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Neue jüdische Presse · 1910-02-11 · Heft 6 (11.2.1910) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 6 (11.2.1910)
Date
1910-02-11
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. j Nr. 6. Schweiz. Zürich. Ueber den wissenschaftlicher Arbeit halber beurlaubten und am Schlüsse des Semesters zurücktretenden Professor Dr. Ludwig Stein-Bern wird dem „Isr. Wochcnbl." geschrieben: ,/£r verstand es, die schwierige Disziplin der Philosophicgeschichte, die in der Hand vieler sich so spröde erweist, so zu handhaben, daß sie zu einer der interessantesten Lehrdisziplinen der hiesigen Hochschule geworden. Aus allen Fakultäten strömten die Wißbegierigen herbei, um das Colleg des Professors Stein zu hören. Der größte Lehrsaal stand seiner Vorlesung zur Verfügung und dieser -erwies sich als zu klein. In den SeitenundMittelgängen drängten sich alle diejenigen, die keinen Platz mehr fanden, und nicht selten mußte man auswandern nach der Aula, deren weiter Raum nur für öffentliche festliche Anlässe bestimmt ist und der bei einer Steinschen Vorlesung, besonders am .Dienstag bei seinen! publicum, keinen leeren Platz aufwies. , Was dem Colleg des Professors Stein diese große Anziehungskraft verlieh, war nicht allein die bekannte rethorische Begabung, die ihn auszeichnet,' sie lag vielmehr in seiner Auffassung der Aufgabe eines Philosophiehistorikers und in der origmellen Art, wie er diese zu lösen verstand. Nicht wie fremde Lehrmeinungen wurden die einzelnen Philosopheme doziert und interpretiert, sie sind vielmehr vor den Augen der Schüler entstanden. Als würde jelveils der Autor selbst sein eigenes System entwickeln, so hat Professor Stein ihn verdolmetscht. Man glaubte den Vertreter des Idealismus vor sich zu haben, wenn Plato gelesen wurde; mau meinte einen Spinozisten zu hören, wenn Spinoza an die Reihe kam, und man wußte sich eins mit Kants Kritizismus, wenn die Kategorien-Lehre entwickelt wurde. Prof. Stein verstand es, sich in den Geist jedes Denkers „einzufühlen", und diese Einfühlung war es eben, die seinen Vorlesungen den unwiderstchbaren Reiz verlieh, sie so instruktiv und zu einer wahren Quelle philo- , sophiegeschichtlichen Wissens machte. Mit der bedeutenden Lehrkraft verliert -die hiesige Universität an Professor Stein auch den verdienstvollen Leiter des Archivs für „Geschichte der Philosophie", eine Zeitschrift, die Professor Stein im Verein mit Eduard Zeller, Wilhelm Diltheh, Hermann Diels und Benno Erdmann im Jahre 1887 ins Leben gerufen und die heute jedem, der philosophische Interessen hat, unentbehrlich scheint. Parallel dem Archiv für Geschichte der Philosophie läuft das „Archiv für systematische Philosophie" mit Paul Natorp und Christoph v. Sigwart als Mitarbeitern und schließlich redigierte Professor Stein die „Berner Studien", in welchen bis jetzt einige siebzig, zumeist hervorragende Dissertationsarbeiten veröffentlicht wurden. Was Professor Stein seinen Studenten war, die er wie ein Vater seine Kinder liebte, läßt sich im Rahmen eines Zeitungsberichtes nicht erschöpfen. Dem Leserkreise dieser Zeitung sei es nur gesagt, daß all die Unterstützungskassen, Hilfsvercine und Speiseanstalten, die der Studenten Not steuern und sie erträglicher machen sollen, an Professor Stein einen Gönner verlieren, dessen stete Bereitschaft und Generosität das beredteste Zeugnis eines edlen jüdischen Herzens gewesen. — Professor Stein ist vom Lehramte zurückgetreten, um sich ganz der philosophischen Forschung zu widmen. Wir knüpfen hieran die Hoffnung und die Zuversicht, daß er auch jetzt mehr Zeit gewinnen wird, seine bedeutende Kraft dem Judentume zu leihen, das seiner benötigt ' und seiner harret!" Rutzlaud. Petersburg. Am 3 >. Januar fand im Handelsministerium die Fortsetzung der Beratungen über die ' Regulierung der Emigration aus Rußland statt, zu denen auch Vertreter der Judenheit geladen waren. Es wurde zunächst die Frage erörtert, wie jene Auswanderer zu behandeln seien, die nicht von einem russischen Hasen aus und nicht aus einem russischen Schiffe, sondern mit der Eisenbahn Rußland verlafsen. Und es wurde der Beschluß gefaßt, solchen Emigranten keine unentgeltlichen oder auch nur billigeren Auslandspässe zu gewähren, sie sonst aber aller üblichen Schwierigkeiten bei der Erlangung solcher Pässe zu entheben. Dagegen sollen die von einem russischenHafenauf einem russischen Schiff sortreisenden Auswanderer unentgeltliche Pässe erhalten. — Der nächste Beratungspunkt betraf die Agenten. Alle Kommissionsmitglieder waren einig in der schärfsten Verurteilung dieser die Auswanderer in rücksichtsloser Weise ausbeutenden Personen, und von verschiedenen Seiten wurde der Vorschlag gemacht, die Tätigkeit der Agenten gänzlich zu verbieten Baku. An einem nebligen Frühmorgen, als es noch ganz dunkel war, umzingelte bewaffnete Polizei die städtische Börsenhalle. Frmckfwcker JsraüKWeS FiüMirnblatt. Kaum wurde das Börsengebäude geöffnet, so drang die Polizei hinein und stellte sich drinnen auf. Jeder Börsenbesucher, der über die Schwelle trat, wurde dann durchmustert, ob er Jude sei und als solcher verhaftet. Unter dieser Juden-Jagd wurden auch viele Christen verhaftet, da der Polizeioffizier an ihrer Identität zweifelte und glaubte, daß sie auch Juden seien. So wurden die vornehmsten Bürger, Juden und Christen, der Stadt Baku durch die Stadt, wie Verbrecher von Polizei umzingelt, auf die Hauptwache abgeführt, wo sie, nachdem sie ihre Wohnrechtsbescheinigungen vorgcwiesen hatten, wieder freigelassen wurden. Der Chef der Polizei, Martinow, hatte auf Vorhaltungen nur die Antwort, er habe sich überzeugen wollen, ob die Juden die Wohnrechtspapiere besitzen. Das Börsenkomitee hat sich, empört über diese ruchlose Tat der Polizei, telegraphisch an die Negierung gewandt. Die jüd. Kaufmannschaft beschloß, sich von den Sitzungen der Börse fernzuhalten, was die allgemeinen Interessen des Petroleumbetriebs sehr geschädigt hat. D. Sch. Amerika. New-Uork. Die verschiedenen jüd. Einwanderer- Hilfsvereine haben sich zu einer National Union of Jewish Immigrant Aid Socicties vereinigt. Präsident der neuen Organisation wurde Louis Edward L e v y - Philadelphia. — Kanada, das 1880 nicht einmal 1000 jüd. Bewohner hatte, zählt heute I 35 000 jüd. Seelen. Personalien. (L.) Pose». Natalie Livvmann geb. Neu stadt in W r o n k e, die Gattin des Stadtverordnetenvorstehers Lippwann, erhielt die Rote Kreuzmedaille 3. Klasse und Untersekundaner Samuelsohn in Schneidemühl, der vor einem halben Jahre ein Kind vor dem Ertrinken rettete, die Erinnerungsmedaille für Rettung ausGefahr. — In Zempelburg starb — 74 Jahre alt — Rentier Heimann Krön er, Vorsitzender der Chewra Kadischa und des Krankenpflege- und Wohltätigkeitsvereins. Krakau -.Galiz'en) Ver kurzem verschied hier der Gelehrte Dr. Salomon Rubin. Geboren am 3. April 1823 in Dolina, einem kleinen galizischen Städtchen, erwarb er sich schon früh hervorragende Kenntnisse im jüd. Schrifttum. Als er sich dann rnodernen Bildungssächern zuwandte, erweckte er damit den Unwillen seiner bildungsseindlichen Umgebung und sah sich gezwungen, sich auf die Wanderschaft zu begeben. 1878 ließ er sich mit seiner Familie in Wien nieder, wo er seine größeren Werke über die Kabbalah verfaßte. Die letzten 14 Jahre lebte er in Krakau und war auf literarischwissenschaftlichem Gebiete bis zu seinem Lebensende rastlos tätig. Von seinen zahlreichen Werken seien besonders erwähnt die hebräische Uebersetzung der „Philosophischen Schriften" von Schiller und sein hebräisches Buch über Spinoza mit dem Titel „More Nebuchim hachadosch" („der neue Lehrer der Irrenden"). Rubin gehörte auch zu den Mitarbeitern der von Perez Smolensky in Wien herausgegebenen hebräischen Monatsschrift „H a s ch a ch a r", die der neuhebräischen Literatur und modern-jüdischen Renaissancebewegung die Bahn ebnen sollte. Parrs. Saint -Paur wu-de zum Mit» gliede des Staatsrates ernannt. Demselben gehören noch zwei Juden, Camille Lyon und Camille Säe, an. Aus -er zionistischen Bewegung. Berlin. Am l Febr. fand eine Versammlung der Berliner Misrachigruppe statt, in der Rabb. Dr. W. Levh über das Thema „Zionismus und Religion" referierte. Bor Eintritt in die Tagesordnung gedachte der Vorsitzende in warm empfundenen Worten des verstorbenen Zentralkomiteemitgliedes Dr. E.Adler, zu dessen Ehren eine Stiftung für Kindererziehung in Palästina gegründet worden ist, für die schon namhafte Beträge gezeichnet sind. Sodann ergriff Rabb. Dr. W. Levy das Wort. Der Redner wies im ersten Teile seines Referates an Hand der jüdischen Geschichte nach, daß die Erstrebung eines autonomen Gemeinwesens die Konsequenz der Entwicklung der jüdischen Geschichte in der Diaspora sei. Im zweiten Teile seines Vortrages ging er dann auf die Einwände ein, die dem Zionismus — speziell von gesetzestreuer Seite — entgegengehalten werden. Ueber den zweiten Teil des Referates entspann sich dann, da eine große Zahl von Nichtzionisten erschienen waren, eine recht lebhafte Diskussion. Man hatte den Eindruck, daß diese, zumal sie sich durchweg in streng sachlichen Bahnen bewegte, sehr zur Verständigung beitrug. Da es natürlich nicht möglich war, die Fülle der in der Debatte auftauchenden Gesichtspunkte sämtlich erschöpfend zu behandeln, so .wurde beschlossen, demnächst eine Versammlung zu veranstalten, die — ohne Referat — nur der Diskussion gewidmet sein soll. Zum Schluß wurden die Neuwahlen vorgenommen. Der Vorsitzende, Hermann Struck, erklärte, daß es ihm wegen allzugroßer Ueberlastung nicht möglich sei, den Vorsitz weiter zu führen. Es wurden darauf gewählt: Dr. R. Leszynski (Grunewald, Rheinbaben - Allee) zum Vorsitzenden, Herr H. Geis (Potsdamerstr. 39) zum Kassierer, Herr Rabb. Dr. W. L e v y (Charlottenburg, Bismarckstraße 70) zum 1. Schriftführer, Herr cand. jur. A. Barth (Weißenburgerstr. 6) zum 2. Schriftführer-, Herr H. Struck (Brückenallee 33) zum Beisitzer. Hamburg-Altona. Die MiSrachi-Gruppe hielt am 27. Januar eine Mitgliederversammlung ab, in der der Vorsitzende, Dr. Fr an ck-Altona, mitteilte, daß durch den Kongreß die Mitgliederzahl von 35 auf 81 Personen angewachsen sei. Es wurde beschlossen, die Zahl der Vorstandsmitglieder von 5 auf 7 zu erhöhen. In der Vorstandswahl wurden Dr. Franck- Altona, Rechtsanwalt David- Hamburg, Holländer, Referendar Möller- Altona, Iwan Meyer-Hamburg, wieder; H. Bachrach und Dr. Fink-Hamburg neugewählt. — Im Anschluß daran fand eine öffentliche Versammlung statt, die zahlreich besucht war. Der Vorsitzende gedachte zuerst des schweren Verlustes, den der Misrachi durch den Tod Dr. Adler- Lübeck erlitten hat, und teilte mit, daß der Misrachi eine „Dr. Adler-Stiftung" als Grundstock eines Baufonds für die hebräische Mittelschule Tachkemoni in Jaffa ins Leben gerufen hat. Alsdann nahm Referendar Möller das Wort zum Bericht über den 9. Zionisten-Kongreß. Davon ausgehend, daß es Aufgabe des Kongreßberichtes sei, nicht das äußere Geschehen zu zeigen, sondern die unsichtbaren Fäden aufzudecken, die den Grund dieses -Geschehens bilden, wies der Referent darauf hin, daß auf dem Kongreß zwei Richtungen zu Tage getreten seien, die als .Ausläufer der auf dem 6. Kongresse infolge des Ostafrika-Projekts hervorgerufenen anzusehen seien. Während die Oestler um jeden Preis in Palästina arbeiten wollten, seien die Westler, sowie die jetzige Leitung der Ansicht, daß palästinensische Arbeit nur nach genauester Prüfung der einzelnen Projekte in Angriff genommen werden dürfe. Dieser Gegensatz sei aus den Lebensverhältnissen der Ost- und Westeuropäischen Juden zu erklären. Ein Kampf um die Personen der Leitung sei es nicht gewesen, sondern ein Streit um die Taktik der Bewegung. Die Ostafrika-Frage sei beigelegt, so werde auch dieser Gegensatz verschwinden. Bei allen wichtigen Beschlüssen sei auf dem Kongresse volle Einmütigkeit zu Tage getreten. Auch der Misrachi habe auf dem Kongresse eine große Arbeit geleistet. Auf der allgemeinen Misrachi-Konferenz sei ein neues Statut geschaffen, und die Föderation neu konstituiert worden. Ein Misrachi- und Palästina- Fonds seien ins Leben gerufen. Das Direktorium des Nationalfond habe sich schriftlich verpflichtet, in allen das religiöse Gebiet berührenden Fragen vor Beschlußfassung mit der Leitung des Misrachi ein Einverständnis zu erzielen. Der Misrachi stände in vollem Einvernehmen mit der Gesamtbewegung. Am Schlüsse erörterte der Redner allgemeine zionistische Fragen und schloß mit einem Appell an die Versammlung, sich der Bewegung anzuschließen. In der Diskussion betonte Ernst May, daß er dem Zionisinus sympathisch gegenüberstehe, daß für ihn aber die Möglichkeit der Ausführung der zionistischen Idee ausschlaggebend sei. Nach seiner nach der bisherigen Statistik angestellten Berechnung könnten, wenn alle Juden Zionisten wären, jährlich 7 000000 JL aufgebracht werden. Eine Familie anzusiedeln koste 7000 M. Daraus ergebe sich, daß jährlich 1000 -Familien, die Familie zu 5 Köpfen gerechnet, angesiedelt lverden könnten. Der Geburtenüberschuß bei den Juden schwanke zwischen 1 und iy2o/o, das ergebe pro Jahr einen Geburtenüberschuß von 200000 Köpfen, so daß 97i/o 0/0 allein vonr Geburtenüberschuß nicht angesiedelt werden könnten. — Dem gegenüber vertraten H. B a ch r a ch und Julius Holländer den zionistischen Standpunkt, indem letzterer hervorhob, daß Herr May zwei Momente vergessen habe, einmal, daß nicht alle Fainilien auf Kosten des Zionismus angesiedelt zu werden brauchten, und daß die Begeisterung die Leistungskraft außerordentlich steigere. Die Versammlung hat der misrachistischen Sache 17 neue Anhänger zugeführt. Posen. Die National jüd. Frauenvereinigung u. Zion. Iungmannsch aft hatten mit der ersten größeren Veranstaltung für Erwachsene in Forin eines Teeabends einen unbestrittenen Erfolg. Der große Stern'sche Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt. Weit über 200 Personen füllten die schönen Räume, und ist wohl selten ein Fest so harrnonisch verlaufen. Saal und Tafeln, in unseren Farben blau-weiß und reichem Blumenschmuck dekoriert, ließen das Walten von Frauenhänden erkennen. , .... Ein geleitet wurde der Abend mit einer Ansprache eines Vorstandsmitgliedes; in trefflichen Ausführungen schilderte er die Zwecke der -Der-

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