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Neue jüdische Presse · 1910-01-21 · Heft 3 (21.1.1910) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 3 (21.1.1910)
Date
1910-01-21
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. ffräBJfiftler ^früklMs!He8 AiüntÜenÄaÜ. 8tr. 3. i elendes Nest und hat sich sicherlich in die Landkarte hineingestohlen, als keiner dabei war. So haben mir wenigstens alle gesagt." „Sicherlich wollte man Sie nnr ein wenig necken." „Meinen Sie? Na, Herr Volkmann, lassen Sie eS sich gesagt sein, ich möchte keinem raten, sich über mich lustig zu machen!" Während sie dieses sprach, leuchtete es gefährlich in ihren Augen. Und dieses Blitzlicht war eigentlich das einzige, was Baruch interessierte. Dieses Blitzlicht erleuchtet ja Ereignisse seines eigenen Lebens, die Kauch ferner unbeachtet geschlummert hätten. nders jene eine Begebenheit, wo ein kleines, flachshaariges Mädchen, das auf dem kleinen, feurigen Pony wie ein Wirbelwind herumzujagen pflegte und die ganze Umgegend von Ditomsk dadurch unsicher machw. Ihn, Baruch selbst, hätte sie eines Tages fast totgeritten und noch obendrein mit der Reitgerte ins Gesicht geschlagen, weil der „zerlumpte Judenbengel" ihr nicht schnell genug ausgewichen war. — Seit damals hatte er sich wohl gehütet, der kleiyen Hexe noch einmal zu begegnen. Dennoch 'hat es ein eigenartiger Zufall verstanden, ihre Wege sich wieder kreuzen zu lassen, — nur daß sie heute nicht mehr die Reitgerte schwang. — Bei diesem Gedanken wollte er sogar laut auflachen, — eine Minute später tat er es wirllich, als sie unbefangen fortfuhr: „In jedem Falle werden Sie meinen Kummer begreifen, nach Ditomsk zurückkehren zu müssen. Ich glaube auch, daß sich alle Juden aus ganz Palästina bei uns niedergelassen haben, denn wo man nur Hinsicht, da stehen sie einem im Wege. Einmal hätte ich sogar beinah einen solchen Judenbengel umgeritten. Aber er hat auch dafür seine Prügel bekommen! "Warum mußte er gerade da stehen, wohin ich reiten wollte? Sic haben doch ihre Synagoge, wo sie bleiben können! — Als ich das letzte Mal dort war, waren sie sogar noch viel häßlicher geworden. Solche lange Röcke, solche struppige Börte! — Bemitleiden Sie mich denn gar nicht, Herr Volkmann, in einer solchen Umgebung wohnen zu müssen?" „Ich soll Sie bemitleiden, weil Ihr ästhetischer Sinn so fein entwickelt ist?" wollen? Hier war es nicht nötig, als Kämpfer für seine Nation aufzutreten. Die Ehre seines Volkes müßte ein gar armseliges Ding sein, wenn sie durch solche Mückenstiche gefährdet werden könnte. Er wollte auch seine Kräfte nicht zersplittern; vielleicht, daß er sie in der Zukunft besser verwerten kann. Jetzt aber schwebte ihm die Frage auf. den Lippen: ob sie jemals „Donna Clara" von einem gewissen Heinrich Heine gelesen, und ob sie sich noch der ergötzlichen Rolle erinnere, die der unbekannte Ritter von Saragossa gespielt, um den gordischen Knoten zu lösen. Aber er kam nicht dazu, denn im selben Augenblick ries die Gräfin ihnen zu: „Alma, mache Dich fertig; wir müssen gleich aufbrechen." Mit einem Lächeln auf den Lippen, aber einem gewissen Bedauern in den Augen sprach Alma: „Schade, daß ivir unsere interessante Unterhaltung jetzt abbrechen müssen. Dabei fällt mir jetzt erst ein, daß Sie mir kein einziges Wort von sich selbst erzählt haben." „Ich spreche nicht gern von mir selbst," sagte er abweisend. .Haben Sie denn so viel zu verbergen?" Es sollte lustig llingen; doch in ihren Blicken war wieder jenes Ausleuchten zum Vorschein gekommen. Baruch hat es bemerkt, und es drängte sich ihm die Gewißheit auf, daß das Mädchen, bei richtiger Behandlung, wohl doch aus dem Narren sich herauswachsen könnte. „Es ist wohl kaum anzunehmen, daß Sie in der nächsten Zeit wieder nach Ditomsk kommen werden, Herr Volkmann?" Sie gab sich jetzt gar keine Mühe, ihr Bedauern zu verbergen. „Man ist nie vor einem. Unglück sicher." (Fortsetzung folgt.) Kunst und Literatur. Dieer st en Prophetenbüch er (Josua, Richter, Samuel und Könige), mit Anmerkungen und Zusammenstellungen. Herausgegeben von I. A. Triwasch, D. Notik, G. Lewin. Wilna 1909. Bibelausgaben im Hebräischen haben wir schon zur Genüge, und so könnte mau es leicht für ein übersichtliche Zusammenstellungen über die Perioden der einzelnen Richter und Könige verfaßt und haben Dispositionen und Fragen über die einzelnen Kapitel zum Gebrauche des Lehrers als auch des Schülers gegeben. So eignen sich die Büchlein vorzüglich zum Erlernen dieser ersten Prophetenbücher in ihrer sinngemäßen Bedeutung, und cs wäre sehr zu wünschen, wenn man in jüd. Schulen diese Ausgaben einführen würde., um dadurch dem Schüler diese alten Schätze unseres Volkes nicht als antike Werke, wie die lateinischen .und griechischen, vorzuführen, sondern als Bücher, die in einer lebenden Sprache geschrieben sind, die noch heute gesprochen und geschrieben wird. Dr. N. Von Ghetto zu Ghetto. Reisen und Beobachtungen von E. N. Adler. Mit zahlreichen Illustrationen nach Originalaufnahmen. Autorisierte llcbcrtragung aus dem Englischen. 214 Seiten. Brosch. Jk 3,50; geb. Jk 4,50. Stuttgart, Strecker u. Schröder. Der Verfasser, ein Bruder des Chiefrabbi von Großbritannien, hat seine während zwanzig Jahren auf zahlreichen Reisen und in vier Erdteilen gemachten schriftlichen Aufzeichnungen und photographische,! Aufnahmen zu einem Ganzen vereinigt und dadurch den jüdischen Büchermarkt mit einem wertvollen Buche beschenkt. Es sind grade in den letzten Jahren von jüdischen Autoren zahlreiche Schil« derungen aus dem Leben unserer in der ganzen Welt zerstreuten Brüder erschienen, aber stets beschränkte sich die Schilderung nur auf ein Land oder' gar nur auf eine Stadt; hier zum ersten Male machen wir eine Weltreise, überall in den Stätten unserer Brüder rastend, und unser Cicerone ist nicht nur ein Mann von hervorragender Allgemeinbildung, sondern auch von vorzüglicher jüd. Bildung, ja seine ganze Persönlichkeit wurzelt im Judentum. Zweimal besuchen wir mit Adler Palästina — 1888 und 1895 —, lernen ferner unsere Brüder in Egypten, Persien, Inner - Asien, Indien, Argentinien kennen, und machen Abstecher nach Saloniki, Smyrna, Aleppo und — Kowno. Eine interessante Bemerkung, die unser Führer bei dem Anblicke der zahlreichen russischen Pilger und der zahlreichen russischen Gebäude in Jerusalem machte, sei hier wiedergegeben. Er sagte: „Der verstorbene Baron Hirsch war von dem festen Glauben durchdrungen, daß es das Los Palästinas sein werde, eines Tages den Russen in die Hände zu fallen. Das war es auch, und zwar das allein, wie er mir versicherte, was ihn dazu veranlaßte, lieber Argentinien als das Heilige Land zum Schauplatz eines festen jüdischen Ackerbaukolonisationsexperimentes zu machen." Die Befürchtung Baron Hirschs war damals berechtigt, ist aber längst hinfällig geworden; — „boruch meschane ittim.“ Kaiser Friedrich Quelle —— Offenbach a. M. - 6egen Gicht und Bhenmatigmns bewährt. Alleiniger General - Vertreter: Friedrich Stahl, Frankfurt a. M., Stallburgstr. 9. Tel. 259 n. 714. J. EMMEL & SOHN Schillerstrasse 26. SpezlaNGesehäft für Haiu. Zeichen-Utensilien. Holzbrand-, Rer bsehnltt-,Tarson. Batik-Artikel. Wocherr-Kaleirver. (Zeitangaben nach dem Luacb.) Samstag, den 22. Januar (= 12. Schwat): Sabbat-Anfang in' Frankfurt o. SM. 4 Uhr 35 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 5 Uhr 55 Min. in Berlin 5 Uhr 20 Min. Wochenabjchnitt: Beschalach. — Pharao halle Reue, Israel entlassen zu haben, und er jagte ihm nach. Auf Umwegen hatte Gott Israel ans Schilfmeer geleitet. Sie sahen nun Pharao hinter sich heraneilcn, vor ihnen war das Meer. Verzweiflung ergreift sie, weil kein Ausweg sichtbar. Borwürfe gegen Moses; der Wunsch, nach Egypten zurückzukehren, wird laut. Moses beruhigt sie; Gott verkündet den nahen Untergang Mizrajims und ermuntert zum Weiterzieheu. Die Wolkensäule tritt zwischen Israel und die Egypter und deckt Israel im Rücken. Moses hebt seinen Stab über das Meer. Durch einen starken Ostwind teilt es sich während der Nacht in zwei Hälften. Rechts und links stand das Wasser gleich einer Mauer. Israel zieht trockenen Fußes hindurch, " die Egypter nach. Das Meer fließt jedoch wieder zusammen, — und die Egypter ertrinken. Moses singt mit den Männern das herrliche Meereslied, Mirjam mit den Frauen. — In Mara erhält das Volk bittere Wasser; es murrt. Auf Gottes Geheiß/ wirft Moses ein Holz hinein. Das Wasser wird süß. Das Volk erhält in Mara einige Gesetze. (Nach der Tradition das Gebot des Sabbats und der roten Kuh.) — Elim ist eine Oase mit 12 Wasserauellen und 70 Dattelpalmen. Auf dem weiteren Wege murrt das Volk .SM«? v Synagoge der schwarzen Juden „Jews’ Town“ (Cochin).*) «aie blickte ihn verblüfft an und schüttelte zweifelnd ihr Haupt. Sie wußte anscheinend nicht, was sie aus dieser Bemerkung machen sollte. „Ich weiß zwar nicht, was Sie damit meinen," gestand sie ehrlich; „aber die Juden sind einfach gräßlich. Keiner kann sie leiden; am wenigsten aber mein Papa. Wenn ich der Kaiser wäre, wüßte ich schon, was ich mit ihnen machen möchte." Baruch blickte sie gespannt an und sprach dann mtt erzwungenem Lächeln: „Gewiß würden Sie alle Juden nach dem Kremel in Moskau führen und sic dort mtt Kuchen und Marzipan füttern." »Herr Volkmann!" rief sie ganz entrüstet. ,Wie können Sie nur so etwas überhaupt erst aussprechen? Das ist doch die reinste Gotteslästerung! Die Juden im Kremel!" Sie konnte sich gar nicht beruhigen und Baruch fing an zu fürchten, die Aufmerksamkett der andern erregt und eine unliebsame Katastrophe herbeigeführt zu haben. Doch das Mädchen fuhr jetzt etwas ruhiger fort: »Missen Sie, Sie verdienen gar nicht ein rechtgläubiger Christ genannt zu werden." Er wurde kühner, und belustigt über ihren heiligen Zorn, fragte er: ,Mas würden Sie denn sonst mtt den Juden machend Baruch hielt die Belusttgung für die einzig richtige Empfindung in diesem Falle. Was sollte er denn sonst tun? Aufbrausen? Rasend werden? Etwa diese Fliege mit einem Mühlstein zermalmen flüssiges, durchaus unnützes Unternehmen halten, die sogenannten „ersten Propheten" nochmals herauszugeben. Und doch, wer einen Einblick in diese Ausgabe tun kann, wird sofort ihren Wert und ihre Vorzüge anerkennen müssen. Denn sie will als Lehrbuch für die Jugend dienen, und zwar für Schüler, die das Hebräische als lebende Sprache erlernen wollen, also nicht durch Uebersetzen sondern durch Sprechen und Lesen. Zu diesem Zwecke sind die Erklärungen zum Texte in klarem, leicht verständlichem Hebräisch gegeben. Einen zweiten Vorzug dieser Erklärungen sehen wir in ihrer Einfachheit. Die Verfasser haben auf jede allegorische oder gekünstelte Erklärungsart verzichtet und haben sich lediglich bemüht, dem Schüler den natürlichen Sinn des Textes zu geben. Die schwierigsten Stellen des Textes, wie z. B. das Lied Deborahs, sind durch Erklärungen jedem Anfänger leicht verständljch gemacht worden. Außer diesen Erklärungen haben die Herausgeber am Ende jedes Buches über- *) Die Abbildungen in der heutigen Nummer sind dem soeben in dem Verlage von Strecker L Schröder, Smttgart, erschienenen prächtigen Buche »Von Ghetto zu Ghetto. Reisen und Beobachtungen von E. N. Adler" mit güttger Erlaubnis des Berlags entnommen. (Siehe Besprechung unter der Rubrfl „Kunst und Literatur. Die Redaktion.

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