Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 5 (4.2.1910)
- Date
- 1910-02-04
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. ,5 Etwas oo in jüdischen Kalender. „Des Inden Kalender ist sein Katechismus", lautet ein Ausspruch, den ein Großer in Israel prägte. Man kann auch ruhig sagen, der jüdische Kalenderist eine unerschöpfliche Fundgrube üon Daten - Raritäten, Meilensteinen in der mehr oder minder einförmigen Etappe Oan der Wiege zum Grabe, etwas, was auch der Stumpfsinnige und Geistesarme erlebt, insofern er den Traditionen des Gesetzes gemäß handelt. Es gibt fast kein jüdisches Kalenderjahr, in dem nicht irgend rin Fest- oder Gedenktag auf ein Dalum fiele, wie cs seit x - Jahren nichts der Fall war und erst in x - Jahren wieder eintritt. Der Grund hierfür liegt darin, daß der jüd. Kalender 6 Arten Oon Jahren kennt, und zwar gewöhnliche. Jahre Oon 353, 354 und 355 Tagen und Schaltjahre Oon 383, 384 und 385 Tagen. Hierzu kommt noch, daß Rauschhaschonoh (Jahresanfang) ganz unregelmäßig auf irgend einen Tag der Woche (mit Ausnahme oon Sonntag, AMittwoch und Freitag) fällt. In diesem Jahre ist es besonders bemerkenswert, daß der Fasttag im Tcbeth ans einen Mittwoch und der erste Schwat, respektiOe Chamischoh Osor Beschwat (15.) auf einen Dienstag sielen, loas seit 27 Jahren nicht der Fall war und erst in 17 Jahren wieder cinrifft. Daß der erste Tag Pesach ans einen Sonntag fällt wie dieses Jahr, hängt nur indirekt damit zusammen und kommt häufiger dor. Es ist dies vielmehr darauf zurückzuführen, daß Rauschhaschonoh ans Donnerstag fiel und das Jahr ein mangelhaftes Schaltjahr mit 383 Tagen ist. In einem gewöhnlichen Jahr, das mit Donnerstag beginnt, kann das Jahr nur überzählig oder normal sein. Es müssen also angegebene 3 Faktoren (Schaltjahr, mangelhaftes Jahr und Rauschhaschonoh am Donnerstag) Zusammenwirken, um erwähnte Konstellation der Tage zu Oeranlassen. Daß dies selten vorkommt, ist daher erklärlich. Noch bemerkenswerter ist in diesem Jahre, daß der erste Tag Pesach auf den 24. April fällt, was in den letzten 70 Jahren nicht vorkam. Im Jahre 1929 fällt der erste Tag Pesach sogar erst auf den 25. April, was seit Einführung des gregor. Kalenders nicht vorgekommen sein dürfte. Die Gründe hierfür sind zu kompliziert, um im Rahincn eines Zeitungsartikels klar gelegt zu werden. I»li! L. L. Kunst und Literatur. „Die Medizin im Talmud" von Dr. mcd. A. Stern, Arzt in Frankfurt a. M. Verlag von Sänger und Friedberg. Frankfurt a. M. 1909. Neben den schon vorhandenen, teilweise ziemlich subjektiv. gehaltenen Arbeiten über „Die Medizin in Bibel und Talmud" (Ebstein, Prenß. Katzenelson) oder über Teilgebiete derselben (Hoppe, Sichel, Rathner), hat die vorliegende Arbeit des hiesigen Arztes Dr. A. Stern Anspruch auf Eigenart und Beachtung. Die Besonderheit dieser flüssig geschriebenen' und darum eine angenehme Lektüre bedeutenden Studie scheint mir einerseits in der vergleichendgeschichtlichen Betrachtung der Anschauungen unserer Talmudlehrer von Krankheit und Heilkunst, andrerseits in der objektiven, kritischen Wertung der Verdienste des Talmud um einige Zweige der medizin. Wissenschaft zu liegen. Stern giebt zunächst in gedrängter Kürze einen Ileberblick über die Entwicklung der Medizin. Wissenschaft bis in's 3. Jahrhundert unserer Zeitrechnung, also, bis. zu der Zeit, da die. Mischnah fertiggestellt und die Redaktion des Talmuds begonnen wurde. Als Maßstab für den Wert der talmudisch - medizinischen Lehren nimmt er dann nrit vollem und alleingiltigem Rechte die damals überhaupt herrschenden medizinisch - naturwissenschaftlichen Lehren. Grade im Vergleiche mit letzteren aber zeugen die medizinischen Ansichten der Talmudisten von eigenem, planmäßigen Denken und bedeuten sie entschiedene Fortschritte auf dem Gebiete der Anatomie (der Lehre voni Bau des menschlichen Körpers) und der pathologischen Anatomie (der Lehre von den die Krankheiten bedingenden Veränderungen in den Organen). Mit charakeristischen Beispielen belegt Stern seine Behauptungen, und wenn er sich in's Bereich des Hypothetischen begiebt (wenn er z. B. von bakteriologischem Borstellungsvermögen, von der Schedim spricht), unterläßt er es nicht, mit Nachdruck darauf hinzuweisen. Die Schrift Sterns bedeutet also für den Kenner des bearbeiteten Themas neuerliche, dankenswerte Anregung, für den Uneingeweihten eine vorzügliche Einführung in ein Gebiet jüdischen und kulturgeschichtlichen Wissens,. das auch dem Laien unter uns vertraut sein sollte. Perez Smolensky. (Zu seinein 25jährigen Todestage.) 25 Jahre sind vorbei, seitdem er dahin ist, und doch ist es so, als ob er noch mitten unter uns stände, mit dem Seherblick und der Kampfesfeder. Denn keinen Kampf ficht man heute aus, dessen Ur- FrarckfuÄtt ZfrarWWes Familienblatt. Heber nicht Smolensky gewesen wäre; keine Strömung gibt es im modernen Judentum, an deren Quelle nicht Smolesky gestanden wäre: Der Kampf im Osten gegen die Reaktion innerhalb des jüdischen Lagers (z. B. gegen das Kahalregiment), — war nicht Smolensky einer der ersten Streiter ans diesem Gebiete? Der Kampf gegen die Assimilation im. Westen, — hatte Smolensky nicht als erster den Ruf ausgestoßen: Mehr Judentum den Westjuden? Der Kampf für das Zionideal endlich, — war nicht Smolensky der gewesen, der zuerst Zion als sein Lcbensideal erkannte? ao steht er durch sein Schaffen noch mitten unter uns, ein Lebendiger unter den Lebendigen. Und es ist natürlich. Denn Smolensky war einer jener Männer, deren Einfluß sich auf Jahrhunderte erstreckt. Denn er war groß und war vielseitig. E r w a r e i n D i ch t e r vor allem. Ein Dichter, dessen Seele ein gnädiger Gott geschaffen hatte; ein Dichter, der alle Töne des menschlichen Herzens anschlageu konnte. Er vermochte cs, den Menschen zittern zu machen und abzuschreckcn; - er vermochte, ihn zu demütigen und klagen zu lernen; er vermochte es aber auch, ihn zu erheben und in seiner Seele die heiligste Begeisterung zu entfachen, lind dies alles, obwohl er kein Romantiker und kein Lyriker war. Er schrieb nur Zeitromane und Tagesartikel; aber alles, was er schrieb, war mit seinem Herzblute getränkt. Er schrieb objektiv und doch tendenziös; denn seine Persönlichkeit war zu stark, um sich verleugnen zu lassen. Und so gibt er uns durch jedes seiner Werke eine große Lehre. Denn Smolensky war 'ein Philosoph, vielleicht der größte unseres Volkes im letzten Jahrhundert, wenn Philosophie auch heißt, dem Menschen Lehren zu geben, ihm Lebenswahrhcitcn und Lebensregeln zu künden. Er besaß wohl nicht den genialen Scharfsinn eines Maimon, nicht die stoische Ruhe eines Spinoza, aber er besaß einen scharfen Blick und eine unübertroffene Kenntnis des jüdischen Volkes und seines Charakters. Was Wunder? Sollte er, der aus dem Volke stammte, der den ersten Teil seines Lebens mitten unter dem Volke verbrachte, der das Leben dieses Volkes in all seinen Abarten und Verschiedenheiten kostete, sollte er dieses Volk nicht kennen? Er durchzog die Städtchen Rußlands zu Fuß und erforschte die Lebensverhältnisse seiner östlichen Brüder; er, durchwanderte aber auch das westliche Europa und ward mit dem Leben der westlichen Juden vertraut, — und überall erkannte er die Krebsschäden des Volkes und das Furchtbare seiner Lage. Und da beschloß er denn, Einhalt zu tun diesen Schäden, er nahm sich vor, ein Lehrer seines Volkes zu werden. So zog er nach Wien, gründete den ,Haschachar" und begann seinen Kampf. Ganz allein: Ohne irgendwelche materiellen Mittel, ohne Helfer und Freunde, ohne Leser und Abonnenten, nur auf die eigene Kraft vertrauend, so begann er den Kampf. Einer gegen alle! Wahrlich mußte man nicht ein Held sei», um dieses zu wagen? Nun denn, Smolensky w a.r ein Held. Ein Held, nicht iin Kampfesfeuer, der nur kurze Zeit dem Tode in's Auge schaut; nein, ein noch größerer Held, der jahrelang der Not und Verfolgung gegenüberstand. Ein Held, der nicht mit Schwert und Schild kämpfte, der vielmehr, wie ein wahrer Sohn des „Am Hasoser" es sein muß, mit dem Geiste, mit der Feder, mit dem Worte stritt. In seiner engen, dumpfen Stube in einer finsteren Straße Wiens hatte er sein Kriegslager, und die ganze Welt war sein Kampfplatz. Und während er in dieser Stube über die Gefahren der Assimilation filmte, mußte er oft vernehmen, wie der Drucker den Dienst ihm verweigerte, wie seine Kinder um Brot baten, wie sein Weib Tränen vergoß, und er blieb dabei aufrecht. So kämpfte er zeitlebens einen doppelten Kampf: auf der einen Seite gegen die materielle Not, und auf der anderen Seite den Kampf für seine Ideen. Mußte er bei diesem zweifachen, aufreibenden Kampfe nicht allmählich zugrunde gehen; er, der schmächtige, kranke Mann, der seit seiner Geburt immer unter Not und Elend litt? So ging er auch zugrunde, und erst 43 Jahre war er alt, als der Tod ihn ereilte. So ward Smolensky zum Märtyrer, zu dessen Lichtgestalt noch spätere Generationen ehrfürchtig heraufblicken werden. Vom ersten Tage seiner Wanderung war er schon ein Märtyrer gewesen. Ihm war es nicht vergönnt, in günstigen Lebensverhältnissen, gefolgt von einer Schar von Jüngern, seinen Streit auszufechten; er mußte unter äußeren Verfolgungen uno inneren Leiden seinen Kampf kämpfen. Als er von seinem Baterhause fortzog und die jüdischen Gemeinden Rußlands durchwanderte, da ward sein Herz verwundet von dem Schlechten, das er sah, und seine Seele ward getrübt von dem Schmutze, den er erblicken mutzte. Und als er dies sah, da setzte er seine Hoffnung, die er hier unerfüllt sah, in seine westlichen Brüder. Er zog hinaus, diejenigen kennen zu lernen, bei denen er bas Licht und die Freiheit zu finden hoffte. Und was fand er? Inneren Hader, und kleinlichen Streit, schmachvollen Jndifferentismus und feige Assimilation, — und da ward er zum zweiten Male enttäuscht, noch bitterer enttäuscht. Ein anderer hätte verzweifelt; aber der große Optimist verzweifelte, nicht und hoffte weiter. Noch Seite 5. manchmal ward er enttäuscht, noch manchmal sah er seine Hoffnungen zerrinnen, bis er endlich das Zionsideal in sich aufnahm, das ihm Kraft und Mut für immer gab. Aber auch dann mußte er noch sehen, wie er zu viel gehofft hatte, wie jene Begeisterung für Zion, an deren Entstehung im Volke er fest geglaubt hatte, nicht entflammte. So war sein ganzes Leben, von der Stunde an, da er mit 11 Jahren sein Vaterhaus verließ und in die unbekannte Welt hinauszog, bis zu jenem Augenblicke, wo er auf seinem Krankenlager zu Meran seine edle seele aushauchte, nur ein Martyrium. Und doch! Smolensky war keiner jener Märtyrer, deren Ideen mit ihnen untergehen und verschwinden. Trotz seines frühen Unterganges, trotz seines Elends, trotz seiner Verfolgungen war und blieb Smolensky ein Sieger! Ein Sieger, dessen Ideen sich Bahn gebrochen haben, dessen Hoffnungen sich erfüllt haben, dessen Ideale Gemeingut seines Volkes geworden sind. Allerdings, er konnte seinen Sieg nicht erleben. Vielleicht mochte er damals, als ihn die jüdische Jugend Rußlands aus den Schultern trug und ihm begeistert zujubeltc, geahnt haben, daß er siegen werde; erlebt hat er den Sieg nicht. Erst nach seinem Tode ist er errungen worden; denn Herzls Werk ist Smolcnsky's Sieg. Fragen wir uns aber: Wodurch ist dieser kranke Knabe zum Sieger geworden? Was hat ihm die Kraft verliehen, so begeistert zu dichten, so hinreißend zu schreiben, so heldenhaft zu kämpfen und so glorreich zu siegen? Mag sein, daß sein Talent, daß seine eminente Begabung ihm dazu verholfen haben. DiegrößteKrafthatSmolensky aus einem anderen Borne geschöpft, — und dieser Born war seine glühende, alles besiegende Liebe zu s e i n e m B o l k e. Es war eine gewaltige, allumfassende Liebe, die ihn alle Leiden vergessen machte, die ihm die Kräfte gab, allen Verfolgungen Trotz zu bieten und alle Schicksalsschläge zu ertragen. Was er tat, was er schrieb — mag es Kritik gegen die Schäden sein, mag es scheinen, als seien seine Worte von Haß, von Verachtung diktiert —, immer war es in Wirklichkeit nur seine Liebe zu seinem Volke, die ihm seine Worte eingab. lind das ist diegroßeLehre.dieunsdasLebenSmolensky's gibt. Es zeigt uns,wie die glühende Liebe zum Volke aus einem armen, schmächtigen Knaben einen unsterblichen Dichter und Kämpfer macht, dessen Name durch I ahrhunderte. fortleben wird. Dr. N. Kaiser Friedrich Quelle - Offenbach s. X. — Gegen Gicht nnd Rheumatismus bewährt. Alleiniger General-Vertreter: Friedrich Stahl» Frankfurt a. H., Stallbargstr. 9. Tel. 259 u. 714. J. EMMEL & SOHN Schillerstrasse 26. Spezftü-Gesebin für Maln. Zelehen-UtensIHen. Holzbrand-,KerbsehnUt-,Tarso-iLBallk-itUkeL Woche»-Sale»der. (Zeitangaben nach dem Lnaeh.) Samstag, den 5. Februar (= 26. Schwat): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 4 llhr 55 Min. Sabbat-Ausgang in Frankstrrt a. M. 6 tÖjr 15 Min. in Berlin 5 llhr 43 Min. Wochenabschnitt Mischpotim. — Einführung in das jüdische Zivil- und Kriminalrecht. Rechte und Pflichten des Dienstherrn, des Sllaven, der Magd, Vergehen gegen Person und Eigentum des Nebenmenschen, Verantwortung für Schaden, der durch Absichtlichkeit, Leichtsinn und Unvorsichtigkeit entsteht, durch Menschen und Tiere, au Menschen, an Tieren und leblosem Eigentum, bei geliehenem und ausbewahrtem Gut, Veruntreuung desselben; Pflichten gegen den Feind, dem wir nicht Liebe versagen sollen, Vorschriften für das siebente Jahr, das sogenannte Brach- oder Erlaßjahr, die Anordnung der jährlichen drei Wallfahrten u. s. f. All diese Gesetze bedürfen genauer Erllärung! — Schlußteile der Sidra: Führung Israels durch einen Gottesboten, nicht durch die Majestät Gottes selbst, falls das Volk sich widerspenstig zeigt. Besiegung der feindlichen Ureinwohner Palästinas; die Bundesschließung am Sinai vor dem Alle der Offenbarung: Versprechen des Volkes, gehorsam sein zu wollen, Aufbau von Altar und Lenksäulen am Fuße des Berges, Besprengung Israels mit dem Blute des Bundes. Moses besteigt den Berg zu vierzigtägigem Aufenthalt. (Bemerkung: Daß der Abschnitt erst hier, nicht bei der Erzählung der Gesetzgebung mitgeteilt ist, gilt als Beweis, daß; die geschichtliche Reihenfolge in der Thora nicht eingehalten ist.) Einsegnung des Neumondes Adar rischaun. der auf Mittwoch und Donnerstag fällt.