Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 2 (14.1.1910)
- Date
- 1910-01-14
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Russen für die zionistische Organisation reden, nicht davon, daß ohne sie Herzls Judenstaat der sympathische Traum eines barocken Schwärmers geblieben wäre: wer gab dem Baseler Programm, das auf Palästina hinwics, nur auf Palästina, Richtung und Inhalt, wer gab uns eine Ahnung von einer Renaissance jüdischen Geistes, wer verhinderte Uganda und schuf erneut die' Einheit der Bewegung auf dem VII. Kongreß? Und jetzt sollten jene entbehrlich sein, die bisher in alten Phasen der Bewegung unentbehrlich waren? — Ihren Förderungen stellt man eine mißverstandene Loyalität entgegen, in ihrer Unzufriedenheit sicht man nichls als Mangel an Erziehung, an Vertrauen, an politischem Verständnis, an praktischer Begabung, an Dankbarkeit für die opfcrvollc Arbeit der Führung. Wenn man denn schon von Hingabe an die Sache spricht: hat man je daran gedacht, daß diese Tschlenows, diese Ussischkius und hunderte f mit ihnen auch bereits ein Lebensalter für den Zionismus wirken und bisher n u r u n - s e r m Volke und seinen Hoffnungen lebten? Gewiß sollen sich deutsche Zionisten von nichts anderen! als s a ch l i ch e n G r ü n d e n leiten lassen; wo aber in einer so schweren Frage wie dieser die geschlossene russische Landsmaunschaft der eigenen Meinung cntgcgensteht: da sollte es für jeden deutschen Zionisten selbstverständlich sein, recht mißtrauisch die eigene Anschauung zu prüfen und sie einer sehr gewissenhaften Revision zu unterziehen. Statt dessen rechnete man cs sich noch als befreiende Tat an, als man über die russische Landsmannschaft triumphieren konnte und gefiel sich darin, einfach das Majoritätsprinzip zur Geltung zu bringen. Fragen dieser Art sollten überhaupt nicht gegen eine so geschlossene Minorität der russischen Landsmannschaft gelöst werden dürfen; dazu noch bei solch knapper, zusammengestoppeltcr, rech! sonderbar gesügter Ma j orität. Wer hat gesiegt: die Deutschen, die 7000 Schckclzahler im Zionismus repräsentieren, — aber aus dem Kongreß statt 34 über 80 Mandate inne hatten, da sic alle freien Mandate aus Amerika und Südafrika übernahmen •— gegen die ganze russisch: Landsmannschaft! Wozu muß all das führen! Rußland kann sich nicht als guantitä negligeable des Zionismus betrachten lassen. Es m u ß seinen Einfluß aus die Gestaltung der zionistischen Arbeit behalten, ihn mehren und neu befestigen. Es muß dafür sorgen, daß der Zionismus durchflutet werde mit jüdischem Geiste, wie er noch im russischen Judentuni lebendig ist. Es muß verlangen, daß wir ini Westen die seelischen Kräfte erkennen und zur Mitarbeit heranzichen, die im russischen Judentum wurzeln. Es muß sogar fordern, daß wir ihre Arbeit höher werten als jene, die wir selbst im Zionismus leisten können. Nicht der russischen Zionisten, des Z i o n i smns wegen. Daraus ergibt sich eines mit unabweisbarer Notwendigkeit: der Zionismus kann der Mitarbeit der russischen Juden nicht cntraten. Wollen wir Wcstjudcn unsere Arbeit nicht mit der ihren vereinigen -wcnn nicht mit ihnen,dann ohne uns! Tie russischen Zionisten ivollen nicht diesen Weg gehen. Sic forderten unser Eintreten in ihr Aktions-Komitee, betrachtcteit unsere Mitarbeit als so unentbehrlich, daß ihre Liste fürs neue E. A.-K. schließlich daran scheiterte, das; unsere deutschen Mitarbeiter, denen Befähigung und äußere Verhältnisse den Eintritt in die neue Leftung gestattet hättcit, nicht fest genug zur Sache standen, um ihre Pflicht auch gegen den Willen ihrer rabiat gewordene,r Landsmannschaft zu begreifen. Wenn aber meine deutschen Freunde im Zionismus ihre Pflichten gegen unsere Bewegung auch bis zum nächsten Kongreß nicht begriffen haben sollten, dann werde ich der erste sein, der der russischen Landsmannschaft sagt: sorgt für eine T'TT~—ffTrrr"rg-Ti:-i—>1» tmiH»iHiunriwuirr,' Frankfuckr Israelitisches Familienblatt. Nr. 2. Berttetung eurer — unserer,— Interessen auf dem nächsten Kongreß, der eurer Bedeutung entspricht und nehmt die ganze Zentralgewalt. Nicht nur die Leitung, auch die finanziellen Machtmittel der Bewegung, die euch ja überhaupt erst die Aktiousmüglichkeit geben. Die heute herrschende Auffassung vom Wesen zionistischer Arbeit ist unhaltbar auf die Dauer. Schwer wären die von den westeuropäischen Zionisten in Deutschland, in England erworbenen Eigenschaften zu entbehren, schwerer die jüdischen Potenzen, die in Rußland wurzeln.- Möge darum bis zum zehnten Kongreß die Erkenntnis von der Notwendigkeit gegen, einsam er Arbeit von Ost mib West für unsere hohen Ziele reisen. Dann werden die Ereignisse des neunten Kongresses bei aller Schwere nur scgeiisvoll sein für unsere Bewegung. Die neue» Mekize Nirdamim. Von D. S i m o n s e n. Vor etwa drei Vierteljahre» wurde dem Publikum bekannt gemacht, daß eine Anzahl von Freunden der älteren hebräischen Literatur zusammen getreten sei, um den drei Jahre zuvor aufgelösten Verein „At e k i z c N i r d a m i „t" von ltcitem zu begründen. Da tüchtige Forscher schon ihre Mitarbeit zugcsagt hatten, und man vermuten durste, daß bas große Publikum sich nicht gar zu gleichgültig verhalten würde, konnte sogleich, zur Arbeit geschritten werden, und in ganz kurzer Zeit werden die ersten vier Lieferungen des ncucntstandcnen Vereines an die Mitglieder verschickt werden. Zu wünschen wäre noch, eine größere Zahl von Abonnenten und Mäccnen. Die hebräische Literatur erfreut sich ja nicht gar zu sehr der Opserwilligkeit seitens unserer bemittelten Glaubensgenossen. Doch will ich die oft erhobene Klage nicht zu scharf wiederholen. Denn, wer im praktischen Leben steht, weiß ja, welche Opfer finanzieller Art, ganz abgesehen von den althergebrachten Ausgaben der Gemeinden, in den letzten Dezennien von den begüterten Juden gefordert und auch gebracht worden sind, um die Leiden unserer Brüder im Osten erträglicher zu machen. Aber trotz allein muß neben den Bereinigungen, welche sonst die Wissenschaft und die Kunde des Judentums fördern, nun von neuem der Verein Mekize Nirdamim, der sich die Aufgabe gestellt hat, unveröffentlichte hebräische Werke zu edieren, seine berechtigte Forderung auf Unterstützung seitens des Publikums erheben. Viel von unserer alten Literatur wartet ja darauf, von neuem ans Licht zy treten, und cs zeigt sich immer von neuem, daß kundige Arbeiter vorhanden sind, wenn sie nur die Hoffnung hegen könne», daß ihre Arbeit nicht ausschließlich für -ihren eigenen Schreibtisch geleistet wird. Und >vir Juden müssen, uns doch in der Tat schämen, wenn wir uns bewußt werden, was bezüglich der Hebung unserer Geistesschätzc versäumt wird, weil keine Akademie für uns sorgt, und kein Verleger es vernünftiger Weise wagen kann, viel Geld in die Ausgaben der dringend nötigen Werke hereinzustecken. Ich spreche nicht von den unbedeutenden Sachen, wenn auch diese, an sich geringeren Wertes, in größerem Zusammenhänge oft wertvoll sein können. Nehmen wir aber einen her allergrößten der nachbiblischen jüdischen Schriftsteller: den vielleicht unübertroffenen hebräischen Dichter Jchuda Halcvy. Was hat cs ihm genützt, daß Heinrich Hrine für ihn geschwärmt hat, so daß selbst die gebildeten Juden von einem „Jehuda bc» Halcvy" in Menschenaltcrn zu sprechen gewußt haben? Unsere besten Litcratursorscher — wie Luzzatto, Sachs, Geiger, Kaufmann und, um auch den jüngst verstorbenen, schwcrvermißtcn Geschichtsschreiber der jüdischen Literatur zu neunen, Gustav Karpeles — haben uns Dezennien hindurch auf verschiedenster Weise vor Augen geführt, was wir an Jebuda Halcvy besitzen, und erst jetzt nach und nach werden die Schätze ans - Tagelicht gebracht, so daß auch ei» Mal eine vollkommene Verdolmetschung aus der heiligen Sprache möglich sein wird. Oder um rein historisch zn sprechen: im ersten Jahre der erstmaligen Begründung der Mekize Nirdamim (1864) gab Luzzatto ein erstes Heft des Diwan Jchuda Halcvys heraus. Kurz danach entschlief der Meister, nach einiger Zeit auch der Verein. Im zweiten Erscheinen desselben Vereins nahm Brody die verwalkte Ausgabe von neuem auf (1894 und ff. Jahre), abererst jetzt, im dritten Stadium der Mekize Nirdamim, dürfen wir hoffen, daß. es diesem Mitarbeiter gelingen wird, die Aufgabe zu Ende zn führen,. — mehr als zwei Menschenalter, seitdem Luzzatto durch seine „Betulath bath Jchuda" das ganze hebräisch lesende Publikum in Kenntnis gesetzt hatte, was hier noch zu finden sei. Ich könnte auch von einem anderen der allergrößten unserer Literatur sprechen, von Moses Maimonidcs. Nur dem glücklichen Umstande, daß die deutschen Universitäten die Drucklegung der Dissertationen fordern, und dem zweifelhaften Glück, daß die deutschen Gemeinden ihre Rabbiner rnit dem Doktortitcl geschmückt wissen wollen, hat jener cs zu verdanken, daß (neben dem von. Derenbourg für die Mekize Nirdamim herausgegebenen Bd VI) ivcnigstens ttilwcise Brocken eines wunderbaren Mischna- Kommentars im Urtext und in verbesserter Ucbersetzung vorgclcgt tvorden. Dabei spielt noch der reine Zufall eine Rolle, daß nämlich i» Berlin brauchbare.Handschriften vorhanden sind. Und dabei ist eine Menge von Arbeit von einer ganzen Anzahl von jungen Theologen in nutzloser Wiederholung gemacht, nutzlos, weil die allcrweirigsten dieser Herren später Gelegenheit gehabt haben, die gcwonneiren Kenntnisse zu verwenden. So sieht es also niit unseren Größten aus. Man wird mir ' wohl also recht geben, daß tvir einen Verein nötig haben, der in planmäßiger Arbeit nach" und nach wenigstens das bedeutendste zur Herausgabe fördern kann. Der ncuentstandene Verein darf mit Recht au alle appellieren, die ein Bewußtsein von unseren literarischen Verpflichtungen haben. Wenn nur jeder jüdische Literatur- Verein, jeder Zionistcnvercin, jede thcmeindcüibliothck innerhalb der Krckturstaate» ein Exemplar ubskribiercu würde, wenn die vermögenden Glaubensgenossen, die Logen, die großen Vereine, die Großgenicinden eine feste Unterstützung geivähren würden, dann würden wir in wenigen Dezennien ganz anders dastchcn auf dem besprochenen Gebiet, als jetzt der Fall ist. Wie schon oben gesagt, werden in kurzer Zeit die ersten Lieferungen des neuentstandenen Vereins den Abonnenten zugehen. Darunter sind zwei in ich abgeschlossenen Werke: ein aus dem so wenig bekannten Süditalicn herrührender, in einer einzigen Handschrift bewahrter, höchst interessanter Kommentar zu dem Talmudtraktatc M o' e d Q a t a n , mit Anmerkungen hcräusgcgeben durch Dr. H. P. CHajes, dann das wie jene Schrift bisher unbekannte Ritualwerk M a' a s e h H a g e o - n i m, das uns die mittelalterlichen Verhandlungen über Leben und Lehre in Frankreich, Deutschland und Italien vor Augen führt. Die Ausgabe war von dem wohl kundigsten auf diesem Gebiete, A. Epstein, vorbereitet, schließlich übernahm Dr. I. Freimann den endlichen Abschluß und die Druckleitung. Wichttg für den Nachweis des Gcdankcngangcs der hl.' Schrift ist der Bibclkommentar von Elieser von Beangcncy, von dem uns Dr. S. P o z n a n s k i eine erste Lieferung dieses Jahr giebt; die zweite Lieferung im nächsten Jahre wird den Kommentar zn Ezekiel und' den 12 kl. Propheten zu Ende führen und in einer großen Einleitung weitere Beiträge zur Geschichte der mittelalterlichen Schrifterklärung liefern. Und l a st not least .setzt der schon genannte Dr. Brody sein Diwan-Werk fort, indem in genauem Anschluß an die Veröffentlichungen der alten Mekize Nirdamim, der Kommentar zum zweiten Band vom Diwan Jehuda Halcvys zu Ende geführt wird. — Einen Arbeitsplan für die folgenden Jahre werde ich ans verschiedenen Gründen vorläufig nicht geben: ich beschränke mich, auf die Bemerkungen, daß äußerst wichtige Werke und sehr tüchtige Herausgeber schon zur Verfügung stehen, und daß die Absicht besteht, die Einzclwerke vorläufig nicht in den gewöhnlichen Buchhandel zu bringen, so daß derjenige, der die Werke zu erwerben wünscht als Mitglied des Vereins bcittctcn muß.*) Aus aller Welt. Deutsches Reich. Berlin. Die ,A. J.K. O." (Mg. Jüd. Kolonisation-Organisation) ließ der türkischen Regierung eine Denkschrift betreffs der A n s i c d l u n g jüd. Emigranten jn der Surfet unterbreiten, die Denkschrift war von unfern .Mitgliedern des Zenträlrates der A. I. K. O. — u. et. von dem Vorsitzenden Dr. Isidor Ginsberg - Berlin, Kommerzienrat G e r s o n Simon- Berlin, Geh. Medizinalrat Prof. Dr. Senator- Berlin, Kommerzienrat Louis Feist-Frankfurt am Main, Kommerzienrat Benjamin Hirschtalbcrstadt, Kommerzienrat George M a.r x - önigsberg unterzeichnet. ■. „Wir verlangen" — heißt es in der Denkschrift — „bevor wir unser Werk beginnen, keinerlei spezielle Vergünstigung politischer oder nationaler Natur." Die Kolonisation soll sich nicht auf ein einziges Land beschränken, sondern sich auf Syrien und Palästina, Anatolien und Mesopotamien verteilen.. Dagegen *) Anmeldung von Wonnements bei den früher bekannt gegebenen Komitemitgliedern (darunter Ehrenvorstand: Prof. A. Berliner-Berlin, Vorsitzender: Prof. D. Simonsen-Kopcnhagen, stellvertretender Vorsitzender: Dr. ,A. Freimann-Franksnrt am Main, Sekretär: Dr. S. Poziianski-Warschau), und bei dem Schatzmeister des Vereins Bankier Leo Mainz, Frankfurt a. M., Uhlandsttaße 46. Der Jahresbeitrag ist 10 Rmk. (Minimum). Mitgliedschaft für Lebenszeit wird durch einmalige Zahlung von mindestens 200 Rmk. erworben.