Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 8 (25.2.1910)
- Date
- 1910-02-25
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Nr. 8. darum aufmerksam, und er hörte, wie der Gouverneur ärgerlich sprach: ... ich habe bisher meine eigene Politik befolgt und bin fest entschlossen, auch in Zukunft meine eigenen Wege zu gehen. Freundlichkeit wäre hier übel angebracht. Eine feste Hand, ein starker Druck, Einschüchterung, Schrecken, das sind die einzigen Mittel, um mit diesen elenden Hunden fertig zu werden, wenn man ihnen noch etwas erpressen will. Was meinen Sie, Herr Volkmann?" „Bon welchen Hunden sprechen Sie, Herr Gras?" Der Baron ließ Koratow zu keiner Antwort kommen. Er erhob abwehrend seine Hand und sprach mit erzwungener Freundlichkeit: „Jetzt ist es genug, mein lieber Graf. Ich bin nicht hier, um politische Probleme zu lösen. Davon habe ich in Odessa genug; hier will ich nur meiner Erholung leben." Die Damen hatten bereits die Tafel verlassen, und die Herren folgten ihrem Beispiele. „Bitte, nehmen Sie eine von meinen," sprach der Offizier herablassend, Volkmann seine Zigarettentasche hinhaltend; „es ist eine feine Marke, die meinen Ruf als Feinschmecker ini ganzen Regiment begründet." „Danke," sagte Baruch kurz, sich eine solche anzündend. „Sie haben ja während der Tafel so wenig gesprochen, Herr Volkmann, obwohl man es Ihnen anmerken konnte, daß Sic viel zu sagen verstehen, wenn Sie nur wollen." Baruch durchschaute seine Absicht. Karol war ein wenig erregt, wahrscheinlich durch seinen Erfolg bei Alma, möglich aber auch durch den schweren Wein, dem er öfter zugesprochen. Er war jetzt überzeugt, daß er in dem Sekretär keinen Nebenbuhler zu fürchten habe, daher wollte er seinen Sieg ausnutzen, und, wie ein ausgelassener Schulbube, wollte er sich das Bernügen nicht nehmen lassen, dem Gegner seine Uebcrlcgenheit unter die Nase zu reiben. Baruch hatte aus die letzte Bemerkung gar nicht recht hingehört, denn mit Ungeduld wartete er auf eine passende Gelegenheit, sich zu entfernen. Karol aber wollte seinen Triumph ganz auskosten, darum sprach er etwas gönnerhaft: „Meine Kousine ist jetzt anderweit beschäftigt, daher will ich eine halbe Stunde meiner Zeit Ihnen widmen. Kommen Sie, wir wollen eine Partie Billard spielen." ,$£vt mir leid, nicht dienen zu können. Ich verstehe das Spiel nicht." Karols Miene drückte unverhohlenes Mitleid aus. Armer Federfuchser, dachte er sich, der von Sport keinerlei Ahnung hat. — Es war wirklich eine rechte Dummheit, auch nur einen Augenblick auf einen solchen Menschen eifersüchtig zu sein! Ohne daß eine besondere Veranlassung vorlag, betrat Alma etwas geräuschvoll das Zimmer. Volkmann ging ihr sofort entgegen, um sich bei ihr zu verabschieden. Es entging ihm nicht, daß sie sich vergeblich bemühte, ihre Enttäuschung zu verbergen. „Ich muß mich ja überzeugen, wie viel mir noch von Ditomsk in Erinnerung geblieben ist," sprach er mit erzwungenem Lächeln. „Dürften nicht das Tageslicht und die Begleitung eines heimischen Führers besser dazu geeignet sein?" „Man soll eine gute Sache nicht auf morgen verschieben. Räuber und Mörder wird es ja wohl hier nicht geben. Uebrigcns scheinen diese auch im Kaukasus auf keinen grünen Zweig kommen zu können, da ja auch Vetter Karol von dort zurückgekehrt ist — zum größten Leidwesen der hiesigen Hasen und — Juden." Sie war so verblüfft, daß sic nicht bald die passende Antwort fand, und ehe es geschehen konnte, war er bereits verschwunden. „Was hat denn dieser Herr von mir gesprochen? Ich hörte doch ganz deutlich meinen Namen nennen." „Ich habe es nicht recht verstanden. Im übrigen scheinst Du etwas neugierig zu sein, Vetter Karol," war ihre schnippische Antwort. VI. Der Weg zur Fähre war ein schlecht ausgetretener, wenig benutzter, schmaler Fußpfad. Die Fähre selbst wiw keine beliebte Einrichtung in Ditomsk. Zwei Kopeken für eine Fahrt von fünf Minuten zu zahlen, wäre die reinste Verschwendung; zumal man nur einen Umweg von einer kleinen halben Meile zu machen brauchte, um ganz umsonst über die Brücke gehen zu können; auf ein bischen mehr Seitenstechen und Rückenschmerzen kam es gar nicht an. Wußte man denn, daß man heute überhaupt zwei Kopeken verdienen wird? — So sah man denn an jedem Morgen eine förniliche Auswanderung jüdischer Hausierer über die Brücke ziehen, um drüben im Städtchen oder in den umliegenden Ortschaften den kärglichen Unterhalt zu erkämpfen. Nur wenn alles gut ging oder wenn die müden Beine durchaus nicht mehr weiter wollten, nur dann wurde die Wohltat der Fähre in Anspruch genommen. Natürlich waren auch einige vorhanden, die sich diesen Luxus zu jeder Zeit erlauben konnten, weil sie nichts zu zahlen brauchten: der Arzt, der Pope, die Beamten und selbstverständlich alle, die zum Haushalte des Gouverneurs gehörten. Die letztern mutzten sich häufig der Fähre bedienen, weil das WMftÄor JfrarMDes FamüikrÄatt. eigentliche Städtchen aus der andern Seite des Dniepers lag, während hier nur das Gouvernementsgebäude sich befand, nebst einer kleinen Kaserne für die Kosaken, die Koratow als Leibwache dienten. Das übrige Militär war ebenfalls im Städtchen selbst untergebracht, so daß Koratow, in seiner Eigenschaft als General und Gouverneur, häufig des Tages über hin- und herfahren mußte. Für den Fährmann war es daher kein leichter Dienst, den schweren und plumpen Kahn so oft durch die Strudel und Wirbel des Stromes lenken zu müssen. Die zwei Rubel wöchentlich waren sauer erarbeitet. Neben seiner großen Sehnsucht, den Freund wiederzusehen, waren es auch noch diese trüben Gedanken, die jetzt Baruch beschäftigten. Er war mit diesen so sehr beschäftigt, daß er die Löcher und Wasserlachen nicht achtete, in welche sein Fuß fast bei jedem Tritt versank. Jetzt, da er so nahe am Ziele war, fand er es unbegreiflich, wie er es über sich gewinnen konnte, einen ganzen, langen Tag von seinem Herzensfreund entfernt zu sein. Jetzt wurde es ihm 'wiederum klar, daß diese Freundschaft, trotz der zweijährigen Trennung — wenigstens bei ihm — noch in voller Lebenskraft vorhanden war, und ob auch der laute Lärm der Welt ihren leisen Ruf manchmal übertönte, so hatte er ihr sanftes Atnien doch immer verspürt und von ihrem Dasein deutliche Kunde gehabt. Bald sollte sie wieder zu ihrer vollen Kraft und Schönheit sich wieder neubeleben. Er strengte seine Augen an, um die Dunkelheit zu durchdringen, und es gelang ihm bald, eine zusammengekauerte Gestalt zu erspähen, auf einem Baumstumpf sitzend, das Gesicht in beiden Händen vergraben, ohne den Nähcrkommenden zu bemerken. „Niman!" rief Baruch, die Schulter des Freundes berührend. Dieser sprang hastig ans und ließ das Buch zur Erde fallen. Baruch fühlte einen Stich im Herzen, als er den zerlescnen, wohlbekannten Horaz erblickte. „Niman!" wiederholte er seinen Ruf. Niman fing an heftig zu zittern, verfiel aber bald wieder in den versteinerten Stumpfsinn, wie vorher. „Du bist es, Baruch?" sagte er tonlos mit starrer Gleichmütigkeit. „Ich ahnte ja, daß Du Dich wieder einmal wirst blicken lassen." „Und jetzt ist Deine Ahnung zur Wirklichkeit geworden. Aber warum so kalt, Niman?'Sind wir denn nicht mehr Brüder?" „Willkommen, Baruch!" kam es niechanisch von den Lippen, währener dem Freunde apathisch die Hand reichte. „Das genügt mir nicht!" rief Baruch erregt, und im nächsten Augenblick hatte er Niman an sich gerissen und fest an seine Brust gepreßt. Niman leistete keinen Widerstand und ließ sich willenlos umarmen. Er trat bald wieder einen Schritt zurück, und ein bedrückendes Schweigen folgte; beide dachten sie jetzt nach, und ein jeder kannte wohl die Gedanken des andern. Endlich brach Baruch wieder das Schweigen: „Niman, warum hast Du Dich denn verstellt und mich wie einen Fremden behandelt? Du hast mir sehr wehegetan." (Fortsetzung solgt.) Bunte Chronik. H u f e l a n d — it ii b das Indent n m. Bon Dr. »red. R a.t »er, Wiesbaden. In diesen Tagen wurde der 100jährigc Begründungstag der Hufelaud'schen Gesellschaft in Berlin feierlich begangen und dabei ihres genialen Stifters in Festansprachen vielfach gedacht. Es ist daher nicht ohne Interesse auf die Beziehungen Hufelands, des großen Meuschenivohltäters, zu Inden und zum Judentumc hinzuweisen. Zu 'seinen Freunden und Mitarbeitern gehörten die berühmten Berliner jüdischen Aerzte Heim und Herz. Aber hauptsächlich ist es seine in alle Weltsprachen — auch ins Hebräische — übersetzte „Makrobiotik", welche vielfach die alt ehrwürdigen hygienischen Lehren der Bibel und des Talmud wicdergibt. Hierher gehören namentlich R e i n l i ch k e i t (W a s ch u n g e n, B 8 d e r) und Mäßigkeit. Ich habe an anderer Stelle (Hygienische Rundschau 24, 1909) über die jüdische Volksmedizin ausführlicher abgehandelt und darin die Grundzüge dargelegt. Die Reinlichkeit, welche die Bibel so sehr empfiehlt, wird von Huseland als Bedingung zur Lebensverlängerung hingestellt. Ebenso wie die jüdische Lehre die Trübsal und den Pessimismus — man denke an den Juden A u g u st e C o n t e, den Optimisten, und cm den Antisemiten Schopenhauer, den Pessimisten! — verbannt, ebenso leuchtet überall bei Hufeland der gesunde Optimismus hervor. Auch Hufeland's unbegrenzte Fürsorge sür arme Kranken erinnert an die Sozialfürsorge in den jüdischen Lehren. Bezeichnend ist vielleicht noch, daß die Lobredner bei der Hufelandfeier meist Juden waren. Kunst und Literatur. Preisausschreiben. Die Jüdische Turnerschaft wird in allernächster Zeit zu Propagandazwecken eine Tendeuzschrift, die sich mit den Zielen der jüdisch-nationalen Turnsache und der Gcichichtc der jüdischen Turnbewegnng befaßt, herausgebcn. Der Ausschuß der Jüdischen Turnerschaft hat mehrere Preise (Jk 50 und Jk 20) für die Einsender der besten dieses Thema behandelnden Schriften ausgesetzt. Die näheren Bedingungen dieses Preisausschreibens sind ans dem demnächst erscheinenden Februarheft der Jüdischen Turnzcitung (Berlin, Alexanderstr. 39) zu ersehen. Die betreffende Turnzcitungsnumincr ist gegen Voreinsendung von 30 Psg. erhältlich. Allgemeine Mitteilungen. Zn, den Vorzügen des reizenden Heidelberg, der Perle der deutschen Städte, gehört das seit 1850 bestehende, vorzüglich eingerichtete .und mir Liebe und Sorgfalt geleitete Töchterpensionat Neumann, in welchem Töchter israel. Eltern neben der Annehmlichkeit eines echten Familienlebens auf religiöser Grundlage eine den neuzeitlichen Anforderungen entsprechende Bildung zu teil wird, welche sie befähigt, später einen guten Haushalt zu leiten und in der Gesellschaft sich tadellos zu bewegen. Die Vorsteherinnen des rcnonimierten Institutes Frl. Hanna Zucker, staatlich geprüfte Lehrerin für Volks- und Höhere Mädchenschulen, und Frau I d a Cohn betrachten es als vornehmste Aufgabe, die ihnen anvertrauten jungen Mädchen an Ordnung, praktische» Sinn sowie richtige Zeiteinteilung zu gewöhnen und ihre Weiterbildung gewissenhaft zu fördern. Der Unterricht wird von pädagogisch erfahrenen Lehrkräften erteilt und umfaßt: Religion und Bibelkunde, deutsche, französische und englische Sprache, Kunstgeschichte, Erdkunde, Naturwissenschaf.en, Mythologie, Rechnen, Schreiben und Handarbeiten, Musik, Zeichnen, Malen, Gesang, Tanz und Buchführung. Für die Ausbildung als Hausfrau kann an einem regelrechten Kochkursus teilgenommen werden. Die Umgangssprache im Hause ist abwechselnd deutsch, französisch oder englisch, so Gelegenheit bietend, neben der grammatikalischen Erlernung der fremden Sprachen hinreichende Fertigkeit im Sprechen zu erlangen. Im Anschluß an den Literaturunterricht werden die Zöglinge an den Winterabenden in das Verständnis sorgfältig ausgewählter deutscher und fremdsprachlicher Werke eingeführt; außerdem ist Gelegenheit geboten, Konzerte, Theater und öffentliche Vorträge an der Universität zu besuchen. Die Gesundheit der jungen Mädchen wird mit großer Sorgfalt durch regelmäßige Spaziergänge . und häufige Ausflüge in die herrliche Umgebung Heidelbergs gepflegt und besonders gefördert durch die gesunde Lage, der eigens für den Zweck erbauten, mitten jm großen Garten gelegenen Billa. Spielplatz mit reizendem Blick auf Neckar und die bewaldeten Berge. Auch die Schlafräume der Pensionärinnen sind hell und sonnig und entsprechen in hygienischer Beziehung den neuzeitlichen Anforderungen. Eltern, denen das Wohl der Töchter Herzenssache ist, kann daher das Pensionat Reumann warm empfohlen werden; die jungen Mädchen sind dort vorzüglich untergebracht, und der Erfolg ist selbst bei minderer Veranlagung ein überraschender. Kaiser Friedrich Quelle Offenbach a. X> - Gegen Gicht und Rheumatismus bewährt. Alleiniger General -Vertreter: Friedrich Stahl, Frankflirt a. M., Stallburgstr. 9. Tel. 259 u. 71. Deutsches ftetectiv V Institut Frankfurt a. M. Ne«o ZrII 63. 1. -TeL 11391.- Beobachtungen pr. St. 1 Mk. Ermittelungen, Recherchen n. Auskünfte y. 5 Mk. an. Gewissenhafte Ausführung n. strengste Diskretion als mehrjähriger Polizeiu. Kriminalbeamte gesichert. Wochert-Kaleuder. (Zeitangaben nach dem Baach.) SamStag, den 26 Februar l — 17. Adar): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 5 Uhr 35 Min, Sabvat-Ausgang in Frankfurt a. M. 6 Uhr 50 Min. in Berlin 6 Uhr 20 Min. Wochenabschnitt: K i - S i s s o. — Israel soll eine gleichheitliche Schekelsteuer bringen zur Stifts- Hütte. (Nach der Tradition zur Anfertigung der Silberfüße zu den Brettern bestimmt.)' Am Eingang des Stiftszeltes soll ein kupfernes Waschbecken stehen. Aufzählung der Gewürze zur Bereitung des Salböls. Die verschiedenen Spezereien zur Herstellung des Räucherwerks. Nachahmung beider verboten. Das Gebot des Sabbat als Bundeszeichen. — Die Geschichte von der Anfertigung des goldenen Kalbes: Moses weilt auf dem Berge, um das übrige: Gesetz zu empfangen. Das Volk wird M