Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 6 (11.2.1910)
- Date
- 1910-02-11
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. «. Frankfurter Israelitisches Familienblati. Seite 3 sterialentschl.ießung vom 29. Juni 1863 gegriffen, womit in der Form einer Vollzugs, anweisung den rechtsrheinischen Kreisregierungen bestimmte Gesichtspunkte und Grundsätze bekannt gegeben wurden, nach denen sie bei der Handhabung des staatlichen Oberaufsichtsrechts verfahren sollten. Die Bedeutung der Ministerialentschließung vom 29. Juni 1863 wird insbesondere in den Kreisen der Gegner einer Revision des Judenedikts erheblich überschätzt. Es erscheint mir nützlich, dies ausdrücklich zu betonen. Die Ministerialentschließung kann, eben weil sie nichts anderes als eine Vollzugsanweisung des Ministeriums ist, jederzeit ohne weiteres aufgehoben oder abgeändert oder auch für einen Einzelfall außer Kraft gesetzt oder durchbrochen werden. Ja, es geschieht dies sogar schon jetzt fortgesetzt. Denn es sind keineswegs in allen Kultusgemcinden tatsächlich die in Ziffer 4 Abs. 3 dieser Ministerialentschließung verlangten Kultuseinrichtungcn wie Synagoge, Ritualbad, ritualmäßige Begräbnisstätte auch vorhanden. Ausnahmen müssen stillschweigend geduldet werden, wenn nicht gar manche kleinere Kultusgemeinde der Auflösung verfallen soll. Ueberdies kann nicht außer acht gelassen werden, daß sich der Inhalt der Ministerial- -entschließung von 1863 in mehr als einem Punkte mit den Vorschriften des Judenedikts nicht deckt und kaum damit in Einklang gebracht werden kann. Die Revisionsgegner sollten also nicht zu fest aus die Entschließung von 1863 bauen. Wenn ich anerkannt habe, daß bas Edikt von 1813 einer Revision bedarf, so soll damit nicht gesagt sein, daß ich in der Lage wäre, etwa schon in dieser oder der nächsten Session einen fertigen Entwurf vorzulegen. Es sind noch andere, vordringlichere Aufgaben zu erledigen, — ich erinnere nur an das Lehrergesetz. Ich habe auch schon in der letzten Session betont, daß die schwierige Aufgabe einer Revision für die Staatsregierung wesentlich erleichtert werden könnte, wennersteinmaldieJsraeliten in Bayern selb st darüber einig wären, was sie anstreben wollen. Ich habe beigefügt, daß es sehr nützlich sein würde, wenn sich die Vertreter der beiden Richtungen im Judentum — der Orthodoxie und der Neologie — in Gemeinschaft mit den Rabbinern und den Vertretern der Kultusverwaltungen über gewisse Grundzüge für eine Neugestaltung verständigen könnten. Deshalb habe ich cs sehr begrüßt, daß sich im Jahre 1908 eine vom Landesverein für israelitische Kultusgemeinden in Bayern gewählte Kommission von 5 Mitgliedern und ebensovielen Ersatzmännern konstituiert hat, die einen Entwurf für die Revision des Judcncdikts bearbeiten sollte. Leider haben sich im Schoße dieser Kommission unter dem Drucke der Revisionsgegner Schwierigkeiten geltend gemacht, die dem Vernehmen nach zu einem — wie ich glauben möchte — verfrühten Austritt einiger Mitglieder geführt haben. Ich hätte geglaubt, daß cs möglich und zweckmäßig gewesen wäre, wenn sich die Mitglieder der Kommission — unbeschadet ihres prinzipiellen Standpunktes in religiösen Fragen — einstweilen wenigstens über diejenigen Punkte verständigt hätten, i n denen sie sich auf gemeinsamem Boden bewegen. Vielleicht führt eine Rekonstruierung der Kommission auf etwas breiterer Basis doch noch zu einer gedeihlichen gemeinschaftlichen Arbeit. Jedenfalls werde ich die Angelegenheit meinerseits nicht aus dem Auge verlieren, sondern allen Ern st es daran herantrcten, sobald es die Geschäftslage gestattet und die vorbereitenden Schritte innerhalb der israelitischen Glaub ensgesellschaft selb st einen Erfolg verspreche n." Jetzt wissen die verschiedenen Parteien genau, wie die Staatsregieruilg denkt. Es ist nun ihre Sache, die Angelegenheit so zu behandeln, daß die Regierung nicht gezwungen ist, ohne Rücksicht auf sie vorzugehen. Aus aller W öU. Deutsches Reich. Berlin. In dem Aerztekammerausschuß gelangte ein Antrag der Schlesischen Aerztekammer zur Verhandlung auf A b st e l l u n g der ' Miß stände bei der Ausbildung von Mediziualpraktikanten. Dr. Munter- Berlin bringt folgendes Schreiben zur Verlesung, das der Direktor des B r i tz e r Krankenhauses, Sanitätsrat Dr. Schneider, an einen Medizinalpraktikanten gerichtet hat, der sich dort gemeldet hatte: „Ich vermisse in Ihrem Lebenslauf die Angabe der Konfession. Da die zurzeit hier beschäftigten Aerzte den Wunsch haben, n i ch t m i t jüdischen Kollegen zusammen im Kasino zu verkehren, würde ich in dem Falle, daß Sie Israelit sind, zu meinem Bedauern nicht in der Lage sein, Ihre Bewerbung um die Praktikantenstelle zu berücksichtigen." Dr. Munter stellt folgenden Antrag: 1. Die Aerztekamnier beauftragt den Vorstand, bei dem Herrn Reichskanzler und dem preußischen Kultusminister den Antrag zu stellen, daß dem Kreiskrankenhans in Britz während der jetzigen Leitung das Rechtaberkanntwerde, Medizinalpraktikanten anznnehmen. 2. Die Aerztekammer richtet an den Aerztekammer-Ausschuß das Ersuchen, den Herrn Reichskanzler zu bitten, amtlich zu publizieren, daß es unstatthaft sei, das Ersuchen eines Medizinalpraktitanten um Beschäftigung in einer Krankenanstalt aus konfessionellen Grün dennbz u l e h n e n." (Lebhafte Zustimmung.) Vorsitzender Geheimer Sanitätsrat Dr. S t o e - ter: Ich glaube, eine Debatte ist nicht nötig. Jeder ist wohl für diesen Antrag. (Zustimmung.) Ein Mitglied wünscht, daß konfessionellen Anstalten das Recht der Auslese nach der Konfession zugestanden werden möge. Geheimer Obermedizinalrat Dr. P i st o r: Die konfessionellen Anstalten werden sich wohl selbst nach dieser Richtung hin zu schützen wissen. Er finde ein Vorgehen wie das in Britz unerhört. (Lebhafte Zustimmung.) Dr. Munter: So taktvoll werden die Medizinalpraktikanten schon sein, daß sie sich nicht anderkonfessionellen Anstalten aufdrängen. (Beifall.) In Britz handelt es sich aber um eine öffentliche Anstalt. Der Antrag wird angenommen. Berlin. In D utsck'land beirateten im Jabre 1907 von je 100 jüdischen Männern 12,23 und von je 100 jüd. Frauen 9,49 einen nichtjüdischen Ehegatten. In Sachsen betrugen die gleichen statistischen Zahlen im Jahre 1907 21,75 bezw. 9,37. Berlin. Am 8. Febr. hielt bier di- Deutsche Konferenz-Gemeinschaft der Alliance Jsraelite Universelle ihre siebente Jahrestagung ab. Den Vorsitz führte der Präsident Geh. Kommerzienrat Goldberger, der den Rechenschaftsbericht für 1909 erstattete und den Arbeitsp l a n für 1910 darlegte. Nicht weniger als 27 neue Lokal-Komitees sind 1909 geschaffen worden. Die Mitgliedschaft der Alliance in Deutschland hat sich seit der Reorganisation der Deutschen Konferenz- Gemeinschaft, d. i. seit vier Jahren, um 46°/a, die Beitragsleistnngen haben sich um 73»/o gesteigert. Wie im vergangenen Jahr, hat auch 1909 die Alliance Jsraelite Universelle in mehr als 104 Schulen etwa 45 000 Zöglinge unterrichtet, zum Teil gekleidet und gespeist. Die Alliance hat dafür im vorigen Jahr ly» Will. Francs im ordentlichen Etat ausgegcben, sie hat etwas mehr für das laufende Jahr ansgeworfen. Für Schul - Neubauten sind außerdem 380000 Francs bewilligt, nämlich 80000 Francs für Neubauten in Tripolis, 60 000 Fr. in Liberias, 100000 Fr. in Haskeny-Konstantinopel, 60000 Fr. in Teheran, 50 000 Fr. in Jspahan und 30 000 Fr. in Scnneh (Persien). Die landwirtschaftlichen und die Handwerkerschulen, sowie die Institute für Lehrlinge aller Art haben an Umfang gewonnen, die glücklichen Ergebnisse der Erziehung zeigen sich allerorten. Beliebtheit und Ansehen der Allianceschulen werden nicht zum wenigsten dadurch offensichtlich, daß namentlich die vornehmen und wohlhabenden Mohamedaner, die höchsten Beamten voran, ihre Kinder den Unterrichtsanstalten der Alliance anvertrauen. Erst jüngst hat sogar die türkische Regierung die Zulassung von sechs muselmanischen Zöglingen in die Ecole Normale Orientale, die Lehrerschule der Alliance in Anteuil bei Paris, beantragt, und das Zentral-Komitce hat die Aufnahme bewilligt. Der Bericht konstatiert ferner zur allgemeinen Befriedigung, daß es der Alliance Jsraelite Universelle in Marokko gelungen ist, den Versuchen ein Ende zu machen, die früheren landesüblichen Bedrückungen der jüdischen Bevölkerung wieder aufleben zu lassen. Sobald sich die Ordnung der inneren Verhältnisse in Marokko gefestigt haben wird, soll auch die Einführung des deutschen Unterrichts in den marokkanischen Allianceschulen erfolgen. Die besondere Tätigkeit der Deutschen Konferenz-Genieinschaft gehörte unverändert auch im abgelaufenen Jahr der Fürsorge für die durchwandernden russischen Israeliten, sowie für diejenigen unter ihnen, die von der Behörde ausgewiesen werden und demgemäß anderwärts eine Zuflucht suchen müssen. Daß die Deutsche Konferenz-Gemeinschaft der Alliance an allen jüdischen Hitfswerken in Deutschland hervorragend mitgewirkt hat, ist selbstverständlich. — Die Feier des fünfzigjährigen Bestehens der Alliance wird Anfang Mai vom Zentralkomitee festlich begangen werden. — Am Schluß der Tagung gab Geheimrat Goldberger bekannt, daß er einen längst gefaßten Entschluß jetzt verwirkliche, indein er aus dem Zentralkomitee aus scheide und damit nach ungefähr fünfjähriger Amtierung das Präsidium der Deutschen Konferenz- Gemeinschaft niederlege. Auf dringendes und wiederholtes Ersuchen der Versammlung erklärte sich Geheimrat Goldberger bereit, die Geschäfte bis längstens nach der. Jubiläumsfeier weiterzusühren. Wiesbaden, Verscyied.nes xier pusten das jüdische Leben schwach, sehr leise, kaum merkbar. Es schlägt nicht so hohe Wellen wie bei Ihnen in Frankfurt. Die paar Vereinchcn, welche sich ihre Redner von auswärts verschreiben, geben manchmal ein Lebenszeichen von sich, — immerhin ein großer Fortschritt gegen früher, da alles Interesse für das Judentum hier fast gleich 'Null war. Belebend haben hier der Zionisten-, der jüdische Geschichts- und — last not least der Saübatoerein gewirkt. Es wäre zu wünschen, daß diese Vereine mehr die heimatlichen Kräfte zur Mitwirkung heranzögen und auch die Propaganda eifriger betrieben. Vom 40jährigen Jubiläum des hiesigen orthodoxen Rabbiners haben Sie bereits Kenntnis genommen. Der allvcrehrte Jubilar hatte in seiner Bescheidenheit jede öffentliche größere Festlichkeit abgelehnt, und so verlief dieser — immerhin seltene — Anlaß saug- und klanglos. Die Errichtung eines jüdischen Krankenhauses, das schon längst ein dringendes, schreiendes Bedürfnis war, soll hier endlich geplant werden. Doch fehlt es an der Hauptsache, an der klingenden Münze, trotz der großen Anzahl hiesiger Millionäre — und an der richtigen Initiative. Die hiesigen jüdischen Aerzte wurden zur konstituierenden Versammlung beinahe gar nicht hinzugezogcn, auch haben die religiös-indifferenten Kreise das Heft in der Hand . . . Der Synagogen ge sangverein der Hauptgemeinde soll zur Gründung eines eigenen Klubs größere Räumlichkeiten gemietet und die Führung der Restauration — einem Nichtjuden übergeben haben. Der Text zur Eiuweihungspredigt der neuen Lokalitäten wird wohl „kol trephoh lau sauchelu" lauten! Füge ich noch hinzu, daß der hiesige Pope den Kronenorden 2. Klasse erhielt, während Rabbiner Dr. Kahn bei seinem 40jährigen Jubiläum leer ansging, so haben Sie alle Neuigkeiten von Interesse. > Lpeckalor. Einbeck. D>e kü-zlich verschiedene Rentiere Sophie Meyersberg vermachte ihr Vermögen, bestehend aus einem Haus und 50 000 ./fe, der j ü d. Gemeinde. Oesterreich-Ungaru. Wien. Am 2. Februar versammelte sich der K u l t u s v o r st a n d, um den 100. Geburtstag Ludwig A u g. Frankl's, der 42 Jahre Sekretär der Kultnsgcmeinde war, zu ehren. Dr. Stern, der Präsident, würdigte in seiner Festrede Frankl als Dichter und Juden und hob besonders seine Verdienste um die Gründung der Lämmelschule in Jerusalem und des Wiener isr. Blindeniustituts hervor. Budapest. Die R g'erung betreibt eine systematische schonungslose Auswcisungspolitik gegen galizische Juden, selbst wenn sie seit Jahrzehnten in Ungarn wohnen und cs durch ihren Erwerbsfleiß zu angesehener Stellung gebracht haben. Die Regierung hält es auch nicht für nötig, ihr Vorgehen, durch welches zahlreiche Existenzen ohne jede Rücksicht ruiniert werden, irgendwie zu begründen und zu rechtfertigen — umsomehr, als von ihr niemand im Parlament oder in der Presse eine Erklärung darüber verlangt. Ebensowenig haben sich Regierung und Reichsrat in Oesterreich mit dieser Sache irgendwie befaßt. Karlsbad. Schon bei der E'n'ahrt >n die Stadt Karlsbad sieht man, daß die schöne Kurstadt auch im Winter sich zu vergnügen weiß, denn große Plakate verkünden, daß alle möglichen Vereine große Unterhaltungen, Bälle, Theater usw. veranstalten, die für jeden zugänglich sind, nur für eine Klasse von Menschen nicht, für die — Juden. F a st sämtliche Vereine von Karlsbad haben die Juden ausgeschlossen und zu keiner ihrer Unterhaltungen haben dieselben Zutritt. Mau ist erstaunt, in einer internatioualeu Kurstadt, die sowohl von Juden wie von Christen lebt, einen derartigen Zustand zu finden und fragt vergeblich, wie etwas derartiges überhaupt nur möglich ist; allein es ist Tatsache, und aus meine Frage, wieso eigentlich ein solcher Zustand in Karlsbad bestehen könne, wurde mir folgendes geantwortet: Als vor etwa 12 Jahren der Antisemitismus in Karlsbad wie im ganzen Egerlande zum Vorschein kam, versuchte cs die Judeuschaft Karlsbads, sich zur Wehr zu setzen: allein hier trat nun eine eigentümliche Erscheinung zutage. Bon Seite der liberalen Stadtvertretung wurde ein so starker Druck auf die Juden ausgeübt, zu schweigen, daß diejenigen, welche gegen ben ausschließenden Antisemitismus aukämpfen wollten, Gesahr liefen, wirtschaftlich die schwersten Folgen zu erleiden. Die liberale Stadtvertretung der Stadt Karlsbad war es, die, um die Radikalen zu besänftigen und milde zu stimmen, die Juden Karlsbads boykottierte. So entstand schließlich das jetzige Verhältnis, eine vollständige Trennung der Gesellschaft in Christen und Juden; nominell sind einige christliche Familien zwar noch „liberal"; allein in Wirklichkeit gibt es kaum drei Familien in Karlsbad, welche in Judenkreisen verkehren. „Bloch's Oesterr. Wochenschr."