Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 3 (21.1.1910)
- Date
- 1910-01-21
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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WNr. 3. Fränkfurker KsraelWsHeS Familienblatt. Seite 3. tes Mitglied der Gesellschaft gibt ein Lied zum besten, man singt auch wohl einmal im Chor, und zwischendurch fällt hier und da auch ein ernstes jüdisches Wort. An zahlreichen Zitaten aus Talmud und Bibel fehlt es selbst nicht in den leichten Scherzreden. Allmählich wird der Kreis der Gäste immer größer. Vorübergehende, die das lustige Treiben im Hause bemerken, treten ohne weitere Umstände ein, und gern rückt man enger zusammen, die neuen Gäste unterzubringen. Eine Gesellschaft z. B., zu der 12 bis 15 Personen geladen waren, war bis 11 Uhr auf ca. 30 Personen angewachsen. Man kommt eben und ist da, einer besonderen Einladung bedarf es nicht. Das gesellige Leben ist hier noch frei und ungezwungen, die Gastfreundschaft wird in einer Weise geübt, die an die altbiblischen Zeiten erinnert. Recht lebhaft kam mir das bei folgendem Vorfall zum Bewußtsein. Eine Schule aus einer benachbarten Kolonie kommt an einem Chanucka - Nachmittag unerwartet hierher. Die hiesige Schule wird ausgesucht, und beide Schulen verbringen gemeinsam mehrere Stunden. Man macht einen Ausflug in die Umgegend, veranstaltet draußen auf den Wiesen Turnspiele und dergl. m. Am Schluß rufen die hiesigen Lehrer ihre Schüler und Schülerinnen zusammen. „Wer von Euch kann für heute und morgen einen Gast mit nach Hause nehmen?" ist die Frage. Und fast alle Kinder melden sich. Manche wollen sogar 2 oder 3 Gäste mitnehmen. So sind in wenigen Minuten alle fremden Kinder untergebracht. Dann ordnen sich die Klassen um ihre Fahnen (gewöhnlich eine zionistische und eine türkische), und mit Gesang geht es in geordnetem Zuge heimwärts. Zu Hause werden die unverhosften Gäste von der Hausfrau freundlich empfangen. Man reicht den hungrigen Ausflügleru eine kräftige Abendmahlzeit, bereitet ihnen ein Nachtlager und bewirtet sie auch den folgenden Tag. Ist das nicht wirklich schön? Von einem unserer kleinen Gäste erhielten wir heute einen ganz reizenden Brief, in dem er uns zum Dank für die genossene Gastfreundschaft den ganzen Ausflug bis in alle Einzelheiten schildert — nach berühmten Mustern ist auch nicht eine einzige Mahlzeit unerwähnt geblieben —, und zum Schluß ladet er uns zu sich in seine Kolonie ein. Der Brief ist natürlich auf Hebräisch geschrieben, wie sich überhaupt die Schuljugend in den Kolonien fast nur des Hebräischen bedient. Bei einem Fest, das sämtlichen Klassen der hiesigen Schule gegeben wurde, hörte man auch nur Hebräisch. Auf Hebräisch wurde gesungen — sie haben wunderschöne Lieder hier —, auf Hebräisch alle möglichen auch in Deutschland bekannten Spiele arrangiert, auf Hebräisch spielten die Kleinen draußen im Hof „Katz und Maus" und andere Spiele, die auch den deutschen Kindern lieb und gewohnt sind. Auch auf dem Chanuckafest, dem ich im Kindergarten beiwohnte — Programm: Erst Spiele im Freien, dann auf improvisierter Bühne hinter einem richtigen Vorhang eine kleine „dramatische" Szene, von den größeren Kindern recht hübsch aufgeführt, und ein „Lebendes Bild", von den Kleineren gestellt, zuletzt Verteilung von Süßigkeiten — auch hier herrschte ausschließlich die hebräische Sprache. Ja, diese hundert Kleinen aus dem Kindergarten sind vielleicht die besten Förderer des Hebräischen. Ihren Kindern zuliebe fängt jetzt manche Mutter an, Hebräisch zu lernen. In diesem Jahre hat sich hier auch ein besonderer Jugendverein gebildet, dessen erste Satzung lautet, daß alle Mitglieder sich verpflichten, überall^ nur Hebräisch zu sprechen^ Dieser Verein hat rn dem größten Saale in Petach-Tikwah, in dem Beth hawaad, eine große Chanuckafeier veranstaltet, an der ein Publikum von mehreren hundert Personen teilnahm. Es wurden verschiedene Reden und Ansprachen gehalten,- das einheimische Orchester spielte, Gedichte .wurden deklamiert, für ein reichhaltiges Büffet war Sorge getragen, und auch eine Verlosung fehlte nicht. Sie sehen, der äußere Rahmen des Festes ist hier nicht viel anders als in Europa; aber im heiligen Lande pulsiert doch in dieser äußeren Form ein reicheres und echteres jüdisches Leben. Aus aller Welt. Deutsches Reich. - Frankfurt a. M. Wie wir erfahren, findet nächsten Sonntag 5y» Uhr in der Privatschule des Herrn Dr. I. He ine mann ein Elternabend statt, zu deni nicht nur die Eltern der Zöglinge, sondern auch Freunde der Anstalt willkommen sind. Dresden. Landgerichtsdirektor M e n z, der in einem von ihm gefertigten Urteile die Juden ganz allgemein wucherischer Neigungen bezichtigt hatte, ist an eine andere Stelle versetzt worden. So meldet die antisem. „Deutsche Reform". München. In seinem Referat zur neuen Kirchengemeindeordnung behandelt der Abg. Dr. Frank-Dillingen auch die Revision des bayerischen Judenedikts, die längst notwendig geworden ist. In dem Frankschen Referat heißt es zu dieser Frage: „Auch das Edikt vom 10. Juni 1813 über die Verhältnisse der jüdischen Glaubensgenossen im Königreiche Bayern bedarf hinsichtlich der Bestimmung über die Kultuseinrichtungen tmd Besteuerungsrechte der Gemeinden dringend der Reform. In dem gesetzlichen Zwange, daß die Juden in einer politischen Gemeinde nur eine Synagoge, einen Rabbiner und eine eigene Begräbnisstätte haben dürfen, liegt die Gefahr der Unterdrückung der Minderheit und damit der Verletzung der verfassungsmäßig garantierten Gewissensfreiheit. Der Zukunft stehen also in den genannten Richtungen noch große gesetzgeberische Aufgaben bevor. Es wäre nur zu wünschen, daß die Vorbereitung hierfür in einem kürzeren Zeiträume sich ermöglichen ließen, als dies bei dem vorliegenden Gesetzentwurf (K.-G.-O.) der Fall war." M.-Gtadbach »nmßuch seines 2-°» jährigen Jubiläums als Vorsteher der jüd. Gemeinde hat Rentner Simon Fleck eine Spende von 10 000 Jk für die Armen der Gemeinde gegeben. Rußland. Warschau. In der auf der Krochmalna befindlichen Synagoge veranstaltete die Polizei eine strenge Durchsuchung bei allen im Bethaus Anwesenden und verhaftete etwa hundert Personen. Die Durchsuchung währte zwei Stunden und kam unerwartet und ohne jede Grundangabe. Da man bei den Verhafteten nichts „Verdächtiges" konstatieren konnte, mußten sie sämtlich wieder freigelassen werden. Die brutale Polizeiwillkür hatte bisher wenigstens vor den Gotteshäusern Halt gemacht. Nun aber glaubt die Polizei auch diese Rücksicht fallen lassen'zu dürfen. — In Kiew haben 800 jüd. Familien den Befehl erhalten, bis zum 15. April die S t a d t zu verlassen Türkei. Konstantinopel. Die einflußreiche „leuno rare" fordert die Regierung auf, jüd. Arbeitskräfte nach der Türkei zu ziehen, da die Türkei Mangel an Menschen habe und hinter den Juden weder die englischen Panzerschiffe noch die russischen Maschinengewehre stehen. Das Blatt schließt seine Ausführungen: „Unser Staat hat keinen anderen Weg für die Beseitigung unseres chronischen Budget-Defizits als die innere Kolonisierung und die Urbarmachung unseres brachliegenden Landes mit Hilfe der Juden. Die Regierung würde danach gut tun, sich mit dem jüdischen Problem gründlich und systematisch zu befassen." — „Das jüdische Element ist geeignet, große Landstrecken in Syrien, Palästina und Anatolien in einen blühenden Zustand zu versetzen. Wenn unsere Staatsmänner dem Lande wirkliche Förderung bringen woUen, dann können sie an den Händen, den Köpfen, den Kapitalien und anderen Mitteln der jüdischen Welt viel Richen finden mit Hilfe jener in unserem Besitze befindlichen Anziehungskraft — mit Hilfe Palästinas." Aus der Lehrerwett. Duisburg-Hamborn. Als Lehrer und Prediger der hiesigen Synagogengemeinde wurde Lehrer M. Ucko-Ems berufen. Lemberg. Die hiesige Kultusgemeinde .hat Rjabbineq Dr. Caro, der mit der Inspektion des Religionsunterrichtes an den Lemberger Volks¬ und Mittelschulen betraut war, dieses wichtige Amt jedoch zum allgemeinen Verdruß der Gemeindemitglieder ostentativ vernachlässigte, dieses Amtes enthoben und Rabbiner Dr. Gut mann zum Religionsinspektor ernannt. Auge um Auge.*) Roman von Sam. Gordon. Frei übersetzt von M. Pulvermann. lFortsetzung). Baruch hörte dem Geplauder mit innerer Belustigung zu. Jetzt legte er seine Stirn in Falten, als denke er ernstlich über ihre Frage nach und erwiderte dann gemütlich: „Gnädiges Fräulein, diese Frage ist keineswegs so leicht zu beantworten; entweder ich bin unfreundlich gegen die Frau Gräfin, Ihre Mama, oder ich mache mir Sie zur Totfeindin. — —" ' „Dann antworten Sie lieber gar nicht. Aber Sie können es mir wirklich glauben, alle machen ie so viel Wesen von mir, als wäre ich eine Prinzessin. Na koi! Aber schön ist es doch, so verhätschelt und von allen so umschmeichelt zu werden! Denken Sie nur, meinetwegen wurden auch überall Gesellschaften mit Ball und Tanz gegeben. — Tanzen Sie auch gern?" „Na und ob!-Aber es ist ein Tanz ganz eigener Art," war seine grimmige Antwort. „Dem Tone nach, mit dem Sie es mir sagen, muß es auch eine ganz eigene Art sein." Sie warf ihm dabei einen Blick zu, der ihn erkennen ließ, daß hinter diesem oberflächlichen Geschwätz auch eine Fülle von Scharfsinn sich verberge, der ihn zum Nachdenken veranlaßte. Doch sie ließ es nicht dazu kommen; das Plappermäulchen war bald wieder in Bewegung. „Herr Volkmann, habe ich Ihnen denn schon von meinen Kousins erzählt? Sie sind ja alle nette, reizende Jungen; aber bei Tante Olga war es doch am schönsten, da hatte ich den größten Spaß. Denken Sie nur, ich war noch nicht einen einzigen Tag dort, da.gebärdeten sich schon beide Jungen wie Räuber und Mörder meinetwegen. Sie sollten nur die Dolchblicke sehen und das wütende Zanken hören! Und kurz vor unserer Abreise, da erhielt Karol von seinem Vater noch drei Tage Stubenarrest, weil — weil — nun, weil — er mich im Korridor — geküßt und sein neidischer Bruder, Iwan, es dem Onkel brühwarm geklatscht. War das nicht schlecht von Iwan? Armer Karol! In der Nacht ist er auch aus dem Fenster gesprungen und hat einen Zettel zurückgelassen, daß er nach dem Kaukasus .gehe, um dort Räuberhauptmann zu werden. Der dumme Junge! Das hätte er doch auch hier machen können, wo es so viele Juden gibt, die so viel Geld haben und sich den ganzen Tag auf der Landstraße herumtreiben. — Ich bin neugierig, ob er schon wieder zurück ist; ich werde mich bei Tante Olga erkundigen, wenn — ich es nicht vergessen sollte." Baruch machte, irgend eine nichtssagende Bemerkung und dachte ernstlich darüber nach, ob die Ergüsse des plauderhaften Backfisches nid^t doch ein bewußtes Kokettieren waren. Sie war ja ganz nett und mit ihrem porzellanen Figürchen wohlgeeignet, bei einer Bande grüner Jungen Aufruhr und Unruhe zu verursachen. Doch trotz ihrer achtzehn Jahre, die sie mit stolzer Würde verkündete, konnte man sie doch noch nicht für voll nehmen. Plötzlich schlossen sich die roten Lippen, und mit einem Ausdruck des Bedauerns, ja des Widerwillens starrte sie gedankenvoll vor sich hin. „Und morgen ist alles, alles vorüber! Morgen gehen wir nach Ditomsk zurück!" murmelte sie leise. „Ach ja; Ditomsk!" sprach auch er mit innerer Unruhe. .Warum sprechen Sie wieder in einem solchem Tone?' Kennen Sie denn Ditomsk?" fragte sie voller Neugier. \ ,Za. — Ich war als Kind dort gewesen." „Wirklich? Das ist aber interessant! Dann wissen Sie vielleicht auch, daß mein Vater dort Gouverneur ist? Aber er ist immer noch General und noch immer nicht befördert! Ist das nicht schrecklich?" Baruch zwang sich, eine teilnehmende Miene aufzusetzen. ,Mir gefällt es dort.ganz und gar nicht," fuhr sie zornig fort. „Der Gedanke, in dem alten, morschen und Lüstern Regierungsgebäude wieder zu wohnen, ist einfach schrecklich und macht mich jetzt schon krank. Und erst der breite, häßliche Dnieper! Im Winter geht es ja noch an, da kann man wenigstens schlittschuhlausen. — Aber im Sommer, wenn die alten Judenweiber ihre Wäsche waschen und die' Judenbälger dort herumplantschen — das ist ja entsetzlich! — Nein, daß Sie auch Ditomsk kennen! Das ist eigentlich zu komisch. — Alle, die ich bisher, geftagt, wußten nichts davon. Es ist ja auch nur ein kleines. *) Abonnenten wird auf Wunsch der Anfang des Romans nachgeliefert.