Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 50 (31.12.1909)
- Date
- 1909-12-31
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr 50. Fran^furker AsraelitiWes Familienblatt. Referendar Kahn-Köln wendet sich gegen die Ausführungen des Referenten, dessen Vorschläge er größtenteils für undurchführbar hält. Er bestreitet auch, daß der Alkoholrsmus innerhalb der deutschen Judenheit zugenommen habe, mit Ausnahme einiger jüdischen Studentenverbindungen, die in dieser Beziehung den Deutschen gleichkommen wollen. Herr Fischer-Hannover: Auch er hält den Vorschlag betrefss der Wohnungszentraleu für undurchführbar, da die Mitglieder dies als eine gewisse Bevormundung betrachten werden. Betreffs der Stellenvermittlung und des Zusammengehens mit nichtjüdischen Vereinen pflichtet er dem Referenten bei. Was er am Vortrage vermißt hat, sind Vorschläge Wer die Herbeiführung des sozialen Ausgleiches innerhalb der Vereine. Dr. S iin on-Mainz fordert von den Vereinen, sich der kulturellen Hebung der osteuropäischen jüdischen Jugend anzunehmen. Auf eine Frage Dr. Löfflers, über die Mittel, die man anwenden soll, meint er, daß dies am besten außerhalb der Vereine geschehen soll. Dr. Warmbrnnn weist in einer kurzen launigen Erwiderung den Angriff Dr. Kahns auf die jüd. Stndentenvereine betreffs ihrer Assimilanz zurück. Dr. Jmhofs meint, daß die weit verbreiteten Nervenkrankheiten bei den Juden nicht so sehr eine Folge des Alkoholismus als vielmehr ihrer einseitigen Städtekultur seien. Betreffs der Wohnungsfürsorge steht er ans deni Standpunkte des Referenten. Rechtsanwalt Dr. Horovitz wendet sich lebhaft gegen eine Beschränkung der Vereine auf irgend einen Stand. Vielmehr müssen sie Mitglieder aller Klassen und Stände umfassen, sowohl Ausländer als Inländer. Die Züchtung eines Protzcntums in geistiger oder gesellschaftlicher Hinsicht müsse unbedingt verhindert werden. Frau Fromberg, als Vertreterin des Mädchen-Vereins, bemerkt, daß dieser Verein schon Versuche zur Ausbildung osteuropäischer Mädchen gemacht habe, die von sehr gutem Erfolg begleitet waren. Demgegenüber bemerkt Herr Singer, daß der Montesiorevercin schon vor etwa 12 Jahren Versuche in dieser Richtung unternommen habe, deren Ergebnis aber unbefriedigend gewesen sei. Herr Kahn-Köln tritt warm für die osteuropäischen Juden ein. Er weist auf die beschämende Tatsache hin, daß die deutschen Juden den osteuropäischen gegenüber gewissermaßen als Antisemiten gegenübertreten, indem sie diese Juden als Fremde betrachten und zurückstoßen. Rabb. Dr. I. Horovitz: Er gebe zu, daß leider bei vielen deutschen Juden Vorurteile gegenüber ihren osteuropäischen Brüdern bestehen. Um nicht diese Vorurteile noch zu vermehren, halte er es sür zweckmäßiger, mit der Aufnahme der neu hinzu kommenden osteuropäischen Juden in die Jugendvereine einige Zeit zu warten, bis sie sich einigermaßen den deutschen Sitten und Umgangsformen angepaßt haben. Er empfiehlt weiterhin die Veranstaltung solcher Vorträge, an denen sich viele Mitglieder beteiligen können. Zwecks Herbeiführung des sozialen Ausgleichs wäre es angebracht, öfters Rczitations- und Musikabende einzurichten. Vor allem aber, um eine Heranziehung der aus der Fremde zuziehenden Jugend zu ermöglichen, schlägt Redner vor: die Jngendvereine mögen untereinander beschließen, daß Mitglieder, die in der Mitte des Jahres nach einer anderen Stadt ziehen, sofort dem dort bestehenden Vereine beitreten können, ohne neuen Beitrag zu zahlen. Was die Wohnungszentrale anbetrisst, so hält er ihre Durchführung sür möglich, empfiehlt aber ein vorsichtiges Vorgehen, um keine Mißhelligkeiten zu erregen. Dr. Löffler weist in seinem Schlußworte die von verschiedenen Seiten gemachten Angriffe zurück und wünscht, daß man der bemittelteren Jugend Gelegenheit zu sozialer Betätigung gebe. Nach Schluß der Debatte wird beschlossen, die folgenden 2 Referate auf einander folgen zu lassen und die Debatte nachher vorzunehmen. Es ergreift Dr. Kaufmann-Köln das Wort zu seinem Referate über „Die Kernfragen der Jugendverein-Bewegung". Eingangs überbringt Redner die Grüße des Jugendvereins Gabriel Rießer zu Köln. Auf sein eigentliches Thema dann kommend, zeichnet der Redner folgende Wege, die man zwecks Hebung und Festigung der Vereine einschlagen muß: Die Organisation muß gestärkt werden; besondere Sorgfalt wende man der Zusammensetzung des Vorst audes zu; entgegen der mancherorts bestehenden Gewohnheit, den Vorstand aus den Notablen zusammenzusetzen, fordert Redner energisch eine unbedingte Demokratisierung desselben. Das Geselligkeitsbedürfnis der Mitglieder suche man vor allem durch Vortragsabende zu befriedigen, bei denen eine eifrige Diskussion gepflegt werden soll; Redner empfiehlt auch die Veranstaltung von Diskutierübungen für die jungen Mitglieder zwecks Heranbildung eines tüchtigen Rednerstammes. Außerdem hält der Referent die Einrichtung von Freitagabenden für nutzbringend, ebenso die Veranstaltmig. von größeren Festen imd Musikabenden, durch die. man die Mitglieder, einander näher bringen kann, ferner die Errichtung von Bibliotheken und Lesehallen. Was die Aufnahme von Mitgliedern betrifft, so müssen alle zugelassen werden. Weiterhin tritt der Redner energisch dafür ein, daß den Mitgliedern die reichste Gelegenheit gegeben wird, ihre Gesinnungen frei zum Ausdruck' zu bringen. Den daraus sich ergebenden Wettkampf fürchte man nicht, sondern man sorge dafür, daß die fachlichen Kämpfe nicht zu persönlichen Gehässigkeiten führen. Während so im Innern des Vereines vollste Gesinnungsfreiheit herrschen müsse, dürfe er nach außenhin keine Art von Parteipolitik treiben. Mit der nochmals betonten Forderung der Freiheit des Wortes und der Gesinnug schloß der Redner seine interessante Ausführungen, die den vollsten Beifall der Zuhörer fanden. Auf besonderen Wunsch erhält dann Herr Rabb. Dr. I. Horovitz das Wort. Zurückgreifend auf die Ausführungen des Herrn Singer, bemerkt der Redner, daß diese Kurse für Ausländer keineswegs eingegangen seien, daß sie vielmehr unter Leitung der Frankfurt-Loge noch gegenwärtig bestehen. Da aber diese Kurse den Zweck haben, schon einigermaßen gebildete junge Leute weiter auszubilden, wünscht der Redner die Einrichtung von Kursen seitens der Jugendvereine, die solchen osteuropäischen jungen Leuten, die mit der altgemeinen Kultur bekanntzu werden wünschen, dazu Gelegenheit bieten. Betreffs der Forderung Dr. Kaufmanns über die Gesinnungsfreiheit stimmt der Redner ihm im wesentlichen zu, doch müsse man alles vermeiden, was der Neutralität des Vereins schaden könne, weswegen diese Diskussionen mit besonderem Takt geführt werden müssen. Auf die Zerrissenheit innerhalb der deutschen Judenheit hinweisend, schließt der Redner seine schwungvollen Ausführungen mit der Mahnung, daß man die jüdische Allgemeinheit wieder einen möge. Diese begeisterten Worte des Redners werden mit allscitigem großen Beifall ausgenommen. Das Wort wird nunmehr Herrn Res. Kahn- Köln erteilt zwecks Erstattung seines Referats über „Die Kernfrage der jüd. Jugendbewegu n g." Diese Kernfrage formuliert der Redner dahin: Wie wird cS erreicht, daß bei jedem Mitglied dauerndes Interesse für den Verein erweckt wird? Zur Erreichung dieses Zieles gibt es zwei Wege: Mittel geistiger Natur und solche gesellschaftlicher Natur. Das Hauptgewicht sei natürlich auf die geistigen Mittel zu legen. Das wichtigste dieser sei, den Mitgliedern das Judentum objektiv vorzutragen, von der Voraussetzung ausgehend, daß dieses auch heute ein bedeutender Kulturfaktor sei; auf diese Weise werde man auch allmählich Begeisterung für das Judentum erwecken. Die Gelegenheit dazu biete sich vornehmlich in den Freitagabenden. Redner zeichnet dann in großen Zügen ein klares Bild von den Themen, die im „Gabriel Rießer-Verein" zu Köln an diesen Menden behandelt werden. Und zwar umfassen die Themen das Gebiet der gesamten Philosophie, sowohl der geschichtlichen, als auch der transzendentalen, sowohl die antike, als auch die moderne Philosophie. Jminer aber zeige man den Mitgliedern, wie groß und wahr das Judentum sei, und so erweckt man in ihnen Begeisterung und Liebe ans der einen Seite, Stolz und Selbstbewußtsein auf der anderen Seite. Und all seine Ausführungen in dem einen Satze zusammenfassend: Der Hauptzweck ist die Persönlichkeit als solche zu erziehen und ihr ihre Aufgabe als Jude zu zeigen, schließt der Redner sein glänzendes und hinreißendes Referat, das den lebhaftesten Beifall auslöst. (Schluß folgt.) Aus aller Weit. Deutsches Reich. Berlin. Schon zwei Wochen nach der vom „Deutsch-Israelit. Gemeindebund" einberufenen Konferenz über die Frage des Wanderbettels versendet das Büro des Deutsch-Israelit. Gemeindebundes das stenographische Protokoll. Dieses enthält außer den bereits bekannt gegebenen weit tragenden Beschlüssen (Antrag H i r s ch - Halberstadt, Dr. Nathan -Berlin) eine Fülle interessanter Ausführungen. Besonders hervorgehoben seien die Referate der Herren Feilchenfeld-Köln und Liebenfeld-Bochum. Bedeutungsvoll sind auch namentlich die Erklärungen der Vertreter der großen Hilfsorganisationen, der Herren: Dr. Nathan (Hilfs verein) und M. A. Klausner (Alliance Jsraölite), die die materielle und ideelle Beteiligung ihrer Körperschaften an dem geplanten Werke einer Gesamtorganisation zusagen. Ferner die des Herrn Dr. Sonderling-Hamburg, Vertreters der Großloge U. O. B. B., der in Aussicht stellt, daß die Logen-Mitglieder daran Mitarbeiten werden, damit zugunsten der .Kassen die privaten Unterstützungen an Wanderbettler unterbleiben. Seite 3. Somit ist günstige Aussicht sür das Zustandekommen der Organisation vorhanden. An 24 über das ganze deutsche Reich verteilte Stellen (Armen- und Gemeindeverbände, und wo solche fehlen, geeignet erscheinende Großgemeinden) hat das Büro des Gemeindebundes die Aufforderung gerichtet, sich seiner Einladung an die Gemeinden zu Provinzial- Konserenzen mit dem Zwecke der Schaffung von Provinzialkasjen anznschließen und hat ihnen das erforderliche Material übersandt. Zur Bildung des geplanten Zentralo m i t e e s ist an 13 Persönlichkeiten, die Vertreter hervorragender Körperschaften und ausgezeichnete Fachleute sind, die Aufforderung zum Eintritt ergangen. Das stenographische Protokoll ist für Interessenten kostenlos durch das Büro des Deutsch- Israelitischen Gemeindebundes, Berlin IV. 35, Steglitzerstraße 85 zu beziehen. Breslau. Der nach hier auf den 28. Dezember einberufen gewesene 4. Delegiertentag des Verband es bet Sabbatfreunde ist infolge unvorhergesehener Schwierigkeiten im letzten Moment auf den 28. März verschoben worden. Oesterreich-Ungar». Budapest. In der medizinischen Zeitschrift: „La presse med." beschäftigt sich Herr Dr. R. Roman mit dem psychopiatholog. Problem!der Mythomanie und bringt zur Illustration folgenden von Prof. Kowalewsky beobachteten Fall, dessen glückliche Diagnose einen Pogrom verhütet hat. Der Fall ist folgender: Am 9. Mai 199? gegen 2 Uhr nachmittags setzte sich der 17jährige Seminarist Melinkoss auf eine Bank gegenüber dem Odessaer Palast des General Kaulbars. Gleich darauf ließen sich 2 Studenten auf diese Bank nieder, die sich lebhaft mit den politischen Zuständen beschäftigten, was der Seminarist von jüdischen Studenten nicht dulden wollte. Die Studenten wiesen die Einmischung zurück, der Seminarist jedoch machte der weiteren Diskussion durch schallende Ohrseigen ein Ende und jagte die Studenten in die Flucht. Nach zwei Wochen kam Melnikofs in das Restaurant, in dem er gewöhnlich zu Mittag speiste, und fand an seinem Tisch einen überaus sympathischen jungen Russen, mit dem er gleich bekannt wurde. Dieser weihte ihn sofort in den geheimen Leidensweg seiner Irrfahrten ein. Er war Postbeamter, kam in den Kreis der Revolutionäre, nahm teil an einem Generalstreike, wurde kompromittiert und das Ende war: Verhaftung, Deportation und Amtsverlust. Er hat unterdes genügeiü» Zeit gehabt, über seine traurige Lage und was sie veranlaßte, nachzudenken. Er war sich bewußt, ein Spielball in der Hand der Inden, der Erzfeinde des Zaren und des russischen Reiches gewesen zu sein. Seine Lage war eine verzweifelte. Er ging einfach elend zugrunde. Nach kurzer Vereinbarung beschlossen sie, den Abend zusammen zu verbringen. Bei dieser Zusammenkunft kamen sie wieder aus die traurige Lage zu sprechen, und so vertieft gelangten sie wie durch Zufall bis au die Peripherie der Stadt. Hier sah sich Meluikoff urplötzlich von sechs bewaffneten Männern mnringt, die mit schußbereiten Brownings sür jede Bewegung und jedes laute Wort mit dem Tod bedrohten. Er wurde gefesselt, die Augen mit einem Tuche verbunden, und sein Mund durch einen festen Wattetampon zum Verstummen gebracht. Ein brutaler Rippenpuff bedeutete ihm, zu gehn. Er folgte ihnen eine halbe Stunde lang, bis er das rauschende Fluten von schäumenden Wellen deutlich vernommen hat; er. mußte stehen bleiben und wurde mit festem Griff auf einen Kahn geworfen, der sich mit ihm in Bewegung setzte. So ging es ungefähr eine halbe Stunde. Ans Ufer gebracht und ausgeschisft, führte man ihn auf hügeligem Gelände, dann nach tiefen Gründen, schließlich mußte er noch zwanzig Stufen in die Tiefe steigen, worauf ihm die Fessel und die' Augenbinde gelöst und der Tampon ans dem Munde entfernt wurde Er war in einer gruseligen Höhle. Bei dem. matten Schein einer rauchenden Talgflamme sah ec einen langen Tisch, von dessen bluttoter Decke ihm ein Totenkopf gespensterhast entgegenstarrte. Aus den Glasschräuken blitzte eine Unzahl von Gewehrläufen hervor. Die blutigem Dolche, Messer, Revolver und Bomben, die der Wand entlang befestigt waren, vervollständigten den unheimlichen Eindruck, den das Revolutionsttibunal, sieben Männer und eine von Kops bis Fuß in Rot gehüllte Dame» in ihm hervorgerufen hat. Aus Befehl des herkulisch gebauten rothaarigen' Präsidenten mußte er sich bis ans die Haut entkleiden, worauf das hochnotpeinliche Verfahren eingeleitet wurde. Er wurde angeklagt: 1. daß er Mitglied der Partei der echten Russen sei; 2. zwei Genossen der Sozialrevotuttonäre geohrfeigt zu haben und 3. bei dem letzten Judenpogrom aktiv beteiligt gewesen zu sein. $ ,4 1 I -’Ä -s| s ■iiä