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Neue jüdische Presse · 1909-12-31 · Heft 50 (31.12.1909) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 50 (31.12.1909)
Date
1909-12-31
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Nr. 50. Sette 4. Die Antworten wurden ihm mit dem Dolch abgezapft. Wenn er etwas verschweigen ober mit der Aussage zögern wollte, wurde er vom rothaarigen Präsidenten mit dem Dolch traktiert. jEr verlor das Bewußtsein und erwachte erst, als er einen brennenden Schmerz im Schenkel fühlte, den ihm der rohe Riese durch das Messer verursachte. , Er war, so bedeutete man ihm, zum Tode durch den Strang verurteilt und wurde zum nächsten Baumstamm gezerrt, wo man ihn mit dem Stricke erwartete. Schon war die Schlinge um seinen Hals gewunden, als er schreiende Stimmen vernahm. Er schrie aus Leibeskräften. Seine Mörder erschraken und entflohen. . . Zwei Stunden darauf kam Mclnikoff erschöpft, von Blut besudelt und entstellt bei der Polizei ein. Die Unmittelbarkeit seiner Schilderung und die blutigen Wunden ließen keinen Zweifel an der Wahrheit seiner Worte aufkommen. Die Presse bemächtigte sich des Falls. Unter dem Hochdruck der bis zumDilirium aufgepeitschten Volksleidcnschast wurde von der Polizei nach den Tätern gefahndet. Melnikosf konnte die Höhle nicht entdecken. Auf die Henker erinnerte er sich aber so lebhaft und schilderte sie bis in die kleinste Einzelheit so genau, daß die findige Polizei ihrer bald habhaft wurde. Melnikoff erkannte sie auf den Blick. Es waren — Juden. Nun pellte es sich aber während der Gerichtsverhandlung heraus, daß Melnikoff, der Seminarist, den 23. Mai überhaupt nicht außer dem Hause verbracht habe, seine Wunden derartige sind, daß sie unmöglich von fremder, nur von eigener Hand herrühren können, und daß die ganze Geschichte die phantastische Erfindung eines myth om aniakischen Hirns sei. . . Die echten Russen und ihre Presse wüten nicht wenig über den wissenschaftlichen Prof. Kowalewsky, durch den ihre Kolportage um einen fetten Brocken und die Pogromsgeschichte um eine blutige Sensation ärmer wurde. Das Verfahren mußte natürlich eingestellt und dadurch der raubgierigen Meute ein Bissen entrissen werden, auf den sie seit Monaten gierig lauerte. Z i o n i. Frankreich. Paris. Die Bemühungen der Alliance Jfraölite Universelle im Interesse der Inden Marokkos, insbesondere ein Brief der Alliance an den Großwesir von Marokko sind von Erfolg gekrönt worden, wie ein Brief des Direktors der Alljanccschulen in Fez beweist. Unterstützt wurden die Bemühungen durch die freundliche Stellung der französischen Kammer zu der Angelegenheit. Der Brief lautet: Fez, den 7. Dezember 1909. „Niemals ist eine Intervention zu einem geeigneteren Zeitpunkt gekommen. Während der Horizont der Marokkopolitik umwölkt war, haben Sie förmlich divinatorisch den rechten Augenblick herausgefunden, um zugunsten unserer Glaubensgenossen in Fez zu intervenieren. Der Sultan hat mit der größten Aufmerffamkeit die Reden gelesen, die betreffs Marokkos während der letzten Tage in der Deputiertenkammer gehalten wurden. Sobald die Zeitungen in Tanger eintrasen, brachten ihm Eilboten die Uebersetzungeir. Sie erinnern sich des Berichts über die Lage des Mellah, den ich Herrn Gaillard erstattet hatte, und der dem Ministerium des Auswärtigen übermittelt worden ist. Sie haben gesehen, daß Herr Pichon in der Kammer von der Lage der Juden in Fez gesprochen hat. Seine Ausführungen waren durch den Bericht angeregt, von dem er einen Auszug tviedergab. Andererseits hat Herr Pichon über diesen Gegenstand Vorstellungen an den Mokhri gerichtet, . der sie dem Sultan übermittelte. Der Großwesir hatte, gestern infolge dieser Interventionen die Großrabbinen und Notablen unserer Gemeinde berufen und ihnen im Namen seines Herrn folgendes gesagt: „Es ist zu unserer Kenntnis gelangt, daß der Direktor Ihrer Schule zu verschiedenen Malen unsertwegen an die Alliance Jsraölite geschrieben hat. Ich bin durch unseren Herrn beauftragt, Ihnen zu sagen, daß niemals mehr in Zukunft Sie irgendwelche Ungerechtigkeit von Seiten des Maghzen zu erleiden haben werden, daß man Ihnen keinen Frohndienst mehr auferlegen wird, daß Ihre Feiertage und Samstage in Zukunft respektiert werden sollen. Ich bringe Ihnen die Zusage des Wohlwollens von Seiten des Sullans, der Sie liebt, wie seine treuesten Untertanen. Die Türen zum Hause des Dar El Maghzen werden Ihnen von heute an weit geöffnet sein, und Sie werden immer Ihre Klagen und Beschwerden vor uns bringen können,' wir werden sie mit Billigkeit anfnehmen." Ungefähr in diesen Ausdrücken sprach der Großwesir zu den Repräsentanten des Mellah. Unmittelbar, nachdem die Notablen gegangen waren, habe ich dem Großwesir meine Aufwartung gemacht und habe ihm Ihren Brief übergeben. Dieser hat einen bemerkenswerten Eirr- Frankfurker iNraeMWes Famittenblatt. druck auf ihn gemacht. Der Großwesir ist von Ihrem Vorgehen angenehm berührt, was er durch den liebenswürdigen Empfang bewies, den er mir bereitete. Nachdem er mir gegenüber die Einige Augenblicke vorher den Notablen des Mellah gegebenen Versprechungen erneuert hatte, erhob er sich, um dem Sultan Kenntnis von Ihrem Brief zu geben. Den Brief hatte ich vorher in gutes Arabisch übersetzen lassen." Paris. In der Kamm er interpellierte Laroche die Regierung wegen der Behandlung französischer Reisender in Rußland. Rußland mache entgegen den bestehenden Verträgen denjenigen Reisenden Schwierigkeiten, die Freidenker oder Juden oder katholische Priester seien. Er ist der Meinung, daß die russische Regierung kein Recht habe, die Angabe der Konfession in den Pässen der Reisenden zu verlangen. Jedenfalls habe die französische Behörde kein Recht, die Konfession in den Patz einzntragen. Der Redner erwähnt, daß die bayerische Negierung im vorigen Jahre auf die Anfrage eines Juden antwortete, daß die Konfession nicht in Pässe für Rußland eingetragen werde; Frankreich könne nicht anders handeln. Rußland. Kiew. Die Administration des Kiewer Gouvernements hat sich seit jeher in ihrem „Kamps" gegen die Juden besonders ausgezeichnet. 'Ihre neueste Leistung ist die plötzliche Ausweisung von 300 jüd. Familien aus unserem Nachbarorte Dimjowka. — Die Ausgewicsenen, .durchaus friedliche, seit mehreren Jahren daselbst wohnhafte Leute, haben sich an den Gouverneur mit der Bitte gewandt, ihnen den «Aufenthalt in Dimjowka bis zum Sommer zu gestatten, da ihnen das Verlassen des Ortes in der kalten Winterzeit besonders schwer falle. Die Antwort des Gouverneurs steht noch aus. Türkei. Konstantinopel. Auf einen gchälsigen Artikel des „Osmanischen Lloyd" antwortete das angesehene Blatt „Jeune Turc" u. a.: Die Behauptung, daß in der Türkei fein Platz für neue Emigranten sei, stimine besonders in bezug auf Palästina ganz und gar nicht. Die Hälfte des palästinischen Bodens sei noch nicht besetzt. Die zweite Hälfte hätte bisher nur eine primitive Bearbeitung gefunden und könnte bei intensiver Bebauung die dreifache Zahl der darauf ansässigen Bevölkerung ernähren. Durchschnittlich befänden sich in Palästina 18—21 Personen pro glcm — gegen 118 Personen in Italien, und 50 Personen im Libanon, dessen Fruchtbarkeit hinter der des nahen Palästina znrückstehe. Sizilien, das ebenso groß sei wie Palästina, habe eine Bevölkerung von drei Millionen Menschen; Belgien fast sieben Millionen. Auch das beliebteste Argument der Einwanderungsgegner: die angebliche Schädigung der Eingeborenen durch die Einwandernden, sei absolut unzutreffend. Das Gegenteil davon entspreche der Wirklichkeit, was aus folgenden Angaben hervorgehe: In der jüd. Kolonie „P e t a ch T i k w a h" arbeiteten zweitausend Araber gegen guten Lohn; in „Rechoboth" siebenhundert Araber; in „Rischon Lezion" zweihundert Araber; in „Sichron Jakob" mehr als tausend Araber. Die jüdische Seifenfabrik „Atid" kaufe bei den Arabern die Olivcnabfälle, die früher gar nichts eingebracht hätten. Die -Kolonie „Rischon Lezion," die vor 20 Jahren keine 50 Fr. Steuern entrichtete, zahle jetzt 50 000 Fr. Steuern an die Regierung. Die Bodenpreise daselbst seien von 5—15 Fr. per Dnnam auf 300 Fr. gestiegen. Die Eingeborenen selbst betonten bei jeder Gelegenheit, daß sie von den jüdischen Kolonisten viel gelernt und ihnen viel zu verdanken hätten. A«s de« Vereine«. Frankfurt a. M. Der bekannte Gelehrte Dr. S. I amp el-Karlsruhe hielt vorigen Mittwoch im Verein „Nachlaß Zwi" einen sehr interessanten und lehrreichen Vortrag über das Thema ,Lsrael in Egypten und seine Einwanderung in Palästina nach zeitgenössischen Inschriften geschildert". Wir entnehmen den Ausführungen als deren Ergebnis folgendes: Andere Völker wollten nicht einmal ihre einstige Herkunft aus einem anderen Lande gestehen — so bezeichncten sich z. B. die Eghpter als Autochthonen ihres Landes, bis erst die neueste Forschung die Wahrheit der biblischen Ueberlieferung vom asiatischen Ursprung der Eghpter bewiesen habe —, um« wievielweniger würden andere Völker ihren einstigen Sklavenstand zugegeben haben, — und doch wird die Sklaverei Israel in Egypten von der Kritik angezweiselt, obgleich man doch einem Volke eine solche Selbstschmähung kaum zutrauen soll. Gegen den Hanpteinwand der Kritik, daß die egyptischen Denkmäler nicht genügend von Israels Aufenthalt in Egypten sprechen, ist geltend zu machen, daß dieselben von dem allergrößten politischen Ereignis der ganzen egyptischen Geschichte, nämlich von der Fremdherrschaft des Jlyksos,' die mehrere Jahrhunderte dauerte, unvergleichlich weniger berichten, und trotzdem hat noch kein Mensch die Jlyksos-Katastrophe bezweifelt. Außerdem sind die inschriftlichen Notizen betreffs Israels Aufenthalt in Egypten viel zahlreicher als man allgemein erwartet. . Das inschriftliche Material von Ramses, dem Pharao der Bedrückung, als auch von Menephta, den Pharao dcS Auszuges, zeigt, wie die Denkmäler in Wort und Bild die alten Ebräer uns als Ziegelstreicher und Steinbrecher vor Augen führen. Auf schönen, großen und farbigen Wandgemälden sehen mir die meißgelben Hebräer mit ihren schwarzen Bärten beim Ziegelstreichen beschäftigt, bei welcher mühsamen Arbeit sie von hellbraunen egyptischen Aufsehern angetrieben werden. Auch stellen zahlreiche Papyrusinschriften offizielle Berichte solcher Aufseher an ihre Vorgesetzten betreffs der Arbeitsleistung dieser ebräischen Sklaven dar. Frankfurt a. M. Die »Bereinigung zur Pflege klassischer Literatur" veranstaltet Sonntag, abends 8 Uhr, in der Frankfurt-Loge eine Ausführung des Dramas „Ketten" von Hermann Reichenbach. Karten sind noch Samstag Abend von 8—10 und Sonntag Morgen von 10—12 im Vereinslokale, Langestr. 26 (ehemal. Kaufin. Verein), 2. Stock zu haben. Wreschen. Der Israelit. Frauenverein feiert am 1. Januar das Fest seines 25jährigen Bestehens. Aus der Lehrerwett. Berlin. Am 1. Mai dss. I. waren in Preußen an königl. Anstalten 10 und in städtischen Anstalten 77 Inden als Oberlehrer angestellt. Budapest. Das Schicksal des jüdischen Gymnasiums. In: Jahre 1892 deponierte der Großgrundbesitzer A. Freystädtler de Kövesgör (sein Sohn hat sich schon getauft) bei der Staatskasse 2,000,000 Kronen mit der Bestimmung, daß die Zinsen und Zinseszinsen dieses Kapitals 10 Jahre hindurch zur Errichtung einer jüdischen Mittelschule dem dazu gleichzeitig bestimmten Kuratorium ausgefolgt, das Kapital aber seinen Erben zur Verfügung gestellt werde. Außerdem hinterließcn mit ähnlicher Bestimmung Alexander Wahrmann 600,000 nnd Salomon Taub 60,000 Kronen der jüdischen Gemeinde. Nach Ueberwindung der juristischen Hindernisse, die der Vereinigung der drei Stiftungen im Wege standen, wurde dann am 19. Dezember 1906 der Vertrag zwischen dem Kuratorium und der Gemeinde geschlossen. 2kun war cs entweder, daß man das Geld noch für zu wenig hielt, oder daß das Ministerium Schwierigkeiten machte, oder die Furcht „was man dazu sagen wird", kurz wir hatten noch immer kein jüd. Gymnasium. Am Ende des vorigen Jahres hatte die Freystädtler'sche Stiftung schon die Höhe von 1,175,000 Kronen, die Wahrmann'sche 945,374 und die Taub'sche 187,478 Kronen erreicht. Der Präsident des Kuratoriums wurde inzwischen auch Gemeindepräses, nnd in seiner Programmrede betonte er, daß die erste Klasse schon im kommenden Schuljahre eröffnet werde. Jetzt aber verlautet, baß man mit der Eröffnung solange warten wolle, bis die Schule im eigenen Heim logiert werden kann. Auge «in Auge. Roman non Sam. Gordon. Frei übersetzt von M. P u l v e r m a n n. (Fortsetzung). Baruch stand betäubt nnd gebrochen da. Endlich schlug er mit der Faust auf den Tisch auf. „Du heiserer, krächzender Unglücksrabe! Warum erzählst Du mir jetzt all dieses?" „Warum sollte ich es Dir denn nicht sagen?" gegenfragte Niman. „Weil das Elend groß genug sein wird, wenn es als vollendete Tatsache vor uns steht. Ohne Deine finstere Prophezeiung hätte ich doch wenigstens noch einige glü 'liehe Stunden verbringen, wenigstens noch diese Nach: ruhig schlafen können!" „Um so gräßlicher wäre dann das Erwachen." Baruch war auf einen Holzstuhl gesunken; bald aber sprang er wieder verzweifelt aus, um die ganze Länge der Kammer aufgeregt zu durchlaufen. Das Talglicht war dem Verlöschen nahe, und Niman zündete ein neues an. „Das ist Verschwendung," tadelte Baruch, als sei dieses jetzt sein größter Kummer; „es hätte mindestens noch fünf Minuten gereicht." „Für heute wird es noch längen, und morgen werden wir keins mehr gebrauchen," antwprtete Niman trocken. Diese Bemerkung traf den andern wieder wie ein Faustschlag. In seiner Fassungslosigkeit, ergriff

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