Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 2 (14.1.1910)
- Date
- 1910-01-14
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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.Seite 5. Nr. 2 Zeichen seiner Vergebung, aber auch um eine bessere Bekanntschaft herbeizuführen, bitte sie ihn, nächsten Montag zu einer Tasse Tee en Kamille bei ihr zu erscheinen. Baruch hatte diese Epistel schon sechsmal gelesen, immer aber hielt ' er die ganze Sache noch für einen schlechten Scherz. Das elegante Papier, dem ein feiner Duft entströmte, die goldene Krone in der Ecke, es stand doch im schreiendsten Widerspruch mit allem, ivas sein Auge jetzt traf. Er der gesellschaftlich Ausgestoßene, der arme, verachtete Jude, — mit der vornehmsten Familie Qdessa's auf Besuchssnß stehend. Freilich hatte er bisher, auch schon manches Wohlwollen, manche Hilfeleistung erfahren, dennoch schwindelte es ihm bei dem Gedanken, in dem ersten Salon als Gast sich zu bewegen. Es dauerte eine ganze Weile, bis er sich soweit gesammelt hatte, um eine zusagende Antwort schreiben zu können. Mit laut pochendem Herzen machte er sich zur bestimmten Stunde auf den Weg. Er war sich darüber klar, daß ihm die llmgangsformcu jener Kreise ganz und gar abgingcn; aber anderseits wußte er auch, daß bas Haupterfordernis des guten Tones die Bescheidenheit sei. Und diese half ihm auch über die erste Befangenheit hinweg, als er sogar noch zwei fremde Damen bei der Baronin antraf. Bei seinem Eintreten sah er den Baron abseits sitzen, als beteilige er sich nicht an der Unterhaltung der Damen, während die Baronin freundlich lächelnd ihn begrüßte. „Ich freue nnch herzlich, daß , Sie gekommen sind," sprach sie zu ihm. „Unsere Verwandten haben uns auf der Durchreise überrascht und sie werden sich ebenfalls freuen. Sie kennen zu lernen." „Die Freude ist ganz meinerseits," erwiderte Baruch, doch ein wenig, schüchtern. Die Baronin half ihm aus der Verlegenheit, indem sie mit einem mißbilligenden Blick zu ihrem Gatten sprach: „Sergi, hier ist Herr Volkinann. Erinnerst Du Dich noch seiner?" Baruch ging schnell zu diesem hin. Der Präfekt konnte ein spöttisches Lächeln nicht unterdrücken, als er Baruchs kordialen und treuherzigen Händedruck verspürte. Der Judcnjüngling scheint sich in seinem Palais schon ganz heimisch zu fühlen! Baruch bemerkte oder verstand diesen Ausdruck nicht und wendete sich der jüngern der beiden fremden Damen zu,, die schon beim ersten Blick seine ganze Aufmerksamkeit gefesselt und deren forschendes und durchdringendes Auge er auf sich gerichtet sah. Das Mädchen erweckte ihn ihm wieder ein befremdliches, unbehagliches Gefühl, wie er es schon früher irgendwo empfunden hatte, eine unangenehme Erinnerung, deren Ursprung er aber vergeblich zu erforschen suchte. Wo hat er nur dieses Mädchen schon früher gesehen, wo war es ihm nur entgegengetreten? Die Baronin unterbrach ihn in seinem Nachdenken. „Herr Volkmann, gestatten Sie, daß ich Ihnen meine Verwandten vorstelle: Frau Gräfin und Komtesse Koratow!" Baruch verbeugte sich und atmete frei auf. Gott sei Dank, sein Verstand hat nicht gelitten und seine Furcht, daß er Gespenster sehe, war unbegründet! Seine Denkkraft war ganz uorinal. Ja, er hat dieses Mädchen schon früher gesehen, er kannte es sogar schon sehr lange. Die Unterhaltung wurde allgemein, und es entging Baruch nicht, wie froh seine Göunerin war als er sich auch im gesellschaftlichen Fahrwasser als ein geschickter Schwimmer zeigte. Er bemerkte wohl die triumphinrenden .Blicke, die sie ihrem Gatten zuwarf,' die dieser freundlich erwiderte. Die Komtesse sprach nicht viel, kicherte aber umsomehr, nach Art der Backfische, zu denen sie ihrem Alter nach noch zählte. Man merkte es ihr sofort an, daß sie erst vor wenigen Tagen die Einsamkeit der Klosterschnle verlassen. Das erzählte sie nämlich Baruch, als die drei älteren Personen sich in ein Familiengespräch vertieft hatten. Baruch hatte jetzt seine Beklommenheit ganz überwunden. „Mama holte mich aus der Klosterschule," sprudelte es unbefangen über die kirschroten Lippen: „und bei dieser Gelegenheit machen wir eine Rundreise zu allem unfern Verwandten. Ich glaube, Mama tut es nur, um die vielen Komplimente einzuheimsen, ein solches Wundertier von einem Töchterchen;- zu ^besitzen. Halten Sie mich auch dafür, Herr Volkmann?" (Fortsetzung folgt.) Napoleon I. und die Inden. Bon Dr. Julius Reiner. Nachdruck verboten. Molo, dessen Großvater im Jahre 1733 die Tochter des reichen Bankiers Samuel heiratete, hat, so oft er im Aufträge Napoleons mit der jüdischen Repräsentantenversammlung verhandeln mußte, einen scharfen und gehässigen Ton an¬ FrantfurkerJfraÄitisiHes Fcrmllienblatt. geschlagen, . um auf diese Weise jeden Verdacht seiner jüdischen Abstammung sernzuhalten.' Er fand aber in dem Vorsitzenden der Notabilitätenversammlung, A b r a h a m F u r t a d v , und in dem Vorsitzenden des ^ynhcdriums, David Sinzheim, ihm gewachsene Gegner. Beide zeichneten sich durch große Klugheit aus, nud Furtado war sogar ein ganz bedeutender Politiker, der die Situation sehr genau übersah und sie möglichst zu Gunsten seiner Glaubensgenossen ausnutzen wollte. Die Lage war auch keine leichte. Auf der einen Seite handeln: cS sich darum, den Wünschen Napoleons durchaus gerecht zu werden, der auf dein Gipfel seines Ruhmes stehend, den Juden die vollständige Gleichberechtigung sichern wollte und auch bei seiner Beeinflussung der Versammlungen bona kicke handelte; auf der anderen Seite wiederum mußte mau doch den Traditionen des jüdischen Volkes treu bleiben und das unter den streng orthodoxen Juden gegen das Synhedrium sich geltend machende Mißtrauen bannen. Es war nicht io leicht, die Anerkennung Navoleons zu gewinnim und das Vertrauen der orthodoxen Juden sich gleichzeitig zu erwerben. Die Interessen waren für beide Parteien, für Napoleon und die orthodoxen Juden, nicht dieselben. Und die Aufgeklärten unter den damaligen Juden haben, die ganze Sache von rein politischen Gesichtspunkten betrachtet, die Frage der Religion war für sie überhaupt nicht vorhanden. Sie wollten sich den Eintritt in die europäische Gesellschaft sichern, und das Opfer, das mau von ihnen verlangte, die Begünstigung der Mischehen, war von ihnen ohne jede Schwierigkeit zu erlangen. Am 29. Juli 1806 legte Mole, begleitet von den zwei Staatsrätcu Portalis und Pasquier, der Notabilitäten - Versaiumlung folgende Fragen im Namen Bonapartes vor: 1. Ist es den Juden gestattet, mehrere Frauen zu ehelichen? 2. Ist die Scheidung vom Standpunkte der jüdischen Religion erlaubt und ist sie vou Gültigkeit ohne die Zustimmung des Staatsrechtes? 3. Darf eine Jüdin einen Christen heiraten und eine Christin einen Juden? Oder will cs das jüdische Gesetz, daß die Juden nur untereinander heiraten? 4. Sind die Franzosen in den Augen der Juden ihre Brüder oder Fremde? 5. Was schreibt ihnen die Religion vor betreffs der Franzosen, die nicht zu ihrer Religion gehören? 6. Ist Frankreich in de» Augen der französischen Juden ihr Vaterland? Sind sic verpflichtet, cs zu verteidigen? Sind sie verpflichtet, den Gesetzen des Landes und denen des „Code civil" zu gehorchen? 7. Wer ernennt die Rabbiner? 8. > Welche sind ihre Obliegenheiten? 9. Ist ihre Autorität nur auf das Herkommen gegründet? 10. Sind gewisse Beschäftigungen den Juden untersagt? 11. Ist der Wucher gesetzlich erlaubt? 12. Ist der Wucher Fremden gegenüber erlaubt? In den geheimen Mitteilungen, die Napoleon I. an den Minister des Innern, Champagny, richtete, waren die Antworten schon vorgezeichnet, die Napoleon I. aus seine Fragen z» erhalten wünschte. Um den vollständigen Sieg sich zu sichern, verlangte Napoleon in erster Reihe, daß die jüdischen. Repräsentanten erklären sollten, das mosaische Gesetz enthalte religiöse und politische Bestimmungen, erstere sind unantastbar, letztere aber sind Modifikationen untcrwoifen. „Aprös la declaration de ce principe viendra I’application“ (Nach der Erklärung dieses Prinzips kommt die Nutzanwendung desselben) fügte Napoleon l. hinzu. Er spricht auch nur vom mosaischen Gesetz und läßt die talmudischcn und nachtalmudischen Bestimmungen gänzlich weg, um eine leichtere Operationsbasis zu gewinnen. Bezüglich der Mischehen schrieb er an Champagny: „II kaut que des juifs ou juives epouser des frangais ou frangaises. II kaut meine que les grands rabbins recommandant ces unions comme moyen de protection et de convenance pour le peuple juif.“1) (Notes secretes de l’Empereur ä M. de Champagny en 1806; abgedruckt in „Archives israölites“, 1841, S. 140) Die Beantwortung der Fragen erfolgte zuerst von der Notabilitäten - Versammlung, dann in Form einermehr religiösen Einkleidung von dem Synhedrium. Die Monogamie ist für alle Juden bindend, wo nur die Staatsgesetze die Polygamie verbieten; die Scheidung hat nur dann Gültigkeit, wenn sie vom Staate bestätigt wird, ebenso die Ehe. Die Ehen zwischen Juden und Christen haben, wenn sie gemäß der .Zivil-Gesetzgebung exfolgt sind, zivilrechtliche Gültigkeit und werden mit keinem 4) Es ist nötig, daß Juden und Jüdinnen eine Ehe mit Franzosen und Französinnen eingehen können. Es ist sogar nötig, daß die Rabbiner diese . Mischehen als ein geeignetes Schutzmittel-den Juden empfehlen. Banne belegt. Die Brüderlichkeit sämtlicher Franzosen ohne Unterschied des Glaubens wurde als im Sinne der jüdischen Religion liegend anerkannt, Frankreich als Vaterland proklamiert, der Wucher, weil gegen die Religion verstoßend, verboten und als ein Verbrechen hingestellt. 'Am 30. März 1807 schrieb Napoleon l. an Champagny: „j'ai regu votre lettre du 18. mars avec le memoire de mes commissair es pres les grand Sanhedrin. IIs ont rempli le but que je me proposais, malgre les obstacles qu’ils ont eu ä vaincre; temoignez-leur ma satisfaction.“2) Die Juden waren nun zu vollberechtigten Bürgern in allen Ländern des siegreichen Korsen ei.:g, fetzt. Sie übernahmen sämtliche Rechte und Pflichten, sie durften mit ihren nichtjüdischen Mitbürgern ihr Blut auf den Schlachtfeldern für ihr Vaterland verspritzen, ihren Geist in den Dienst der Menschheit stellen und nicht wenig zum Glanze Frankreichs beitragen. Sie wurden geachtet und anerkannt, und der Ausspruch Bonapartes: „je desire prendre tous les moyens pour que les droits qui ont ete restitues * au peuple juif ne soient point illusoires, et pour leur faire trouver Jerusalemdans la France“3) ging in Erfüllung, aber das dauerte nur so lange, als hinter dem „Code Napoleon" der mächtige Arm seines Urhebers stand, um den Gesetzen die nötige Achtung zu verschaffen. naiH«r BTieOrftcu Quelle .— Offenbaeh a. M. Gegen Gicht und Rheumatismus bewährt. Alleiniger. General-Vertreter: Friedrich Stahl, Frankfurt a. M., Stallburgstr. 9. Tel. 259 u. 714. J. EUMEL & SOHN Cnlii 1 laratroasc Spezial-Geschäft für Haio. Zeichen-Utensilien. Holzbrand-,Kerbschnitt-,Tarson. Batik-irllkel. Wochert-Aitteiroer. (Zeitangaben nach dem Luacb.) SamStag, den 15. Januar (= 5. Schwat): Sabbat-Anfang in Frankfurt ii.4 Uhr 25 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 5 Uhr 45 Min. in Berlin 5 llhr 10 Min. Wochcnabschnitt: Bau. — Die letzten drei Plagen! Auf Gottes Befehl kündigt Moses eine Heuschreckenplage an. Dabei.gerät Pharao, der nur teilweis Konzessionen an Israel machen will, in Zorn und vertreibt Moses und Ahron von seinem Angesichte hinweg. Die Heuschrecken vernichten alles Grüne im Feld. Ein Westwind führt die Heuschrecken wieder fort. Eine dreitägige Finsternis entsteht. Nur Israel hat Licht. Pharao will das Volk fortlassen, nur das Vieh soll zurückbleiben. Moses widerspricht und scheidet erregt von Pharao, nachdem er noch die letzte Plage angekündigt: das Sterben der Erstgeborenen. Um Mitternacht sollen alle Erstgeboren, hoch und niedrig, dem Tode verfallen, ebenso die des Viehes. Dann wird Pharao das Volk förmlich fortdrängen. Vorher sollten sie .jedoch das Pesachopfer, gebraten am Feuer, mit bitteren Kräutern und ungesäuerten Broten verzehren. Alle sollten hierbei reisefertig sein, die Schuhe anden Füßen, die Lenden gegürtelt, den Stab in der Hand, des Freihcitsrufes gewärtig. — Die Plage traf ein, Israel zog in der Nacht des 14.' Nissan frei aus, 600 000 Mann ohne die Frauen und Kinder. Auch egyptisches Gesindel zog mit. 430 Jahre lang währte die Knechtschaft bezw. die Fremdherrschaft. — Es werden zum Schluß einige Vorschriften für das Pesachfest Utitgeteilt. — Die Sidra endet mit den beiden Abschnitten, welche' laut Tradition auch in den Tefellin zu stehen haben: Kadeisch und W'hojo ki jewiacho. Inhalt beider sehr ähnlich: vom Auszug aus Egypten; die Heiligung der Erstgeborenen; von den Tesillin. OfVenbacbtr Druckluft-Anlage Telefon 123. Offaobach 3. H. Telefon 123. Unübertroffene bewährteste Tspplchrslnl0UHB. Faruttieimachrichleil. Geburten. Einen Sohn, Herrn Siegm. Bondi (Mosbacher), Wien 11/3. ' . Einen Sohn, Herrn Willy Nothmanu (Friedlaender), Gr.-Strehlitz. 2) Ich erhielt Jhren Brief vom 18. März und. die Denkschrift meiner Gesandten am Synhedrium.' Sie haben das Ziel, das ich mir gestellt habe, erreicht, trotz der zu überwindenden Hindernisse, drücken Sie ihnen meine Zufriedenheit aus. 3) Ich beabsichtige alle Mittel zu ergreifen, damit die den Juden wiedergegebenen Rechte nicht bloß dem Scheine nach existieren, und um sie in Frankreich, ihr Jerusalem finden zu lassen.