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Neue jüdische Presse · 1910-02-11 · Heft 6 (11.2.1910) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 6 (11.2.1910)
Date
1910-02-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
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IsmIilWs fnuiiliraHult. r Diese Zeitung erscheint wöchentlich. AbonnementSpreiS pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei inS HauS. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich » Ungarn Mk. 1,50, 3 sonstige Länder Mk. 2.— Redaktion und Hefchäftsstekle: f Frankfurt a. M., vildelerstraße 4/6, Ecke Lleichstraße 10507. Hera«»gever: Kalg chek». Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile.25 Pfg. Die Reklamezeile.100 „ Platz» und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. 8. Jahrgang. Freitag, den 2. Adar 5670 (11. Februar 1910). Rr. 6. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Die Organisierung des jüdischen Wandei-Unterstützungswesens. — Der neue ungarische Ministerpräsident Graf Ktiuen Hederwaih über die Judenfrage. — Der Hilfsverein der Deutschen Juden. — Die Aenderung der bayerischen Judrnge.eye. — Aus aller Wett. — Personalien. — Aus der zionst. Bewegung. — Feuilleton: Auge um Auae. — Wochen-Kalender. — Familien-Nachrichten. Die Organisierung des jüdischen Wander- Unterstützungswesens. Das Bestreben, für das jüdische Wander- Unterstützungswesen eine ganz Deutschland umspannende straffe Organisation zu schaffen, be- . steht schon seit Jahren. Bereits 1898 hatte Professor Philippson als Mitglied der von dem I. Deutsch-Israelitischen Verbandstage zu diesem Zwecke eingesetzten Kommission einen Reformplan ausgearbeitet, der die Hausbettelei abschaffen, Ortskassen überall gründen, diese zu Provinzialkassen und diese wiederum zu einer Zentralkommission zusammenfassen und außerdem Grenzbüros errichten wollte; die Arbeitsfähigen sollten dann den mit Hilfe der Provinzialkassen zu gründenden Arbeitsstätten, die Kranken der passenden Heilstätte zugeführt und ungeeignete Elemente, wie Frauen, Kinder und Greise, in die Heimat zurückgeschickt werden. Der Plan verwirklichte sich damals nicht. Wir glauben, daß der Grund hierfür der deutschen Judenheit nicht zur Unehre gereicht. Gerade bei uns Juden ist trotz aller Assimilierung das Verpslichtungsgefühl, dem Bedürftigen zu helfen, noch so stark vorhanden, daß wir nur durch direktes Geben dieser Pflicht in richtiger Weise zu genügen .glauben. Und sicherlich ist es ein Unterschied von hervorragender ethischer Bedeutung, ob man durch Jahresbeiträge an Wohltätigkeitsvereine sich seiner Aufgaben den Hilfsbedürftigen gegenüber entledigt, oder ob man das, was man zu geben vermag, direkt abführt. Im letzteren Falle lernt mau den Segen des Gebens kennen, und es spinnen sich häufig vertraute Fäden zwischen Geber und Nehmer, durch die der Nehmer sittlich gehalten wird. Doch die Zustände haben sich geändert, und es wäre töricht, demgegenüber dieAugen zu v ersch ließ en. Man steigt in der Regel nicht mehr tagtäglich vier Stock hoch, um einem kranken Armen Labung zu bringen, sondern man wird sich vor allen Dingen bemühen, chn in einem Krankenhause unterzubringen. Ebenso steht es mit den fremden Armen. Nach einer ungefähren Berechnung'werden heute von den Juden Deutschlands etwa zwei Millionen Mark privat und durcy Vereine an jüdische Wanderarme jährlich ausgegeben, von welcher Summe einen erheblichen Teil die Eisenbahn erhält und der andere Teil gerade genügt, daß die Empfänger sich notdürftigst erhalten. Also eine durchaus unzweäm ä ß i g e V e r w e n d u n g e i n e r g e w a l t i g e n Summe, und das in einer Zeit, die sozial zu denken gelernt hat.' Aus diesem Grunde kann der nunmehr durch das Zusammengehen des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes, des Hilfsvereins der Deutschen Juden, der Alliance Jsraelite und der Großloge Bnci-Briß vor seiner Verwirklichung stehende Plan Philippsons im Prinzip nur begrüßt werden. Unleugbar hat eine derartige Organisation auch ihre Gefahren. Auf die Ausschaltung eines bedeutsamen ethischen Mom e n t s ist bereits hingewiesen worden. Doch dieser Verlust läßt sich ersetzen, ersetzen dadurch, daß es bei einer.Organisation leichter ist, Menschen, die sonst professionelle Wanderbettler bleiben oder werden, einem Berufe zuzuführen (es sei nur auf die überaus segensreiche Tätigkeit der Jüdischen Arbeiterkolonie in Weißensee hingewicsen, die während ihrer achtjährigen Tätigkeit 4000 obdachlosen Juden eine Heimat geboten und sie zum großen Teile einem Berufe zugeführt hat), und gerade hier kann sich in noch viel höheren! Maße die Btuderpflicht des einzelnen betätigen, denn dem armen Bruder Arbeit zu geben, ihm zu einer Existenz zu verhelfen, steht ethisch viel höher, als ihm mit Geldunterstützung zu helfen. Eine weitere Gefahr besteht darin, daß bei einer solchen Konzentration leicht schematisiert >vird und die Entscheidung über Menschenschicksale in die Hände weniger gelegt wird. Wenn heute die „Schwarze Lifte" der jüdischen Unterstützungskasse» Deutschlands bereits 1500 Namen enthält, mehr als Vt aller Petenten, so ist das der klarste Beweis dafür, daß häufig ein vorschnelles Urteil gefällt wird. Ein Beispiel: Derselbe Kassenvorstcher, der sich in seinem Berufe gar manchnral einer Notlüge oder eines Verschweigens der Wahrheit bedient hat, ist entsetzt, wenn er von einem arinen Teufel belogen wird und schreibt ihn flugs in die „Schwarze Liste", ihn für alle Zeit boykottierend. Die Organisierung des jüdischen Wanderunteruntcrstützungswesens steht vor ihrer Verwirklichung. Mögen die maßgebenden Kreise in keinem Augenblicke vergessen, daß die Bruderpflicht eine der schönsten jüdischen Tugenden ist! Mögen sie daher eine Organisation schaffen, die dem jüdischen Herzen Ehre macht! Der neue ungarische Ministerpräsident Gras Khueu HeÄerwary über die Judeufrage. In einem Interview, das er einem Mitarbeiter des „Budapests Naplä" gewährte, äußerte sich Graf Khuen Hederwary auch über die Judenfrage. „Wir leben sonderbare Zeiten. Die Menschen interessieren sich wieder stark für die Religion — der anderen. Es wäre uns" — meinte der neugierige Frager, — „interessant, zu wissen, wie Sie, Herr Minister, über die konfessionelle Frage und speziell über die der Juden denken." Exzellenz war über die Frage anscheinend überrascht und verweigerte auf sie die Antwort. „Es gibt," sagte er, „Antisemiten und antijüdische Strömungen; zu einem Mann von meiner Position dürfen sich diese aber nicht heranwagen. Schon die Frage ist unstatthaft, denn sie investiert die Möglichkeit, daß man am Staatsruder sein und sich von konfessionellen Gesichtspunkten leiten lassen könne. Diese Möglichkeit, die den Staatsgrundgesetzen widerspricht, muß selbst in dieser Form ausgeschlossen sein." Der Minister betonte des weiteren, daß er sich in seinem ganzen Systeme und auch in Behandlung dieser Frage nur von höheren humanen Gesichtspunkten leiten lasse. Wo er Gelegenheit gehabt habe, mit Juden in persönliche Berührung zu kommen, habe er die besten Erfahrungen gemacht. So das erste Mal vor dreißig Jahren, als die Gesetzestreuen von Raab, von jedem abgewiesen, sich an ihn, den langen Reichstagsabgeordneten, wandten und er chrer gerechten Sache zum Siege verhalf. Die Zeichen der Anhänglichkeit und Dankbarkeit, mit der ihm seit, damals die ungarische Judenheit begegnete, haben chm aus der Seele wohlgetan und seien ihm noch heute überaus sympathisch. Für die ideelle Auffassung des jüdischen Familienlebens, für die innige Liebe und Aufopferungsfähigkeit j>er Juden überhaupt, wie auch für das prinzipientreue Festhalten an altjüdischer Tradition habe er volles Verständnis. „Wie ich hingegen über die bodenlosen Verdächtigungen, daß sie Wucherer und Parasiten seien, wie über Anklagen, die die Fehler des gestempelten Individuums der Allgemeinheit aufbürden wollen, zu denken habe, darüber hat mir die Erfahrung in meinem Patronatsort die Richtlinie gegeben. In Hedeswur wohnt ein jüdischer Krämer, der seit fünfzig Jahren seinen Kreislerladen gewissenhaft bedient. Sein kleiner Besitz hat den Neid der Andersgläubigen erregt. Sie haben in einem katholischen Geschäft und in einer Konsumbuoe dem alten Mann den Kampf auf Tod und Brot gekündet. Und der Mann lebt doch, — und sein Vermögen, wächst noch immer. Wie könnte das. anders als n ur durch die unentwegte, fleißige und ehrliche Arbeit dieses braven Mannes möglich sein. — Die rastlose Arbeit eines halben Jahrhunderts muß ihren Lohn im Erfolg finden. Dieses kann nur von rohen Menschen als Wucher gebrandmarkt werden." „Sic wissen, daß ich zwei Söhne habe. Zu meinem jüngeren habe ich mir einen jüdischen Universitätshörer empfehlen lassen. Und glauben Sie, daß mir die Glaubenstreue dieses jungen Studenten nicht Bewunderung abgerungen hat? Er wies das ihm bei Tisch Vorgesetzte Gedeck mit dem Hinweis auf sein jüdisches Bekenntnis

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