni. ' i '■ Rußland. Petersburg. Kaum ist die letzte Woche mit ihren Dnmadebattcn über die Anstellung jüdischer Richter vergangen, und wieder stehen wir vor I u d e n d e b a t t e n in der Duma, die sich voraussichtlich sehr stürmisch gestalten dürften. Es handelt sich diesmal um die Zulassung von Inden zur Advokatur. Eine Anmerkung znm Paragraphen 380 des Rcgierungscntwnrfs über die Gerichtsreform besagt, daß iJudeu n u r mit Erlaubnis des I n st i z - m i n i st e r s zur Advokatur zugclassen Iverden können. Die I u st i z k o m m i s s i v n der D u m a beantragt dagegen die Streich u n g dieser A n m c r k ii n g und schlügt vor, jedcBe s ch r ü n - knng zu vermeiden. Die Erörterung dieser Frage in der Duma selbst wird sicherlich zn heißen Kämpfen Veranlassung geben. Es liegt bereits von dem Abg. Kowvlenko ein Antrag vor, dessen Annahme die Ausschließung sämtlicher jüd. Advokatengehilfen von der Tätigkeit am Gerichte bedeuten würde. — In S in o I c n s k wurden sämtliche jüd. Zahnärzte a u s g e w i c s e n, die sich nicht ausschließlich mit ihrem Fache beschäftigen. Da jüd. Zahnärzte außerhalb des Rayons wohnen dürsen, so lernt eine Anzahl Juden nur deshalb dieses Fach. Petersburg. Ein Jude Samuel Dach, dcr in Petersburg geboren wurde, wohnte dort bis zum 21. Lebensjahre, bis zum Moment, da er Soldat wurde. Dann kam seine MilitärgestelluugSzeit, und er wurde als Soldat in ein kaukasisches Regiment geschickt. Nach längerer Dienstzeit erhielt er einen vicrzehntägigen Urlaub, um seine „Heimat zu besuchen." Er eilte denn auch nach seiner Heimat, nach Petersburg, zur Mutter, aber hier erwartete ihn eine c ch t r n s s i s che kl e b e r r a s ch u n g. Nachdem er sciucii „Wohnsitz aus Petersburg verlegt hätte," ging er gemäß den polizeilichen Erläuterungen des- Wohnrechts verlustig und wurde ans Petersburg a n s g e w i e s e n. Ein geborener Petersburger, der in Petersburg nicht wohnen darf, weil er seinen dortigen Aufenthalt infolge des Militärdienstes unterbrochen hat, — das ist schon wirklich eine äußerst kuriose Konsequenz dcr russischen Judculage, würdig der gegen die Juden zur Anwendung gelangenden Gesetzgebnngsmaschinc. Amerika. New-Nork. Im Lande der unbegrenzten Möglichkeiten muß auch das Judentum die merkwürdigsten Blüten zeitigen. So gibt „The Jewish Gazette" die Anfrage eines Juden wieder, ob er, der jüdisch lebe, am Pesach sein Ungesäuertes au seine Frau, die Christin sei, verkaufen dürfe. Ein anderer Fall! Die Juden in einem Städtchen in Pennsylvanien hatten zur Einweihung ihrer in traditioneller Weise eingerichteten neuen Synagoge den Pfarre r gebeten, die Einweihungsrede zu halten; — der Pfarrer nahm an und benutzte seine Rede, um folgenden Segen auf die versammelten Juden herabzuflehen: „Heiliger Jesus! Nimm in deinen Schutz alle Unglücklichen, die sich in diesem Hause befinden, öffne ihnen die Augen usw." — New-Nork. Rabb. Dr. H. Pereira Mendes, der Präsident des Verbandes orthod. Gemeinden, ein feuriger Zionist, propagierte in seiner letzten Sabbatprcdigt die Errichtung einer jüdischen Universität in P a lä st in a, die ans die Judenheit einen überaus gesundenden Einsluß aiisübcn würde. Personalien. Breslau. Die Stadtverordneten von Münsterberg bewilligten anläßlich des 75. Geburtstages des Münsterberger Ehrenbürgers JuliusSchottl a e n d e r, Rittergutsbesitzer auf Hartlieb bei Breslau, 500 Jk für eine Widmungstafel.;— Der Tod des Stadtrats Adolf Friedenthal erinnert an folgendes Vo r k o m m n i s: Nach dem Tode Joels hatte der damalige stellvertretende Rabbiner Dr. Knoller — heute Seminardirektor in Hannover — infolge seiner Beliebtheit die größte Aussicht, gewählt zu werden. Da trat Friedenthal hervor und erklärte zur allgemeinen Ueberraschung, er und seine ganze Familie würden aus der Gemeinde austreten, wenn K. gewählt würde. Grund: In der Religionsstunde hatte . sich K. mißbilligend dagegen ausgesprochen, daß Juden religiöse Einrichtungen anderer Religionen, z. B. den Weihnachtsbaum, nachahmen, und die Tochter F.'s beklagte sich darauf bei ihrem Vater, K. habe sie bei dieser Aeußerung besonders angesehen. In Wirklichkeit hatte K. gar nicht gewußt, daß bei F. statt der Chanukalichter. die Lichter des Weihnachtsbaums brennen. Das. Ende vom Liede war: K. wurde nicht gewählt, damit F. in der Gemeinde bliebe. Wien. Ro > a Z ifferer, eine um das jüdische Wohltätigkeitswesen sehr verdiente Frau, wurde durch Verleihung des Dlisabethordens 2. Klasse ausgezeichnet. — . Der hiesige Klaviervirtuose Emanuel Kois, und der amerikanische Violinkünstler S a s ch a E o l - b er tso n spielten vor dem P apst, der ihnen als Dank die goldene Erinnerungsmedaille verlieh. — Eine jüdi s ch e O f f i z i e r s f a in i l i e dürfte wohl euch Seltenheit sein. Dieser Tage trat Oberstleutnant Severin illlrich in den Ruhestand, dessen Vater Oberstabsarzt und dessen Großvater Militärwundarzt war und dessen Bruder Generalmajor in Pension ist. — Wie die „Nene National - Ztg. berichtet, ist die D e in a h l i n des V i z e k ö n i g s von Egypten — vor einigen Wochen fand die Verehelichung statt — I ü d i n. Sie wurde als Fmmy Csendes in Temcsvar geboren und heiratete den Grafen Johann Török, voii dem sic sich scheiden ließ. Konftimliuopcl. Ascher Salem wuide zum k a i s. K o m m i s s a r bei der Hafengcsellschaft von Saloniqne, B e h o r essen d i B a z i l a i zum Postdirektor in Couskoundjonk ernannt. New-Nork. In Utica starb, 80 Jahre alt, Friedrich Marx, der Erfinder der Cellulose. Aus -er zionistischen Bewegung. Hamburg. Am 15. Februar fand die erste große öffentliche Versammlung der Fraucnvereinignng der zion. Ortsgruppe Hamburg- Altona statt. Frau Lina Wagner-Tauber aus Berlin hielt einen Vortrag über: „Die Jüdin in der Frauenbewegung und der Z i o n i s m ii s." Die Rednern: zergliederte das Thema in drei Hauptfragen: soziale Arbeit, Frauenfrage und Arbeiterfrage. An der Hand dieser drei Faktoren zeigte sic, wie sehr es an der Zeit sei, endlich auch der Gleichgültigkeit der jüdischen Frau in jüdischen Fragen ein Ende zu machen und sich dem Zionismus anzuschließen, der, fortschrittlich in jeder Beziehung, auch die Frauensrage durch völlige Gleichberechtigung innerhalb der Bewegung gelöst hat. — Dem Vortrage schloß sich eine längere Debatte an. Lffenbach. Nächsten Sonntag 3 Uhr findet hier Wilhelmsplatz 8, eine zionistische Versammlung statt. 0 MMon. 0 Auge um Auge. Roman von «am. Gordon. Frei übersetzt von M. Pulvermann. lFortsetzung). Bei der Tafel allerdings konnte es Alma nicht vermeiden, zwischen den „jungen Burschen" zu sitzen; aber sie richtete ihre Gespräche ausschließlich an Karol, um Volkmann merken zn lassen, daß er den jetzigen Waffenstillstand nicht etwa mit dem vollen Frieden rerwechseln dürfe. Volkmann amüsierte sich innerlich. Sicherlich hatte dieser oberflächliche Flattergeist es sich in den Kopf gesetzt, mit der uniformierten Ankleidepuppe zn ihrer Rechten einen zeitvertreibenden Flirt anzubandeln. Da aber die Puppe wahrscheinlich nicht so recht Feuer fangen wollte, so sollte er, Bolkmann, dazu dienen, um bei jenem die Eifersuchtsslanimen anzufachen. — Er gönnte ihr dieses kindliche Vergnügen. Wer er würde es ihr ernstlich raten, keine Versuche auzustellen, um auch ihm etwa andere Gefühle einflößen zn wollen! — Er konnte sein inneres Widerstreben gegen dieses Mädchen kaum bemeistern. Allerdings war diese Abneigung nicht sowohl gegen ihre Person, als vielmehr gegen die decadcnte Atmosphäre, in welcher sie lebte, gegen das moralisch und sittlichherabgekommene System, das sie verkörperte. Er glaubte, auch sie hassen zu müssen, weil sie, obwohl noch so jung und kindlich, schon alle diese verwerflichen Neigimgen in sich ausgenommen hatte. Schließlich aber, was ging ihn die ganze Sache an? Seine Aufgabe war es ja nicht, Studien über den weiblichen Charakter anzustellen, sondern zn arbeiten, um in der Arbeit Vergessenheit zu finden. Das einzig Angenehme, das der hiesige Aufenthalt ihm bieten konnte, war die Gewißheit, daß er fest im Vertrauen seines Vorgesetzten stand und dessen volle Achtung besaß. Der hiesige Aufenthalt wird nicht allzulange dauern, und war er erst wieder fort, dann stand es ihm ja frch, die hiesige unangenehme Episode ans seinem Gedächtnis zu streichen oder— auch nicht. Für Volkmann ging die Mahlzeit nur langsam und langweilig fort. Nicht nur, weil er der ganzen Unterhaltung keinen Geschmack abgewinnen konnte, sondern auch, weil er fast vor Ungeduld verging, endlich das Verlangen seines Herzens zn befriedigen. Er konnte die Zeit nicht erwarten, um Niman zu sehen und auch das Nähere über den Tod seiner Eltern zu erfahren. Auf dem Wege vom Bahnhof hatte er sich erst gar nicht nach ihm umgesehen; es wäre doch vergeblich gewesen. Er wußte ja, daß Niman nicht der Mann sei, auch nur ein Glied zn bewegen, um die eitele Neugierde zn befriedigen. Die beiden älteren Herren hatten sich, schon längere Zeit mit leiser Stimme unterhalten, und es fiel Baruch auf, daß der Präfekt, hin und wieder ängstliche Blicke ihm zuwarf. Er wurde

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