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Neue jüdische Presse · 1909-12-31 · Heft 50 (31.12.1909) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 50 (31.12.1909)
Date
1909-12-31
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. ,50 ___ er Nkman am Arm und rief: „Um Gotteswillen, waS soll aus uns werben?" Mit grimmiger Wollust erhob Niman seine sehnigen, starkknochigen Arme und sprach zynisch: „Ich habe ja diese! — - Freilich Du < . verächtlich zuckte er mit den Achseln. „Das meine ich nicht," unterbrach ihn Baruch. „Es ist nicht der Kampf um das tägliche Brot, der mich ängstigt. Gott weiß es, ich habe gelernt zu darben und zu entbehren. Aber, nachdem die goldenen Pforten des Wissens sich vor mir aufgetan, nachdem ich die Schwelle der Erkenntnis überschritten — wieder in den tiefen Abgrund der finstern Unwissenheit znrückgeschlendert zu lvcrden, das, Niman, ist für mich mehr als Höllenpein! Du hast recht," rief er bitter, „die russische Regierung weiß ganz genau, wie sie ihre Bernichtungspolitil erfolgreich betreiben kann: sie quält unfern Leib in die Engnis und unfern Geist in die Finsternis hinein. Weißt Du aber, warum sie es tut, Niman? — Weil sie-uns fürchtet! Unfern Geist, unsere Arbeitsfreudigkeit, unsere Nüchternheit, die uns über das korumpierte Beamtentum, über das verlotterte Militär, über den schwelgerischen Adel emporhebt! '— Und weißt du, Niman, der Mensch ist nie grausamer, als wenn er fürchtet." Seine Augen wurden feucht. „Meine armen, armen Eltern, die so stolz auf mich waren, die ihre ganze Hoffnung auf den einzigen Sohn gesetzt. Was wird der alte Mann empfinden, wenn ich vor ihn hintrete und spreche: „Vater, meine Karriere ist vernichtet! Jetzt werde auch ich Pantofselmacher, wie Du, werden!?"" Er hielt inne und sah mit starrem Erstaunen auf Niman, der sich wieder cuu Tische niedergelassen, einen Bleistift in der Hand und den anfgeschlagenen Horaz vor sich. „Niman, lvas machst Du denn?" fragte er. „Meine Aufgaben für morgen." „Morgen werden wir doch ausgewiesen!" „Morgen ist nicht heute," „Du bist kein Mensch!" rief Baruch voller Zorn, wobei sich aber eine gewisse Bewunderung für den Freund kundgab. Doch dieser beugte sich tiefer über das Buch und murmelte leise: „Furcht macht die Menschen grausam — sogar grausam gegen die Freunde, grausam gegen sich selbst! — Eheu fugaces!" II. Niman ging auf den Fußspitzen im Zimmer herum, um den Freund nicht im Schlafe 311 stören. Vor zwei Stunden braucht er ihn nicht zu wecken. Die Audienz bei den: Präsekten sollte erst um elf Uhr stattfinden. Und die Ruhe tat dem Schläfer sehr not. Es war etwas Fürsorgliches, Brüderliches in dem Blick, mit hem Niman bas schöne Gesicht des Schläfers betrachtete. Baruch hatte erst in den Morgenstunden sein Lager ausgesucht; aber auch jetzt schienen häßliche Träume ihn zu beunruhigen, wie ein sturmgepeitschtes Schiss, das nach einem schweren Sturm doch nur einen zweifelhaften Ankerplatz gefunden. Es waren schwere Gedanken, die ihn auch jetzt noch quälten. Und Niman kannte wohl diese Gedanke»; waren es doch seine eigenen, nur daß er sie mit seinem eisernen Willen hinuntergewürgt und in den verborgensten Winkel seines Verstandes verschlossen hatte. Bis zu den weit hinter ihnen liegenden Tagen in ihrem Geburtsstädtchen wareic ihre gemeinsamer: Gedanken zurückgeschlichen, wo beide in unzertrennlicher Jugendfreundschaft ihre Kindheit verlebt hatten. Beide saßen sie zusammen in demselben dumpfen „Cheder"; beide haben sie dort aus demselben zerlesenen Folianten die herbe, fchlokcrige talmudischc Wissenschaft in sich ausgenommen, und beide haben sie kindliche Tränen vergossen bei dem Schlägen desselben Lehrers. Niman, frühzeitig verwaist, war von jeher auf die Mildtätigkeit der Ncbenmenschen angewiesen. Aber auch Baruchs Schicksal war nicht viel freundlicher gewesen; höchstens, daß das Mutterauge mitleidig auf ihm ruhte, wenn Hunger und Kälte den Knaben zum Weinen gebracht hatten. Beide waren sie unter allerlei Entbehrungen herangewachsen und besaßen auch später nichts, das ihrem grauen, eintönigen Dasein irgend welche Farbe hätte verleihen können, außer den goldenen Traum, den sie gemeinsam webten, wenn sie an den Ufern des Dniepers saßen, der stolz nnd majestätisch an dem elenden Lehmhütten vorbeirauschte. Da saßen alle drei, Niman, Baruch und Malka, jenes kleine Mädchen, dessen bleiches, schmales Gefichtchen von einer mächtigen schwarzen Haarfülle eingerahmt war, was ihr den Namen „schwarze" Malka eingetragen. Auch um Malka, die mit einer alten, halbnärrischen Großmutter zusammenhauste, kümrnerte sich keine Menschenseele, so daß sie in wilder Freiheit emporwucherte und tun und lassen konnte, was sie nur wollte. Und meistens wollte Malka ebenfalls am Strome sitzen und der ihr nur halbverständlichen Unterhaltung der Jungen lauschen, die immer nur von ihrer Unzufriedenheit!mit Welt und Menschen sprachen und mit einer geheimnisvollen, goldenen Zukunft sich trösteten. Malka konnte es nicht begreifen, daß es . noch etwas Besseres geben sollte, als müssig dazusitzen, kleine Steinchen auf der Oberfläche des Stromes "hüpfen zu lassen oder dem sanften Frankfurker Israelitisches Familienblatt. Rauschen der Trauerweiden zu lauschen, wenn der Abendwind leise dahinstrich. Und es war an einem Sabbath-Nachmittag, da bie. ganze Welt still zu stehen schien, als wollte auch sie am heiligen Tage ruhen und feiern, da rückte Niman mit seinem kühnen Plane heraus, bei dessen Anhören das schwarze Mädchen verzweifelt ausschrie und mit -tränenfeuchten Augen Baruch flehentlich ansah. Nimans Vorschlag bezweckte nichts geringeres, als daß er und Baruch dem Düster ihrer Umgebung fliehen und in die weite Welt hinausziehen sollten, um dort das große Glück, die ersehnte Freiheit zu finden. Baruch war mit Leib und Seele dabei, nur .mußte man ganz heimlich zrr Werke gehen, da er den Widerspruch seiner Eltern fürchtete. Seinen Schmeicheleien gelang es, Malka zu beschwichtigen und sie zur Geheimhaltung ihres Vorhabens auch zu verpflichten. Und so waren sie noch an demselben Abend — mit leeren Taschen, aber mit einer Wagenladung rosigster Hoffnungen — fortgezogen, wie Niman sagte, aus der finstern Nacht zunr hellen Morgen. Freilich war Niman schon damals nicht ganz sicher, ob wirklich nur der Wissensdurst die einzige Triebkraft seiner Handlungen gewesen — und Baruch war der letzte, den er darüber hätte befragen mögen — oder ob nicht auch' die Eifersucht eine große Rolle mitgespielt hatte, weil es all seinen Bemühungen, all seiner Beredsamkeit nicht gelingen wollte, jenes Ausleuchten in Malkas Augen zu zaubern, das Baruch schon durch wenige Worte hervorbringen konirte. Viele, viele Jahre waren seit damals dahingegangen, ohne daß einer von ihnen den Namen jenes Mädchens auch nur über die Lippen gebracht hätte; Baruch nicht, weil sie ihm bald gänzlich aus denr Gedächtnis geschwunden war, nnd Niman nicht, weil er nicht der Mensch war, etwas über seine Lippen fließen zu lassen, was .er in der tiefsten Tiefe seines Herzens verschließen wollte. An eine Reise nach der Heimat war natürlich nicht zu denken; sie hatten nie den Luxus eines überflüssigen Groschens gekostet, vielweniger besaßen sie die Unmenge Rubel, um eine solche weite Reise bestreiten zu können. Alle sechs Monate, zu Ostern und Neujahr, eine engbeschriebene Postkart, das war alles, was Baruch sich leisten durfte, um seine Eltern von seinem Wohlergehen zu benachrichtigen. Sicherlich spann sich jetzt der Faden ihrer Rückerinnerung auch bis zu jenem glücklichen Zufall hin, wo sie, bald nach ihrer Abkunft in Odessa, halbtot vor Hunger und Kälte, von einem altern Herrn aufgefunden wurden, der sie voller Mitleid bei sich ausgenommen hatte, und der ihnen auch den Besuch des Gymnasiums crrnöglichte. Freilich hatte der Tod ihres Wohltäters sie bald wieder in Nacht und Grauen znrückgeschlendert; allein sie waren nicht durch Leckerbissen und Eiderdaunenbetten verwöhnt worden, und Hunger und Kälte vermochten sie nicht vom Ziel ihres Strebens abzuwenden. Mit ungebrochener Kraft arbeiteten sie weiter, ungeachtet aller Entbehrungen erkämpften sie «ine Klasse nach der andern. — Aber auch einige freundliche Erinnerungen gemeinsam verlebter, erhebender Stunden tauchten jetzt im Geiste der Jünglinge auf; besonders damals, als sie ihr Abiturium glänzend bestanden und die Berechtigung zum Universitätsbesnch erlangt hatten. Freilich war damals auch eine gervisse Trennung eingetreten, da sie verschiedene Gebiete des Wissens bearbeiten wollten. — Baruch begann Medizin zu studieren, während Niman sich für die Laufbahn eines Ingenieurs entschied —, aber es bestand doch ein stillschweigendes Uebereinkommen, auf der Höhe des Erfolges, am Ziele des Dtrcbens wieder zusammenzutreffen, um gemeinsam ihre Jugendideale zu verwirklichen. Und wenn sie die bisherigen Errungenschaften überblickten, wenn sie daran dachten, wie sie angefangen und was sie bereits erreicht, daß jedes Hindernis ein neues Schwungbrett, jedes Hemmnis eine neue Steigleiter geworden, da brauchten sie arr das endliche Gelingen ihres großen Vorhabens durchaus nicht mehr zu zweifeln. — Mit einem schmerzlichen Seufzer richtete sich Niman auf. „Gott, 0. Gott!" murmelte er. „Nein, jetzt wird kein Zweifel uns mehr schrecken. Jetzt liegt die traurige Gewißheit vor uns." — Ja, die Lustschlösser ihrer Jugend haben in eiteln Dunst sich aufgelöst und alles äst verloren; noch mehr als alles: die Blütezeit der Jugendkrast war nutzlos vergeudet, war einem Phantom geopfert. — Jugend! Waren sie denn überhaupt jemals jung gewesen? Nein! Niemals! Bisher hatten sie gern darauf verzichtet, weil die Erfüllung im Mannesalter ein Ersatz für das Fehlen der Jugend sein sollte. — Und nun waren sie gereifte Männer, wo aber blieb der Ersatz, die erwartete Entschädigung? Bon allem beraubt, blieb ihnen nur die peinigende Gabe des unvollendeten Wissens, die den spitzen Stachel unerfüllbaren Sehnens nur noch tiefer in die Seele stoßen wird. Was sollen sie mit dieser halben Gabe beginnen? Wie diese im elenden Heimatsdorfe verwerten, wohin sie ja zurückkehren müssen? (Fortsetzung folgt.) Seite 5. Kaiser Friedrich Quelle ■ - - Offenbach a. X. —■ ■ ■ ■ Gegen Wicht nnd RhenmatiamuB bewährt. Institut für Massage Kap* Ed. Augstein, Kaiserstraaae 5u. Teiltoassage 0,30 Mk., Ganzmassage 1,— Mk. Beste Zeugnisse und Empfehlungen von heizten und Patienten z. D. Damen werden von Dame bedient. J. EMMEL & SOHN Schillerstrasse 26. Spezlal-Gesebäft für Haiu. Zeleben-OlenslIIen. Holzbrand-,IerbseftniU-,Tarsoa. Batik-ArtlkeL Wocherr-Saleiroer. (Zeitangaben nach dem Euach.) SamStag, den 1. Januar (= 20. Tewes): IabbahAnfang in Frankfurt a. M. 4 Uhr 05 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 5 Uhr 25 Min. in Berlin 4 Uhr 52 Min. Wochenabschnitt S ch e m a u s. — Zum ersten Male hören wir von dem „Volke" Israel. Jakobs Nachkommen hatten sich in Egypten stark vermehrt, sie waren ein Volk geworden. Ein neuer Pharao (König) suchte sie zu knechten und will sie vermindern; sie vermehren sich aber dennoch stark. Da ergeht der Befehl, alle Männlichen bei der Geburt zu töten oder sie in den Fluß zu werfen. — Moses wird im Stamm Levi geboten. Seine Mutter setzt ihn in einem Binsenkörbchen aus. Die Königstochter findet das Kind beim Baden und nimmt es an sich. Sie läßt es der eigenen Mutter zur Pflege übergeben. An Pharaos Hof wird Moses erzogen. Er besucht aber oft seine geknechteten Brüder. In gerechtem Zorn erschlägt Moses einen. Egypter, der einen Israeliten mißhandelte, nnd muß fliehen. Er weilt in Midjan, hütet bei Jitro die Schafe und bekommt Zippora, eine von Jitros Töchtern, zur Frau. Sie gebärt ihm zwei Söhne. — Am Berge Horeb offenbart sich Gott Moses zum ersten Male in cinem brennenden Dornbusch. Moses soll nach Egypten zurück und das Volk heransführen. Dazu hält er sich für zu schwach. Viermal weigert sich Moses. Gott verspricht ihm schließlich die Unterstützung durch Ahron, seinen Bruder, da Moses eine „schwere Zunge" hat. Auch drei Wunderzeichen soll er vor dem Volke verrichten zum Beweis seiner göttlichen Sendung. Moses zieht nach Egypten. Unterwegs trifft er seinen Bruder Ahron. Beide reden zum Volke, verrichten die Wunderzeichen und gehen zu Pharao und bitten um Befreiung des Volkes. Es erfolgt noch härterer Druck. Sie erhalten auch kein Stroh mehr zum Ziegelbrennen. Dennoch muß die Tagesleistung dieselbe bleiben wie früher. Das Volk seufzt und macht Moses und Ahron Vorwürfe; Gott aber verheißt aufs neue baldige Hilfe und Rettung. OHenbacber Druckluft «JInlagt Telefon 123. Oifanbach a. H. Telefon 123. Ünübertroffene bewährteste Ta p plchra Inl QUn Q. Eine Revolution auf dem Gebiete der Nahrungsmittel-Industrie ist die Erfindung eines koscheren Pflanzenfettes, das nicht mehr hart und weiß ist, sondern vollkommen wie Butter aussieht und schmeckt, überhaupt von Butter nicht zu unterscheiden ist. Erst seit kurzer Zeit ist es gelungen, eine solche koschere Pflanzenbntter herzustellen. Sie wird als „P a l m 0 n a" von dem bekannten Erfinder des Palmin Dr. Schlinck in den Verkehr gebracht und erfreut sich trotz der kurzen Zeit ihres Bestehens eines geradezu reißenden Absatzes. Ein Beweis dafür, daß Palmona einem dringenden Bedürfnis, namentlich jüdischer Kreise, entgegen kommt. Wegen ihrer Bntterähnlichkeit muß Palmoua uach dem Buchstaben des Gesetzes als Margarine bezeichnet werden, sie ist jedoch ein reines Pflanzenfett nnd absolut nicht mit gewöhnlicher Margarine arrs tierischen Fetten zu verwechseln. Palmona wird unter streng ritueller Aufsicht seiner Ehrw. des Herrn Rabbiner Dr. Kohn in Ansbach hergestellt. Famttieimachrichteir. Geburten. Eine Tochter, Herrn Emil Carlebach (Carlebach), Frankfurt. Einen Sohn, Herrn Hugo Rothschild (Mayer), Frankfurt. Einen Sohn, Herrn Albert Baer Mark), Karlsruhe. Eine Tochter, Herrn Arthur Joseph (Grünebaum), Metz. Verlobte. Cäcilie Mayer, Würzburg — Eduard Heilbronner, Sttrttgart. Selma Gerber — Max Kaiser, Berlin. Johanna Herzberg — Leo Weyersohn, Berlin. Susanna Lehmann — Rechtsanwalt Dr. R. Kann, Berlin.

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