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Neue jüdische Presse · 1910-01-14 · Heft 2 (14.1.1910) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 2 (14.1.1910)
Date
1910-01-14
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr 2 Franifurker Israelitisches Familienblatt. Seile 3 wird Mazedonien von der „A. I. K. O." nicht ins Auge gefaßt. Die Denkschrift hebt hervor, daß die Verteilung der Einwanderung nicht im Sinne einer zn weit gehenden Zersplitterung aufzufassen sei. „Einerseits sind die Israeliten, um den Vorschriften ihrer Religion Nachkommen;u können, gezwungen, in einer Gemeinde von Glaubensgenossen zn leben. Auch ist die Kohärenz der jüdischen Bevölkerung eine derartige, daß.es nie gelingen wird, sie in ganz geringfügigen, völlig isolierten Gruppen anzusiedeln. Andrerseits wird man, wenn man landwirtschaftliche Kolonien schaffen will, stets mit einer gewissen Anzahl von Familien operieren .müssen." Zwecks mündlicher Unterhandlungen mit der türkischen Regierung wurde der Vorsitzende des Geschäftsführenden Ausschusses der „A. I. K. O." Dr. A l f r e d N o s s i g, nach Konstantinvpel entsandt: Dr. Nossig war mit der Aufgabe betraut, festzustellen, ob die türkische Regierung tatsächlich dem Plan einer systeinatischc» Ansiedelung im Prinzip sympathisch gegenüberstche und bereit sei, sic durch gewisse administrative Erleichterungen zu fördern. Dr. Nossig wurde während der «-Wochen, 'welche die Verhandlungen in Anspruch nahmen, vom Großvesier Hilmi Pascha, sowie von allen zuständigen Ministern mehrfach empfangen und hatte eingehende Besprechungen mit dem Kammerpräsidenten Ahmed Riza Bcy und hervorragenden Abgeordneten. Das Resultat der Unterhandlungen soll den jüdischen Großgemeinden unterbreitet werden. Die gesetzlichen Grundlagen für die Einwanderung und Ansiedelung der jüdischen Emigranten werden durch das vom F i n a n z m i n i st e r und E r k a s m i n i st e r demnächst einzubringende Gesetz über das Eigentum juristischer Personen, sowie durch ein spezielles Gesetz über die Modalitäten der Einwanderung gefchassen werden. Die Organisierung der Einwanderung und Ansiedelung soll eine Aktieugesellschüft in die Hand nehmen. In Würdigung des humanitären Zweckes des Unternehmens, das gleichzeitig mit wesentlichen wirtschaftlichen Vorteilen für die Türkei verbunden sein wird, hat sich ein Komitee aus hervorragenden türkischen Patrioten und .Philantropcn gebildet, unter dessen Protektion alle weiteren Schritte unternommen werden sollen. Es ist dafür vorgesorgt worden, daß die Gültigkeit der Erklärungen der türkischen Regierung durch einen K a b i n e t t s w e ch s e l nicht berührt ivird. Durch den Umstand, daß der Bescheid der türkischen Regierung den jüdischen Gemeinden unterbreitet werden soll, wird die Angelegenheit der jüdischen Kolonisation in der Türkei ans eine neue Basis gestellt. Die Patronanz der jüdischen Gemeinden dürfte einerseits dazu beitragen, namhafte Mittel für bas geplante Kolonisationswerk aufzubringen, andererseits verbürgen, daß dieses Werk — entsprechend dem Verlangen ' der türkischen Regierung — unter Ausschluß jeder Parteitendenz vor sich gehen wird. Die „?l. I. K. O." stellt sich keiner an der Orientkolonisation beteiligte» Partei im Judentum feindlich gegenüber. Die Herbeiführung einer planmäßigen Kooperation aller im Orient tätigen jüdischen OrganisaUonen ist vielmehr ein wesentliches Ziel der „A. I. K. O." Berlin. Der Gesamtvorstand des VerbandesderVereine fürjüdische Geschichte und Literatur in Deutschland hat in letzter Zeit zwei Sitzungen abgehaltcn. Auf der Tagesordnung standen folgende drei Punkte: 1. Ergänzungswahl des Vorstandes, 2. Beratung über Ort und Termin des nächsten Verbandstages, 3. Vorschläge zur Reorganisation und Förderung des Verbandes und seiner Einrichtungen. Die eingehenden Beratungen führten zu dem einstiminigen Beschluß, Herrn Professor Dr. M a r t i n P h i l i p P - s o n zum Ehrenvorsitzenden, Herrn Dozenten Dr. I. E l b o g e n znm 1. Vorsitzenden und Herrn Alois Marcus in Firma Veit, Selberg & Co., Berlin -Französischest!:. 49, zum Schatzmeister des Verbandes zu wählen. Zugleich wurde beschlossen, den Verband zu reorganisieren, den Wanderrednerfonds zu kräftigen und im Laufe dieses Jahres, möglichst im Anschluß an die nächste Versammlung des Deutsch-Israelitischen Gemeindcbundcs, einen Verbandstag labzuhalten. Berlin. Da über die neueren Bestrebungen, jungen Israeliten das Forkommen im landwirtschaftlichen Betrieb zu erleichtern und deren Berussmöglichkeiten zu erweitern, noch viel zu wenig Klarheit besteht, hat sich Herr Dr. Artur Kahn, einer der eifrigsten Anhänger und Förderer der Bodenkultur unter den Juden Deutschlands,. bereit erklärt, über dieses Thema in allen Städten, wo das nötige Interesse dafür vorhanden ist. Borträge zu halten. Herr Dr. Kahn würde insbesondere auch gern einige Aufschlüsse geben über das Steinhorster Unternehmen, das von der Simon' schen Stiftung zu Hannover gemeinsam mit dem Verein zur Förderung der Bodenkultur in Berlin, ins Leben gerufen worden ist. Wir bemerken, daß besondere Honorarkosten durch diese Vorträge nicht entstehen. Darmstadt. Uever das Jabr 1907 bringt das „Statist. Jahrbuch für das Größhcrzogtum Hessen" folgende st a t i st i s ch e Zahlen, die uns Juden aiigehen: Es wurden 184 jüdische und 19 jüd.-christl. Ehen geschlossen, 459 Kinder ans jüd. Ehen, 22 ans jüd.-christl. Ehen und 8 unehelich von 'jüd. Müttern geboren, und cs 'tarbcn.326 Jude». Posen, 9. Januar. Unter überaus reger Beteiligung fanden am 6. ds. Mts. die Repräsen taute »wählen der Synagogengemeinde statt. B o n 1167 Wahlberechtigten übten 103J ihr Wahlrecht aus. Das ist ein Prozentsatz, wie er bisher einzig dasteht und der nur erreicht wurde durch die außerordentliche Agitation sowohl seitens des positiven Blocks, als auch seitens des Vereins liberaler Juden. Die Kandidatenliste des letzteren Vereins blieb schließlich die siegreiche, denn bis auf einen Kandidaten wurden alle von ihm vorgeschlagenen Herren gewählt. Die Repräsentantenversammlung, die mit den Stellvertretern 25 Mitglieder zählt, weist eine Minderzahl von Konservativen auf. Tarnowitz. Als Grundstock sür ein in Oveischlesien zu errichtendes jüd. Krankenhaus stistete die hiesige Chewra Kadischa, anläßlich ihres 50 jährigen Bestehens 5000 Mark. Oesterreich-Uugaru. Budapest. In unserer 170000 jüd. Seelen zählenden Hauptstadt schließt jeder fünfte Jude eine Mischehe. So wurden 1907 1478 rein jüdische Ehen und 272 jüd.-christl. Ehen eingegangen. Budapest. Die vor zwei Jahren gewählten neuen Rabbiner scheinen doch Neues zu schaffen, wenigstens in Vereinen. Nachdem sich anfangs Winter unter der Aegide Dr. S. H e v e s i' s der n u g. i s r. K ul - tusverein gebildet hat, der seine in letzter Zeit abgehaltcnen 45 Vorlesungen über jüd. Geschichte und Literatur nun durch eine großangelegte Kulturmatinee abschließen will, haben sich in letzter Zeit wieder zwei Vereinigungen gebildet, die beide „dem Kinde" zugute kommen sollen. Die „jüd. P atroll a g e" ist durch die neue ung. Kinderschutzgesetzgebung notwendig geworden, die derzeit über 50 000 verlassene oder verlorene Kinder in staatliche Aufsicht und Pflege genommen hat. Die Patronage soll dafür Sorge tragen, daß die jüd. Kinder, deren Zahl ca. 1500 beträgt, in Hände jüd. Pflegeelteru kommen, sowie dafür, daß auch die kleinen jüd. Verbrecher und Leichtsinnigen, die nach neuem Gesetz ' in Familienkorrektur gegeben werden, zu Juden gegeben werden. Der andere Verein bezweckt die Gründung einer jüd. Ferienkolonie, wie sie bisher in Budapest nicht bestanden. An Stiftungen und Spenden hat der Verein bisher zirka 60000 Kr. Auch von einer Einführung der Bnei- Brith logen und einer wöchentlichen Veröffentlichung und Preisstellung der Renegateuliste — nach Wiener Muster, — ist in hiesigen Kreisen die Rede, doch sind die Meinungen diesbezüglich noch geteilt. Dr. F. Lemberg. Eine in der Geschichte des Judenhasses wohl beispiellos dastehende Affäre ist von hier zu melden. Die hiesige A d v o k a t e n k a m in e r hat gegen jüdische Rechtsanwälte ein Disziplinarverfahren eingeleitct, weil sie sich in einer öffentlichen Versammlung gegen den hiesigen Gemeinderat wegen Nichtsubventionierung einer jüdischen gemeinnützigen Institution ausgesprochen haben. Es handelt sich unr die Advokaten Dr. Buber, Dr. Fried, Dr. Grünberg, Dr. Ringel Dr. Nußbrecher, Dr. Landes, Dr. Feld und Dr. Zipper, welche die durch den Gemeinderat erfolgte Ablehnung des Unterstützungsgesuchs des jüdischen Rigorosantenvereins mißbilligten. Es dürfte schwer fallen, eine Analogie zu diesem Fall zu finden, daß eine sozialberufliche Körperschaft ihre jüdischen Mitglieder maßregelt, weil sie es sich erlauben, jüdische Interessen zu vertreten. Und dabei ist es die Körperschaft eines Standes, der das Recht und die Gerechtigkeit repräsentiert und der höchsten Intelligenz des Landes angehört l — Der die führenden polnischen K r e i s e beherrschende Antisemitismus läßt befürchten, daß die mit soviel Aplomp angekündigte Enquete über die ökonomische Lage der Juden in Galizien und die daran anzuschließende Hilfsaktion im Sande verlaufen. Die Enquete war bereits für den August v. I. bestimmt. Nun ist' von ihr noch immer nichts zu hören, obgleich der Landtag in diesem Monat wieder Zusammentritt. Rußland. Moskau. Der berühmte Prediger Abt Heliodor hielt in der Kathedrale eine heftige Predigt gegen die Juden. Er sagte u. a.: „Die Pogroms gegen die Juden, waren keineswegs Akte menschlicher Willkür, sondern der Willen Gottes. Die Pogroms haben nicht bei uns angefangen, sondern ihr Ursprung reicht schon . bis in die Zeit zurück, als Gott die Juden verflucht und über die ganze Erdoberfläche zerstreut hat. In allen Ländern, in welche die Juden eingedrunge» sind, ist es schon viel früher als in Rußland zu Pogroms gekommen, so in Oesterreich, in Frankreich, in England und in der Türkei. Die Juden haben nur den Lohn empfangen, den sie verdient haben. Das rechtgläubige russische Volk, welches seinen Glauben, seinen Zaren und sein Vaterland gegen die Attentate der Juden zu verteidigen gezwungen ist, muß einmütig den Kamps gegen die Juden fortsctzen, damit sie die gerechte und wohlverdiente Strafe erhalten, welche Gott über sie verhängt hat." Unter den Juden hat diese Predigt außerordentliche Beunruhigung hervorgerufen, da sie den Ausbruch neuer Pogroms befürchten. Die jüdischen Deputierten in der Reichsduma haben die Absicht, die Angelegenheit zum Gegenstände einer Interpellation zu machen. Shitomir. Nach sechzehnjähriger Zwischenzeit beruft jetzt die Regierung abermals eine Kommission der Rabbiner < des ganzen russischen Reiches nach Petersburg. Jedes Gouvernement soll 2 Abgeordnete wählen. In Kiew fand vorgestern die Wahl statt. Man wühlte den Kiewer bekannten Millionär B r o d z k y und noch einen; beide begaben sich bereits nach Petersburg. Die jetzige Kommission unterscheidet sich von den früheren dadurch, daß sie gemeinschaftlich mit der Regierung konferieren wird. Früher beschäftigte sich die Rabbinerkommission nur mit Fragen, die das religiöse Leben der Juden betreffendie jetzige aber soll auch andere wichtige Fragen lösen, und zwar solche/ die das ganze jüdische Leben betreffen. Dazu gehört zu allererst, die Last der Fleischsteuer aufzuheben; wogegen die Reichen eine gewisse Abgabe entrichten sollen. Der Arme muß hier für jedes Pfund Fleisch, das er ißt, 8 Kopeken Steuer bezahlen. Zwar gehört diese Steuer den Juden — Synagogen, Hospi, täler, Talmud Thoras werden durch sie erhalten —; aber die Armut ist hier in Rußland so groß, daß diese Steuer abgeschafft werden muß. Die Regierung gab Befehl an die Gouverneure, zur jetzigen Wahl auch gebildete jüdische Kaufleute zuzulassen, und nicht, wie in den früheren Wahlen, nur die Rabbonim. . I. I. Braun. Großbritannien. London. Ob der jüngst verstorbene Dr. Ludwig Mond jüdische Institutionen in seinem Testamente bedacht hat, ist bisher nicht bekannt geworden, erscheint aber fraglich. Was aber bekannt geworden ist, zeugt aber trotzdem von echt jüdischem Gemeinsinn. Je 1 Million Mark — anszahlbar nach dem Tode seiner Witwe — erhalten die „Royal Society" in London und die Heidelberger Universität für Zwecke der Chemie und der Physik, je 400000 Mark die Akademie der bildenden Künste in München und die Stadt Kassel, letztere für ein Genesungsheim, und 56 äußerst wertvolle Gemälde die Englische National-Galerie. Aus der zionistische» Bewegung. Frankfurt a. M., 12. Jan Nachdem in diesen Blättern bereits eingehendst über den 9. Kongreß berichtet worden ist, sei von der Versammlung, die die Franks. Zion. Bereinigung und die Misrachi-Ortsgruppe gestern abend gemeinsam unter dem Vorsitze des Herrn Professor Wehl abhielten, nur Charakteristisches wiedergegeben. Lehrer Stern konnte pls Mitglied des Permanenzausschusses einen Blick hinter die Kulissen des Kongresses geben. Er habe durch die vertraulichen Erklärungen, die Wolsfsohn dem Permanenzausschusse gab, den Eindruck gewonnen, daß die Leitung alles getan hat, was sie unter den gegebenen Umständen tun konnte. Wenn man alle Möglichkeiten in Palästina hätte ausnützen wollen, dann hätte man einerseits auf weit übertriebene Forderungen der Behörden eingehen und andererseits auf die. finanziell noch schwachen Mittel der Bewegung keine Rücksicht nehmen müssen. Im E. A.-K. scheinen wohl sachliche Unstimmigkeiten zu herrschen, scharf kam aber der Gegensatz zwischen Wolsfsohn und Sokolow .zum Vorsein. Er sei der Meinung, daß Sokolow der Autor der Petersburger Beschlüsse war und damit als Generalsekretär ein sehr merkwürdiges Verhalten sich habe zu schulden kommen lassen. Merkwürdig habe es ihn auch berührt, daß der Permanenzausschuß Untergebene Wolfssohns über ihre Ansichten befragt habe. Dem Permanenzausschuß sei__ ferner der Vorwurf zu machen, daß er trotz dessen wiederholter energischer Ablehnung nach wie vor auf Hantke's Wahl in das E. A.-K. beharrte und auf Berlin als Sitz des E. A.-K. bestand, trotzdem ihm der Widerstand gegen Berlin bekannt war und ihm überdies sein türkisches Mitglied versichert hatte, daß Berlin als Sitz der zion. Leitung in Konstaninopel unangenehm

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