Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 5 (4.2.1910)
- Date
- 1910-02-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2692297-2692665-2692670--05196-2700088- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
IsrartLfttrter Zstlielitischks lamilirnblatt. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. NbonnementspreiS pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (ein. schließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— i.—,---— HledaKtto« und chefchäftsstekke: SranKturl 2. M.. vild-lnKraße *f6, <Ede Lleichstra-e v-r-fo» 10507. Herausgeber: Hefts. ,! Jnsertionspreife: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die klteklamrzrile. 100 ., Platz» und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. - * 8. Jahrgang. Freitag, den 26. Scliwat 5670 (4. Februar 1910). Nr. 5. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Das Mysterium einer Annonce. — »Deutsche Kinder jüdiicher Ellern." — Londoner Coronit. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Auge um Auge. — Bunte Chronik. — Peiez Sni -lensky. — Wochcn-Kalender. — Familiennachrichien. Das Mysterium einer Annonce. . Bon MaximeLeMaltre, London. 1. Ausschreibung: „Es wird hiermit, infolge Demission, die Stelle der Professur für Philosophie an der Hochschule X. ausgeschrieben." 2. „Die medizinische Fakultät der Berliner Universität gibt hiermit bekannt, daß die Privatdozcntur in Zukunft nur noch auf fünfjährige Kündigung verliehen wird." Also las ich zivei 'Annoncen und machte mir meine Gedanken darüber. Die philosophische Fakultät einer altehrwürdigen Hochschule sucht auf dem nicht ungewöhnlichen Wege der Annonce einen Philosophen, und die Berliner Universität, der medizinischen Privatdozenten überdrüssig, trifft Maßregeln, die Privatdozentur einzuschränken. Ich las die beiden Annoncen und dachte dabei: Was ist ein Jude? Ein Hausierer, ein Millionär, ein Emigrant, ein berühmter Philosoph, ein israelitisch-freisinniger Philanthrop, ein russischer Untertan, ein Rechtsgelehrter, ein armer Hosenschneider oder ein berühmter Arzt, so ein Wirklicher Geheimer Medizinalrat. Entweder — oder. Sonst sind Hausierer und Millionär, Philosoph und Hosenschneider nicht einander gleich. Versteht sich — Reb Feitel mit dem Kaftan, mit seinem jüdischen Esperanto und der Herr Geheimrat . . . aber in einer Beziehung sind sie alle einander gleich. Sie sind Juden und gleich unbeliebt. Wenn Einer unbeliebt ist, wird er zurückgehalten, verfolgt, und da sowohl Reb Feitel als der Herr Geheimrat Juden sind, sind sie auch beide demselben Schicksal ausgesetzt. Gegen Feitel macht man eine Alienbill oder einen Pogrom, aber gegen den Herrn Professor und Geheimrat wendet man andere legale Mittel an. Die legalen Mittel gegen die großen Juden verkünden diese Annoncen. Zwanzig Jahre lehrte er tausende von Jüngern Philosophie, d. h. Vernunft und Sittlichkeit, er bildete ihren Geist und schärfte ihren Verstand und schrieb selbst Werke von tiefer Weisheit und Gelehrsamkeit, die ihn mit Ruhm bedeckten. Er sprach. vom Katheder über Aristoteles' Kategorienlehre oder über Kant'sche Vernunstkritik mft der Leidenschaft eines Künstlers und im Styl eines Dichters. Ein halbes Tausend jüngerer und älterer Männer (auch Diplomaten pflegten seinen Vorlesungen beizuwohnen) lauschten zwanzig Jahre tagaus, tagein den lichten Gedanken dieses weltmännischen Philosophen. Sein Wirkungskreis wurde zu einem Zentrum für Wissensdurstige und nach Wahrheit Lechzende. Gewiß ein beneidenswertes Menschenschicksal. Aber ein Jud' ist ein Jud', d. h. er muß Ueberraschungen gewärtig sein —, und auch ihn erreichte dieses Schicksal. Als er seinen Platz an der Sonne erobert hatte, trafen ihn die gefräßigen Bisse der Parasiten. Angeckelt von niederträchtigen Schmähungen und Verleumdungen, entschloß er sich, nach zwanzigjähriger Tätigkeit, zu gehen. Die Annonce verkündet seinen 'Abgang. So haben auch Annoncen, d. h. jüdische llniversitätsprofessoren ihr Schicksal. Jude, Du darfst kein Professor sein! Aber wenn ein Jude kein Professor sein darf, — was dann? Offizier, Richter, Staatsbeamter, Diplomat, Rittergutsbesitzer, Politiker? Er ist also verdammt, entweder Millionär und Kommerzienrat oder Hosenschneider nnd Hau - sierer zu sein. Den er st eren belieben sieWucherer, den letzteren Schnorrer zu nennen. Eine Alicnbill schaffen sie für die Schneider und Schnorrer, eine „soziale Moral", deren erstes Gebot „Verachte den Handelsjuden", lautet, für die Kommerzienräte und Millionäre. Nun blieben denr Juden noch zwei Berufe übrig: die Medizin und die Philanthropie. Ein Arzt ist ein Jude; oft sind zwar große Aerzte kleine Juden, aber Arzt und Jude sind in der Regel identisch. Von jeher waren Juden große Aerzte. Die Leibärzte der spanischen Könige, der Päpste, der arabischen Kalifen waren Juden, die Geschichte der Medizin im letzten Jahrtausend ist zur Hälfte eiue Geschichte jüdischer Männer, und noch heute hat die Medizin Juden zu ihren größten Trägern. Soll ich Namen nennen? Ehrlich, Hermann, Senator, Baginsky, Fränkel, Israel, Rosenthal, Lichtenheim,' Jaffö, Jadason, Kroneger, Rosenbach, Löwe usw. Oder soll ich von Gelehrten wie Weigert und Lombroso sprechen? Die meisten dieser Männer, außerordentliche deutsche Universitätsprofcssoren und mithin unordentlich honoriert, ohnePrüfungsrecht und ohne Stimme und Sitz im akademischenSenat, haben den Schwerpunkt der medizinischen Wissenschaft von Wien nach Berlin verlegt. Ihnen dankt Deutschland, daß cs zur ersten Vormacht auf dem Gebiete der medizinischen Wissenschaft geworden ist. Also was muß nach christlicher Nächstenliebe Deutschland's Dank an diese Juden sein? Die Annonce der Berliner Universität verkündet es. Nur noch auf die Dauer von fünf Jahren wird die Privatdozentur in der medizinischen Fakultät verliehen, d. h. die medizinische Fakultät der Universität Berlin hat beschlossen, den Juden die akademische Laufbahn unmöglich zu machen. Jawohl, nur den Inden gilt diese Maßregel, denn zwei Drittel aller Privatdozenten an der Berliner medizinischen Fakultät sind Juden, und aus diesem Privatdozentenheer rekrutieren sich später 'die Senators, Fränkel, Baginsky und Israel, die medizinischen Koryphäen, die für Deutschlands Ruhm und Deutschlands Ehre arbeiten und die das „Vaterland" mit unordentlich honorierten außerordentlichen Professuren füttert. Wenn der große jüdische. Mediziner und Hochschullehrer seinen siebzigsten Geburtstag feiert, erreicht ihn vielleicht das Schicksal — der Rote Adlerorden IV. Klasse oder der Gcheimratstitel. Aber wenn Juden keine Möglichkeit mehr haben, die akademische Laufbahn einzuschlagen, dann kann sich auch der Staat den 'Adlerorden IV. Klasse sparen und ebenso den Geheimrats-Titel. 'Also: Jude, Du darfst nicht Professor werden! Bleibt ihm nur noch ein Beruf, den er ausüben kann: die Philanthropie —. Bor einigen Wochen hat wieder ein deutscher Jude ein paar Millionen für Bildungszwecke hergegeben. Die hiesigen Blätter lobten den großherzigen Deutschen, deutsche Zeitungen lobten den freisinnigen Mäcen, und deutsch-christlich-national-antisemitische Zeitungen schrieben, daß die jüdische Philanthropie geradezu zum Krebsschaden für die Kultur geworden ist, denn sie kommt doch nur freisinnigen, demokratischen und sozialistischen Zwecken zugute. Die jüdischen Philanthropen verdienen keinen Dank, meinte eine vielgelesene deutsche Zeitung, denn das Geld ist doch nur erwuchert . ... Ich bin überzeugt, daß die nächste Annonce uns den Entwurf eines Gesetzes ankündigen wird, in dem den Juden die Philanthropie verboten wird . . . Höchstens werden noch Juden für Kirchenbauten, Kricgervereine und Kaiserdenkmäler Geld geben dürfen. Eine schöne Aussicht . Und was dann? Jude, Du sollst und darfst kein Philosoph sein, kein Medizin-Professor und Geheimrat, kein Schneider, kein Millionär-Philanthrop und kein Hausierer; von Offizier. Richter, Staatsbeamter schon gar nicht zu reden. Also was denn? Eine russische Zeitung, deren Redakteur noch nicht von der Kultur des Westens angekränkelt ist, gab eine Lösung für diese Frage an. Sie lautete: A l l e Juden ab schlachten . . . Christliche Nächstenliebe, ah! Wir verstehen . . . Und Sie,.Herr israelitischer Kommerzienrat deutscher Nationalität, was meinen Sie dazu? Denken Sie doch. „Deutsche Kinder jüdischer Eltern." Von einem jüdischen Bolksschullehrer. Die Ungeheuerlichkeit der von dem Geheimen Regierungsrate Prof. 2r. Geiger, dem Repräsentanten der Berliner jüdischen.Gemeinde, gestellten Zumutung, jüdische Kinder an ausgesprochen christlichen Gedenkfeiern teilnehmen zu lassen, ist bereits gebührend „gewürdigt" worden. Ter jüdische Volksschullehrer jedoch hat als solcher noch etwas zu sagen, denn Geiger greift in die jüdische Schule und deren Wirkungskreis direkt ein. Zwar schwebten Geiger bei seinen Deduktionen vor allem die christlich-konfessionellen Anstalten oor, die auch von jüdischen Kindern besucht sind. Zwar paßt nur auf eine solche Schule das Jammerbild, das er von der „Zurücksetzung" des jüdischen