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Neue jüdische Presse · 1909-12-31 · Heft 50 (31.12.1909) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 50 (31.12.1909)
Date
1909-12-31
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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Mage m Ito» 50 des fttmfcfiitfet ijmettfiffa MMMMMes. Napoleon I. und die Juden. Von Dr. Julius Reiner. Nachdruck verboten. Nach dem Siege bei den Pyramiden (2t. Juli 1798) beschäftigte sich Napoleon I. sofort mit dem Gedanken der Eroberung von Syrien und Palästina, und in diese Zeit fällt auch seine erste Berührung mit den Juden, die er bei diesem Feldzuge seinen diplomatischen und strategischen Zwecken dienstbar machen wollte. Vor dem Feldzüge gegen Syrien gab er den Befehl, die Schonung der Synagogen und jüdischen 'Altertümer betreffend, und verbreitete auch eine Proklamation, in der er alle afrikanischen und asiatischen Juden aufforderte, sich unter seinen Fahnen zu sammeln, um Jerusalem in seiner alten Pracht wieder herzustellen. Jaffa wurde dann erstürmt, aber das mit Hilfe von Engländern verteidigte St. Jean d'Acre fllkka) zwang, ihn zum Rückzuge. Als Napoleon aus dem Schisse seiner Heimat zueilte, war seine Lieblingslektüre die Bibel, und es' ist höchst wahrscheinlich, daß er schon damals, nach dem Verlassen der alteir Glanzstätte der Juden, sich mit Reformplänen, die den europäischen Juden zu gute kommen sollten, befaßte. Seine zweite Berührung mit den Juden war nach der Schlacht bei Austerlitz (2. Dezember 1805), wo er unter den gefallenen Soldaten auch Juden bemerkte. Dieser Anblick dürfte in ihm die Erinnerung an die Makkabäer und an seinen letzten Feldzug in Syrien wachgerufen haben. Die dritte Berührung war in Straßburg, wo ihm zahlreiche Beschwerden gegen die Juden von seiten der Landbevölkerung vorgetragen wurden, die ihn veraulaßten, ein Edikt zu erlassen, wonach sämtliche Geldforderungen der Juden für ein Jahr sistiert werden sollte». Hier in Straßburg war es, wo er unter dem Einflüsse der Umgebung sich mit der Judenfrage eingehender zu beschäftige» begonnen hatte. Der große Napoleon stand hier unter der Einwirkung zweier Strömungen, von der oinen Seite stürmten die Elsässer auf ihn ein, die eine Vertreibung der Juden wünschten, von der anderen Seite drängte sich ihm die jüdische Vergangenheit mit all ihrer Größe und ihrer Pracht auf, wie er sie auf den Schlachtfeldern von Syrien in seiner Phantasie gesehen hatte. Es ist bis jetzt noch nicht gelungen, festzustellen, wer Napoleon den Gedanken an die Zusammenberufung einer jüdischen Versammlung nach dem Muster des Synhedriums nahegelegt hatte, oder ob es seiner eigenen Initiative zu verdanken ist, daß das Synhedrium zu stände kam. Es wäre nicht undenkbar, daß Napoleon während seines Aufenthaltes in Syrien mit der jüdischen Vergangenheit und den sozialen Einrichtungen derselben sich beschäftigt hatte. Möglich, daß er im Orient mit gelehrten Juden in Berührung gekommen ist, die ihn über die jüdische Verfassung ausklärteu, und daß die Institution des Shnhedriums, ihre legislative Macht, sowohl auf rein religiösem als auch sozialem Gebiete, ihm geeignet erschien, um eine Reform des Judentums im großen Stile durchzuführen. Eine nicht 'geringe Rolle bei der Einberufung des Shnhedriums mag seine persönliche Eitelkeit gespielt haben. Er konnte zwar nicht das jüdische Reich, wieder in seinem alten Glanze Herstellen, aber eine Institution, die wenigstens den Schatten einer ruhmreichen Vergangenheit auf seine Regierung wersen könnte und somit ihm die Sympathicn aller Juden gewinnen mußte, eine solche Institution konnte er wieder durch seinen Machtspruch' aufteben lassen. Am 26. Juli 1806 sah nun Paris die 111 jüdischen Repräsentanten — 91 weltliche und 17 Rabbiner — zu einer Sitzung in einem Nebengebäude des Rathauses, in der St. Jean - Kapelle, zusammentreten, unr die.von Napoleon ihnen vorgelegtcn Fragen zu beantworten. Die Versammlung wurde in zwei Gruppeil geteilt, in die Notabilitäten und in das Synhedriunr, lvelches letztere aus 71 Mitgliedern bestand und unter Beibehaltung der für das Synhedrium voin Talmud vorgcschriebenen Formalitäten einen 'Ab-bcth-din und einen Nasi wählte. Napoleon ließ den Notabilitäten und dem Synhedrium eine Reihe von Fragen vorlegen, die sie in gänzlicher Unabhängigkeit beantworten sollten. Im. Grunde aber waren von vornherein die Antworten, wie sie eben Napoleon sich wünschte, den Vorsitzenden der beiden' Gruppen mitgeteilt, so daß die Versicherung der gänzlichen Unabhängigkeit, die Napoleon durch seinen Vertreter Mols, einen jüdischen Abkömmling,, den Juden gegeben hatte, nur eine Farce war. Napoleon wollte nur durch die Notabilitäten und das Synhedrium seinen Bestimmungen mehr Nachdruck und Eingang bei . den Juden verschaffen; er wußte ganz gnt, daß gewisse Bestimmungen, besonders die der Mischehen zwischen Juden und Christen, nur durch den Machtspruch eines Synhedriums und nicht durch die bloße weltliche Macht aufgehoben werden konnten. Das war auch der einzige Punkt, der in der Diskussion zu heftigen Auseinandersetzungen und geteilten Ansichten führte. Napoleon beabsichtigte durch die Mischehen das zu erzielen, was noch heutzutage von Vielen als einzige Lösung der Judenfrage. angesehen wird. In Wirklichkeit aber haben im großen und ganzen die Mischehen nur das zu stände gebracht, daß die durch Generationen mühsam zusammengesparten jüdischen Vermöge» durch die Heirat von Jüdinnen mit Nichtjuden in die Hände der letzteren übergehen. Die aus diese Weise dem Judentum« abtrünnig gewordenen suchen noch ihre jüdische Abstammung dadurch zu verleugnen, daß sie das von ihren jiidischen Eltern erworbene Geld für den Bau von Kirchen oder sogar für antisemitische Hetzereien verwenden, klm nicht Tatsachen aus dem täglichen Leben zur Illustrierung anzuführen, verweisen wir aus „L'anneau d'amethyste" von Anatole France. (Schluß folgt.) Der 9. Ziomsten-Kongretz. lFortsetzung aus dem Hauptblatt). Dienstag. Borm ittagssitzuug. Prof. Dr. Marburg erstattet den Bericht des Palästinaressorts, dessen Vorsitzender er ist. Er berichtet über den Stand und die Fortschritte sowohl der zionistischen Palästinainstitute — der Anglo Palestine Company, der Oelbaumspende, des Kulturfonds, der in der Berichtsperiode neu begründeten Palestine Land Development Company, des Jüdischen Nationalfonds — sowie über eine Reihe nicht speziell zionistischer aber von der zionistischen Organisation unterstützter Institutionen. Besonders erfreulich ist die Entwickelung der Anglo P a l e st i n e Company, die im letzten Jahre bereits eine Dividende von 4H2«/« zu zahlen in der Lage war, uird die außer der Zentrale in Jassa Filialen in Jerusalem, Beirut und Hebron sowie eine Agentur in Haifa besitzt. Die Oelbaumspende, die der Aufforstung Palästinas durch Anlage von Oelbäumen zu dienen bestiinnlt ist, besitzt bereits einen Fonds für die Anlage von über 30 000 Oelb äum en. Mit der Anlage eines etwa 15 000 Oelbäume fassenden Oelbaumwaldes, des Herzlwaldes, ist längst der Bahnstrecke Jaffa-Jerusalem bereits begonnen worden. Vorzüglich hat sich auch die Kunstgewerbeschule „B e z a l e l" in Jerusalem entwickelt, die in einem Nebenraum des Kongreßgebäudes eine Ausstellung ihrer Teppiche, Filigranarbeiten, Holzschnitzereien usw. eingerichtet .hat. Die Palestine Land Development Company, die bestimmt ist, die Parzellierungs- und Ansiedlungsgesellschaft der zionistischen Bewegung zu werden, konnte auf ihrem Gute Kinereth am Tiberiassee bereits beginnen, jüdische Arbeiter, die später als Pächter und Ansiedler in Betracht kommen, auszubilden. Weiter erstattet Dr. Tschienow (Moskau) den Bericht über die Tätigkeit der zur Vorbereitung der Gründung eines Agrarkreditinstit u t e s eingesetzten Kommission. Der IX. Kongreß könne sich, indem er die Gründung eines großzügigen Jnstitntes für Agrarkredit in Palästina beschließe, ein ähnlich großes Verdienst um die zionistische Sache erwerben, wie vor 11 Jahren der zweite Kongreß durch die Gründung der Jüdischen Kolonialbank. Der Redner beantragt die Einsetzung eines .Kongreß-Ausschusses, der sofort zusammen treten und dem Kongreß die Prinzipien für die Schafsinrg eines solchen Institutes vorlegen soll. Jacobus Kann (Haag), Mitglied des Engeren Aktions-Komitees, erstattet ein Referat über Handel und Industrie in Palästina, in dem er hervorhebt, baß allerdings die Bevölkerung Palästinas hauptsächlich auf Landban und Gartenwirtschaft angewiesen sein werde, daß aber dabei industrielle Methoden Anwendung finden könnten. Ueberhaupt werde. die Industrie in Palästina sich mehr als anderswo auf die Agrikultur stützen, ja zum Teil .direkt agrikulturelle Industrie sein müssen. Der Vorsitzende des Direktoriums des Jüdischen Natiönalfonds, Dr. Bodenheim-er (Köln) erstattet den Bericht über den Jüd. Nationalfonds, über den eine mit dem Bildnis des verstorbenen Professors Dr. Schapira (Heidelberg) geschmückte Broschüre von mehr als hundert Seiten den Delegierten vorliegt. Seitdem Prof. Schapiras Anregung, einen solchen jiidischen Bolksfonds zu schaffen, auf dem V. Zionisten-Kongreß im Dezember 1901 in Basel zum Beschluß erhoben wurde, hat dieser aus kleinen und kleinsten Beiträgen zusammengesetzte Fonds bereits eine Höhe von über 2 Millionen Mark erreicht, ein beredtes Zeichen der Opferwilligkeit der Breiten jüdischen Massen. Schließlich nimmt der Führer der jüdischsozialistischen Arbeiterpartei Amerikas, Dr. Syrkin, das Wort zu ejner Erklärung. Er führt aus, daß die Umwälzung in der Türkei eine neue Grundlage für die Bereinigung der Zionisten und der beim VII. Kongreß aus der zionistischen Partei ausgetretenen territorialistischen Gruppe geschaffen habe. Palästina sei jetzt das Territorium geworden, das die Territorialisteu suchen wollten. Das Land der Väter sei jetzt das Land der Kinder geworden. Die jüdische Arbeiterschaft habe das größte Interesse an der Schaffung einer Heimstätte und wolle wieder gern und freudig an her Arbeit für dieses Ziel teilnehmen. Unter lebhaftem Beifall des Kongresses verkündet der Präsident eine Reihe von Stiftungen, die von verschiedenen Seiten anläßlich des Kongresses gemacht worden sind, im Gesamtbetrag« von rund Mk. 3000. Eine zur Schaffung einer' Arbeitersiedlung s gen offenschaft iu P a l ä st i n a nach den Vorschlägen des bekannten Sozialökonomen Dr. Franz Oppenheimer, der dem Kongreß als Delegierter beiwohnt, borgvnommene Sammlung, hat bis heute bereits über 10,000 F r s. aufgebracht. Auf ein Begrühungstelegramm au deu deutschen Kaiser ist folgende telegraphische Antwort eingelaufen: SeineMajestätderKaiserundKönigin haben den Hnldignngsgruß der dort versammelten Zionisten gern entgcgengenommen und lassen bestens danken. Auf Allerhöchsten Befehl: Der Geheime Kabinettsrat von Valentin,. Die Verlesung des Kaiserlichen Telegramms wurde von der Versammlung mit begeistertem Jubel ausgenommen. Nachmittags sitzung. Zu Beginn der Sitzung erstattet Prof. War bürg den Bericht des Vereins Oelbaumspende. Die Oelbamnspende ist dazu bestimmt, durch Anpflanzung von Oelbäumen auf dem Boden des jüdischen Nationalfonds. eine Kultur in Palästina einzuführen und die Wiederausforstung des Landes in die Wege zu leiten. Ihr Vermögen beträgt heute bereits soviel, daß sie mehr als - 30 000 Bäume wird pflanzen und unterhalten können. Die Sammlung für diese Spende ist eine der beliebtesten innerhalb der Organisation und wird zweifellos größter Bedeutung werden. Nach diesem mit lebhaftem Beifall ausgenommen«,, Berichte erstattete der Präsident der Jüdischen Kolonialbank, Herr Dr. Katzenelsohn, den Bericht über dieBankenderzionistischenOrganis a t i o n. Alle befinden sich in bester Entwickelung. Die jüngste, die Anglo Levantine Banking Company in Konstanivpel, chat in den 15 Monaten ihres Bestehens sich geradezu rapid entwickelt und beim Schlüsse des ersten Geschäftsjahres bereits 6«/o Dividende verteilt. Die im Jahre 1903 gegründete Anglo Palestine Company in Jaffa mit Filialen in Jerusalem, Beirut, Hebron und Haifa .hat ihr Aktienkapital seit ihrer Begründung um mehr als die Hälfte vermehrt. Ihre Depositen sind um das fünffache gestiegen, ebenso ihre Jnvestionen. Ihre Tätigkeit ist für die Entwickelung des Judentums in Palästina von geradezu epochaler Bedeutung geworden. Sie hat allein 28 Genossenschaften gegründet, denen sie einen Kredit von einer Va Million gewährt. Sie hat ^roße Landkomplexe für den Rationalfonds und andere Unternehmungen erworben, eine Bieh-Bersichernngsgesellschaft für die Kolonisten ins Leben gerufen usw. Das wichtigste zionistische Bankinstitut ist aber die Kolonialbank in London. Sie ist wohl die eigentümlichste Bank der Erde. Sie besitzt fast 130 000 Aktionäre, lauter kleine Leute' in allen Teilen der Welt, die aus .reiner Begeisterung für das Ideal ihre Aktien erworben haben. Sie hat sich ausgezeichnet entwickelt, die obenerwähnten Tochtergesellschaften gegründet. Ihr Umsatz hat sich in den letzten drei Jahren um fast 30«/» gesteigert, ihre Dividenden sind befriedigend. Sie hat große Summen für die zionistische Organisation aufgebracht und ist in Wahrheit das Finanzinstrument der zionistischen Organisation. Das Referat fand langanhaltenden Beifall. Es entspann sich nunmehr eine Debatte hauptsächlich über die Arbeiten in Palästina. Auch diese Diskussion war ziemlich kritisch und rügte vor allem, daß seitens der .zionistischen Organisation nicht genug geschehe. Eisenstadt-Jerusalem verlangte die Uebertragnng der Leitung nach Palästina, Blitz-Dessau, Ar. Daiches-Manchester und Rabbiner Dr. Thon-Krakau polemisierten gegen das zu Wenig, das in Palästina geschehe. Nordau .habe gesagt: Warten sei ein Kummer, keine Schande. Dem müsse man entgegnen: Untätiges Warten sei eine Schande, sei mehr, der schwerste Schaden für die Bewegung. Kaplanski-Wien verlangt die Schaffung einer Agrarkreditinstitution, um die jüdischen Arbeiter in Palästina als selbständige Kolonisten anzusmdeln. Ben Z w i - Jerusalem verlangt, daß die Institutionen der zionistischen Organisation in Palästina ans breiterer Grundlage reformiert würden. In ihrer gegenwärtigen Verfassung fehle ihnen der enge Zusammenhang mit den breiten Massen. 4

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