Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 2 (14.1.1910)
- Date
- 1910-01-14
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Frakckfiücker MsraMWeZ FamilieMatt. Nr. 2. berühren würde und in Rücksicht auf Konstantinopel nur ein neutraler Ort genommen werden dürfe. Redner. geht nun auf den Misrachi ein, der geschlossen treu zu Wolffsohn hielt, schon deshalb, .weil in Berlin die Leitung der Spielball von Elementen geworden wäre, deren Einfluß ihm nicht wünschenswert erscheine. Die Aussprache mit den Leitern des Nationalfonds habe zu Ergebnissen geführt, die für die Zukunft vollständig befriedigen. Dadurch, daß der Misrachi Föderation geworden ist, sei naturgemäß die Bestimmung, daß jedes Mitglied des Misrachi Mitglied der örtlichen zion. Ortsorganisation sein .müsse, hinfällig geworden. Prof. Wehl beleuchtete Nordaus Rede, die, ein dialektisches > Meisterstück, die gegenwärtige Situation in das klar umschriebene Baseler Programm hineinzudeuteln versucht und kein Wort über die praktische Arbeit in Palästina verlauten gelassen habe, und unterzog dann die Polemik gn dm: Franks. Zeitg. .einer Kritik. Die Befürchtungen des Schreibers in der Franks. Zeitg., daß durch den Zionismus die alten jüdischen Satzungen, Sitten und Gebräuche wieder ausleben könnten, sollten den nichtzionistischen Orthodoxen zu denken geben. Prof. Wehl gab des ferneren ein Anschauliches Wld von dem glänzenden Studcuteukommers in Hamburg, der einen frohen Ausblick für die Zukunst gegeben habe, denn cs habe sich gezeigt, welch' gewaltige Begeisterung noch unserer Jugend innewohne. , I. L. Goitein, der Gründer der Franks. Zion. Vereinigung und ein treuer Anhänger Herzl' scher Traditionen, legte in seinen Ausführungen das Hauptgewicht darauf, daß der große zion. Gedanke durch praktische Kleinarbeit nicht notleiden dürfe. Auch Wolffsohn sei der praktischen Arbeit sehr geneigt, aber er halle sich in den Grenzen, die zum Besten des Zionismus geboten seien. Wenn der Misrachi an die Gründung einer Kolonie gehe, so überschreite er sein Programm und komme in die Gefahr, das Große seines Programms zu vernachlässigen. Die Oppenheimersche Siedlungsgenossenschast sei im Sinne der großen . zion. Idee und der praktischen Arbell. Rabbinowitz (Schefer) suchte den Nachweis zu liefern, daß die Opposllion auf dem Kongresse nur von sachlichen Motiven geleitet worden sei, sie wollte insbesondere keine Einzelherrschaft und verlangte, da die östlichen Juden 80 »/o der Bewegung bilden, Vertretung derselben in der Leitung. Levigard betonte mit Recht, daß Kritik * überall an der Leitung geübt werde, Dr. Feuchtwanger wies sehr richtig darauf hin, daß sich in Berlin ja keine Männer für die Leitung gefunden haben. Es sprachen noch: B c n d o r f, Prof. Wehl, Rabinowitz, Goitein, Stern, Janzon und Perlmutter, welch letzterer, trotzdem er nicht Mllglied einer zion. Ortsgruppe ist, erklärte, daß der Kongreß ihm gezeigt habe, daß es Pflicht jedes orthodoxen Juden sei, sich ernstlich zu überlegen, ob er nicht dem Misrachi beitreten solle. Rabb. Dr. Breuer habe in seiner 1 Predigt gesagt, daß der Abfall sich in gewissen Stufen vollziehe und ebenso die Rückkehr, wie der Kongreß gezeigt habe, seien die Zionisten schon auf der zweiten Stufe der Rückkehr angelangt. Kouftantinopel. Bon dem bebräilchen Wochenblatt „H amc v asser" ist nunmehr die 1. Nummer erschienen. In dieser Nummer heißt es: „Die Ottomanen, die nicht engherzig sind, haben niemals irgendwelche seelische Opfer verlangt, wie dies auch die Jungtürken der Gegenwatt nicht fordern. Sie perlangen nur von allen Nationalitäten im Staate die Kenntnis der Landessprache, — und wir unterstützen diese Forderung mll allen Kräften. Sie verlangen aber von den Juden keine Assimilierung und Ausgabe ihres Nationalbesitzes. Das nationale Bewußtsein der jüdischen Massen in diesem Lande ist unerschüttert. Und auf der Basis dieses natürlichen und gefunden Bewußtseins wollen wir unser Werk für das türkische Judentum errichten, das von der Geschichte dazu berufen scheint, der Pionier der gesamtjüdischen Renaissance im Orient zu werden " als ich dachte. Der „humane, fortschrittliche" Präfekt ließ sogar das Wort von „Politischen Verwickelungen" fallen. — Ist das nicht zum Totlachen? Arme jüdische Studenten und „Politische Verwickelungen!" . Baruch gab keine Antwort. „Na, Liebchen," fuhr Niman in gleicher Weise fort: „Du magst grollen und schmollen, so viel Du willst. Du wirst den Mas mit den „vierundzwanzig Stunden" nicht aus der Welt schaffen, und dann — ade Odessa! Hin nach dem wunderfeinen, vielgeliebten Ditomsk! Es ist doch schon so lange, daß wir nicht mit der Eisenbahn gefahren sind, da sollten wir doch froh sein, endlich wieder eine Eisenbahnfahrt machen zu können. — Freilich die „Politischen Verwickelungen", die mit im Spiele sind, dürften es ratsam erscheinen lassen, keine Extratouren zu machen, sondern den geraden Weg dorthin zu nehmen. Sicherlich wird die Polizei ihre liebevolle Ausmerksaiukeit uns zuwendcn ,uud als unsichtbarer Schutzengel uns uingeben, bis wir glücklich auf dem heimatlichen Dunghaufen gelandet sind. Mit dem Gelbe, das wir uns für die nächsten Kollegien erhungert und mit dem Erlös für unsere Uniformen weroen wir eine große Strecke mit der Eisenbahn zurücklegen können; den Rest machen wir per pedes und schlafen in den luftigen Hallen bei „Mutter Grün"." Mit einem ironischen Seufzer der Erleichterung biß er den Zwirnsfaden mit den Zähnen durch. „Gott sei Dank! Der Staat ist fertig und nun kann die Reise losgehen! — Du, Baruch, ob sie bei unserer Ankunft in Ditomsk flaggen und weißgewaschene Ehrenjungfrauen auf stellen werden?" Wortlos hatte Baruch bisher den zerfleischenden Reden Nimans zugehört, und mit einem Gefühle der Uebelkeit wendete er sich jetzt dem Fenster zu; doch in scinein schweigen lag etwas, das Nimans Aufinerksamkeit erregte; er blickte ihn scharf an und war mit einem Satz an seiner Seite. „Baruch, Du hast etwas auf dem Herzen!" Doch dieser gab ihm noch keine Antwort. „Baruch, sage mir, was es ist, oder ich reiße es Dir von der Zunge!" Mit geballten Fäusten und knirschenden Zähnen stand er vor ihm. „Sage mir, was vorgefallen ist. Ach, ttchtig. Du sprachst doch auch etwas von einer dea ex machina! Wer war sie und was Ivollte sie?" „Die Frau des Präfekten," erwiderte dieser, den Frager mit stieren Blicken ansehcnd. „Sie war meine gütige und auch erfolgreiche Fürsprecherin meines Gesuches bei ihrem Mann, ich aber sagte —" „Run?" die kurze Silbe klang scharf und, chneidend. ,>Jch aber sagte, daß wir beide zusammengehören." „Du hast also meiner gedacht und auch für mich gebeten — natürlich! Und dann?" „Dann wies er mir die Tür." „Wiederum ganz natürlich," sagte Niman tonlos, feine Arme schwer am Körper sinken lassend. Er blieb eine ganze Weile stumm, und nur die blutigen Lippen bekundeten den schweren Ernst seines innern Kampfes. Endlich richtete er sich energisch ans und schüttelte abwehrend seinen großen Auge uw Auge.*) , .Roman von Sam. Gordon. : Frei übersetzt von M. Pulvermann. Fortsetzung). Ohne aufzublickeu fragte er in seiner sarkasti schen Weffe: „Nun, ist die Posse vorüber?" ■ „Ja, alles ist vorüber," murmelte Baruch. tonlos; „Posse, Komödie, Trauerspiel, dea ex machina, alles, alles ist vorüber." „Wieso Trauerspiel?" witzelte Niman mit Galgenhumor. „Es war sogar noch possenhafter, *) Abonnenten wird auf Wunsch der Anfang des Momanes nachgeliefert. ,L!cin, Baruch," sprach er mit wilder Entschlossenheit: „das geht nickst. Du verlangst zu viel von mir." — Baruch sah ihn verständnislos an. Niman fuhr sott: „Du willst Dein Schicksal an das meinige knüpfen, indem Du die Gnade des Präfekten nur unter der Bedingung annimmst, wenn diese sich auch auf meine Person erstreckt. Du verlangst dadurch, baß ich dabei beteiligt sein soll, wenn Du geistigen und gesellschaftlichen Mord begehst; Du willst mein Gewissen mit dem Mord Deiner Karriere belasten! Nein, Baruch; das darfst Du nicht. Ich bin nicht stark genug, um zwei Schicksale zu tragen. Darum mußt Du unbedingt hier bleiben! Nicht allein Deinetwegen, sondern noch mehr meinetwegen!" Baruch kannte Niman und rang verzweifelt die Hände. „Ninian, Du dämonischer Sophist! Du gutherziger Teufel! Dü stachlige goldlautere Seele . . , „Sehr hübsch! Hast Du noch mehr solche Kosenamen für mich? Mache nur weiter so; ich sehe Dich gern in Extase! — Wenn Du aber genug hast, dann wollen wir zuni letzten Male unsere gemeinsamen Mahlzeiten verzehren. Allerdings wirst Du Dich heute noch mit Schwarzbrot und Käse begnügen müssen; doch von morgen ab gibt es für Dich nur noch Marzipan und gebratene Tauben. — Denke Dir nur: sechzig halbverhungerte Studenten weniger! Dann werden die Privatlehrer in Odessa ein rarer Artikel sein!" Er stand auf und fing an, seinen Ranzen zu schnüren. Bald war er damit fertig. „Und nun, Baruch, Gottbefohlen und Glück auf!" Wie geistesabwesend nahm Baruch die dargereichte Hand; endlich schien er sich auf die Wirklichkeit zu besinnen. „Du hast recht, Niman. Wir wollen hier schon mit dem Abschied beginnen. Am Bahnhofe dürfte uns die nötige Weihe fehlen." „Nein, mein Söhnchen! So ist es nicht gemeint. Du wirst , überhaupt nicht zuiu Bahnhof mitgehen," sprach er entschieden; „das wäre ja ein köstlicher Anblick, der feine Student in der stattlichen Uniform und der zerlumpte Arbeiter mit s dem Bündel auf dem Rücken ..." „Niman, warum peinigst Du mich so? Warum sprichst Du so zu mir? Ist es denn meine Schuld, daß ich, . ." „Daß Du Glück hast? Ganz gewiß nicht! Aber Deine Schuld ist es, daß Du ein Narr bist, der sich vom Augenblick Hinreißen läßt und überall eine Szene machen will. Bist Du schon von Sentimentalitäten vollgepfropft und sollen diese durchaus zum Durchbruch kommen, dann wähle wenigstens einen Ort, wo Du weniger das Beifallklatschen des spottlustigcn Pöbels herausforderst. Und so lange ich noch hier bin, will ich auch auf Deine Würde achten, da ich selbst keine eigene mehr habe, die einer Achtung bedarf, oder, nach Ansicht der russischen Machthaber, einer solchen wert ist, — Also, mein Söhnchen, kein Bahnhof sür Dich! Eine herzhafte, kernige Umarmung hier und dann — fertig!" Und so war es; Baruch ging nicht zum Bahnhof. Er verstand Nimans Gedanken. Niman war klug und praktisch und Ivollte kein unnötiges Märtyrertum auf sich nehmen. Er wollte es vermeiden, den Freund als lebendiges Denkmal seiner eigenen vernichteten Hoffnung dastehen zu sehen, wenn er zum letzten Male aus dem Zuge nach Odessa zurücksah; er wollte nicht noch länger durch den scharfen Gegensatz gepeinigt werden. „Auch Mißerfolge muß es im Leben geben, uni den Glanz des Erfolges nur noch heller erstrahlen zu lassen; das Licht gewinnt ja auch an Bedeutung, weil die Finsternis ihre Berechtigung hat." — So dachte Niman, der geborene Stoiker, und das war die Leichenrede, ,die er seinem begrabenen Ich hielt. Und als er im engen, vollbesetzten Abteil, zwischen Zigeunern und Auswanderern eingekeilt, saß, da nahm er noch einmal den halbzerfetzten Horaz zur Hand und seine bebenden Lippen murmelten leise, kaum hörbar: „Eheu fugaces . . .!" III. Es vergingen viele Tage, ehe Baruch sich wieder mit ungeteilten Gedanken seinem Studium hingebcn konnte. Mit zäher Hartnäckigkeit lebte die Furcht noch fort in ihm, wie bei Menschen, die aus einer Feucrbrunst sich gerettet, während andere Bewohner bei der Katasttophe umgckommen sind. Sehr oft fuhr er im Schlafe plötzlich wild empor, um sich die Frage vorzulegcn, ob der Vorgang bei dem Präsekten wirklich stattgefunden hatte, oder ob er nur eine neckische Einbildung seines überreizten Gehirnes sei. Und auch als die wahre Tatsache sich nicht mehr hinwegleugnen ließ, da schreckte ihn wieder das Schuldbewußtsein seiner niedrigen und verächtlichen Gesinnung gegen Niman. Er konnte den Gedanken nicht von sich weisen, daß ein damaliger heroischer Entschluß, das eigene Schicksal mit dem des Freundes zu verbinden, doch wohl nur eitel Lug und Täuschung gewesen. Er konnte es sich nicht verhehlen, wie hohl und aufgeblasen seine ganze Art gewesen, als er sich zu einem Opfer fähig hielt, groß genug, um sich mit den historischen Trägern todesmutiger Frenndschast auf der gleichen Stufe zu stellen. Wie aber, wenn Niman ihn damals beim Wort genommen? Hätte seine Freundschaft auch da die Probe bestanden? Würde er sich da nicht als Egoist vom reinsten Wasser entpuppt haben? Niman hatte ihn sicherlich durchschaut und, um den äußern Schein zu wahren, jede innere Seelengemcinschaft mit ihm abgelehnt. — Baruchs Grübeleien steigerten sich nach und nach zur Furcht und Verzweiflung, und er glaubte sich vom Geschick zu unheimlichen Taten ausersehen, da er ja schon den ersten Schritt zur Sonnenhöhe über die Leiche der Jugendfreundschaft machen mußte. Mit geteilten Empfindungen ging er zum Baron, um seine Dankbarkeit abzustatten. Er wurde sehr höflich, ja sogar wohlwollend dort empfangen. „Ich muß jeden Dank meinerseits entschieden ablehnen," sprach der Präfekt lächelnd; „wäre es nach mir gegangen, so hätten Sie nicht einen Atom mehr Rücksicht als Ihre Kameraden erfahren. Ich will Ihnen jedoch gestehen, daß mir Ihr männliches Aufbrausen sehr gut gefallen hat. Für einen Mann von Geist niuß es in der Tat gallenbitter sein, sein Geschick der Lärme einer Frau verdanken zu müssen, und sei diese noch so liebenswürdig oder der Gewinn noch so groß. Wenn Sie.daher meinen Rat befolgen wollen, so gehen Sie zu meiner Frau und schütten Sie die Schale Ihres Zornes über sie aus, damit sie sich in Zukunft etwas mehr Zurückhaltung in- Staatsangelegenheiten auferlege." Baruch befolgte den Wink. Er ging aber nicht zur Baronin, sondern stattete ihr seinen Dank schriftlich ab, ohne aber dabei in den Fehler süßlicher Schmeicheleien zu verfallen. Dennoch hegte er im stillen die schwache Hoffnung, mit einer Antwott ihrerseits gewürdigt zu werden. Und wirklich traf — wenn auch erst nach einigen Wochen — ein Brief der Baronin ein. Sie entschuldigte ihre verspätete Anwort mtt einer längern Reise und der Nachlässigkeit der Dienerschaft, die es verabsäumt, ihr seinen Brief nachzusenden. Als