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Neue jüdische Presse · 1910-02-18 · Heft 7 (18.2.1910) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 7 (18.2.1910)
Date
1910-02-18
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 bcr Brust der Mutter das Gebet los: „Erhöre mich nicht, wenn ich gegen Deinen Willen bitte, der allzeit der beste ist! Erhöre mich nicht! Erhöre mich nicht!" Sie geht allein zurück. Willenloses Ergeben, willenloses Sich-Fügen in den Willen und in das Walten des Allweiscn und Allwissenden, können diese mächtigen Hebel jüdischen Lebens erzählend wohl eindrucksvoller gezeigt werden? Allein nur dann ist diese Ergebung berechtigt und notwendig, wenn der Tod auf das Geheiß des Weltcnlcnkers naht, nicht wenn man ihn sucht und sich den gebieterischen höheren Lebens- Pflichten entzieht. Wieder ein „Kind im Grabe", wieder eine verzweifelte, ja an allem verzweifelnde Mutter. Sie will von der Erde scheiden — ungerufen. Im Traum geleitet der Tod sie zu ihrem lleineu Knaben, aber was ihm, deni beflügelten Englein, reine Seligkeit, ist ihrem Auge nur Dunkel, und von oben rufen sie Manu und Kinder mit Macht. Sie erwacht zu neuem, Larem, gefestigten Erdenwallen. Kami sein, einmal ist gesuchter Tod auch Krönung des Lebens. Wir haben ja in diesem Betracht unseren sestumzirkeltcn Kreis, den wir weder erweitern noch verengen dürfen. Doch auch sonst und anderswo erblüht eimnal Heroismus in Lcbcnshingabe. Jst's nicht Heroismus, wenn ein altes, gebrechliches Mütterlcin, das von seiner Dachkammer Zeichen der nahenden Springflut wahrnimmt und die vielen Menschen auf dem Eise nicht anders zu warnen vermag, ihr Bett anzündet und dadurch Retterin für hunderte wird, wenn sie auch verbrennt? Wird sie nicht milder, ganz milde gerichtet, vielleicht gar noch belohnt werden vor dem Richter da droben? Vor dem gütigen Richter? Ist doch die Güte Inbegriff Seiner Wesenheit, hat Er „ja nicht Wohlgefallen an dem Tode des Todeswürdigen, sondern daran, daß er zurückkehre von seinem Wege und lebe!" Und verlangt Er doch diese Güte auch von Seinen Geschöpfen, auch für Seine Geschöpfe. Da ist ein Seelsorger, scharf wie ein blankgeschliffenes Schwert und heiß wie glühender Stahl. Er verdammt die Bösen erbarmungslos, er malt ihnen mit flammenden Farben die Schrecken aus, die ihrer warten. Ein Traum mahnt und bekehrt ihn. Seme liebreiche Gattin sieht er darin scheiden,! sieht er nach dem Tode wiederkchrcu, weil sie erst dann die einige Ruhe finden kann, wenn er chr ein Haar von dem Sünder bringt, der zu steter und unlösbarer Qual verdammt ist. Er wacht aus mit befreitem Auge und mit befreitem Herzen. Telle der herabgesandten unsterblichen Seele wirken selbst in dem Bösen und erwirken ihm schließlich Gnade. . stioch manche unserer Vorstellungen spielen in die Märchen hinein. Das schlanke, frische Vertrauen auf Ihn, das sich nicht einschüchtcrn und erst recht nicht hinstrecken läßt, auch wenn Hülfe unmöglich erscheint, im „Reisekamerad". Seine unterschiedslose Liebe zu allem Erschaffenen, die Hoch und Niedrig gleich bewertet und gleich freundlich umfaßt, in der lieblichen Erzählung vom Apfelbaum und dem Buttcrblümchen, Seine mitleidsvolle Hinneigung zu den Armen und Hinfälligen in dem duftigen Idyll vom „Engel", Sein „Saucheir kol Hanischkochaus", Sein stetes Gedenken an alles Vergessene und Verborgene in den „Fünf aus einer Erbsenschote". Einmal nur wendet sich das Bild, einmal wird aus dem liebenden Beobachter und Verkörperer jüdischer Anschauungen ein — Missionär in der Geschichte vom „Judenmädchen", das nach Ludwig Geiger'schcm Rezept dem christlichen Religionsunterricht beiwohnt und davon so überwältigt wird, daß cs nur durch das der Mutter auf dem Sterbebett gegebene Versprechen, sich nie taufen zu lassen, vom Ucbcrtritt abgehalten wird, innerlich aber gänzlich abfällt. Und seltsam, während in allen Märchen, die wir skizziert haben, die Idee rein, fleckenlos und schlackenlos in der Form aufgeht, drückt hier die Falschheit des Grundtons so empfindlich auf das Künstlerische, daß alles steif, hölzern und mit unechtem Pathos herauskommt. Seltsam auch, daß in diesem einen Frankfurter Israelitisches Familienblatt. und einzigen Fall der Dichter „seiner selbst spottet und weiß nicht wie": Die Heldin soll durchdrungen sein von fteniden sogen. Heilwahrheiten und verkörpert — die jüdische Selbstlosigkeit und jüdische Nächstenliebe. Immerhin —■ religiös und ästhetisch betrachtet: ein entschiedenes Veto und viele freudige Zustimmungen — wer wollte da "den köstlichen Märchen Andersens, besonders in dieser erlesen schönen Ausgabe, seine Bewunderung versagen und sic nicht zu lieben Hausgenossen machen? M. Sp. Brief aus Ungarn. Wie nach kalter» Hagelschauer, wenn ein lauer Wind durch die niedergedrückten Felder streift, sich die gebeugten Saaten mit erneuter Lust dem Leben entgegenrecken, so drängt das Leben in unserem seit Jahren niedergehaltenein Lager der Verjüngung entgegen. Ueberall regt sich Bildung und Streben. Das Bewußtsein der individuellen Hilflosigkeit drängt zur sozialen Organisation; die Erkenntnis der Schwäche der Einzelperson läßt die Unübcrwindlichkcit der Verbandskraft bewußt stärken. Sowächst denn der soeben gegründete orthod. Landesverband fort und fort. Die Einberufer Haltens nicht so arg gemeint. Es sollte ein ganz simpler Hotclbeaufsichtigungs-, Mesuscskontroll- und Patronagenschutzdammverein werden. Die gcwalttge Idee der erwachten heiligen Energien hat die idealen Träumer niedergedrückt und ist ihnen über den Kopf gewachsen. Nichts jüdisches durfte ihnen fremd und nichts fremdes konnte ihnen jüdisch bleiben. Die konstituierende Versammlun'g mußte gegen den Willen der Einberufer das Programm recht weit spannen; es umfaßt alles, was das jüdische Leben in seinen Tiefen berührt. Daß cs von den Rabbinern nichts als fromme Wünsche und stilles Zusehen erwartet, läßt für das gedeihliche soziale Wirken starke Hoffnungen aufkeimen. Und die zwölfte Stunde für ein bewußtes Hilfswerk war fast schon vorbei. Es mußte etwas gcschchcir. Die Funktion des jüdisch-sozialem Elends, würde ein beschränkter Tcrminolog sagen, mußte sich ihr Organ schaffen. Wir sind, Gott sei cs geklagt, zu in Emigratiousland avanciert. Nach Rußland, Galizien, gleich an dritter Stelle, rückt der ungarische Jude ins amerikanische Eldorado. Dabei schwillt der Stroin unseres überschüssigen Menschen»!aterials nach dem Westen. Und dabei verdunsten im Schmelztiegel des Jammers und des Elends Myriaden nnscrcs Stammes. In Marmaros, Munkacs usw.. wissen unsere Brüder — die vom Lichtblitz der Kultur vergessen sind — nur das eine: daß sie sterben müssen, ohne zu klagen. Der Proletarier von Tschortkoiv und Homel ist ein geadelter Morgan im Verhältnis zu dem Steinklopfcr und Flößcntreiücr „Wissos", der als geborener Vegetarier vom Fleisch kaum gehört und Kornbrot nur Jomkippur nach Ncila gesehen hat. Mit Maisbrot, Zwiebel und Hering erhält sich das Ueberlcbende beim Dasein; mit Hering, Zwiebel und Maisbrot wird der Nachwuchs zu Grabe gebettet . . . Die durch das neue Regime zu intensiverer Aktion getriebenen Reaktionären erholen sich langsam vom ersten Schrecken, den das erste Erwachen des „liberalisierenden" Geistes hervorgerufen hat. Der Teufel wird mit Bclzebub ausgetrieben. Die Presse wird durch die Presse gepreßt. Ein kurzer Aufruf; ei» leises Drücken auf die elektrischen Köpfe, und die Reaktion ivar von einem glühenden- Goldstrom durchflutet. In knappen zwei Tagen waren für das klerikale Tagblatt „A Nep" (Das Volk) 258700 Kr. beisammcn. Mit fieberhafter Eile ward ans Werk gegangen; die erste Sensation, der Prozeß ,Haverda", in der eine hysterische Megäre ihre Mutter durch ihren blöden Galan erdrosseln ließ, wurde gegen das Judenttim ausgelöffelt. Mörder mid Mörderin mit samt dem unglücklichen Opfer sind waschechte Antiscmtten und stehen zum Judentuiu nur insofern in Beziehung, als daß fast sämtliche Verteidiger unserer Konfession, entstammen. Diese arbeiteten mit patentierter Genialität; das luftige Gebäude eines Staatsanlvalts, der durch die Sensation Karriere machen tvolltc, ging in Trümmer. Jetzt machte der Togaträger eine Schwenkung ins Antisemitische. Der Prozeß wurde verrückt. Die Antisemiten haben den triumphierenden j ü d i s ch e n Scharfsinn der Verteidiger auf die Anklagebank gezerrt c . . Dieser Geist entfaltet aber trotzdem siegreich seine Schwingen. Er i st das Ferment, ohne das s e k b st der tausendjährige ungarische Nationalstaat in Trümmer sinkt. Dafür ist der Hobelspänedrechsler LajosDalnoki nicht das letzte Beispiel. - Sie feiern den geistreichen Poeten Mikszath. Der poeta laureatus wird vom Volk verhimmelt. Die rein arische Dugonisch -Gesellschaft schreibt einen Preis aus für das beste ungarische Bolksstück, und der jüdische Tischler LajosDal- Nr. 7 noki gewinnt den ersten Preis: 1000 Kronen und sichert bei der Fcstaufführung dem' unsterblichen Dichter kolossalen Erfolg.' Ueber den Kampf des bereits getauften Signore B a l l a y i geborenen Bloch mit Mr. P e t o geb. Pollatijek im Stadthaus, wo sich die ehrenwerte Sippschaft den Ahnenstammbaum, zuni Gaudium aller geborenen Unjudcn vorrespektive uachwarfen, ein anderes Mal. Zioni. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Berlin. Aus der Sitzung des Gesamt-Ausschusses des Verbandes der Deutschen Juden, an. der 40 Mitglieder aus allen Teilen des Reichs tellnahmen, unter ihnen zum ersten Mal eine Dame, die Vertreterin des Jüdischen Frauenbundes, sei folgendes wiedergcgeben: In der Angelegenheit der Sonntagsruhe ist durch Eingaben des Verbandes und anderer jüdischer Körperschaften erreicht worden, daß in den Entwurf eines Reichsgcsetzes über diesen Gegenstand den am Sonnabend und, an den jüdischen Feiertagen geschlossenen Geschäftsbetrieben eine Sonntagsarbcit in beschränktem Umfange ermöglicht wird. Es wurde die Einreichung einer erneuten Eingabe an das Reichsamt des Innern beschlossen, um die Berücksichtigung aller berechtigten Wünsche der strenggläubigen Glaubensgenossen in den Entlvurf herbeizuführen. Eingehend wurde die vom Verbände einzunehmende Stellung gegenüber den Zurücksetzung«:n der JudenbeidcrBeförderungimHeere erörtert. Alljährlich ergibt sich aus einer Anzahl von Fällen der systematische Ausschluß der Juden von der Beförderung zu Reserveoffizieren in den dem Preußischen Kriegsininisterium unterstellten Kontingentcn. Die Angelegenheit ist im Reichstage zur Sprache gebracht und das vom Verbände gesammelte Material dem Kriegsminister überreicht worden. Es wurde beschlossen, eine Eingabe an den Kriegsminister zu richten, in der unter Hinweis auf das umfangreiche Material hervorgchoben wird, >vie die tatsächliche Uebung in gleicher Weise mit der Verfassung, wie mit den vorjährigen Erllärungen des Kriegsministers im Reichstage im Widerspruch steht, und um ein'wirksames Eingreifen der verfassungsmäßig zuständigen obersten preußischen Militärbehörde ersucht wird. (Die Eingabe ist vor der zweiten Lesung des Militäretats im Reichstage dem Kriegsminister eingereicht Ivorden.) Ferner wurde beschlossen, geeignete Maßnahmen zu treffen, um bei Gelegenheit des erwarteten neuen Reichsgesetzes über Erwerb und Verlust der Reichs - und Staatsangehörigkeit auf eine Beseitigung der durch zuverlässiges Material belegten und bereits ans den Hauptversammlungen des Verbandes erörterten Ausnahmebehandlung der Juden bei Naturalisationen und Ausweisungen durch gesetzliche Bestimmungen hinzuwirken. Berlin. Im Landtag tat der sreikonservative Abg. Viereck den Ausspruch: „Der An tisemitism ns ist eine große Gefahr für die O st m a r k e n." Nun — die Herren von der Rechten ernten jetzt nur die Früchte, die sic gesät haben! Köln a. Rh. Der Provinzialverband rheinischer Synagogengemcinden beschloß auf seinem Gemeindetagc die Gründung einer Provinzialkasse (Zentralarmenkasse) für Rheinland und Birke nfeld auf folgender Grundlage: Die beigettetcnen Gemeinden haben die bisherigen Ausgaben (im dreijährigen Durchschnitt) für Aus- und Rückwanderer der Provinzialkasse einzuschicken, und zwar unter Abzug von 1/5 für unvorhergesehene Fälle. Bon den "Vs, die die Provinzialkasse erhält, geht % nach Berlin zur Hauptkasse. Die neue Institution tritt vom 1. Juli ab in Tätigkeit. Hannover. Die Einrichtungen auf dem Lehrgute S t e i n h o r st sind nun nahezu fertiggestellt, und cs können zum Frühjahr cttva 12 Land Wirtschaftslehrlinge beschäftigt werden. Das Glck Steinhorst umfaßt alle für Lehrzwecke wesentlichen Bodenarten, und der junge Landwirt erhält Einblick in die wichttgsten Zweige der Landwirtschaft. An der Spitze der Anstalt stehen ein erfahrener Berufslandwirt und ein israelitischer Lehrer als Leiter des Internats. Den' theoretischen Fachwlterricht erteilt der Direktor der landwirtschaftlichen Winterschule in Wittingen. Ausgenommen werden nur körperlich und geistig vollkommen gesunde junge Leute, die sich zum landwirtschaftlichen Beruf eignen. Das geeignetste Eintrittsalter ist zwischen dem vollendeten 14. und 16. Lebensjahr. Die Zöglinge der Anstalt werden rituell verpflegt und sind <sm Sabbat von allen Wirtschaftsarbeiten befteit. Anmeldungen und Ansragen sind zu richten, an die A. und F. S.imon'sche Stiftung, Hannover, Hm: sah aus, Aegidientorplatz 4. Diese Stiftung wirb

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