Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 6 (11.2.1910)
- Date
- 1910-02-11
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Franffurker J^sraüWches FamilieMatt. Nr. 6 zurück. Es blieb mir, dem designierten Ministerpräsidenten, dem Ritter vom goldenen Vlietz, nichts anderes übrig, als mit deni jüdischen Metzger über die Koscherverpflegung des jungen Magisters ein Abkommen zu treffen. Als ich dann weiter erfahren habe, daß mein Hauslehrer, der Sohn eines armen Rabbiners, mit für die Versorgung seiner dreizehn Geschwister arbeiten muß und sehr leicht durch die stolze Weigerung nicht nur sich, sondern auch seiner armen Familie das Brot entzogen hätte, hat mir der Mann um so mehr imponiert." Sind diese Worte mehr als der Köterfang eines sich für die Reichstagswahl vorbereitenden, die Stinlmen zählenden Mannes, dann gehen wir einer besseren Zukunft entgegen. Z i o n i. Der Hilssverei« der Deujjcheu Juven. Am 2. Februar fand in Berlin eine große Versammlung des Hilfsvcreins der Deutschen Juden statt, in der seitens der leitenden Männer des Hilfsvereins ein allseitiger Ucberblick über die Leistungen dieser Organisation gegeben wurde. James Simon, der Vorsitzende, führte aus, daß bis zum Jahre 1901 die deutsche Judenheit sich nicht zu einer festen Vereinigung zur Linderung des Elends der Glaubensgenossen in den Ländern des Drucks und der Verfolgung zusammengeschlosscn habe, obwohl die Notwendigkeit eines solchen Zusammenschlusses ebenso dringend bei uns wie in Frankreich, England und Oesterreich gewesen sei. Sin überaus erheblicher Teil der Arbeit bei allen großen Katastrophen, die über die Judenheit des Ostens in den letzten Jahrzehnten hereinbrachen, sei immer von der deutschen Judenheit geleistet worden, und das sei natürlich infolge der geographischen Lage Deutschlands. Die Komitees, die speziell für diese Arbeit von Fall zu Fall eingesetzt werden mußten, hätten sich aber bald wieder aufgelöst. Ihre Erfahrungen, ihre Arbeit und ihre Energie seien für spätere Katastrophen — die leider nicht ausbliebcn — verloren gegangen, so daß solche Schöpfungen des Augenblicks immer wieder von neuem ins Leben gerufen werden mußten. Diesem Zustande habe der Hilfsverein ein Ende gemacht. Die Entwicklung des Hilfsvereins zeige, wie fühlbar die Lücke gewesen sein muß, die er ausgefültt hat. Von 3000 Mitgliedern im ersten Jahre ist der Hilfsverein jetzt auf über 20 000 Mitgliecher gewachsen. Die regelmäßigen Jahresbeiträge haben sich von 20 000 JL im ersten Jahre aus über 150 000 JL vermehrt. In den noch nicht 9 Jahren seines Bestehens habe der Hilfsverein für seine humanitären Zwecke bereits über 4y» «Million Mark ausg-egeben. Hierauf ergriff Generalkonsul Eugen Landau das Wort, um in großen Zügen einen U e b e r - blick über das Hilfswerk des Vereins für Rußland und die Auswanderung aus dem O st e n zu geben. Er begann mit einer Schilderung der schweren Beschränkungen, denen die Juden Rußlands unterliegen, und ging des nähern auf die Verfolgungen ein, denen seit dem Jahre 1881 die Juden Rußlands ausgesetzt gewesen sind. Er führte noch einmal die Bilder aus der Schreckenszeit der Jahre 1905/6 den Zuhörern vor Augen und zeigte, wie in diesen Jahren der Hilfsverein das Liebcswerk organisierte. Die Ausgaben des Hilfsvereins für Rußland in den Schreckensjahren 1905/6 allein betrugen 2 372 000 JL Die größte Hilfe aber, die der Verein den östlichen Glaubensgenossen angedeihen lassen konnte, «war. die Auswanderung aus den Ländern des Drucks und der Verfolgung zu leiten und für die Regulierung der Auswanderung zu sorgen. Dazu hat der Hilfsvcreiii eine umfassende Organisation geschaffen, die aus zahlreichen Komitees, welche in Berlin, in den Hafenstädten, an allen Grenzübergängen und in vielen wichtigen Knotenpunkten innerhalb Deutschlands errichtet worden sind, besteht. Da Deutschland das Zwischenland zwischen den Aus- und Einwanderungsländern ist, so nehme der größte Teil der Auswanderer ihren Weg durch Deutschland. Diese Massen haben an die Arbeit und die Mittel des Hilfsvereins außerordentlich hohe Anforderungen gestellt. Eine Vorstellung über die Größe der jüdischen Auswanderung erhalte man, wenn man die Einwanderungszahlen nach Amerika sich vergegenwärtige. Es seien in den letzten 5 Jahren nach Amerika eingewandert 593 778 Juden. Dazu treten noch etwa 118 756, die nach anderen Ländern auswanderten, sodaß in den letzten 5 Jahren 712534 Juden ausgewandert seien, davon 475 022. allein aus Rußland. Ueber das Schulwerk des HilsSvereinS, das er besonders im Orient unterhält, referierte der folgende Redner, Dr. PaulNathan. Die erzwungene Auswanderung unserer Glaubensgenossen aus dem Osten, so führte Herr Dr. Nathan aus, stellt uns vor eine weitere Aufgabe. Da größere Massen des Ostens nach dem Orient eingewandert sind, so sei cs unsere Pflicht, diesen nach dem Orient Eingewanderten und auch der gesamten orientalischen Judenheit diejenige Bildung zu vermitteln, die sie in den Stand setzt, im Orient selbst bodenständig zu werden und wirtschaftlich sich emporzuhelfen. Neben den Ländern, die jetzt die jüdischen Auswanderer aufnehmen und die eines Tages, sei es infolge wirtschaftlicher oder infolge anderer Ereignisse, nicht mehr in dem Matze aufnahmefähig sein könnten, wie sie es heute noch sind, müssen auch die Länder des Orients der jüdischen Einwanderung ofsengehalten werden. Für eine größere Einwanderung in der Zukunft kämen diese aber nur in Betracht, wenn die bereits im Orient ansässigen Juden durch Erziehung und Bildung von der Armut, in Der sie sich jetzt befinden, zu wirtschaftlicher Selbständigkeit emporgehoben würden. Das sei nur möglich, durch einen ausgedehnten Schulunterricht der Jugend. Der Hilfsverein beginne sein Erziehungswerk im frühesten Kindesalter. Das Fundament des Erziehungswerkes stellen die Kindergärten dar. Der Verein besitzt bereits 14 Kindergärten, darunter 3 in Jerusalem und 2 in Jaffa. Da das Kindermaterial aus den verschicdensprachigsten Elementen zusammengesetzt ist, ist man in Verlegenheit gewesen, welche Sprache in den Kindergärten zu gebrauchen sei. Einige Kenntnisse der hebräischen Sprache sind aus religiösen Ursachen nun allen Kindern gemeinsam. Der Hilfsverein hat daher aus rein pädagogischen Gründen und entsprechend den religiösen Anschauungen der dortigen Bevölkerung die hebräische Sprache als Einheitssprache in den Kindergärten für angebracht gehalten. Daß übelwollende Kritiker der Benutzung der hebräischen Sprache in den Kindergärten und auch ihrer Beibehaltung neben den anderen Sprachen in den eigentlichen Schulen des Hilfsvereins einseitige Tendenzen unterschieben, zeige nur, daß diese Beurteiler das Problem der Erziehung der jüdischen Massen im Orient nicht erfaßt hätten. Denn wer die Erziehung der Massen sich zur Aufgabe macht, müsse auch den Bedürfnissen dieser Massen, die in ihrerReligion und ihrerTraditionfe st Wurzel n, Rech - nung tragen. Das tue der Hilfsverein mit der Pflege der hebräischen Sprache. Niemand reklamiere die Leiter des Hilfsvereins als Zionisten; aber der Hilfsverein sei natürlich im Interesse der Judenheit vorurteilslos genug, um nicht eine pädagogischhumanitäre Maßregel zu perurteilen, die zugleich der Anschauungsweise der Zionisten entspreche. Auf die Kindergärten pflanzt der Hilfsverein alsdann die Volksschule, in der in kleinen Städten, Dörfern und Kolonien, wo das"Bedürfnis nach einer fremden Sprache nicht vorhanden ist, nur die Landessprachen Türkisch, evtl. Arabisch und Hebräisch neben den Realien und den allgemeinen Fächern unterrichtet werden. In den Städten aber, die einen Verkehr, sei es einen wirtschaftlichen oder geistigen, mit Europa haben, reihe sich die gehobene Schule der Volksschule an. In diesen Städten sei es Aufgabe des Hilfsvereins der deutschen Juden als einem deutschen Vereine, die deutsche Sprache als die gegebene Kultursprache zu lehren. Um die Juden für Handwerk und Landwirtschaft tauglich zu machen, erhalten die Schüler nach Möglichkeit Unterricht in Handfertigkeit und auch landwirtschaftliche Unterweisung; beide Zweige dieses Unterrichts müssen freilich noch wesentlich ausgebaut tverden. Das Erziehungstvesen des Hilfsvcreins im ottomanischen Reiche wird von dem Gedanken beherrscht, die Juden des Orients bodenständig zu machen, sie an die orientalische Heimat in Liebe zu fesseln. Mit den gehobenen Schulen in den Städten ist das Schulwerk des Hilfsvereins nicht abgeschlossen. Zur Ausbildung tüchtiger Lehrer für den Orient habe der Hilfsverein ein Lehrerseminar in Jerusalem geschaffen, dessen Bestehen bereits von den segensreichsten Folgen für die Entwicklung der jüdischen Bevölkerung im Orient geworden ist. Auf die Initiative des Hilfsvereins sei ferner die Errichtung eines Technikums am Fuße des Karmel in Angriff genommen worden. Alle Vorbereitungen für den Bau, der wohl in aller Kürze beginnen werde,, seien bereits getroffen. Dieses technische Institut verspricht von großer Bedeutung zu werden, da auch im Orient dem Techniker die Zukunft gehöre. Schließlich habe der Hilfsverein noch ein - anderes Ziel sich gesetzt. Neben tüchtigen, arbeitsamen Bürgern, neben Lehrern, die kommende Generationen auf ziehen, die er dem Orient geben will, müsse er eine neue Organisation der Talmud-Thora- Schulen (Rabbiner-Schulen) herbeiführen,umauch eint üchtigesRabbiner« geschlecht heranzubilden. Wenn der Hilfsverein alle diese Aufgaben erfülle, dann habe er eine Kulturtat für den Orient geleistet, die nicht nur für die dort angesessene Judenheit und damit für das ottomanische Reich, sondern auch für die Gesamtheit der 'Juden und für die Menschheit von Segen sein wird. Nach diesen Ausführungen betrat Landtagsabg. Geh. Justizrat >O. Cassel die Rednertribüne, um in warmen Worten auf die Bedeutung des Hilfsvereins nicht nur für die bedrückten Glaubens-Genossen des Ostens, sondern auch für die deutsche Judenheit hinzuweisen. Die Ereignisse der letzten Jahre haben bewiesen, daß, wenn der Hilfsverein noch nicht bestände, er begründet werden müßte. Gewiß gebe es Not und Elend auch unter den Glaubensgenossen in Deutschland zu lindern, aber die heilige Pflicht jedes deutschen Juden sei es, auch außerhalb der Grenze seines deutschen Vaterlandes, an dem die Juden mit ganzem Herzen und mit hingebender Treue hängen, denjenigen Glaubens-Genossen helfend die Hand zu reichen, die ihres Glaubens und ihrer Ab st am-, mung wegen in anderen Ländern verfolgt werden. Die Aendernng der bayerischen Judeugesetze. In Ergänzung unseres Artikels in Nr. 4 geben wir nachstehend den Wortlaut der Erklärung des Kultusmini st ers in der Sitzung des K.-G.-O.-Ausschusses des Bayer. Landtages vom 20. Januar 1910 wieder: „Ich habe schon in der letzten Landtagssession bei der Beratung des Etats für den israelitischen Kultus im Finanzausschuß anerkannt, daß das Judenedikt von 1813 einer Revision bedarf. Der größere Teil seines Inhalts, der von den bürgerlichen Verhältnissen der Israeliten handelt, ist längst antiquiert, und der jetzt noch geltende Teil, der sich auf die kirchlichen Schulangelegenheiten bezieht, reicht nicht mehr aus, um den veränderten tatsächlichen Verhältnissen gerecht zu werden. Es ist richtig, daß nach dem geltenden Rechte eine Gewissensbedrängnis der Minderheit innerhalb einer israelitischen Kultusgemeinde nicht ausgeschlossen ist. In der jüdischen Glaubensgesellschaft haben sich zwei Richtungen herausgebildet, die, wenn sie auch in den Grundlehren ihrer Glaubensformel zusammengehören und Glieder der einen israelitischen Glaubensgesellschaft bleiben wollen, doch in ihren religiösen Anschauungen und den Formen ihrer Betätigung tiefgreifende Unterschiede ausweisen. Da es nun aber nach der geltenden Verfassung der israelitischen Privatkirchengesellschaft eine andere organisierte Erscheinungsform als die der einheitlichen Kultus-Gemeinde nicht gibt und innerhalb dieser Kultusgemeinde über die religiösen Einrichtungen der jeweilige Rabbiner in Gemeinschaft mit der Mehrheit der Kultusgemeindemitglieder entscheidet, so kann es unter Umständen Vorkommen, daß die Minderheit in der Befriedigung ihrer religiösen Bedürfnisse Schaden leidet. Aber damit nicht genug, kann die Minderheit auch gezwungen werden, gegen ihre Ucberzeugung zu den ihren Anschauungen widersprechenden Kultuseinrichtungen der Mehrheit finanziell beizustcuern. Es ist allerdings gelungen, die schlimmsten Härten zu beseitigen; aber dies war nur durch ein freiwilliges Entgegenkommen aller Beteiligten in den hier zunächst in Frage stehenden Groß« gemeinden München und Nürnberg möglich. Die hier geschlossenen Friedensvereinbarungen zwischen der neologen Mehrheit und der orthodoxen Minderheit bieten nicht Gewähr dauernden Bestandes, vor allem aber schließen sie nicht aus, daß ähnliche Konflikte anoerwärts entstehen und dann nicht mit so dankenswerter Einsicht und Bereitwilligkeit gelöst werden können. Die Gefahr einer Gewijsensbedrängnis der Minderheit in einer Kultusgemeinde ist übrigens keineswegs der einzige Mangel unseres geltenden Rechts. Vielmehr fehlt es hier fast in jeder Richtung an klaren Vorschriften und sicherer Grundlage. Das Besteuerungsrecht der israelitischen Kultusgemeinden steht aus einem sehr schwankenden Boden. Die Stellung der Rabbiner zur Kultusgemeinde ist in vieler Beziehung ungeklärt und unsicher. Die kleinen Knltusgemeinden, die dnrck den Wegzug der steuerkräftigeren Elemente in die Städte immer mehr geschwächt werden, befinden sich vielfach in ernster Notlage, da lie nickt mehr imstande sind, allein die Mittel zur Unterhaltung der nötigen Kultuseinrichtungen aufzubringen. Insbesondere ist auch die Fürsorge für die i s r a e l. Religionslehrer ungenügend. Die verschiedenen Mängel und Lücken des Judenedikts .von 1813 sind denn auch schon verhältnismäßig bald empfunden worden und haben in den 1840er bis 1860er Jahren zu wiederholten Versuchen einer Aendernng geführt. Die Versuche sind damals gescheitert. Das Ministerium hat dann zu dem Aus- Hilfsmittel der vielgenannten generalisierten Mini-