Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 3 (21.1.1910)
- Date
- 1910-01-21
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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I*!:!(!!i:S I : I;v* t i ■! i r ■ H-ff ü>] Ui ■| ß i 1 ,-Ä Eilte 2 Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Rr 3 Rausch Haschonoh, nicht anders kann, er muß, wie gewohnt, seine ehrliche, naive und entzückende Auffassung von Gott, den er hinter der wciß- , verhüllten Lade spürt, inmitten der Andächttgen durch — Pfeifen kundtun. Alles erstarrt, aber der heilige Rabbi dreht sich um und fragt: „Wo ist der- Heilige, der Zaddik, der das böse Verhängnis zerrissen, der den Himmel durchbohrt hat, dmnit unsere Gebete durch die bleiernen Wolken hincindringen können?" Genug von ihm! Ich sehe schon im Geiste, wie Sie nach den Büchern brennen! Und nun darf ich Sic wohl ein wenig zur Unterhaltung mit Scholaum Al eichen: einladen, diesem Tausendsassa mit dem schmunzelnden, vergnüglichen Lächeln eines Wilhelm Raabe auf den Lippen, mit dem grinsenden Behagen des Humoristen, der, natürlich noch in gehörigem Abstand, an den Falstaff-Gestalter erinnert. Er ist leider zu wenig, viel zu wenig da, aber wie er dasteht, init verschränkten Armen, ist er schon ein prächtiger Kerl! Er konterfeit sich, mit ein paar Strichen zwar imr, aber doch deutlich und scharf, daß cs eine Freude ist, ihn anzusehen. Momentphotographic. Ein vielbeschäftigter, nervöser Schriftsteller, der seit Wochen von einem unbekannten Menschen um einen Rat geplagt wird und ihn nun endlich erteilen will. And nun konterfeit er das unbekannte Menschlein, konterfeit cs durch seine Jcherzählung in so bunter, sprühender Laune, hält die quecksilberne Beweglichkeit, die wirre, verzweifelte Ratlosigkeit dieses unglücklichen Tropfes so plastisch fest, daß Sie ihn leibhaft und in Lebensgröße neben ihm sitzen sehen, daß Sie jedes Aedcrchen seiner Hand, jedes Fältchen seines Gesichtes wahrnehmen. Der Tropf hat eine Frau — * soll der Himmel alle guten Menschenkinder vor einer solchen Frau bewahren! Ihm ist sic nicht sonderlich hold, waltet nicht gerade als sanfter Engel und in stiller, fraulicher Würde ihres Heims. Und auch einen Schwiegervater hat er — mit seiner festen Hand auf der Geldtasche nicht eben zum Verlieben. Und erst die Schwiegermutter — ein Stück Hexe aus „Hansel und Gretel" mit zärtlich-einseittgcr Verliebtheit in ihre Engelstochtcr. Aber — und nun kommt das große Aber, das dem Armen das Dasein vergällt, das ihm Schlaf, Ruhe, Lebenslust raubt: der Schwiegervater ist reich und die Tochter ist einziges Kind und „über 100 Jahr alles ihres, das heißt meines". Dieser Refrain, dieser goldklirrende Refrain kehrt immer wieder, wenn Herr 3c. berichtet, wie seine Frau, das von den Eltern unbedingt vergötterte Nesthäkchen, liebäugelt und so sonderbar beruhigt wird mit dem jungen „neuen Doktor" — verbrennen soll er! —, wie sie, alles in bewußtem, schroffem Eontrepart zu ihrem Mann, Schrei- und Ohnmachtsanfälle markiett, damit dieser Dottor, Baldrian und Brom in einer Person, kommt, wie dessen Vater, der Schneidermeister, die Oeffentlichkeit absichtlich und bedacht aufftachelt, um die Scheidung zu erzwingen, damit dann über 100 Jahr nicht mehr alles „seines" — des Herrn 3t\ — sondern „seines" — des Herrn Doktors — ist. Man kann, um mtt dem Shakespeare'schcn Prinz Heinz zu reden, zu allen Hunwrcn bei dieser Geschichte aufgelegt werden, und ich wünsche recht lebhaft, Sie möchten sie im Kreis Ihrer Freundinnen vorlcsen. Sie gähnen etwas hinter der vorgehaltenen Hand, spüre ich? Nun gut, recht bald für heute Schluß! Perez' Kunst kann ich Ihnen vielleicht einmal aus der deutschen Ucbcrtragung gesondert skizzieren, das eine berühmte Pröbchen seiner Kunst „Bonze hat geschwiegen", dieses mtt den schlichtesten Mitteln arbettendc und die tiefsten Wirkungen erzielende Gemälde eines in seinem ganzen hieniedrigen Dasein unterdrückten und alles sttllschweigend ertragenden Lebenskärrncrs — wenn ich diesen Ausdruck wagen darf —, der dann in 'seinem jenseitigen Dasein überreich für fein gelassenes Dulden belohnt werden soll und sich aus den ihm zur freien Verfügung gestalten sämüichen Schätzen des Jenseits nur wünscht: „Täglich in der Früh eine warme Semmel und ein bischen frische Butter" — ist voll goldener Herzpoesic. Ich darf wohl schließen, Madame, Ihr Appetit ist gewiß genug gereizt. Ncbcr die literarischen Gourmandgenüsse hinaus, die Ihnen die beiden Bände' bieten, werden Sic aber daraus noch einen feineren und wertvolleren Nachgeschmack haben! Sic werden eine erhöhte Anschauung vom Leben und Treiben unserer Brüder im fernen Osten gewinnen, Sie werden ihre Gesühls- und Gedankenwelt kennen und schätzen lernen. Sie werden in Ihrer Gefühls- und Gedankenwelt mannigfache Bereicherung erfahren und einsehen: Da drüben hinterm Berg wohnen auch Leute! Ich grüße Sic und Ihre Familie hcrzlichst. Ihr Max Spei er. Nachtleben^auf den Pariser Boulevards. Jüdische Kinder im Boulcvardlebcn. Der Mond scheint ruhig und gelassen ans die fröhlich lachende, vorwärtshastende Menge, die sich hier, aus allen Nationen zusammengewürfelt, auf dem. Boulevard hin- und herschiebt. Vergessen ist des Alltags Mühe, seine Plagen und Kämpfe, vergessen ist das kommende Morgen, man lebt nur dem heutigen Abend, und dieser ist so schön, daß er auch auch gefangen nimmt und unwillkürlich mit in seinen Bann zieht. Heiter plaudernd betrachte ich mit meinem Begleiter, dem dieses Bild nichts Neues mehr ist, die wechselnden, teils charaktervollen, teils alltäglichen Gesichter; schlankgebaute Fraucngestalten, allein oder am Arme eines Begleiters, huschen an mir vorbei, Lebensfreude, ja Lebensübermut in den Augen: Studenten, die Baretts keck auf dcni Ohr sitzend, begleitet von Studentinnen, ziehen singend gruppenweise vorüber, hier einen Bekannten scherzend anrufcnd, dort im eifrigen Geplauder stehen bleibend; alles kunterbunt durcheinander. Zwischen all' diescir Gestalten fesselten mich anr meisten kleine, 10—12jährige. Kinder, welche mutterseelenallein sich durch die Passaitten drängten, in ihren armseligen Gewändern vor Frost erschauernd. Die Züge dieser Kleinen, ihre schwarzen, durchdringenden Augen, in deren Tiefe der ganze Orient erscheint, diese Augen,, die selbst in den' heitersten Augenblicken einen melacholischen Zug nicht zu bannen vermögen, waren mir so wohl bekannt. Es waren jüdische Kinder, die sich wie Kletten an die Vorübergehenden hängten, sodaß ich glauben mußte, daß sie bettelten. Es war dieses für mich ein ganz neuer Anblick, daß Juden bei Christen bettelten, während ich sonst, imr das Gegenteil gesehen hatte. Ich woltte daher wissen, in welcher Weise sich die Christen diesen jüdischen lleincn Bettlerinnen gegenüber benehmen, umsomehr, da ich doch wußte, daß die Behörden, durch das energische Einschreiten der französischen Presse veranlaßt, bereits Maßregeln getroffen hatten, um dem Unfug zu steuern, den Frauen und Männer mit ihren eigenen, oftmals fremden Kindern trieben, indem sie solche veranlaßten, die Passanten kläglich um ein Almosen anzuflel)en. Aber bald überzeugte ich mich, daß die jüdischen Kinder nicht bettelten, sondern Blumen verkauften, sich dabei hauptsächlich an die Frauen wendend^ — und welche Frauen!! —, uni durch diese die Herren zu veranlassen, ihre Blumen abzukaufen. Ich war erstaunt, daß jüdische Eltern ihre Kinder so spät des Abends allein auf die Boulevards gehen lassen, wo man mehr dem Amüsement als der Akoral huldigt. Es ist ganz unmöglich, zu beschreiben, welchen schädlichen Einflüssen und Gefahren diese Kinderseelen beim Blumenverkaufen ausgesetzt sind. Die meisten ihrer Klientinnen (und viele jüdische „einstige Blumenverkäuferinnen" darunter) sind unglückliche, verführte oder durch eigene Schuld lasterhaft gewordene Mädchen. Dieses Vorbild steht nun den Kleinert vor Augen, 'sie sehen und hören Dinge, die nicht für chr Kindesauge bestimmt sind. Welche Moral können nun diese Kinder haben? Täglich des Lebens Treiben in den Kaffeehäusern vor sich, ahmen sie'unwillkürlich Gebärden und Sprechen der „Dirnen" nach, und unbewußt gehen sic bereits im Kindesaltcr dieselben Wege, wie leider bcretts hunderte von Beispielen uns dieses zeigen. Es schnitt mir durch das Herz, als ich ein etwa lOjähriges Mädchen die Witze einer Dirne Nachreden hörte und ich hören mußte, daß cs sich auch die Sprechweise und das Lachen derselben bereits angceignct hatte. Daß diese Existenzen vernichtet sind, ist klar. Aus diesem Kind wird nur eine „Dirne" und aus den Knaben, die bereits im. achten Jahre auf den Boulevards das Verbrecherleben kennen lernten, sich mit der Phantasie des Kindes an diesen: Abenteurerleben berauschten, „Apachen". Dieser Zustand ist leider oftmals der jüdischen Armut und der grenzenlosen Unwissenheit und Sorglosigkeit der Eltern zu verdanken. Die Stube ist kalt und finster, kein Brot im Hause, Verdienst nicht eben sehr groß, und da sagt sich manches Eltcrnpaar: „Nur einmal," es wird dieses „einzige Mal" den: Kinde nicht schaden. Und sie bedenken nicht, daß sie mit diesen: „Nur einmal" ihr Kind für immer unglücklich machen, daß dieses „Nur einmal" ihr Kind zur „Hetäre" stempelt, — und wenn sic bereits sehend werden, dann ist es zu spät. Das Kind, Knabe oder Mädchen, geht „e i n m a l" auf die Straße, sicht das lustige Treiben, den Putz, den Flitter, es weiß, daß seine Klientinnen einst wie es arme Mädchen waren und jetzt stets geputzt sind und Schmuck besitzen, ohne zu arbeiten und nicht wie andere gezwungen sind, im Geschäft oder im dumpfen Atelier 8—10 Stunden zu sitzen; die 'Arbeit wird ihm verleidet, und es ist für das Straßcnleben gewonnen. Nieruand ist da, der ihm die Schattenseiten zeigt, niemand, der ihm moralisch den Weg weist. 8. 8. Chanucka in Petach-Tikwah. (Aus den: Briefe einer ehemaligen Frankfurterin.) . . . Wer in Deutschland aufgewachsen ist, in dessen Vorstellung trägt Chanucka das ausgesprochene Gepräge eines Winterfestes. Und so fiel es mir hier erst etwas schwer, zu glauben, daß wir jetzt wirklich Chanucka haben sollten. Zu den grünen Feldern und Wiesen, der fonncngctränktcn, klaren Luft, zu dem heiteren Blau des Himmels hätte Schewuoth viel eher gepaßt. Aber die Lichtlein, die an den Fenstern aller Häuser in täglich wachsender Zahl ausflammten, die geselligen Abende, die eine ganze Woche hindurch den Arbeitstagen folgten, ließen keinen Zweifel: Ja, es war Chanuckck! Auch hier wurde das Chanuckafest fröhlich begangen, und ich habe wacker mitgefeicrt, gefeiert mit den Alten, den Jungen , und den,Allerjüngsten. Wie in Frankfurt, so hat man auch hier Spielabeiwe. Man spricht aber nicht von einem „Spielabend", sondern hier heißt es: „Heute Abend gibt es bei dem und dem „Latkes". Latkes (ein Gebäck, das unseren Krapfen ähnlich ist) am Chanucka zu essen, ist hier Pflicht eines jeden rechten Juden, Latkes zu backen der Hausfrau ebenso heiliges Gesetz, wie dem Hausherrn das Entzünden der Lichter. Ja, es gibt Häuser, in denen man es mit dem ersten Gebot strenger nimmt als mtt dem letzten. Und so hat denn jede Familie ihren „Latkes"-Abcnd. Natürlich werden auch andere Genüsse geboten. Auf dem Tische steht außer Kuchen und Konfekt allerlei Obst, das Erzeugnis des Landes,' in' den meisten Familien das Erzeugnis des eigenen Bodens: Mandeln, Rosinen, Nüsse, Feigen, Datteln, Bananen, auch Aepfel und Birnen,'und vor allem die großen, saftigen Orangen, deren Aroma gerade in dieser Gegend so vortrefflich ist. Dazu schenkt man den selbstgezogenen Wein ein oder man trinkt Tee. Die Unterhaltung ist bald sehr lebhaft. Allerlei Spiele werden veranstaltet, Rätsel geraten, lustige Geschichtenix* .zählt,- das Grammophon spielt, - ein - stimmbegab-