Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1910-02-18 · Heft 7 (18.2.1910) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 7 (18.2.1910)
Date
1910-02-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2692297-2692665-2692672--05224-2700118
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Iranksitrte? frnrlitifriirs faiuilienlilitt. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. UbonnrmrntSprriS pro Bierteljahr: In Frank, furt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich»Ungam M. 1,50, j sonstige Länder Mk. 2.— T-daLtr-« und Frankfurt a. IR., vildelerstraße 4/6, <Sde Lleichstraße %tUf«n 10507. Kalg Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petttzeile. 35 Pfg. Die Reklamezeile. 100 .. Platz» und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: PreiS nach Uebereinkunft. . Freitag, den 9. ^.Snr 5679 (18. Februar 1919). Rr. 7. 8. Jahrgang. Inhalt des Hauptblattes. - Artikel: Andersens Märchen und ihre Beziehungen zum Judentum. — Brief aus Ungarn? — Aus aller Welt. — Aus der zionistischen Bewegung. — Feuilleton: Auge um Auge. — Kunst und Literatur. — Wochen» Kalender. — Familiennachrichten. Andersens Märchen und ihre Beziehungen znm Judentum. (Hans Christian Andersens Märchen. 2 Bände. Insel-Verlag, Leipzig.) I. Eine weltumspannende, unermüdlich rege und emsig geschäftige Phantasie. Was da kreucht und fleucht, was da blüht und dorrt, was da jauchzt und stöhnt, zieht sic in ihr Bereich. Sie ist überall daheipr und nirgends dauernd seßhaft. Wo sie hinkommt, ist sie ein gerir gesehener und vertrauter Gast. Bald nistet sie sich in der Küche ein, hält Zwiesprache mit Töpfen und Besen, bald liebkost sic ein krankes, verhärmtes Kind, bald öffnet sie, die große Bielwisferin, den Spatzen, den Fischen, den Hühnern den Mund zu herzigem, reizendenl Geplauder. Dann klettert sie auf hohe Wipfel und belauscht feinhörig die Seele des Baumes, taucht in den Meeresgrund und erkennt den heimlichen Drang der kalten Seejungfern nach menschlicher Liebe und menschlicher Seele. Mit dem Wind umbraust sic ragende Schlösser mit ihren stolzen Insassen, pflanzt das warnende „ülemsnto mori", den Gedanken der Vergänglichkeit irdischer Pracht und irdischen Gelüstes, auf, umtändelt mit zierlichen Verbeugungen die Nippesfiguren, begleitet sie auf heimlichen schwarzen Spaziergängen durch Schornsteine, ein andermal zuckt es bitter boshaft um ihre Mundwinkel und sie seziert mit trockenem Humor kaiserliches Unfehlbarkeitsbewußtsein oder höfische Unnatur, So wird ihr alles und Jegliches zum Bild, zum Geschehnis, zum Erlebnis, so haucht sic allem Seele und Schicksal ein. Dabei hat diese Phantasie schließlich nichts Uebersinnliches, greift nicht über die Sterne hinaus, will nicht mit Simfonskrast an den Säulen des Daseins rütteln oder mit briitendem Tiefsinn seine letzten Gründe enträtseln. Auch Hektisches hat sie nichts an sich, sie wirbelt nicht L la Theodor Amadeus Hoffmami fiebernd Beseeltes und Unbeseeltes durcheinander. Sie ist wohlgebaut, kerngesund und hellvergnügt, — allerdings mit einem leichten Stich ins Aetherische, mit einem kleinen Zug von Verhimmelung, mit einem schüchternen Hang zum Elegischen, aber im allgemeinen eine kräftige Lebensbejaherin und ein Schalk erster Güte. So weckt sie Behaglichkeit, Nachdenklichkeit und Ergötzen allüberall, so ist sie die trefflichste, rastloseste und spaßigste Spielgenossin für die Kinder, . die ja auch jedwedem Bewegung und Wesen unterlegen, so ist sie eine treue und gute Kameradin für die Großen, die durch sie manches sehen und spüren, was sie sonst nicht merken. II. Mer Andersens Märchen, so entzückend sie an und für sich sind, geben noch weit Tieferes, Reicheres und Fesselnderes, sie geben oftphantastisch ausgestalteten jüdischen Gedankengehalt. Wir kennen die Biographie des Dichters nicht so in allen Details, um zu wissen, ob er je zu überzeugten Juden in nähere Beziehung gekommen ist. Aber eines kann man mit Bestimmtheit behaupten: daß er von jüdischem Schrifttum Mannigfaches gründlich gekannt und in sich aufgenommen hat. Unendlich vieles von uns hat ja die gesamte Kulturwelt mit blanken und breiten Strömen überflutet. Alles Befruchtendste und Höchstentwickelte in ihr ist von diesen Wassern getränkt worden. Allein ivir haben auch noch Sondergut — um von dem spezifisch Religiösen hier zu schweigen —, das noch wohlverpackt und wohlverfrachtet in unseren Schiffen ruht und das wir anscheinend erst ganz hinaussegcln lassen können, wenn „die Erde voll ist der Gotteserkenntnis, wie die Wasser das Meer bedecken". Und von diesem köstlichen, feinen Sondergut hat Andersen sich Etliches herzhaft angeeignet und auf schmuck bewimpelten Booten Hinaustreiben lassen. Wir Juden sind ja keine Chauvinisten, daß Ivir darüber ärgerlich wären. Wir sind ja Kosmopoliten im weitesten und besten Sinne des Wortes, wir wollen gerne die ganze Menschheit teilnehmen lassen an dem uns Eigentümlichen. Drum ist es uns eine Freude, wahrzunehmen, wenn ein begnadeter Dichter mit künstlerischer Verve, in künstlerischer Form veranschaulicht und verbreitet, was uns lieb ist. Mag nun die kleine Flotte, die Andersen aus unserem Hafen hat ansscgeln lassen, eine kleine Probefahrt machen. HI. „Ach, das Judentum ist eine große, jauchzende Lebenssymphonie," hat einmal Samson Raphael Hirsch begeistert ausgerufen. „Das Leben ist das schönste Märchen," sagt stark und innig der alte, welterfahrene Pate in der Skizze „Was die ganze Familie sagte". Nichts von der Jenseitssehnsucht des deutschen Romantikers Novalis, der, ein Prototyp nicht nur von religiösen Strömungen und Anschauungen der damaligen Zeit und der damaligen Menschen, wehmütig schwärnit: „Die Lust am Leben ging uns aus. Zum Vater wollen wir nach Haus", nichts von verzücktem Augenaufschlag, vom hieniedigen Jammertal. Nein, eine große, unverwüstliche Freude an diesem Leben, ein wackeres Geständnis und ein hallender Ansporn, hier Handbreit um Handbreit Boden redlich zu beackern, in jedem Alter, in jedem Stand, in jeder Lage getreu das Anvertraute zu warten. Verkümmert die Saat auch einmal oder fahren Hagelwetter drüber hin, nur standhaft! Dieselbe Liebe waltet in allem über uns, „haudu laadanschem ki tauw", und — meint der Pate — „seine Güte währet in alle Ewigkeit". Der Bewußtheit von Gottes immerwährender, immerwirkender Güte gesellt sich naturgemäß der Gedanke, daß der Zustand, in dem man weilt, der ersprießlichste und befriedigendste ist. „Wer ist reich? Der sich mit seinem Teile freut." Der „Flachs" öffnet, von Andersens Zauberstab berührt, die Lippen und predigt diese jüdische Wahrheit laut und eindringlich. Von dem Augenblick an, da er sich als blaue Blume auf dem Feld wiegt, erkennt er durch alle Metamorphosen hindurch, welches Glück eine jede Stufe birgt und genießt in heiterer Seligkeit dieses Glück. Zugleich aber wird ihm klar, wie diese erlaubte Art des Sichauslebcns zugleich die Vorstufe zu immer höherer Vervollkommnung bildet. Vervollkommnung, sittliche Vervollkommnung, das ist das A und ■£, das ist Grund und Ziel unserer Tätigkeit und Bestimmung. Ausragendes, auf sich selbst Gestelltes, nur sich selbst Wohlgefälliges und auf die eigene Schönheit Pochendes, wird gewaltsam gebeugt, weil es sich aus freien! Antrieb nicht selbst gebeugt hatte. Die ganze Natur neigt sich bescheiden vor ihrem Herrn, der im Gewitter heraufzieht, alle Aehren senken ängstlich die Häupter, senken sie umsomehr, je üppiger und vielverheißender sie prangen, nur der stolze „Buchweizen" bückt sich trotzig nicht und wird vom Blitz verbrannt, sodaß er seinen Nutzwert verliert. Einer nur „erhöhet und erniedrigt, tötet und belebt". Tötet und belebt. Aus Seinem uns oft dnnklen und verhüllten Weisheit heraus hat Er dem Tod seine Stellung in der Welt angewiesen, und auch dieser ist nur ein Diener Seiner Weisheit. Da hilft kein Sträuben, kein empörtes Auflehnen, kein gewalttätiger Eingriff in seine Amtsvollstreckung. Er nimmt der Mutter in der „Geschichte von einer Mutter" ihr kleines Kind und trägt es in sein Reich. Aber „gewaltig wie der Tod ist die Liebe", wie unser königlicher Sänger kündet, die Mutter trotzt aller Unbill, gibt der Nacht, die sie um den Weg zum Reich des Todes fragt, ihre Lieder, dem Dornbusch ihr Fleisch, dem See chre Augen, um nur das Treibhaus des Todes zu erreichen. Das „Treibhaus des Todes", — eine fast grandiose Vorstellung. Jeder Mensch hat seine Lebensblume und seinen Lebensbaum dort, und in jeder Blume wie in jedem Baum pulsiert ein Herz. Sie hält Wacht an dem Lebensbaum chres Kindes und tritt dem Tod, als er mit dem Kinde naht, mit der Furchtlosigkeit einer um ihr Liebstes kämpfenden Mutter entgegen. Sie droht, andere Blumen auszureißen, wenn er nicht ihre Blüte herausgebe. „Rühre sie nicht an," sagte der Tod, „Du sagst, daß Du unglücklich bist, und nun willst Du eine andere Mutter ebenso unglücklich machen?" Sie läßt ab und erschaut auf das Geheiß des Todes in einem Brunnen das Geschick zweier Blüten: Herrlich und segenspendend wächst die eine empor, in unsagbarem Elend verkümmert die andere. Eine der Blumen ist die Lebensblume chres Kindes. Markig und tragisch erschütternd ringt sich ans

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.