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Neue jüdische Presse · 1910-02-11 · Heft 6 (11.2.1910) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 6 (11.2.1910)
Date
1910-02-11
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 6 Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 5. einigungen. Es folgt« ein vierhändiger Klaviervortrag von zwei, in Posener Musikkreisen sehr geschätzten Damen, Rezitationen nnd Gesang jungjüdischen Inhalts, mit feinem Verständnis vorgetragen, sowie ein Tanzduett. Viel zum Gelingen des schönen Abends trugen die Gesänge eines hier weilenden jungen Künstlers bei. Den Schluß des offiziellen Teiles bildeten die warmempfundenen Ausführungen des Vorsitzenden der Zion. Ortsgruppe, welcher, von dein Wahlspruch des englischen Parlaments, „Mein Haus sei nieine Burg" ausgehend, auf die Tätigkeit der National-jüdischen Frauenvereinigung hinwies; dieselbe habe am heutigen Abend bewiesen, wie man bei heiterer Geselligkeit jüd. Kunst pflegen kann. Für das geistige nnd leibliche Wohl hatten die Vorstandsdamen durch eine Ausstellung von Büchern und Musikalien jüd. Inhalts, sowie ein reich besetztes Büffet bestens gesorgt. Der Ueberschuß fällt den Institutionen Palästinas zu. Auch eine Sammlnng zur Pflanzung von Oelbäumen war das Er> gebnis des Abends. Ein sich anschließender Tanz hielt die Jugend noch einige Zeit gemütlich beiammen. 0 0 Auge «m Auge. Roman von Sam. Gordon. Frei übersetzt von M. Pulvermann. Fortsetzung). „Adele," sprach der Baron zu seiner Frau: „ich habe Volkmann gebeten, heute niit uns zu speisen, da wir noch so viel zu arbeiten haben. Ist es Dir recht so? Die beiden Gauner, Ornagon und Gorsky, sind heute wieder nicht gekommen, trotz der dringenden Arbeiten, die sie zu erledigen haben." „Mir ist es sehr recht, Sergi. Ich freue mich sogar, Volkmann endlich wieder einmal zü sehen. Doch, sage mir blos, warum bist Du so nachsichtig gegen die Pflichtvergessenen? Warum gibst Du ihnen nicht den Kaufpaß?" „Liebes Kind, wo denkst Du hin? Weißt Du denn nicht, daß sie beide einflußreiche Gönner in Petersburg haben nnd daß ein solcher Schritt mich um meine Stellung bringen könnte? Arbeiten oder nicht arbeiten, ich kann da nicht viel machen und muß beide Augen zudrücken. Wirklich, Zldele, ich kann Dir nicht genug dankbar sein, daß Du mir Bolkmann verschafft hast." „Wenn man Dich so hört, könnte man glauben, ich habe ihn mit Licht auf der Straße für Dich gesucht, es war doch nur der reinste Zufall." „Das mag in diesem Falle richtig sein; doch nach einer andern Richtung hin. Adele, nmßt Du Dir schon meinen Dank gefallen lassen." „Sergi, Du ängstigst mich," sprach sie scherzend. „Was meinst Du denn eigentlich damit?" „Zu den vielen guten Eigenschaften, die ich an Dir bewundere, kommt jetzt noch die, wie geschickt Du Dein Verhalten gegen Volkmann eingerichtet hast. Ich muß Dir gestehen, daß ich anfänglich, bei Deiner förmlichen Begeisterung für ihn, etwas furchtsam geworden war. Du könntest vielleicht vergessen, die richtige Linie zu ziehen und würdest ihn als ein neuentdecktes Wunder männlicher Schönheit und Tugend auf allen Bällen und zu allen unfern Freunden herumschleppen. Damit wäre aber weder mir noch ihm noch der Präfektur gedient gewesen. Ich freue mich wirklich, daß Du, bei all Deinem Wohlwollen für ihn, es doch verstanden hast, die trennende Kluft zwischen uns und ihm begreiflich zu machen; denn was er auch jetzt sein mag, seine etwas anrüchige Herkunft kann nicht ungeschehen gemacht werden. Wie gesagt. Dein Takt hat alles ins richtige Fahrwasser gebracht." „Da irrst Du Dich ganz gewaltig, Sergi. Dieses Verdienst kann ich mir durchaus nicht zuschreiben. Volkmann selbst war es, der alle Einladungen beharrlich mit dem Bemerken ablehnte, daß er zum Arbeiten und nicht zu Spielereien angestellt sei." „Ja, er arbeitet gut und viel; der Mann wird es noch weit bringen." „Möchtest Du ihn auch ein wenig weit bringen, Sergi?" Als er sie fragend ansah, nahm sie einen Brief aus der Tasche undfuhr fort: „Gräfin Koratow bittet uns, unsere diesjährigen Ferien in Ditomsk zu verleben. Ick glaube, wir müssen diesmal die Einladung annehmen, wenn wir sie nicht beleidigen wollen; wenigstens wüßte ich keinen triftigen Krund für eine abermalige Ablehnung anzugeben. Da Du aber, bei Deinem Arbeitseifer, auch auf den Erholungsreisen einen Sekretär mitnimmst, so könnte es wohl diesmal Volkmann sein; schon, um den beiden andern Deine Unzufriedenheit zu erkennen zu geben." Der Baron überlegte eine Weile nnd sprach dann galant: „Dein Wunsch ist mir Befehl." — Der Präfekt machte seinem Sekretär die nötige Mitteilimg davon, und fuhr dann fort: „Wenn ich mich recht erinnere, haben Sie ja die Frau Gräfin Koratow bei uns kennen gelernt. — Es sind sehr nette Leute, und es wird Ihnen sicherlich dort gut gefallen." Baruch fuhr bestürzt auf. „Bei Koratow? In Ditomsk?" fragte er erbleichend. „Ja, er wohnt noch in Ditomsk. Aber warum erschrecken Sie? Fürchten Sie, daß es Ihnen dort zu einslun sein wird?" „Das wohl nicht, Exzellenz — — Aber. . ." „Bitte, kein Aber; die Sache ist erledigt. Und nun, zur Arbeit." Baruch verrichtete seine Arbeit, aber es geschah nur mit halben Gedanken, da die andere Hälfte mit seiner bevorstehenden Rückkehr nach dem Heimatsstädtchen sich beschäftigte, wobei er sich immer und immer wieder die Frage vorlegen mußte, ob die Gelegenheit am Grabe der Eltern zu beten, für ihn Strafe oder Versöhnung bedeuten werde. V. In ganz Ditomsk sollte eine festliche Stimmung herrschen; so hatte es der Gouverneur anbefohlen, um die Ankunft seiner vornehmen Gäste aus Odessa als öffentliches Ereignis zu feiern. Daher sah man auch hier und da vereinzelte Versuche einer Straßeuschmückung, die aber durch den anhaltenden Regen einen gar trostlosen Anblick darbot. Außer diesen primitiven, halbverwelkten Blattgewinden war keinerlei Anzeichen einer allgemeinen Begeisterung erkennbar, und die für diese Gelegenheit etwas possenhaft ausstaffierten Kosaken, die auf ihren kleinen Pferdchen gewichtig durch die Stadt rasten, hatten nur sehr wenig Mühe, die Straßen für die Einfahrt der Gäste freizuhalten. Außer einem betrunkenen Muschik und einigen sich herumbalgenden Kindern war überhaupt kein Mensch zu sehen. Die Stadt war wie ansgestorben; jeder ging gern dem Gouverneur aus dem Wege, und die wichtigtuenden Kosaken trugen noch ein übriges dazu bei, um die Neugierigen' und Müßiggänger in respektvoller Ferne zn halten. Die Gäste waren pünktlich eingetroffen und fuhren jetzt in der Staatskarossc, von einem Haufen Berittener umgeben, nach dem Regierungsgebäude. Bolkmann fühlte sich von einer unwahren Empfindung bedrückt; cs schien ihm absolut unmöglich, daß er und so in Ditomsk einziehen sollte. Der Anblick der bekannten Straßen ließen die dazwischenliegenden Jahre ganz und gar verschwinden. Er sah sich wieder als hungernden, zerlumpten Jungen hcrumlaufen, dem schon de? Anblick des Gouvernement-Gebäudes einen heillosen Schrecken einjagte, der vor dem schwachen Schimmer einer Uniform, vor dem undeutlichen Klirren eines Säbels reißaus nahm. Und heute war er wieder in derselben Atraße, aber die uniformierten Männer standen da seines Winkes gewärtig; ja sie wetteiferten, ihm Beweise ihrer Unterwürfigkeit zu geben. — Und richtig; hier war auch der Graben, wo er und Niman, in der Nacht vor ihrer Flucht, sich verborgen gehalten, um nicht von her vorüberziehenden Patrouille erwischt zu werden. — Und hier — hier — das Herz stieg ihnr bis in die Kehle hinauf — hier war auch das Haus, das er so gut kannte und wo, wäre er nur einige Monate früher gekommen, sicherlich auch Vater und Mutter gestanden wären, um, schüchtern und halbversteckt, diesen Aufzug mit anzusehen. Das Häuschen war noch genau so, wie er es verlassen; in Ditomsk geht ja alles sehr langsam, sogar der Verfall; höchstens, daß noch einige Löcher mehr im Dache und einige Papierpflaster mehr im Fenster waren. — Es war jetzt von fremden Leuten bewohnt, wie er sich, durch ein halbes Dutzend ungewaschener Kinder auf der Schwelle, überzeugen konnte. War es denn denkbar, daß auch er einst eine solche Range gewesen war? — Eine heftige Bewegung des Wagens entriß ihn seinem Nachdenken. „Schon wieder ein solches erbärmliches Loch!" wetterte Koratow. „Du wirst mir bald glauben, daß ich hier Schreckliches durchzumachen habe. Ich sage Dir, ich habe mir schon die Finger wund geschrieben, um einige hundert Rubel aus Petersburg zu bekommen, um diese Rinnsteine wenigstens Halbweges einer Straße ähnlich zu machen. Aber die regelmäßige Antwort lautet, daß man für solche Nester wie Ditomsk kein Geld übrig habe; wenn aber durchaus solches nötig ist, dann soll ich nur sehen, daß ich es in der Stadt selbst auftreibe. — Natürlich habe ich diesen Ausweg schon oft benutzt — — in dieser Hinsicht bin ich durchaus nicht blöde. Aber ich muß Dir gestehen, es ist bald nicht mehr möglich, aus diesen elenden Hunden, den Juden, die das Nest bevölkern, noch etwas mehr herauszupressen." Volknrann war dieser Herzenserguß Koratow's ganz und gar entgangen, da er sich weit aus dem Wagen hinausgelehnt hatte, um sich .nock weiter über seine Vaterstadt zu orientieren. Vor einer unliebsamen Wiedererkennung war er ja ganz sicher; er kannte sich selbst hier so wenig wieder» wie sollte dieses bei andern möglich sein. Er sah viele bekannte Gesichter, und er mußte fest die Zähne zusammenbeißen, um nicht laut hinaus zu rufen: Ihr Narren, warum fürchtet ihr euch denn? Kennt ihr denn nicht den Baruch, den Sohn des Pantoffelmachers, der sich nur einen kleine:! Scherz erlaubt nnd spaßeshalber sich so verkleidet hat? Ein schmerzliches Gefühl des Fremdseins bemächtigte sich seiner, und trotze der vornehmen Umgebung fraß sich das Bewußtsein der Einsamkeit, der Verlassenheit immer tiefer in sein Herz hinein. Warum kam denn nicht einer von jenen, die er doch so gut kannte, und die auch ihn kennen würden, wenn sie ihre Sehorgane - nur ein wenig mehr anstrengen möchten, — warum kam nicht ein einziger, um ihn mit einem frohen, freien Blick zn begrüßen? Kaum aber hatte er diesen schmerzlichen Gedanken ausgedacht, da sollte er auch schon eine Art Antwort auf seine Frage erhalten. Die Diener hatten endlich den Wagen aus dem Sumpfloch herausgezogen, da bemerkte Baruch hinter der zerfetzten Fenstergardine eines gegenüberliegenden Hauses ein Frauengesicht, aus welchem ein Paar stechende, schwarze Augen scharf und durchdringend ihn anblickten. Es war kein Blick, der nur müßige Neugierde befriedigen wollte, sondern in welchem Furcht und grenzenlose Ueberraschung sich widerspiegelten. Ehe er aber Zeit fand, sich mit diesem Blick noch mehr zu beschäftigen, setzte sich der Staatswagen, rumpelnd und knarrend, wieder in Bewegung, und er sah nur noch die schwankende Gardine, als wäre sie von einer bebenden Hand erfaßt worden. Sollte er doch von einer Person erkannt worden sein? — — Baruch Volkmann, in welchem man bald den Günstling des Barons und der Baronin erkannte, wurde von Graf und Gräfin Koratow sehr herzlich empfangen und begrüßt; man konnte ■ es schon daraus ersehen, daß eine ganze Zimmerflucht für ihn hergcrichtet war. Freilich war in dem weitläufigen, düstern Regierungsgebäude kein Mangel an Räumen; zwei Kosaken wurden ihm als Diener zu seiner eigenen Verfügung gestellt, und der Gouverneur und seine Gattin baten ihn wiederholt, seine Wünsche ungeniert zu äußern und sich so bequem und heimisch als möglich zu fühlen. Als Baruch allein in seinem Zinnner sich befand, legte er sich ernstlich die Frage vor, ob denn sein Verstand noch iinmcr nicht genügend ausgereift sei, um endlich diesen Wechsel und Wandel zu begreifen. In seiner Unruhe verließ er bald das Haus und ging nach dem Garten, in der Hoffnung dort seine Gedanken besser sammeln zu können. Im Korridor sah er die Tür nach dem Sveisesaal halbgeöffnet und bemerkte auch eine schlanke Mädchengestalt, die sich anmutig hin und her bewegte, um die Blumen auf dem Tische zn ordnen. Er erkannte Alma. Sie hatte sich in den zwei Jghren nicht viel verändert. Wie sollte sie auch? Menschen wie sie, die keinen zwingenden Geist über sich haben, die keine quälenden Gedanken in sich verspüren, die nicht aus gewissen Gründen Geist und Seele anspannen müssen, pflegen auch in ihrer äußeren Erscheinung keine bemerkbare Veränderung zu registrieren. Er hatte bisher nur ihr Profil betrachtet; jetzt aber machte sie eine Wendung, so daß ihr ganzes Gesicht von dem Lampenlicht voll bestrahlt wurde. Baruch sah jetzt ein, daß er sich doch geirrt hatte, so ganz, war ' sie hoch nicht mehr dieselbe geblieben. Ehe er aber noch Zeit fand, die Einzelheiten der Veränderung herauszufinden, hatte sie ihn schon bemerkt und kam freundlich lächelnd, mit ausgestreckter Hand, auf ihn zu. (Fortsetzung folgt.) Halter i*'r«edrlcf Uuell« —. OfTenhach a. M. - Gegen Gicht nnd Rhenmatimnns bewährt. Alleinieer General -Vertreter: Friedrich Stahl, Frankfurt a. 8f., Stallhnrgatr. 9. Tel 259 u. 714. Wocheu-Kalen-er. (Zeitangaben nach dem Loaeb.) Samstag, den 12 Februar l— 3. Adai): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 5 Uhr 10 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a M. 8 Uhr 25 Min. in Berlin 5 llbr 35 Min. ' Wochenabschnitt: Ter um oh. — Der Wochenabschnitt führt seinen Namen nach der Hebe, welche die Kinder Israel brachten, um davon die Stifts- Hütte zn fertigen. Die Stiftshütte, auch Auhel- Maued oder „Zelt der Zusammenkunft", ebenso kurz ,/Mischkon" ober_ Wohnung genannt, war das erste Heiligtum in Israel. Sie war ein trag- und zerlegbares Zelt aus Brettern, die mit Teppichen überhängt waren. Der Jnnenraum — 30 Ellen lang, 10 Ellen breit — war in das Heiligtum und das Allerheiligste geschieden durch einen Vorhang, die vorderen 20 Ellen das Heiligtum, die hinteren das Allerheiligste. Um die Stiftshütte war ein Hof, eigentlich „Umhof", 100 Ellen lang, 50 Ellen breit. Die -ersten 50 Ellen nach dem

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