Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 4 (28.1.1910)
- Date
- 1910-01-28
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. I. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 3. Personalien. Der „Kownoer Raw" verschieden. Die russische Judciiheir Hai einen schweren Verlust zu beklagen. Am 2. Schwat verschied nach schwerem Leiden im Gl. Lebensjahre der hochangesehene Kownoer Rabbiner, Rabbi Hirsch R a b i nn v i tz, einer der hervorragendsten Vertreter der russische» Rabbinerschaft. Abgesehen von einer überall anerkannten talinudischen Autorität, besag der Eiitschlafene auch allgemeines Wisse» in umsasscndcm Matze und bildete in dieser Hinsicht eine der ivenigen Ausnahmen unter unseren Rabbinern. Ursprünglich versuchte er sich ans anderen Gebieten des Lebens, wurde aber dann durch die Macht der Verhältnisse wieder aus die Bah» der geistigen Betätigung gedrängt. Nachdem er mehrere Jahre als -Rabbiner znerst in der knrlündischcn Stadt M i t t a u und dann in Wilna fungiert hatte, betrat er nach dem Ableben seines Vaters dessen Stelle als Kowuoer Raw. Seine hervorragenden geistigen Eigenschaften gewannen ihm die höchste Achtung nnd Anerkennung in den verschiedensten Kreisen. Freilich war es nicht jene seelische Hingabe nnd grenzenlose Verehrung, die man ausnahmslos für seinen wahrhaft g r o tz e n Vater, den nnvergetzlicheu Rabbi Iizchak E l ch a n a n s. A., tief hegte, dessen Herzcnsgüte und phänomenale Persönlichkeit beispiellos waren; jedoch ein bedeutender Teil davon ' wurde vom Vater ans den Sohn übertragen. Auch außerhalb der Grenzen Rußlands war sein Namen .gedrungen. Mit den Rabbinergrötzcn Deutschlands, deren Zuneigung sein talmndisches Renommee ihm erwarb nnd deren persönliche Freundschaft er ans seinen mehrmaligen Auslandsreisen zu gewinnen wußte, pflog er die besten Beziehungen. Seine Tätigkeit als Rabbiner beschränkte sich nicht bloß auf den ihm zngewiesenen Bezirk und erschöpfte sich nicht mit der Pflichterfüllung seiner Gemeinde gegenüber. Vielmehr nahm er ununterbrochen an den Gesamtintercssen der russischen Jndenheit. den lebhaftesten Anteil. Mit den Vorgängen des Lebens in beständiger Fühlung stehend, wußte er den Forderungen der Zeit Rechnung zu tragen und verstand die Lage der Inden in Rußland richtig zu beurteilen. Er war von den ersten, die von der Regierung von Zeit zu Zeit an die. Beratungen über die verschiedenen jüdischen Fragen herangezvgen wurden, und in der letzten Rabbinerkommission war er Vorsitzender. Er wußte aber aus näherer Kenntnis der Sache, daß alle diese Beratungen und Kvmmissivuen keinen praktischen Wert haben konnten, da ja der russischen Regierung der gute Wille zur Besserung der Zustände fehle. Und daher war er auch sehr pessimistische gestimmt' in Bezug auf die Hoffnung der Juden in Rußland; und daher blutete ihm immer das Herz, so oft er über hie Lage nnd Zukunft der russischen Inden zu sprechen kam, und die bittersten Worte entrangen sich seiner schmerzerfüllten Brust. Umsomehr lat cs ihm iilnerlichst leid, daß die Rabbincn, die ihrerseits znm. geistigen Wohl und zur Ordnung der inneren Verhältnisse ihrer Brüder etwas beitragen könnten, nicht die richtigen Wege einichlugcn nnd nach nutzlosen Mitteln griffen. Er wußte wohl, daß seine Standeskollegen den Forderungen des wirklichen Lebens nicht zugänglich niid der schweren Aufgabe, die die jetzige Krisiszeit an sie stellt,, nicht gewachsen sind. Er stand mit seinem praktischen Blicke und seinen. klaren Anschauungen unter den übrigen geistige» Führern fast vereinzelt da. Natürlich ließ er von der allgemeinen jüdischen Arbeit nicht ab, und noch »in seinen letzten Tagen nahm er an der allrussischen Konferenz teil, die neulich in Kvwno tagte. Das Edle in seinem Charakter, seine seelische Vornehmheit und sein feines Taktgefühl gewannen dem. Heimgegangenen iminer mehr die Herzen aller. Alle wußten seine Person zu schätzen und seine Verdienste zu würdigen. Sogar seine Gegner auf national-politischem Gebiete wußten, daß sie es hier nicht mit einem fanatischen weltfremden Eiferer zu tu» haben. Manches unsynlpathische Moment in seiner sozialen Tätigkeit war vielleicht mehr auf die Machenschaften der eigentümlichen unmittelbaren Umgebung, die . sich dank gewisser Entwickelung der Zustände .niii ihn gebildet hatte, zurückzuführen. Bon der großen Hingebung und Bekehrung, die ihm' seine. Gemeinde entgegenbrachte, zeugt die allgemeine tiefe Trauer, die seine schwere Krankheit und seiiu unerwartetes Hinscheiden hervorgerufen haben und die imposanten, ungewöhnlichen Ehrenbezeugungen seitens der gcsainteu Bürgerschaft Kownos, mit denen er zur letzten Ruhe getragen wurde. Alle fühlten, daß ein Großer rn Israel gestorben ist. ' Die'Lücke, die durch den Tod Rabbi Hirsch Rabinovitz' in der russischen Rabbinerschaft gerissen worden 'ist, wird für lange Zeit unansgefüllt bleiben! L. '8—oe Dr. 8. Adler s. «. Die Judenheit hat einen schweren Verlust erlitten:' Dr. med. Ephraim Adler ist in der Nacht vom 19. zum 20. Januar zu Nordrach nach langen Leiden in der Blüte seiner Jahre dahingerasst worden. Dr. Adler wurde 1355 zu Moisling bei Lübeck geboren. Nach seinen Schuljahren studierte er in Berlin nnd Freibnrg Medizin. Schon als Student zeichnete er sich durch eine unermüdliche Arbeitsfreudigkeit und durch die Vielseitigkeit seines regen Geistes aus. Er besuchte neben den medizinischen Kollegien in Berlin das Rabbinersemiiiar, ivirkte zu gleicher Zeit auch als Lehrer der Religionsschnle der Addas Jisroel, trieb Sprachstudien nnd erivarb sich so für sein späteres Leben schon frühzeitig neben tiefen medizinischen Kenntnissen reiches und reifes jüdisches Wissen und eine' geradezu nmfassende Allgemeinbitdung. Fm Jahre ISS2 ließ Dr. Adler sich in Lübeck als praktischer Arzt nieder. Schon nach kürzer Zeit hatte er eine umfangreiche Praxis, die ständig wuchs, und nach wenigen Jahren war er einer der gesuchtesten nnd beliebtesten Aerzte Lübecks. Bor allem war er ein hervorragender Diagnostiker. Das Vertrauen des Hohen Senates beriei ihn in das Medizinalkollegium und in den Ehrenrat der Lübecker Aerzteschaft, und seine Patienten hingen mit schwärmerischer Verehrung an ihm. Er war der leidenden Menschheit nicht nur ein hilfreicher Arzt, er war ihnen auch Freund und vertrauter Berater; mit gewinnender Liebenswürdigkeit kam er allen entgegen, für alle 'und für alles hatte er Interesse,' und jedem half er, wo er nur zu helfe» vermochte. Aber nicht allein als Arzt leistete Dr. Adler Hervorragendes. Der Schwerpunkt seines Wirkens lag im Judcntume. Er war ein Jude in des Wortes vollkommenster Bedeutung. Bon echter Religiosität erfüllt, forschte er im Gvttesworte, so oft seine karg bemessene Zeit es zuließ, nnd all sein binnen und Trachten war daraus gerichtet, die Lehren des Judentums in die Tat umzusctzen. So wurde sein Haus ein Mittelpunkt echt jüdischen Lebens. Jeder fand dort einen gedeckten Tisch, eine offene Hand, ein offenes Herz nnd reiche Geistesschätze. Air zahllosen Bestrebungen, die dem Dienste des Judentums gewidmet sind, nahm Dr. Adler tätigen Anteil, oft in führender Stellung, manche auch verdanken seiner Initiative ihre Entstehung. äo begründete er in Lübeck deil jüdischen Gesangverein „Kaul Riunoh" und einen hebräischen Sprachkursus; die Esra-Loge zu Lübeck im U. O. ,33. B., deren Expräsident er war und die er mustergiltig leitete, hatte er ins Leben gerufen; zwei Jahrzehnte wirkte er als Vorstandsmitglied der jüdischen Gemeinde in Lübeck, die er auch auf den Versammlungen des Deutsch-Israelit. Gemeindebnndes und ans den Jndentagen in Berlin vertrat, und groß ist die Zahl der jüdisch - gemeinnützigen Vereinigungen außerhalb Lübecks, denen er ein eifriger Förderer lvar. Bor allem aber war Dr. Adler Zionist! Bald nachdem er Herzls Weckruf vernommen hatte, war er in die Reihen des Zionismus eingetreten. Mit flammender Begeisterung erfaßte er die nationaljüdischen Ideale, nnd mit frischem Enthusiasmns arbeitete er an ihrer Berwirklichilng mit. Wenn es auch nicht in seiner bescheiden-zurückhaltenden Art lag, ein Rufer im Streite, ein Vorkämpfer zu sein, so leistete er dem Zionismus doch große und bedeutende Dienste in stiller Werbearbeit. Seinem Einflüsse ist es nicht zum wenigsten zu danken, daß die deutsche Misrachi-Föderation, deren Vizepräsident er war, immer neuen Zufluß bekam, denn seinem, des strenggläubigen Juden Beispiel schlossen sich viele an, die aus religiösen Erwägungen fern geblieben waren. Ihm verdanken wir aber auch, daß der Misrachi sich eng in die bestehende zionistische Organisation cinfügte und seinen Mitgliedern vorschreibt, den zionistischen Ortsgruppen beizutreten, kurz, daß die MiSrachi- Föderation ihre besonderen religiösen Interessen den allgemein-zionistischen Grundsätzen angliedert. Auch als Mitglied des deutschen Zentralkomitees der zion. Organisation war Dr. Adler immer auf dein Posten, sein Einfluß war stets darauf gerichtet, Gegensätze auszngleichcn und ein einheitliches Vorgehen zu ermöglichen. Nicht unerwähnt darf es bleiben, daß Dr. Adler einer derjenigen war, deren Takt nnd Geschicklichkeit es gelang, auf dein VII. Kongreß die Einigung zwischen den. politischen' Zionisten und den Zione Zion herbeizuführen. Er war einer unserer Treuesten und Besten! Seine Augen leuchteten, sein Antlitz strahlte wie verklärt, wenn er von unseren Idealen sprach, mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele war er unser. Und nun mußten wir ihn hergeben. — — — Vor etwas mehr als zlvei Jahren, nachdem er sein Lüjähriges Jubiläum als Arzt gefeiert hatte, mußte er seine Praxis in Lübeck niederlegen, weil er unter der Last - seines Berufes zusammengebrocheiuwar und ein-schweres körperliches Leiden sich fühlbad'machte. Er siedelte nach Nordrach im badischen Schwarzwald über, begleitet von seiner trefflichen Gattin, der ihm gleichgesinnten Lebensgefährtin, die ihn mit aufopfernder Sorgfalt inn- > gab,, und übernahm dort die Leitung der v. RothschWschen Lungenheilstätte, wo er weniger' aufreibende Arbeitslast hatte und doch einen reichen Wirkungskreis aussüllen konnte. Bis zu seinem Tod hat er dort segensreich gewaltet und iin Fluge oie Herzen aller gewonnen; bis zu seinem Tode ist er auch uns treu geblieben. Er' har für den Zionismus und für das Judentum auch in Rordrach unentwegt nnd mit voller Hingebung gearbeitet. Nun ist er dahingegangen, dieser edle Mensch, dieser treue, echte Jude. Wir werden sei» -Andenken in Ehren halten nnd ihm Dankbarkeit bewahren für das, was er uns und der Mitwelt geleistet hat. Er wird in unserer Erinnerung fortleben und uns ein Vorbild selbstlosester Pflichterfüllung sein, und wenn man die Vesten unseres Volkes nennt, wird inan auch Dr. Ephraim Adler nennen! I.. Königsberg. Gehelmrat Prof. Dr. Jas sä erhielt den Roten A d l e r o r d e n 3. Klasse mit der Schleife. ZI,.) Wronke. Stadwerordnrtenvorstebex Lipp» m a n n erhielt den K r o n e n o r d e n I. Klas s e. In S ch r i m m wurde S. L e w k o w i tz zum Direktor des K r e d i t v e r e i n s gewählt. — In 2takel wurde Kauimann L. B ä r w a l d zum S t a d t v e r o r d n e t e n v o r ft e h e r wiedergewählt. Wien. llniversttätsprofessorHosrat Dr. H.Müller wurde mit dem Ritterkreuz des Leopold- Ordens ausgezeichnet. — Im 57. Lebensjahre verschied Major Eduard Pick. London. Rechtsanwalt Leopold Goldberg, dem Rechtsbeistand des deutschen Generalkonsulats, wurde der Titel eines preußischen G c h e i m e n I n st i z r a t e s verliehen. Petersburg. Geheimrat Jakob Halpern. Vizedirektor im Justizministerium, 'erhielt den Wladimir-Orden 2. K l a s s e. Paris. Bildhauer Ein aiuicl Hannaiix wurde in das Komitee der Bereinigung f r a n z ö s. K ü u st l e r gewählt. — In Bordeaux starb der Maler Prof. Max- Paul S a l z e d o. — Prof. Lion Caen, Dekan der juristischen Fakultät, wird die diesjährige Ziisammenknnst des Instituts für i n t e r n a t i o n. Recht präsidieren. Auge um Auge. Roman von Sam. Gordon. Frei übersetzt von M. P u l v e r m a n n. lFortsetzung). Sie schien mit einem Entschluß zu kämpfen: ehe sie aber fertig war, wurde sie abermals durch den Anruf ihrer Mutter gestört. „Adieu, Herr Bvlkmann," sprach sie, ihm uubefangeii die Hand reichend. Baruch nahm sie zögernd, während er nur leise „Adieu!" flüsterte. Zur rechten Zeit aber besann er sich auf das Unschickliche und für sie unbegreifliche Benehmen und fügte lebhaft hinzu: ^Gnädiges Fräulein, vergessen Sie nicht. Sie blickte ihn voller Erwartung an. „Was soll ich nicht vergessen?" „Sich nach Ihrem Vetter Karol zu erkundigen." -sie rümpsie die -Nase, und eine unverkennbar^ Enttäuschung malte sich in ihren Zügen. „Karol? -Ach, ja, armer Kerl!" Schon au der Tür, winkte sie ihm noch einmal zu, und — war cs die eigentümliche Beleuchtung, oder war es seine Aufregung — genug, er glaubte wieder das Blitzlicht zu bemerken. Der Präfekt hatte die Damen zum Wagen geleitet und war bald nach seinem Arbeitszimmer gegangen. Die Baronin blieb mit Baruch allein zurück. „Endlich haben wir zehn Minuten für uns," sprach die Baronin gütig, Baruch ans einen Stuhl neben sich nötigend. Sie fragte ihn nach seinen Studien, nach, seiner Lebensweise, nach seinen Bekanntschaften, ohne aber seine Vergangenheit mit einem Worte zu berühren; indessen geschah es so schonen» und zartfühlend, um nicht gerade dadurch den Gedanken aufkommeu zu lassen, als enthalte seine Vergangenheit etwas, das nicht berührt werden durfte. Alle ihre Fragen waren so unanssällig, daß sie keine Svur von Neugierde verriet, sondern es war ein Gedankenaustausch zwischen zwei Gleichgestellten. Und Baruchs Herz weitete sich, und seine Seele war so froh, so leicht, daß er nicht ruhig auf seinem Platze bleiben konnte. Die gegenwärtige Stunde machte ihn wonnetrunken, daß er mehr und mehr aus sich ' selbst herausging, und unbewußt gestaltete sich seine Unterhaltung interessant und geistessprnhend, wie noch nie zuvor. Die Baronin hörte ihm lächelnd und begeistert zu nnd veranlaßte ihn, immer weiter zu sprechen. Bei all. seinem Rausche aber wollte er den Anstand nicht verletzen und war schon einige Male aufgestanden, um sich zu verabschieden; allein die Baronin nötigte ihn immer wieder zu bleiben, obwohl aus den zehn Minuten bereits eine ganze Stunde geworden war. Ohne es eigentlich beabsichtigt zu haben, hakte Baruch einen sehr guten