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Neue jüdische Presse · 1909-12-31 · Heft 50 (31.12.1909) · p. Seite 10

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 50 (31.12.1909)
Date
1909-12-31
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seite.10. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr 50. - 3 l f- Die Debatte war getragen von der warmen Liebe für das Palästina-Ideal und verfehlte in ihrer Sachlichkeit den Eindruck nicht. Mittwoch. Vormittagssitzung. In der Diskussion über das Palästinaressort ergreift zunächst der bekannte Nationalökonom Dr. Franz Oppenheimer-Berlin (mit lebhaftem Beifall begrüßt) das Wort. Bor sieben Jahren, -führte der Redner aus, habe ihm der Zionisten- Kongreß in Basel bereits zugejubelt, als er die genossenschaftl. Siedlungsmethode für die praktische Palästinaarbeit vorgeschlagcn habe. Bis jetzt sei es aber beim .Jubel geblieben. Er komme aber zu diesem Kongreß' jetzt, um zu fordern. Wer Städte schaffen will, muß Bauern schaffen; das sei das Grundgesetz, daß die ganze Weltgeschichte lehre. Nachdem Dr. Oppenheimer unter dem teilweise stürmischen Beifall des Kongresses erklärt hat,, daß kein Ziel so dringlich sei wie dieses, für das kein Opfer zu groß sei, bringt er folgende Resolution ein: „Der IX. Zionisten - Kongreß hält an den früheren Beschlüssen der Kongresse fest, die genossenschaftliche Siedlungsmethode in den Bereich der zionistischen Tätigkeit aufzunehmen. Um die Durchführbarkeit dieses Beschlußes zu ermöglichen, überläßt der Nationalfonds der zu errichtenden genossenschaftlichen Kolonie den erforderlichen Boden. Um das Betriebskapital aufzubringen, wird durch eigene Sammlung ein Genossenschaftsfonds gebildet, der an den jüdischen Nationalfonds angegliedert wird. Er wird verwaltet von einem Komitee, bestehend aus Vertretern des Direktoriums des Nationalfonds und der Arbeiterschaft." Es handelt sich» so schließt der Redner, hier um den ersten Versuch jüdischer Großkolonisation und da sollte jeder einzelne mehr tun, als ihm leicht ist. Für den Oppenheimerschen Genossenschastsfonds sind am Kongreß selbst binnen weniger Stunden insgesamt 40 000 Jk zusammengebracht .worden. Der zweite Teil der Bormittagssitzung wurde ausgefüllt durch ein interessantes Referat des zum ersten Mal beim Zionisten-Kongretz anwesenden David Florentin aus Saloniki, Redakteur der angesehenen spaniolischen Zeitung „El Avenir". Herr Florentin sprach größtenteils französisch, zum Teil —auch hebräisch über „Die kulturelle Lage der Juden in der Türkei". Ec beginnt damit, daß zur Behandlung seines. Themas noch alle Grundlagen eigentlich fehlen, da man z. B. nicht einmal wisse, wieviele Juden in den jüdischen Zentreu der Türkei ansässig seien, daß die türkischen Juden in den wert auseinander gelegenen Teilen bc§ türkischen Reiches einander selbst nicht kennen und wenig von einander hören. Eine Ausnahme - davon bildet nur Palästina, dessen Juden in ziemlich engem Konnex miteinander stehen, Zeitungen - imd sonstige Publikationen besitzen, die den Ber. kehr und das Verständnis erleichtern. Für die übrige türkische Judenheit aber müßten diese primitivsten Mitte! des kulturellen Lebens erst geschaffen werden. So ist es vor allen Dingen nötig, regelmäßig ein Jahrbuch herauszugeben, das Informationen über die türkischen Juden enthalte, jüdische Bibliotheken zu begründen, im Anschluß an ebenfalls dringend notwendige literarische Gesellschaften und Klubs, vor allen Dingen aber die ganze Aufmerksamkeit auf die Reform der bestehenden und die Schaffung neuer Schulen zu richten. Denn die bestehenden Talmud-Thora-Schulen, die Chedarim, aber auch die Schulen der Alliance Jsraelite genügten den Bedürfnissen in keiner-Weise Es, ist nur eine kleine Anzahl von Schuld» vor- Händen — das sind die des Hilfsvereins der Deutschen Juden und einige private Anstalten — die sowohl für eine allgemeine Ausbildung sorgen als auch den speziellen Anforderungen des Landes und der in ihm wohnenden Juden einigermaßen ge - nügen. Die Alliance-Schulen haben den Fehler, daß sie die hebräische Sprache viel zu wenig berücksichtigen ■ Aber auch der türkischen Sprache muß ein weit - größerer Raum im Unterrichtsplan der niederen Schulen eingeräumt werden. Denn erst die Kenntnis dieser Sprache kann die Besucher dieser Schulen . für den Kampf ums Dasein gehörig vorbereiten. Es müssen aber natürlich auch Stipendien und Dar- ’ lehnskassen geschaffen werden, um jungen türkischen Juden den Besuch höherer Lehranstalten und Universitäten zu ermöglichen. In Palästina sind vor allen Dingen mittlere und höhere Schulen zu gründen, damit Palästina das werden kann, wozu es berufen ist: das kulturelle Zentrum der türkischen Judenheit. Eine jüdische Universität in Jerusalem soll dieses Gebäude dann krönen. Schließlich schlägt Herr Florentin als notwendig für die kulturelle Entwickelung die Schaffung von Bolksbanken, Sparkassen, Arbeiterhäuser, Konsumgenossenschaften und anderen Institutionen der sozialen Selbsthilfe vor. Mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln aber müssen wir, nach der Meinung des Redners, an der.Schaffung eines jüdischen Bauernstandes arbeiten, auf dem die ganze kulturelle Entwickelung der türkischen Juden sich ausbauen muß. Die Durchführung dieses Arbeitsprogramms wird aus den zerstreuten Gliedern der türkischen Judenheit ein einheitliches Ganzes machen, als Grundlage zur Durchführung der zionistischen Ziele. Der lebhafte Beifall des Kongresses zeugte von der Uebereinstimmung der zionistischen Delegierten mit den Vorschlägen des türkischen Redners. Personalien. Frankfurt a. M. Kurz vor seinem 70. Geburtstage verschied Herr Moses Frenkel, eine Zierde unserer Orthodoxie in seiner Frömmigkeit, seiner Selbstlosigkeit und seiner Bescheidenheit. Jahrelang gehörte er dem Vorstand der Jsr. Religionsgesellschaft und dem Synagogenkomitee dieser Gemeinde an und war bis zuletzt eines der tätigsten Mitglieder der Kippe, der Verwaltung des Versorgungshauscs und des Schulrates der Israelit. Realschule. Von seiner Bescheidenheit legt sein Wunsch, daß an . seinem Grabe nicht gesprochen werde, ein schönes Zeugnis ab. Der Verstorbene wurde zu Witzenhausen als Sohn des Rabbiners Frenkel göboren. Frankfurt a. M. Rechtsanwalt Lazarus erhielt den Charakter als I u st i z r a t Frankfurt a. M. Sergei Klibansky, Konzertsänger und Hauptlehrer des Kunstgesangs am Sternschen Konservatorium zu Berlin, hatte mit seinem diese Woche in Berlin veranstalteten Liederabend großen Erfolg. Aus den zahlreichen überaus anerkennenden Rezensionen seien folgende besonders erwähnt: Im Klindworth-Scharwenka- Saal lernte man in dem Baritonisten Sergei Klibansky einen ausnahmsweise gut begabten Sänger kennen. Das mühelos ausströmende Organ, eine warme Stimme von jenem Timbre, das unmittelbar zum Gefühle spricht, klingt sehr sympathisch, und alles in seiner gesanglichen Manier deutet auf verständige Schulung. Die Deutsche Musiker-Zeitung in Berlin schreibt über den Liederabend wie folgt: „Sergei Klibansky, der bereits^ im Vor jahre in diesen Blättern gewürdigte trefflick« Vortragsmeister, bewies' in einem eigenen Konzert, daß er fleißig am Studium gewesen ist. Seine Interpretation der Strautz'schen Lieder ist als vornehme und technisch einwandfreie Leistung anzuer kennen. Während des stillen bescheidenen Künstlers Vortrag nichts von seiner Intelligenz und Eindringlichkeit verloren hat, läßt sich bezüglich seiner Stimmittel eine beträchtliche Steigerung des Tones und der Klangschönheit erkennen. Der Künstler, der heute ein gesuchter Gesanglehrer ist, sollte jedenfalls darauf bedacht sein, sich die Muße zu erhalten, l die nötig ist, ihn auch bis zu den letzten Zielen seiner außergewöhnlichen Begabung zu führen." Herr Klibansky wird auch hier am 13. Januar 1010 im kl. Saal des Saalbaus einen eigenen Liederabend veranstalten. Frankfurt a. M. Am 3. Januar begeht Kursmakler Jos. Holzinann, ein Mann, der in verschiedenen hiesigen Wohltätigkeitsinstituten aufs segensreichste wirkt und sich infolge der Vorzüge seiner Eigenschaften allgemein der höchsten Wertschätzung erfreut, seinen -60/ Geburtstag. Berlin. Geheimrat Dr Jastrowitz feierte seinen 70. Geburtstag. — Kommerzienrat Sie gm. Pincus erhielt den Kronenorden 3. Klasse. — 1 Hofantiquar Max Mai, einer der größten Sachkenner auf seinem Gebiete) ist im 88. Lebensjahre verschieden. — Der 52 Jahre alte Forschungsreisende Hermann Burchardt ist in Südarabien ermordet worben. Burchardt, der seit langen Jahren im Aemen lebte, war nach der Schilderung des „Corriere della Sera" eine sehr interessante Persönlichkeit. Er war nicht eigentlich ein Gelehrter, sondern ein Forschungsreisender aus Liebhaberei, von ungemein siche-' rer Auffassung, unermüdlicher Ausdauer, und einer Zähigkeit,- die keine Hindernisse kannte. Ihn erfüllte unersättliche Wanderlust. Er war sehr reich und hätte, als Angehöriger einer Berliner Bankierfamilie, auf großem Fuße in Europa leben können. Aber das Leben innerhalb der Zivilisation stieß ihn ab, ihn. zogen die noch im Zustande „halber Wildheit' lebenden Völkerschaften an. Nachdem er lange in Persien, in Marokko, im Sudan gelebt hatte, fand er im Feinen seine stärkste und vollkommenste Lebensfreude. Er wohnte zwei Jahre lang, von 1905 bis 1907, in Sanaa, der Hauptstadt im Inneren Demens, wo er mit bewundernswerter Leichtigkeit in kurzer Frist die dort gesprochene Form des Arabischen erlernte, lernte Land und Leute aufs genaueste kennen und sammelte alte Inschriften von höchstem geschichtlichen und sprachwissenschaftlichen Werte, die er d.em Berliner Museum zum Geschenk machte, und von denen eine Anzahl durch den ausgezeichneten Orientalisten Professor Harttnann veröffentlicht wurden. Vor gerade einem Jahre ivav Burchardt an Bord des italienischen Dampfers „Peloro" von Genua nach Hodeida, der Hafenstadt im Roten Meer, gereist, und dabei gerade am Tage vor dem großen Erdbeben an Messina. vorübergekommen. Nachdem er vor einem Jahre eine abenteuerliche Meeresfahrt rund um Arabien in einem kleinen Segelboot ansgesührt hatte, beschäftigte' ihn seit Monaten nur noch die Expedition ins Innere, wo er nun zusammen mit dem Marchesen Benzvni bei der uralten Stadt Tais das Opfer seines Forscherdrangs geworden ist. Geheimrat Sachau, der Direktor des Seminars für orientalische Sprachen an der Berliner Universität, äußerte sich in der „B. Z. am Mittag" über die Persönlichkeit Burchardts: „Er war ein Mann der Wissenschaft, der zu Liebe er große pekuniäre Opfer brachte. Seine sämtlichen Reisen, die zum Teil recht bedeutende Summen verschlangen, führte er ohne jede Beihilfe von wissenschaftlichen Instituten oder Stiftungen auf eigene Kosten aus. Mit ihm ist allzufrüh einer der berühmtesten Vertreter der deutschen Forschung dahingegangen." , Paris. Dr. med. Cbarles Edgard B > um, Kunstmaler, Gaston Isidore Levi, Schriftsteller Samuel Pickard-Paris, Professor Julien Ed. Levy, Eugene Lievre-Lyon, Fabrikant Lucien Mcyer-tzericourt, Gesanglehrerin Bertha Wahl' und Schriftsteller Leon Z a y wurden zu O f f i c i e r s d' A c a d e m i e ernannt. Aus der Lehrerwett. Wiesbaden. Am 35. Dezbr. feierte Dr. Leo Kahn, Rabbiner der altisraelit. Kultusgemeinde, sein 40 jähriges Amtsjnbiläum als. Rabbiner dieser Gemeinde, die sich zur Zeit der Absolvierung seiner Studien gerade von der Hauptgemeinde getrennt hatte. Rabb. Dr. Kahn erfreut sich allgemein der Wertschätzung. Stuttgart- Zum Rabbiner des Bezirks M er gen th e i m wurde Dr. M. Kahn- Eßlingen berufen. Aus der zionistischen Bewegung. Hamburg. Anläßlich des Zionisten-Kongresses fand Montag Abend vor mehr als 1500 Gästen ein Schauturnen der Jüdischen Turnerschaft statt, die heute etwa 100 Vereine umfaßt. Dr. E r n st Tuch hielt die Begrüßungsansprache, Dr. Max Nordau, der eigentliche Vater der jiib. Turnbewegung, indem er das Wort „Musterjudentum" prägte, erwiderte. Bon den darauf folgenden glänzend äusgesührten Turnübungen würden alle unwillkürlich begeistert, und Stolz stieg in jeder Brust auf. . ' * ' Israelitischer Stellenvermlttlunssu. Uersicheranssuerein -w, Frankfurt n. Main Die Versicherungs-Abteilung ist durch Beschluss des Kaiser]. Aufsichteamtes zum Geschäftsbetrieb innerhalb des Deutschen Reiches zugelassen. Der Verein nimmt Han.dlimg'Sgrehilfen und Handlungrsg'eh.ilfinnen, die in am Sabbath geschlossenen Geschäften tätig oder am Sabbath von der Arbeit dispensiert sind, als ordentliche Mitglieder auf. Klasse I Klasse II . Klasse III , pro Mo nat Bei Stellenlosigkeit zahlt der Verein: In Die Jahresbeiträge belaufen sich Mk. 30.— auf Mk. 6.— für Mk. 45.— Mk. 9.— Mk. 60 — Mk. 12.— CB cs 00 Klasse I . Klasse II Klasse III Kostenlose Stellenvermittlung. Jedes Mitglied erhält gratis das Vereinsorgan.: „Der Sabbath“. —' Bis Ende November 1909 vermittelte Stellen: 1058. Bisher gezahlte Entschädigungen über Mk. 15000. - Sicherheitefond: Mk. 33000. Han verlange Anmelde-Formnlare und Satzungen.

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