Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 2 (14.1.1910)
- Date
- 1910-01-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2692297-2692665-2692667--05159-2700046- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Ararrkfrirter fmiiilioliliitl H-daKtion und ^»efchäftsstette: Srankfurt a. IR., vildelerstraße 4/6, Lcke ÄleichstraKe %tleion 10507. Heraurg-V-r: Salg chei^. 8. Jahrgang. Freitag, den 4. Sclnvat 5670 (14. Januar 1910). Nr. 2. r - , Jnserttonspreise: Die viergefpaltene Petitzeile. 25 Psg. Die Reklamezeile. 100 ., Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. - _ . <r— ■ Diese Zeitung erscheint wöchentlich. AbonnementspreiS pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. M. 1.— frei ins Haus. Bei der Post ' abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: I Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, , sonstige Länder Mk. 2.— („ . - >' Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Zum IX. Zionistenkongreß. — Die neuen Mekize Nirdamim. — Aus aller Welt. — Aus der zion. Bewegung. — Feuilleton: Auge um Auge. — N av oleon 1. und d i e Juden. — Wochenkalender — Familien- Nachrichten. Zum IX. Zionistenkongretz.*) Bon Julius Simon-Mannheim. David Wolffsohn >var zum achten — dem Haager — Kongreß mit dem festen Willen gekommen, die Russen aus der Leitung zu verdrängen: unerschütterlich setzte er seine 'Absicht durch und bildete mit Professor Marburg und Jakobus Kann allein das E. A.-K, Bis zur letzten Minute hatte sich damals die russische Landsmannschaft gegen die Konzentrierung der Zentralgewalt nach Westeuropa gewehrt. . Vergebens warnte eine kleine Gruppe in der deutschen Landsmannschaft vor diesem Experiment; sie betonte die Grenzen der Leistungsmöglichkeiten, die uns Westeuropäern innerhalb des Zionismus gezogen sind, wies auf die Unentbehrlichkeit der Ostjuden, insbesondere der Russen, hin und übte eine ziemlich herbe Kritik an dem verständnislosen Verhalten der deutschen Landsmannschaft. Was damals von den Gegnern der Politik Wolffsohns b efürchtet wurde, hat sich auf dem *) In den Ausführungen des gesch. Schreibers ist unseren Lesern Gelegenheit geboten worden, sich mit den Ansichten der Opposition, mit deren Verhältnis zu Wolffsohn, den wir als Führer für unentbehrlich halten, wir nicht übereinstimme», vertrant zu machen. Was die Heranziehung der Führer der Zionisten Rußlands zum E. A.-K. anbetrifft, so sind wir, wie wir in der vorigen Nummer bereits angeführt haben, mit der Opposition eins: denn >pas einer philanthropischen und bürokratischen Körperschaft wie der „Jca" in der 'Art ihrer Zusammensetzung billig ist, muß einer nationalen, demokratischen Beivegung, wie es der Zionismus ist, o b e r st e s Gebot sein. Solange in der Beivegung das Golus-Prinzip der Landsmannschaften dominiert, ist es nicht angängig, Vertreter der Mehrheit des jüd. Volkes, die gemäß ihren Verdiensten und ihren Fähigkeiten in die Leitung gehören, von der Leitung auszuschaltcii. Schon Herzl beging diesen Fehler und hatte die Folgen davon zu tragen, — und Wolffsohn hat diesen Herzl'schen Fehler in seiner Verwaltungs- Methode mit übernommen: daher die Mißhelligkciten im Haag und in noch größerem Maße in Hamburg. Es ist tief bedauerlich, daß Nordau es versäumt hat, Wolffsohn ans diesen Fehler aufmerksanr zu machen. Wir erachten es als unsere heilige Pflicht, Präsident Wolffsohn zur Einlenkung zu mahnen. Herr Präsident, Ihnen, dem die zionistische Sache so sehr am Herzen liegt, gebührt es, trotz Ihrer persönlichen Erbitterung, :die Initiative zu ergreifen! Wenn w ir ein st weilen n o ch arm an Mitteln sind, so verhindern Die, daß wir nicht noch ärmer durch Zerriss enhe.it d aste Heu! Reichen Sie die Hand zum Frieden, bevor es zu spät wird! Die Redakt. neunten — dem Hamburger — Kongreß restlos erfüllt. 'Noch einmal will ich nun die Gefahr betonen, die ich — und manch einer unter den westeuropäischen Zionisten mit mir — in dieser Ausschaltung der russischen Führer für den Zionismus erblicke. Noch einmal will ich versuchen, ineine deutschen Freunde im Zionismus der Erkenntnis näher zu bringen, in welch sinnloser S e l b st v e r b l e n d u n g sie auch diesmal wieder ihre Aufgabe auf dem Kongreß mißverstanden haben. 'Noch ein Mal. Ich verzweifelte schon und unterließe diesen Versuch, wenir ich nicht bei einigen der Deutschen in der bangen Morgenstunde, die dem Schluß des Kongresses vorausging, etwas gespürt hätte wie das Dämmern einer neuen Erkenntnis. Diesmal trat die russische Landsmannschaft von vornherein in unerschütterlicher Einheit auf. Sie kani bereits mit einem festen Plan, der denr Zustand ein Ende machen sollte, daß ein „königlicher Traum", in dem ivir die Erfüllung sehen wollten, aller Sehnsucht unseres Volkes nach neuem, aufrechtem Eigenschicksal, der uns ein Weckruf schien, um alle Kräfte Her Seele zu befreien und zu erheben, daß der Zionismus zu einer leeren Verivattnngsinaschine hcrabgesunken war. Die russischen Führer klagten, daß der Zionismus keine Impulse mehr hervorbringe, das; das jüdische Leben in den ostjndischen Zentren unbefruchtet bleibe von dem Stolz unserer Tage, daß er insbesondere der indischen Jugend im Osten nichts niehr zu geben wisse, daß die 'Arbeit in Palästina keinen einzigen Zug ins Große zeige, daß man aus übertriebenem B c r a n t w o r t u n g s g e s ü h l, nur nichts zu riskieren, eine überängstliche, schädliche Zurückhaltung beobachte und damit auch lähmend auf die Privatinitiative wirke. Gerne wurden die Fähigkeiten Wolffsohns anerkannt, zugleich aber auch offen die Grenzen seiner Leistnngsmöglichkeiten gezogen: das vcrwaltungstechnische und sinanzicll-kausmännische Gebiet. David Wolffsohn selbst hat dies als die Sphäre seiner Wirknngsmöglichkcit bezeichnet. So schien allseits die prinzipielle Berechtigung der russischen Forderung anerkamit; was sollte verhindern können, nun auch in ruhiger Sachlichkeit zusammenzustehcn, die beste Lösung zu suchen, die sich aus der Anerkennung der Formel ergab: Schaffung einer Zentralgewalt, in der neben Wolfssohn energischere Förderer der Palästinaarbeit, insbesondere aber die führenden Persönlichkeiten der russischen Zionisten, die in stetem Zusammenhang mit dem jüdischen Leben Rußlands waren, zur Geltung kamen. Wolffsohn hatte auf dem Haager Kongreß erklärt, daß er ein E. A.-K., in dem auch jene Richtungen vertreten wären, die — seine Fähigkeiten ergänzend — den Zionismus wieder zum Mittelpunkt aller lebendigen Kräfte des Judentums hätten erheben können, nicht mehr als homogen empfinde. Diese Anschauung bestimmte auch diesmal seine Haltung. Professor Marburg wieder glaubte nur durch eine Verstärkung seines Einflusses im E. 'A.-K. die Möglichkeit weiterer ersprießlicher Arbett zu finden und machte davon die Fortdauer seiner Mitarbeit abhängig. So hätte die Lösung, die der Permanenzausschuß mit Herrn Wolffsohn vereinbarte, gerade seinen unbedingten 'Anhängern willkommen sein müssen: Trennung der Gewalten, durch die Herrn Wolffsohn ein selbständiges Arbeiten innerhalb seiner Sphäre nach wie vor gewährleistet blieb: klebergabe der ganzen Finanzgebahrung an ihn, Verpflichtung seitens des neuen Aktions- Komitees, Herrn Wolffsohn den Vorsitz im Aufsichtsrai aller drei Banken zu lassen und ihn so wiederum zum fast unbeschränkten Herrn über die bedeutendsten Mittel der Bewegung zu machen; dabei Verstärkung des Einflusses von Prof. Marburg im E. 'A.-K. durch Hinzuziehung der Russen. Was veranlaßte Herrn Wolffsohn, seine schädliche Taktik der ersten Tage bis zuletzt forrznsetzcn? Eine ungeschickte, taktlose Kritik ganz unverantwortlicher Redner zum Rechenschaftsbericht des A.-K. gab ihm gm zweiten Kongrcßtagc Gelegenheit, durch eine große, sehr persönliche Rede bei einem Teil der Delegierten eine rein gefühlsmäßige Parteinahme zu wecken, die einer leidenschaftslosen, streng sachlichen Lösung der vorhandenen Mängel recht störend entgegenstehen mußte. Statt aber diesen blinden Parteie i f e r eines großen Teiles der Delegierten wieder rechtzeitig zu zügeln, statt dem Kongreß die Erkenntnis der Unhaltbarkeit des bestehenden Zustandes zu erleichtern, statt die Sache über seine Person zu stellen, gab sich der Führer des Zionismus nur allzu gerne dem prickelnden Gefühl hin, den Kongreß durch die Macht seiner Persönlichkeit zu beherrschen. Noch bis zuletzt hat Herr Wolffsohn unzweideutig oder in halben 'Andeutungen betont, daß er in der geforderten Konzentrierung aller Kräfte ein gefährliches Experiment sehe, statt zu erklären, daß er bei hingebungsvoller Verwaltung seiner finanztechnischen Domäne jede 'Arbeitsmöglichkeit finde, zu der ihn seine Begabung befähige. So kam es, daß seine Patteigänger schließlich vergessen hatten, um was es sich eigentlich handle und die Frage zu einem Kampfruf „hie Wolffsohn — hie russische Landsmannschaft" verfälschten; so kam es, daß der Block, der sich in letzter Stunde der Durchführung der russischen Forderungen entgegcnstcllte, wertvollen Kräften im Zionismus einfach das Recht auf Mitarbeit zu verweigern wagte. Was ist denn der Zionismus ohne die russischen Zionisten: ein Traum von gestern! Tschlenow wies in der Generaldebatte auf die Bedeutung dieser einhelligen Unzusttedenheü aller russischen Delegierten hin: wenn Tschlenow und Ussischkin — diese beiden Pole im zionistischen Leben Rußlands — in einer Frage so einig sind wie in dieser, sollte es jeden wohl nachdenklich stimmen müssen. Unsere deutschen Freunde hat das nicht anzufechten gewußt. Ich will gar nicht von der rein zahlenmäßigen Bedeutung der